Zerschlagung der Kurpfalz

Dieses Thema im Forum "Französische Revolution & Napoleonische Epoche" wurde erstellt von Alex74, 27. Juni 2011.

  1. Lili

    Lili Neues Mitglied

    Ich würde hier gedanklich eher zweigleisig fahren. Auf der einen Seite bewegten sich die Wittelsbacher in Summe (der eine mehr der andere weniger) bereits seit dem 17. Jahrhundert in einem außenpolitischen Spannungsfeld zwischen Frankreich und Österreich. Auf der anderen Seite gibt es die (vermutlichen) persönlichen Beweggründe Karl Theodors, die sich wiederum außen- und innenpolitisch manifestieren, seien es nun die erträumten Tauschgeschäfte mit Österreich, aber auch die wirtschaftliche Stagnationsphase Bayerns während der Regierung Karl Theodors und seine Unbeliebtheit in Bayern und ganz besonders in München die im krassen Gegensatz zu seiner Beliebtheit in der Pfalz stand. Gerade diese Verquickung von politisch erforderlichen und persönlichen Präferenzen lässt eben so manches Tun oder nicht Tun von Karl Theodor auch etwas seltsam anmuten. So war ihm zumindest zeitweise die österreichische Bedrohung doch egal, immerhin verlegte er zwischendurch seinen Regierungssitz wieder nach Mannheim.


    Ich bin mir nicht so sicher, dass Karl Theodor den ersten Tausch auch wirklich so wollte, der ging mE eher von Österreich im Zusammenhang mit dem Anerkennen der Nachfolge aus. Allerdings hat er doch sehr nachgiebig die Wiener Konvention unterzeichnet. Vielleicht war es auch ein Stück weit diese Erfahrung, die ihn zu seinem zweiten Tauschversuch bewegte - naja und vielleicht die Aussicht auf einen Königstitel.

    Ich würde hier sogar noch weiter zurückgehen, was die Festschreibung des Regierungssitzes in den Wittelsbacher Hausverträgen betrifft. Es ist ja nicht nur die Besetzung Bayerns im Zuge des österreichschen Erfolgekrieges, wenige Jahrzehnte davor wurde Bayern während des spanischen Erbfolgekrieges besetzt. Die bayerische Volkserhebung während der österreichischen Besatzung und dabei insbesondere die Sendlinger Mordweihnacht zählen doch bis heute zur historischen Kollektiverinnerung jedes Altbayern (naja und der Verlust des Innviertels natürlich :D), wir hätten also direkt zwei einschneidende Erlebnisse mit Österreich in gut 60 Jahren und in beiden Fällen lebte der jeweilige Regent gezwungendermaßen im Exil und die Bevölkerung war der österreichischen Willkür (eine besonders blutige im übrigen während der Besatzung im Zuge des Spanischen Erbfolgekrieges) schutzlos ausgeliefert.

    Ein Verweser ist sozusagen eine Vertreterposition und kann damit gar keine Erbfolge begründen. Außer natürlich der Verweser bekommt den zu vergebenden Thron selbst übertragen.

    Ich persönlich finde die Argumentation mit der Veweserfunktion ja windiger.

    Wie wir schon mal in einem anderen Thread diskutiert haben (ich weiß leider nur noch, dass wir beide es waren, dummerweise nicht mehr in welchem Thread es war :red:), prallten gerade im 17. und 18. Jahrhundert die Interessen Bayerns und Österreichs aufeinander. Bayern war auf Wachstum ausgerichtet und Österreich fürchtete eine weitere konkurrierende Großmacht im Reich neben Preußen. Klar waren die Erbschaftsansprüche konstruiert, irgendwie musste man auf österreichischer Seite aber ein weiteres Erstarken Bayerns verhindern, wie es eben durch die Kinderlosigkeit von Max III. Joseph und Karl Theodor sowie durch die wittelsbacher Hausverträge aber mittelfristig passieren würde.
     
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  2. Lukrezia Borgia

    Lukrezia Borgia Moderatorin

    Wunderbar! :hoch:

    Ja, das ist alles richtig. Es unterstützt nur die Tatsache, dass es für Karl Theodor ein Opfer darstellte, seine Hofhaltung nach München zu verlegen. Wir unterscheiden uns nur in einem Punkt: Du machst das rein an der Aussicht fest, sich die bayerische Masse einzuverleiben (und diesen Aspekt unterstütze ich auch). Ich meine jedoch noch zwei weitere Aspekte hier als Motiv miteinbeziehen zu müssen: Bayern war das vornehmere Fürstentum und es war geschlossene Front gegen Österreich erforderlich.

    Die Tatsache, dass Karl Theodor bereits ein Jahr nach Antritt des Erbes Bayern wegtauschen wollte, für den Vertrag von 1766 bereits als Hauptmotivation zu sehen, damit tue ich mich schwer. Irgendwie hat das so etwas von Johannes Frieds "Karl der Große dachte..."

    Das war eher so gemeint, dass er vielleicht gar nichts mehr zu tauschen gehabt hätte, hätte man sich nicht dyastiepolitisch-vertraglich noch einmal eng an das Haus Bayern geklammert.
    Den von Dir genannten Aspekt mit dem Königstitel unterstreiche ich noch einmal.

    Dankeschön. Und in meinen Augen kippt das weiter Wasser auf die Mühlen der Hauspolitik. :D :friends:
     
  3. Lili

    Lili Neues Mitglied

    Nö, da gehen wir schon d'accord, das meine ich mit dem Spannungsfeld in dem sich die Wittelsbacher in Summe bewegen. Karl Theodors persönliches Spannungsfeld wären dann seine eigenen Interessen, die in einigen wesentlichen Punkten konträr zu den Interessen der Wittelsbacher in Summe stehen, er unterwirft sich also äußerem Druck.

    Das habe ich so auch nicht gesagt. Der erste Tausch ging ja - wie bereits gesagt - nicht ursächlich von Karl Theodor aus. Er war nur eben sehr schnell zum Tausch bereit weil ihm schlicht Bayern als Land egal war.* Die Wittelsbacher Hausmacht wäre durch einen Tausch von Niederbayern und der Oberpfalz gegen Vorderösterreich nicht sooo wesentlich geschwächt worden. Der Tausch hätte noch den Vorteil gehabt, dass die wittelsbacher Länder auf der Landkarte näher zusammenrücken. Das impliziert ja nicht automatisch eine Hauptmotivation im Zusammenhang mit der Erbverbrüderungs-Erneuerung, ein gewisses Desinteresse an den Stammlanden und ein entsprechend nicht pro-bayerisches Auftreten allerdings durchaus.

    *wie egal ihm die bayerischen Stammlande waren merkt man nicht nur an seiner Tauscherei sondern gerade auch an der wirtschaftlichen und poltischen Stagnagtion während seiner Regierungszeit.
     
  4. zaphodB.

    zaphodB. Premiummitglied

    Tja,daß muß natürlich die Sicht einer Münchnerin sein :devil:

    Ne aber im ernst-Grund für den Wegzug Karl Theodors vom strahlenden ,neu gegründeten Mannheimer Hof in die finstere bayrische Provinz war ein zwischen beiden wittelsbacher Lininien festgelegter Haus- und Erbvertrag,, der München beim Aussterben einer der beiden Linien als Hauptstadt festlegte.Das wollte Karl Theodor wohl mit seinem Tauschversuch umgehen, hat leider nicht geklappt:weinen:

    Die Auflösung der Kurpfalz hat aber andere Gründe.

    Wie gesagt hatte bereits Napoleon Baden und in geringerem Maße Hessen mit dem rechtsrheinischen kurpfälzer Gebiet bedacht, um beide in den Rheinbund zu locken.
    Beim Wiener Kongress behielten beide diese Gebiete als Ausgleich für linksrheinische (relativ geringe ) Gebietsverluste.
    Die von Frankreich zunächst einverleibten linksrheinischen pfälzer Gebiete kamen zum kleineren Teil zusammen mit Mainz als Rheinhessen zu Hessen und zum größeren Teil als Pfalz zurück zu den Wittelsbachern.
    Dabei waren die keineswegs die Verlierer,denn die neue Pfalz umfasste neben altem Kurpfälzer Gebiet die ehemaligen Grafschaften Leiningen und Hanau-Lichtenberg, Teile des Herzogtums Zweibrücken und des Fürstbistums Speyer, mehrere reichsritterschaftliche und reichsunmittelbare Gebiete (z.b.Sickingen,die Haingereiten und die Stadt Speyer) sowie hessische ,habsburgische und badische Herrschaftsgebiete .
    Alles in allem entsprach dies mindestens dem rechtsrheinisch verlorenen Terrain
    und hatte noch den Vorteil eines geschlosseneren Gebietes .
    Echte Verluste für das Haus Wittelsbach gab es eigentlich nur im rheinisch-westfälischen Raum, die jedoch durch die mainfränkischen Neuerwerbungen ebenfalls mehr als ausgeglichen wurden.
     
  5. Lili

    Lili Neues Mitglied

    :confused: Dir ist bewusst das die wittelsbacher Stammlande im Regierungsbezirk Schwaben liegen und mit München nicht all zu viel zu tun haben?

    Naja, das hatten wir ja jetzt bereits ausführlichst einschließlich der außen- und innenpolitischen Zwänge, sowie den familiären Rahmenbedingungen und der persönlichen Anspruchshaltung.

    Verstehe ich jetzt nicht. bei Tauschversuch 1 wäre es bei der Hauptstadt München geblieben, bei Tauschversuch 2 wäre es Brüssel geworden. Im übrigen finde ich den Lokalkolorit in diesem Zusammenhang doch etwas schräg bis deplatziert in einer historischen Diskussion, das aber nur am Rande.

    Um es auf den Punkt zu bringen: Bayern hat durch die Zerschlagung der Kurpfalz gewonnen und wurde nicht geschwächt, wie eingangs zur Frage gestellt. Und natürlich standen dabei Machtinteressen Frankreichs aber auch des französischen Bündnispartners Bayern im Vordergrund. Ich würde nicht davon sprechen, dass ein Ballungsraum politisch neutralisiert wurde, politisch war in der Kurpfalz seit 1777 nichts mehr los. Mit der Zerschlagung der Kurpfalz erst mit dem Schaffen von Fakten im Reichsdeputationshauptschluss anzusetzen, ist damit eindeutig zu spät angesetzt. Der eigentliche Schlüssel liegt in den Erbverbrüderungs-Erneuerung von 1766 und den wahrscheinlichen Ursachen der darin getroffenen Festschreibungen, die wir aber hier bereits ausführlich aufgeführt haben.
     
  6. zaphodB.

    zaphodB. Premiummitglied

    Schwaben ?
    Da irrst Du,oh Lili .
    Zwar liegt die Burg Wittelsbach in Aichach /Bayrisch-Schwaben, aber Scheyern liegt in Oberbayern und das nicht nur des Reimes wegen . Und wie wir alle wissen, nannte sich der Seitenzweig der Ludolfinger,der als Grafen von Scheyern bekannt war erst um 1000 nach seinem Umzug auf die Burg Wittelsbach Wittelsbacher- stammen tun sie aber aus Scheyern ,ergo liegen dort auch die Stammlande, selbst wenn es anders kolportiert wird :D
    Aber sei´s drum. Diesbezüglich kann man ebenso unterschiedlicher Ansicht sein wie bei der Bewertung des Geschehens aus unterschiedlichen lokalen Perspektiven.

    Dass ein Ballungsraum politisch neutralisiert wurde,glaube ich auch nicht, es wurden vielmehr durch die Stärkung von Baden und Hessen einfach neue Regionalmächte geschaffen, die die alten (Pfalz,Mainz,Worms,Leinigen,Speyer).ersetzten.
    Wo ich widersprechen muß, ist die Annahme ,daß die Pfalz territorial zerschlagen wurde.Es erfolgte vielmehr, wie oben bereits dargestellt eine Konzentrierung und Arrondisierung des vormals zersplitterten Gebietes ohne nennenswerte Verluste auf linksrheinischem Territorium.und das Weiterbestehen als teilselbständiges Gebiet der pfalz-bayrischen Union .Diese rechtliche und administrative Sonderstellung zeigte sich z.B. in der durchgängigen Trennung von Verwaltung und Justiz ,der Weitergeltung des code civil,der Gewerbefreiheit,oder der Aufhebung der Grundherrschaft.
     
  7. Alex74

    Alex74 Aktives Mitglied

    Ich melde mich auch nochmal zu Wort; erstmal Danke für die sehr interessante Diskussion, zu der ich selber leider nichts beitragen kann, die mir aber einen groben Einblick in das Geschachere damals geben. :)

    Ich will auch mal kurz einen kleinen Einblick geben, wieso mich die Frage an sich interessiert;

    Ich bin hier in der Kurpfalz aufgewachsen, meone Eltern und Großeltern sind aber alles Vertriebene und Flüchtlinge, die sich per Zufall in ihrer neuen Heimat Mannheim trafen.
    Meine Großeltern verbaten ihren Kindern bei Strafe, den Dialekt hier anzunehmen (weil sie ihn als furchtbar empfanden); so wuchs ich dann vollkommen dialektfrei hier auf.

    In der Schule bekam man nun beigebracht, daß man hier in Baden lebe, plus der gesamten Badener Geschichte bis zur Schaffung von Ba-Wü. Wirkliche Pfälzer- oder Kurpfälzer Geschichte: Fehlanzeige.

    So hat es eine ganze Weile gebraucht, bis ich herausfand daß die Region hier eigentlich sehr wenig mit Baden zu tun hat; ein völlig anderer Dialekt, eine andere Eßkultur, etc.; und daß die Pfälzer, Badener und Hessen in diesem Eck hier eine gemeinsame Geschichte haben. Das Wissen dazu muß man sich mühsam erarbeiten, anders als vielleicht der Heimatunterricht in Bayern oder im Schwabenländle.

    Mich interessiert daher seit längerem die Frage, wie es dazu kam, daß Fürstentümer wie Baden, Württemberg, Bayern, das Saarland oder Hessen sich zu heutigen Bundesländern mit einigermaßen kultureller Abgrenzung zu den Nachbarländern entwickeln konnten, die Kurpfalz aber im heutigen Bewußtsein nur noch bei jenen präsent ist, die sich dafür interessieren.
    Auch in meinem Freundeskreis hat es lange gedauert (bis man etwa 27-28 war), ehe man sich nicht mehr als Badener, sondern bei Nachfrage offen als Kurpfälzer bezeichnet hat.

    Das geht ja so weit, daß man den Raum hier nur noch als "Rhein-Neckar-Dreieck" bezeichnet (obgleich der Interessensverband der Gemeinden unter dieser Bezeichnung weitgehend identisch ist mit der Ausdehnung der ehem.Kurpfalz).

    Zu mir zurück: ich habe dann vor einigen Jahren angefangen, mir den Dialekt quasi verspätet selbst anzueignen, während sich viele hier für das Kurpfälzische als "Arbeiterdialekt" eher schämen. Dabei gibt es hier auch ziemlich genau "gezogene" Grenzen dieses Dialekts: in Altlußheim (wo ich wohne) spricht man noch genauso wie in Mannheim; bereits ein Ort weiter südlich ist der Dialekt (in meinen Ohren) aber nicht mehr vom "Karlsruher Schwäbeln" zu unterscheiden ("Geschwind", "Gä" und "Brötle" würde hier kein Mensch sagen).
    (Übrigens sieht man an dem Beispiel, daß ich mit der "Kurpfalz" auch eher den kulturellen Raum der Rheinfranken meine, da Altlußheim niemals Teil der Kurpfalz war, vom Dialekt her aber eindeutig dem Raum zuzuordnen ist).

    Interessanterweise hat mich bei Rottweil neulich jemand gefragt "Ihr da in Mannheim habt ja sicher fast den gleichen Dialekt wie hier, da sollte man kaum einen Unterschied hören, oder?" - was ich erstmal heftig verneinen mußte. Eine Bekannte zog von dort vor einigen Jahren nach Frankenthal nud sie hatte extrem Probleme, die Leute hier zu verstehen und auch verstanden zu werden.

    Aber solche Fragen offenbaren, daß unsere Region auch außerhalb praktisch gar nicht mehr als eigene Region wahrgenommen wird.

    Zu verstehen, wie das und warum mit dieser Region so gekommen ist, ist also mein Hauptanliegen.

    Gruß Alex
     
    Zuletzt bearbeitet: 6. Juli 2011
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  8. Lukrezia Borgia

    Lukrezia Borgia Moderatorin

    Ich war ja heute morgen ganz aufgeregt, als ich das gelesen habe. Endlich scheint es gesicherte Fakten zur Herkunft der Wittelsbacher zu geben, ich bin ja ganz aus dem Häuschen. Ein Blick in seriöse Literatur bestätigte jedoch sofort, dass man nix Genaues weiß. ;)

    Dass die Verbundenheit zu diversen Gegenden/Klöstern/Burgen für das Früh- und Hochmittelalter ein Indiz ist, dass hier Besitzungen vorhanden waren, ist Fakt. Allerdings haben wir die Problematik, dass erstens immer ein lückenhaftes Bild entsteht, weil man Territorien meist nur durch Schenkungen bestimmen kann (also als Negativbild, wenn etwas von der Familie weggeht), zum anderen taucht ein Teil gar nicht auf. Wenn also etwa in den Freisinger Traditionen hier Schenkungen oder im Faktischen Hausklöster auftreten, ist es zwar wahrscheinlich, dass hier ein Besitzkomplex rund herum vorhanden war, sicher kann man jedoch nicht sein. Wir sind über die Gegend um die Burg Wittelsbach bei weiten nicht so gut unterrichtet, wie das in den Gegenden um München der Fall ist. Hier ist das Bistum Freising wirklich eine Goldgrube, was die Überlieferung betrifft. Insofern sollte man mit vermeintlich gesicherten Aussagen vorsichtig sein. Dass die Wittelsbacher aus den Grafen von Scheyern hervorgingen, ist richtig. Wo allerdings der Schwerpunkt ihrer Ländereien lag, da kann man höchstens von Wahrscheinlichkeiten sprechen, alles andere wäre unwissenschaftlich.

    Und was untermauert Deine These mit den Liudolfingern? Meinst Du die Luitpoldinger? In meiner (wie ich denke) seriösen Stammtafel von Kurt Reindel finden sich da nur gestrichelte Linien bei den Zweigen, die zu den Wittelsbachern gehen.


    Man kann. Es stellt sich nur die Frage, ob wir uns nicht langsam von diesen glühendem lokalpatriotischem Werten lösen sollten, und die Dinge unvoreingenommen betrachten.
     
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  9. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Wir hatten dort schonmal diskutiert: http://www.geschichtsforum.de/570507-post73.html

    1.
    Leider wiederholst Du nur wieder dasselbe, was ich schon an anderer Stelle widerlegt habe. Es lag m.E. nie im Sinn Carl Theodors Bayern gegen die für ihn zu mickrigen Abtretungen von Teilen von Vorderösterreich Bayern herauszugeben. Diese Pläne waren eher Wunschträume Joseph II., die sich maximal mit Pistole auf der Brust des Pfälzer Kurfürsten nach dem Motto "Friss oder Stirb!" hätten verwirklichen lassen. Von daher waren die Pläne generell wohl auch unrealistisch, weil ja eben in einem europäischen Bündnissystem integriert Pfalz-Bayern doch so schwach nicht war.

    2.
    Ich würde sagen, dass man sich vielleicht darauf einigen kann, dass die Wittelsbacher mit der Verlegung des Herrschaftszentrums aus der Pfalz heraus wuchsen, v.a. aber durch das Aussterben der bayerischen Linie mit Max III. Joseph. Von daher hast Du schon Recht, würde ich sagen.:)
     
  10. Lili

    Lili Neues Mitglied

    Wir sprechen hier doch von der Kurpfalz und die wurde sehr wohl territorial zerstückelt, wie du weiter oben bereits ausführst. Übrig blieb lediglich die Rheinpfalz, also die linksrheinischen Gebiete, die weiter zu Bayern gehörten. Hier von einer "pfalz-bayerischen Union" zu sprechen, passt also nicht wirklich, vielmehr bedienen Staatshistoriker hier das Bild eines Haupt- und eines Nebenstaates, was mE die innenpolitischen Zusammenhänge treffender beschreibt.

    Einen Einstieg zu den Hintergründen findest du in der hier besprochenen Studie: : In die Seele geschaut - Politik - Feuilleton - FAZ.NET
    Dass die regionale Identität der ehemaligen Kurpfälzer durch die Zersplitterung gelitten hat, ist vor einigen Jahren bereits den drei Bundesländern Ba-Wü, Hessen und Rheinland-Pfalz aufgefallen. Zur Stärkung der Region, auch in gesellschaftlicher und kultureller Hinsicht wurde auch ein entsprechender Staatsvertrag geschlossen, an dessen Umsetzungskosten sich die drei genannten Bundesländer beteiligen: Staatsvertrag zwischen den Ländern Baden-Württemberg, Hessen und Rheinland-Pfalz über die Zusammenarbeit bei der Raumordnung und Weiterentwicklung im Rhein-Neckar-Gebiet

    Es scheint mir auch eine Info zu sein, die dem Wittelsbacher Haus schon seit Jahrhunderten fehlt! Scheyern ist nicht die Stammburg, sondern die Stammlande :still: Der Vollständigkeit halber: die Pfalzgrafen von Scheyern wurden nicht einfach mal so zu den Wittelsbachern, vielmehr spaltete sich die Linie der Pfalzgrafen von Scheyern auf: in die Linie (Scheyern-)Wittelsbach, (Scheyern-)Dachau - unter den Staufern dann Dachau-Meranien - und (Scheyern-)Valley.

    Na, ich doch auch bereits mehrfach! Meine Antwort bezog sich auf das lokalpatriotisch-polemische "leider" von zaphod was den hausvertraglich fixierten Regierungssitz München betrifft.
     
  11. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Als Ahnherr der Wittelsbacher gilt ein "Otto comes de Skyrun" (also Scheyern), der erstmals 1039/47 und 1073 als Hauptvogt der Kirche von Freising nachgewiesen ist. Mit ihm beginnt also die Hauptstammreihe der Grafen, die sich 1116 nach der Burg Wittelsbach bei Aichach nannten. Es ist also nicht verkehrt, die Burg Scheyern - an deren Stelle immerhin ein als Grablege bestimmtes Benediktinerkloster entstand - als frühe Stammburg der Wittelsbacher zu bezeichnen.
     
  12. Lili

    Lili Neues Mitglied

    Es ist allerdings verkehrt, die Burg Scheyern als Stamm- und Kernlande zu bezeichnen, siehe auch Lukis ausführlicher Beitrag dazu.
     
  13. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Natürlich kann eine Burg kein "Stamm- oder Erbland" sein - das ist schon sprachlich eine Unmöglichkeit! :nono:
     
  14. Lili

    Lili Neues Mitglied

    Na dann verstehen wir uns ja :D
     
  15. zaphodB.

    zaphodB. Premiummitglied

    Stimmt,Luki,das war ein freudscher Verschreiber meinerseits, genau die gestrichelte Linie in der Tafel von Reindl hatte ich natürlich im Sinn.:D,

    Jein., da mißverstehst Du mich
    Die Kurpfalz bestand ja aus dem rechts- und dem linksrheinischen Teil, wobei nach dem Wiener Kongreß der rechtsrheinische Teil zwar abgetrennt , der linksrheinische Teil aber wesentlich um die angrenzenden Gebiete erweitert wurde, so daß flächen- und auch einwohnermäßig kein Verlust entstand. und auch das angestammte Herrscherhaus weiter regierte und Landesherr blieb.Üerdies blieb die eigenständige Rechts- und Veraltungsstruktur erhalten
    Es fand also m.E. zwar eine territoriale Verlagerung ,aber keine Auflösung statt.
    Und gerade wegen der eigenständigen Strukturen spreche ich auch eher von pfalz-bayrischer Union unter wittelsbacher Regentschaft als von dem sich nur an Grüßenverhältnis und Hauptstadtfrage orientierenden Begriff des Haupt- und Nebenstaates- aber das ist sicherlich Definitionssache.

    .
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 7. Juli 2011
  16. Alex74

    Alex74 Aktives Mitglied

    @Lili: Danke für die Links! :hoch:
     
  17. zaphodB.

    zaphodB. Premiummitglied

    Und ,um da nochmal nachzukarten- eine Tatsache , die ihr geflissentlich ignoriert , ist doch die Sonderstellung der Pfalz im pfälzisch-bayrischen Staatsverband mit eigenen Rechts- und Verwaltungsstrukturen,was z.B.Franken nicht hatte und das unter der Gesamtregierung der pfälzischen Wittelsbacher .
     
  18. Lukrezia Borgia

    Lukrezia Borgia Moderatorin

    Wo ignorieren wir denn das? Und welche Zeit betreffend?
     
  19. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Nach meinem Empfinden wurde die Pfalz durch die Ereignisse des Reichsdeputationshaptschlusses und die Maßnahmen unter Napoleon nicht zerschlagen, sondern lediglich im Umfang etwas reduziert. Zwar entfiel der rechtsrheinische Teil mit Heidelberg - immerhin ein Ort zentraler historischer Bedeutung -, doch blieb der gesamte linksrheinische Teil der Pfalz nicht nur erhalten, sondern konnte sogar Territorien hinzugewinnen: so die Gebiete der Grafen zu Leiningen, der Fürsten zu Salm, der Grafschaft Hanau-Lichtenberg um Pirmasens, der linksrheinischen Teile des Hochstifts Speyer und diverser anderer säkularisierter oder mediatisierter Herren.

    Als die Pfälzer 1814 unter bayerisch-österreichische Administration kamen und 1816 endgültig bayerisch wurden, war es ein Gebot der Staatsklugheit, dass man nicht versuchte, von den französischen Errungenschaften einer modernen Verwaltung unter dem exzellenten Präfekten Jeanbon Saint-André Abstriche zu machen und die Entwicklung zurückzudrehen. So wurde für den bayerischen Rheinkreis (1837 erhielt er wieder den historischen Namen Pfalz) die bayerische Verfassung mit dem Zusatz verkündet, es sei der ausdrückliche Wille des Königs, "dass die Vollziehung der Verfassung hier mit den Modifikationen geschehen solle, welche die bestehenden besonderen Institutionen erforderten".

    Diesem Grundsatz entsprechend wurde in der Pfalz die in der Franzosenzeit durchgeführte Trennung von Justiz und Verwaltung beibehalten. Es blieben demnach bestehen als Gerichtsbezirke 31 Kantone, darüber standen vier Bezirksgerichte und ein Appellationsgericht. Für die Verwaltung wurden 12 Landkommissariate eingerichtet. Das Land wurde von Speyer (!) aus verwaltet.

    Bedenkt man das alles, so hat sich in der Pfalz ein durchaus eigenständiges Justiz- und Verwaltungsmodell etabliert und es wird eine nicht geringe Unabhängigkeit vom Stammland Bayern sichtbar. Dass alte Strukturen wie die des untergegangenen Kurfürstentums nicht überlebensfähig waren, ist der Zeit geschuldet und betraf auch alle anderen Länder des Deutschen Bundes.
     
  20. Alex74

    Alex74 Aktives Mitglied

    Hm, das ist Ansichtssache ob man es nun Zerschlagung nennen kann;

    Wenn z.B. Bayern die Region um München verlieren würde und dafür Ländereien im Erzgebirge dazubekäme würde es das auch nicht aufwiegen. Der rechtsrheinische Teil war ja der wirtschaftliche Mittelpunkt und Verwaltungszentrum. König Ludwig sah sich nicht umsonst genötigt auf linksrheinischer Seite eine Stadt (Ludwigshafen) hochzuziehen, es gab hier außer Kaiserslautern ja keine größeren Städte (höchstens Worms, was ja aber Hessen zugeschlagen wurde).
     

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