Zinnquellen in der Frühbronzezeit

Dieses Thema im Forum "Frühzeit des Menschen" wurde erstellt von Brahmenauer, 30. August 2010.

  1. Turandokht

    Turandokht Aktives Mitglied

    Doch, gibt es. In dem oben von silesia verlinkten Artikel zum Bergbau in Zentralasien ist auf Seite 4 von regelrechtem "Bronze-Erz" die Rede, das tatsächlich sowohl Zinn, als auch Kupfer enthält.
     
  2. Wilfried

    Wilfried Aktives Mitglied

    Danke, war mir neu
     
  3. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Als früheste Herkunftsbereiche von Zinn werden u.a. Hinterindien, Iran, Bretagne, Cornwall, Spanien, Sardinien und das Erzgebirge diskutiert. Da die Herstellung von Zinnbronze in einer Region erfunden sein dürfte, in der Kupfer- und Zinnerzvorkommen nahe beieinanderlagen, sodass im Schmelztigel eine Zufallslegierung entstehen konnte, wird heute meist für die Alte Welt eine Entstehung der Zinnbronze in Europa vermutet. In Amerika ist Zinnbronze in Südperu und Bolivien seit 800 n. Chr. nachweisbar.

    In einer metallverarbeitenden Wirtschaft, die Rohmaterial verarbeitet und Fertigprodukte liefert, entwickelt sich zwangsläufig ein Handel. Dieses Netz von Routen, die über Land, über See und über Flüsse führten, gab dem Bronzehandwerk vielfach einen gewissen "internationalen" Charakter, und wir finden die Techniken und Stile von einem Ende Europas bis zum anderen gestreut.

    In Westfrankreich und Südengland ermöglichten neue Handelsbeziehungen mit den jetzt nach neuen Metallquellen suchenden Völkern Mitteleuropas die neue Entwicklung erfindungsreicher Gemeinschaften in Wessex (Wessex-Kultur ? Wikipedia) und der Bretagne, die ihren Reichtum an Kupfer, Zinn und Gold aus den bretonischen, cornischen, irischen und walisischen Bergen bezogen.

    Skandinavien, das keine eigenen Metallvorkommen hatte, war im frühen 2. Jahrtausend ein unterentwickeltes Gebiet, das seine Bronzegegenstände hauptsächlich aus England, aber auch aus Mittel- und sogar Osteuropa importierte, zweifellos zum Teil gegen Felle und Häute, ja sogar offensichtlich auch gegen Bernstein.

    Ganz ohne Zinnerze war auch Mitteleuropa nicht, doch muss man von einer baldigen Erschöpfung der Minen ausgehen, sodass auch hier das zur Bronzeherstellung benötigte Zinn aus den oben genannten Regionen importiert werden musste. Das archäologische Fundmaterial deutet vor allem auf Zinnlager im Erzgebirge hin.
     
    Zuletzt bearbeitet: 1. September 2010
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  4. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Okay, aber das gibt es offenbar nur in Zentralasien. Kupfer enthält, regional unterschiedlich, vielfach Arsen. Das entspechende unlegierte Schmelzprodukt ist dann die sogenannte Arsenbronze, die ebenfalls viel härter als reines Kupfer ist. Dummerweise ist Arsen hochgiftig.

    Aus: PM - Druckansicht
     
  5. Brahmenauer

    Brahmenauer Mitglied

  6. Ogrim

    Ogrim Aktives Mitglied

    Nochmal: Ich kenne keine ausgiebig genutzte Zinnquelle in Mitteleuropa, die die benötigten Mengen an Material hätte liefern können. Das kann natürlich auch am Forschungsstand liegen, aber das glaube ich in Deutschland eigentlich nicht.
    Zumindest für die große Masse der Bronzegegenstände schliesse ich alleine Mitteldeutschland als Herkunftsgebiet aus, dafür erscheint mir das bestehende Material und natürlich auch die anzunehmenden, massiven Verluste durch das Wiedereinschmelzen für zu umfangreich.
    Arsenbronzen wurden übrigens überwiegend im Kaukasus verwendet, auch die Abbaugebiete nimmt man dort beziehungsweise auf Teilen der gewesenen Sowjetunion an. Auch von hier kann Handel erfolgt sein.
     
  7. Ogrim

    Ogrim Aktives Mitglied

    Sichelgeld

    Wirklich interessant finde ich, dass in der Bronzezeit Sicheln als "Geld" verhandelt worden sein sollen. Damit sind sie Prä-monetäre Zahlungsmittel. Die Wirtschaft basierte also nicht auf einem reinen Tauschsystem, sondern man hatte sich auf einen gleichbleibenden Wirtschaftsfaktor, eben eine Sichelklinge, geeinigt. Damit hat man etwas ähnliches wie die Kauri-Muscheln in Polynesien, wobei eine Sichel handwerklich hergestellt wird. Und für dieses Umlaufgeld brauchte man eben dann das Zinn als Rohstoff. Es handelt sich also um eine frühe Mehrwert-Erzeugung. Spannend, oder?
     
  8. DerGeist

    DerGeist Neues Mitglied

    Ich denke das nicht nur die Sicheln als Wertmaßstab gedient haben sondern vor allem die Barren(formen).
    Denn alle Barrenformen sind sowohl nach Gewicht als auch nach den Maßen (Länge, Durchmesser) normiert gewesen.
    Diese Postulat ist auf jeden Fall statistisch valide.
     
  9. klausi

    klausi Neues Mitglied

    Hinweis zu Fundorten der Zinn-Gewinnung:

    Der Bergbauingenieur und Historiker Prof. Dr. W.Maser weist in seinem Fachbuch darauf hin, daß die damalige Zinn-Gewinnung mittels Seifen den heutigen Nachweis prähistorischer Zinnvorkommen erschwert.

    So sollen in prähistorischer Zeit kleinere Zinn-Funde - neben den bekannten Tagebau-Gebieten Cornwall, Bretagne - u.a. auch im Erzgebirge nachgewiesen worden sein.


    Quelle: W.Maser/"Am Anfang war der Stein"
     
    Zuletzt bearbeitet: 17. November 2010
  10. zaphodB.

    zaphodB. Premiummitglied

    Mit dem "Sichelgeld" hätte man außerdem ein universelles Zahlungsmittel geschaffen, was sich sowohl in Gesellschaften mit "monetärer" Wirtschaftsbasis als auch durch die praktische Nutzbarkeit in Gesellschaften mit Tauschhandelsbasis verwenden ließ.
    Im bronzezeitlichen Europa, wo wohl beide Wirtschaftsformen existierten also ein ökonomischer Geniestreich
     
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  11. Treibsand

    Treibsand Neues Mitglied

    Das trifft es nicht - Kassiterit ( Zinnstein) ist als Mineral an vielen Stellen des Erzgebirges gefunden worden.
    Man konnte daher als Kelte zB. Zinnminerale etwa aus den Schwemmablagerungen der Flüsse gewinnen, wenn auch nicht in
    grossen Mengen.
    Es gibt nur bisher keine Nachweise zum prähistorischen Bergbau auf Zinn/
    Zinnminerale .

    Diese Spuren sind mglw. durch den mittelalterlichen Zinnbergbau dann
    vernichtet worden.
    Zinnabbau ist für 1293 zB für Ehrenfriedersdorf beurkundet,
    später auch für andere Standorte.
     
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  12. Wilfried

    Wilfried Aktives Mitglied

    Mom, wo steht denn geschrieben, das Kupfer und Zinn aus einer Region sein müssen?
    Und warum sollte ein Bronzegerät aus Mitteldeutschland nicht da gegossen worden sein?

    Richtig schwierig wird die Herkunftsanalyse, wenn z.B. Harzer Kupfer mit Zinn aus Cornwall zusammen mit steirischem? Kupfer mit Zinn aus ???? zusammen verschmolzen und vergossen wird. Und wenn dann dem Giesser die "Suppe" nicht passt und er Zinn aus eigener Produktion dabei tut, wirds fast unmöglich, die Herkunft der Metalle zu bestimmen.
     
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  13. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Mitteleuropa war nicht gänzlich ohne Zinnvorkommen, allerdings war die Ergiebigkeit begrenzt. Daher muss man davon ausgehen, dass Zinn bereits ziemlich früh aus Cornwall, der Bretagne und Spanien importiert werden musste, wo sich reichere Vorkommen fanden - besonders natürlich die in der Antike berühmten "Zinninseln", d.h. Cornwll. In Mitteleuropa deutet das archäologische Fundmaterial vor allem auf Zinnlager im Erzgebirge hin.
     
  14. DerGeist

    DerGeist Neues Mitglied

  15. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Es gibt nahe der Grenze einen Ort Zinnwald, dort wo eine große Pinge eingestürzt ist.
     
  16. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Eine zwar kurze aber interessante Info. Was wären wir ohne solche sprachlichen Kontinuitäten! :winke:
     
  17. mutta

    mutta Neues Mitglied

    Informative Diskussion!
    Kleinigkeit hier: Die frühen Bündner Bronzen (Patnal, Savognin/GR, Schweiz) enthalten nur 2-3% Zinn. Man ist geneigt zu denken, es seien lokale, zinnhaltige Mineralien ausgebeutet worden, um das in grösseren Mengen vorhandene Kupfer zu legieren. Kupferabbau bestand bis in die Neuzeit (Surselva Region zB).
     
  18. Brahmenauer

    Brahmenauer Mitglied

    Cornwall, die Bretagne, das Fichtelgebirge, das Erzgebirge und das Böhmische Mittelgebirge sind Rudimente der variszischen Gebirgsbildung. Der abgetragene Verwitterungsschutt und die darin enthaltenen Erze und Mineralien wurden durch ursprüngliche Fluß-Systeme jeweils weit in die Ebenen transportiert. Dieser Prozeß dauerte recht lange. Das Erzgebirge, welches ein ehemaliges Massiv dieser variszischen Gebirgsbildung darstellt, wurde im Tertiär einseitig angehoben, dass es als Pultschulle nach Norden abfällt. Heutige Fluß-Systeme durchschneiden die Verwitterungsschuttmassen in Mitteldeutschland noch Norden und transportieren diese Minralien. In allen Flüssen zwischen Saale und Schwarzer Elster in der Lausitz kann Zinn gefunden werden, nicht nur im Mittelgebirgsbereich, sondern weit bis ins nördliche Vorland. Auch findet man in heute hoch liegenden alten Schotterterassen häufig Zinn. Im Mittelelbe-Saale-Gebiet kann man häufig benachbart Kupferlagerstätten im Zechstein/Kupferschiefer und Zinnstein in Flüssen finden. Zur Verbesserung des Verhüttungsprozesses von Kupfer hat man Quarzsand eingesetzt, auch wurche ein "Schönen" des Kupfers beobachtet, wenn diese Quarzsande Zinn enthielten, das Kupfer wurde goldähnlicher. Parallel dazu sank auch die Schmelztemperatur durch die entstehende Legierung, was ebenfalls positiv erkannt wurde. Damit dürften die ersten zinnhaltigen Kupferlegierungen der Glockenbecher- und Schnurkeramik-kultur entstanden sein. Nachdem man diese Prozesse besser verstanden hatte, dürfte die Suche nach höher zinnhaltigen Sanden in den Flüssen begonnen haben. Im Vorfeld des westlichen Erzgebirges im Raum Glauchau in der Zwickauer Mulde und bei Chemnitz dürfte man fündig geworden sein.
    Die Archäologen haben dafür aber keine Beweise, weil Duckelbergbau auf Kupfer erst für das Mittelalter nachgewiesen ist und Fluß-Seifen kaum Spuren hinterlassen haben, insbesondere weil alle Zeiten alte Halden immer wieder neu durchgewaschen haben.
    Übrigens hat sich Prof. Pernicka mit seiner Theorie, daß das Zinn der Himmelsscheibe aus Cornwall stammen soll, bei Fachkollegen Kritik eingebracht, da die Zinnlagerstätten der Bretagne gar nicht in die Untersuchung einbezogen worden sind.
    Daß es auch Befürworten von heimatlichen Zinnquellen gibt, kann man bei http:// www.mars.geographie.uni-halle.de/for550/index.php/nw1/laufende-arbeiten/33-metall... erkennen, wenn man zwischen den Zeilen liest.
     
    Zuletzt bearbeitet: 7. Juni 2011
  19. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Da ich mir nicht selber den http://www.geschichtsforum.de/f22/handel-der-fr-hzeit-austausch-oder-fernreisende-38578/ durch Beispiele aus der Bronzezeit verwässern will und diesem Thema ein Blick über den europazentrierten Tellerrand nicht schaden kann, möchte ich nochmal auf silesias guten Link hinweisen, der bisher leider wenig Beachtung fand.
    Ich bin auf der Suche nach Beispielen von frühem Handel darauf gestossen.
    Der Betrieb dieser Minen in Muschiston wird der Andronowo-Kultur ? Wikipedia zugeschrieben. Eine sog. Hirtennomadengruppe, die begrenzt Ackerbau betrieb und Keramik herstellte. Das Zinn wurde bis Mesopotamien gehandelt über den Umschlagsort Susa. bild der wissenschaft online - Heftarchiv
    Worauf ich durch dieses spätere Beispiel eigentlich hinaus will, gehört nun aber wieder in den Handels- und Austauschthread.
     
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  20. Brahmenauer

    Brahmenauer Mitglied

    Hallo rena8

    der Link "Zinnrausch in Zentralasien" macht eigentlich deutlich, wie die Archäologen denken. Eine "Geschäftsreise" nach Zentralasien ist natürlich interessanter als in das Mittelelbe-Saalegebiet. Der von mir aufgeworfene Punkt von 65% zinnhaltigen Kupferlegierungen bei der Glockenbecherkultur in diesem Gebiet hat anscheinend niemand erregt, weil per Definition das Erzgebirge kein Zinnlieferant sein darf (siehe im erwähnten Artikel Zinnrausch).
    Auch die "Brücke" über die Zinn-führenden Flüsse nördlich des Erzgebirges wollte niemand betreten.
    Übrigens gibt es auch Zinn im Böhmischen Mittelgebirge und im Fichtelgebirge. Meine Überzeugung ist es, daß das Zinn aus Mitteleuropa in den Mittelmeerraum geliefert wurde über Fernhandel. Erst als diese Handelswege versiegten bzw. den Bedarf nicht mehr decken konnten, wurde via Seefahrt das Problem gelöst - Voraussetzung war natürlich die Existenz hochseetüchtiger Schiffe.
     

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