Zustand der (Land-)Wirtschaft im späten 4. Jahrhundert

Dieses Thema im Forum "Das Römische Reich" wurde erstellt von Werder, 29. November 2012.

  1. Werder

    Werder Neues Mitglied

    Ich habe vor kurzem Peter Heathers „Untergang des römischen Weltreichs“ gelesen. Mich überraschte die sehr positive Beschreibung der Wirtschaft bzw. der Landwirtschaft (die ja einen großen Teil der Wirtschaft ausmachte) in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts.

    Lt. Heather blühte die Landwirtschaft in fast allen Teilen des Reiches mit Ausnahme des nördlichen Galliens, das noch unter den Folgen der kriegerischen Auseinandersetzungen des 3. Jahrhunderts litt und, mit Abstrichen, Italiens, das im Gegensatz zu früher wie andere Reichsteile auch besteuert wurde.

    So beschreibt er, dass auch die höheren Steuern im 4. Jahrhundert die Blüte der Landwirtschaft nicht aufhalten konnten. Seiner Analyse nach würden höhere Steuern sogar teilweise zu höheren Erträgen führen, nämlich dann wenn ein Pachtbauer, der Subsistenzwirtschaft betreibt, allerdings trotz evtl. Möglichkeiten keinen Überschuss erwirtschaftet, weil es sich wegen hoher Lager- und Transportkosten nicht lohnt, nun diese Möglichkeiten ausschöpft, um die höheren Steuern zu erbringen.

    Als Beleg für die Blüte der Landwirtschaft führt er archäologische Forschungsergebnisse an.
    Bisher war ich eigentlich immer eher von einer niedergehenden Landwirtschaft zu diesem Zeitpunkt ausgegangen (Stichworte z.B. erdrückende Steuerlast und agri deserti, wobei Heather dazu beschreibt, dass die zu den agri deserti gezählten Flächen evtl. auch in den Jahrhunderten vorher evtl. gar nicht bewirtschaftet wurden). Der Niedergang der (Land-)Wirtschaft wird ja häufig als einer der Gründe für den Untergang des (West) Reiches gezählt. Dieses verneint Heather in seinem Buch vehement.

    Wie seht Ihr das? Ist das der aktuell allgemein anerkannte Stand der Wissenschaft? Oder ist das im Prinzip eine Einzelmeinung von Heather?

    Würde mich freuen, hier wieder ein paar Meinungen der Experten zu finden. J
     
  2. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    auf den ersten Blick erstaunlich, aber nachdem die Krise des 3. Jhs. überwunden war, liegt eine Konsolidierung eigentlich nahe. recht ähnlich wird die Wirtschaftslage des 4. Jh. auch im Wiki-Artikel zur Spätantike als prosperierend bezeichnet: Spätantike ? Wikipedia
    evtl. kommt auch hinzu, dass durch den Verzicht auf kriselnde Gebiete (das röm. Imperium war seit Antonius etwas geschrumpft) die Staatskasse etwas Erleichterung verspürte.
    agri deserti und Bagaudenaufstände betreffen mehr das späte 5. Jh.
     
  3. Agricola

    Agricola Aktives Mitglied

    Ich kann Heather da auch nicht folgen. Wenn die Wirtschaft so florierte und reichlich Steuern flossen, warum trat man dann in Adrianopel nur mit einem so vergleichsweise kleinen Heer an? Heather schätzt die Streitkräfte des Valens auf 15.000 Mann, andere gehen von 30.000 aus.

    Wie auch immer, wo waren die anderen 570.000 Mann dieser blühenden Landschaften, die angeblich 600.000 Mann unter Waffen hatten. Machen wir mal eine einfache - zugegeben sehr pauschale - Rechnung auf: das wären 300.000 Mann für die Ostarmee. Davon die Hälfte Limitanei, bleiben 150.000. Verteilt auf 4 Armeekorps in Ägypten, Syrien, Kontantinopel und Illyrien. Mit dem zentralen und illyrischen Kontingent soll Valens angetreten sein. Das hätten also etwa 75.000 Mann sein müssen. Selbst wenn wir anderen Historiker glauben, die bei skeptischerer Berechnung der Truppenstärken der Notitia Dignitatum nur auf 400.000 Mann kommen, dann hätte er mit 50.000 Mann antreten müssen; verfügbare Pseudo-Comitatenses vor Ort noch nicht mitgezählt.

    Warum hatte Valens nur 15.000 Mann? Das wären nicht einmal läppische zwei augusteische Legionen mit Hilfstruppen. Doppelt so viele sind wohl im Teutoburger Wald untergegegangen und es hat das Reich nicht wirklich erschüttert. Hatte er etwa kein Geld, weil er keine Steuern einnahm, weil die Wirtschaft eben nicht blühte?

    Heathers Rechnung passt überhaupt nicht zu blühenden Landschaften und florierenden Einnahmen. Und egal wieviel Mann da unterwegs waren, warum hat man diese Truppen nicht ersetzt und die Goten endgültig ausgerottet und/oder versklavt, wie üblich? Hatte man vielleicht kein Geld?

    Obwohl man einräumen muss, daß das römische Reich seit Caligula öfter pleite war als solvent und zu allen Zeiten eine katastrophale Niederlage mit großen Verlusten nicht so einfach zu ersetzen war. Allerdings traten die Kaiser bis ins 3te Jahrhundert auch mit deutlich mehr Mann an, die man verlieren konnte. 15.000 Mann hätte sich zur Not jeder Imperator aus dem Ärmel geschüttelt. Etwa Mark Aurel - ebenfalls pleite - als er für die Aufstellung der neuen Legionen Italica, II, III, ... das Tafelsilber verkaufte. Diese Mini-Armeen machen mich sehr stutzig, wenn ich gleichzeitig an blühende Landschaften glauben soll.

    Andere Historiker glauben sehr wohl an einen Rückgang der Wirtschaft ab dem Ende des 2ten Jahrhunderts, wahrscheinlich beginnend mit der antoninischen Pest im Verbund mit einer belegbaren Klimaveränderung zu dieser Zeit und den beginnenden Barbareneinfällen. Das sind einfach zu viele Hits für ein ohnehin überlastetes Wirtschaftssystem. Danach kam es zwar zu Erholungen, aber das überforderte System stabilisierte sich auf deutlich niedrigerem Niveau. Als Belege werden der geringere Schiffsverkehr, der Rückgang der Holzproduktion oder der dramatisch Rückgang der Umweltverschmutzung angeführt, die laut Eisbohrkernen im 2ten Jhdt, das Niveau des späten 18ten gehabt haben soll und dann wieder sehr deutlich fiel. Habe ich etwa die vorbildlichen Umweltgesetze von Kaiser Commodus überlesen?

    Ich kann Vertretern der Schocktheorie wie Heather sehr wohl etwas abgewinnen. Die Schlacht von Adrianopel und noch mehr die bald folgende am Frigidus waren ein solcher Aderlass, dass sich das Reich nie mehr davon erholte. Der folgende gallopierende Niedergang ist dann sehr gut nachvollziehbar und kaum aufzuhalten. Aber die Geschichte mit dem Aderlass funktioniert nur, wenn sich das Reich zu diesem Zeitpunkt bereits in einem jämmerlichen Zustand befand und keine wirklichen Reserven mehr hatte.
     
    Zuletzt bearbeitet: 29. November 2012
  4. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Peter Heather ist gegenwärtig ein populärer Autor, doch ist er auch hinsichtlich einiger seiner Behauptungen durchaus umstritten und man muss ihm nicht überall folgen. Was die spätantike Landwirtschaft angeht, so schreibt z.B. ein nicht weniger prominenter Autor:

    Geary zeichnet im Gegensatz zu Heather (dessen Buch mir ebenfalls vorliegt) ein durchaus negatives Bild der spätantiken Landwirtschaft, wie das der überwiegende Teil der Historiker tut.
     
  5. Agricola

    Agricola Aktives Mitglied

    Ich frage mich ja, wo diese landflüchtigen Bauern hingingen. Es gibt Berichte von Gebieten in Africa, die illegal bestellt wurden bis Steuerbeamte auftauchten, dann zog man weiter, bis die wieder kamen, u.s.w.
    Das kann aber nicht überall die Lösung gewesen sein. Und in den Städten sah es auch nicht besser aus, denn dort setzte der Niedergang durch Überbesteuerung der Decurionen ebenfalls ein, die dann aufs Land füchteten. Also wohin flüchteten sie und wie überlebten sie überhaupt ohne Land? Und haben sich die beiden Gruppen unterwegs getroffen und ihr Leid geklagt ;)
    Irgenwie passt da auch was nicht.

    PS: 20% wären eine Katastrophe. Insbesondere, wenn eine vorindustrielle Volkswirtschaft ohnehin nur wenig besteuerbare Überschüsse abwirft.
     
    Zuletzt bearbeitet: 29. November 2012
  6. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Zunächst einmal: Es gab nicht hunderttausende von Bauern. Ihre Zahl war begrenzt. Was abwanderte ging in die Städte, verdingte sich zu niederen oder Sklavendiensten, kam bei der Armee unter oder in reichen Haushalten.

    Andere schlossen sich aufständischen Gruppen an und führten ein kriminelles Leben. Ich erinnere an die wiederholten Aufstände der Bagauden, heterogene Gruppen von Provinzbewohnern, die die Besteuerung zur Rebellion getrieben hatte. Die Bedrohung war ernsthaft und in vielen Fällen handelte es sich nicht nur einfach um unkoordinierte bäuerliche Gewaltausbrüche, sondern um regelrechte Seperatistenbewegungen, die die römischen Beamten und die Grundherren vertrieben und sowohl eine Armee als auch ein Justizsystem aufbauten. In Aquitanien wurden sogar die Westgoten zu ihrer Vernichtung ausgesandt. (vgl. Geary, S. 45 f.).
     
  7. Zoki55

    Zoki55 Aktives Mitglied

    Die Bevölkerung in der Spätantike ging ja zurück wenn ich mich recht erinnere, wenn ja dann ist das ein Faktor warum die Leute nicht verhungert sind.
     
  8. Agricola

    Agricola Aktives Mitglied

    Was ebenfalls von Heather bestritten bzw. verharmlost wird. Genaue Zahlen zur Reichsbevölkerung der Spätantike haben wir imho nicht. Zumindest im Osten scheint es eher weniger zu Rückgängen gekommen zu sein. Ein Argument, das oft auf die Frage kommt, warum der Osten nicht mit unterging. Aber dann ist Valens Armee noch viel weniger nachvollziehbar.
     
  9. Zoki55

    Zoki55 Aktives Mitglied

    Ein Argument für den Osten könnte sein das Ägypten und Anatolien seit jeher zu den reichsten Provinzen gehörten und das aus eigener Kraft und nicht wie in Italien durch staatliche Quersubventionen.

    Das hatte sich in der Spätantike nicht geändert.
     
  10. Agricola

    Agricola Aktives Mitglied

    Korrekt, als dann die Araber das reiche Syrien und Ägypten eroberten (Africa war da zwar den Vandalen wieder entrissen, aber eher nicht mehr auf byzantinischer Steuerrolle, afaik), reduzierte sich Ostrom auf eines von vielen mittelalterlichen "Königreichen". Jede Hoffnung auf eine Wiederherstellung des römischen Reiches war damit verloren und das römische Reich endgültig untergegangen.

    Das sind für mich aber alles nur Dominoeffekte, die ich sehr gut nachvollziehen kann. Ein ähnlicher Dominoeffekt wie beim Ausfall der reichen Provinzen Gallien, Spanien und letztendlich Africa. Hier argumentiert Heather vollkommen logisch. Auch daß man nach Adrinaopel und Frigidus nicht mehr gegenhalten konnte, ist einleuchtend. Aber warum man anfangs nicht gegenhalten konnte, angesichts blühender Landschaften bleibt unlogisch.
     
  11. Ashigaru

    Ashigaru Premiummitglied

    Ein schwieriges Thema... die archäologische Forschung hat da bisher m.E. auch Nachholbedarf gegenüber den althistorischen Beiträgen, die wiederum natürlich sehr die historiografische Perspektive abbilden.

    Ich denke, es gibt genügend Indikatoren, die zeigen, dass sich das Reich unter Diokletian und Konstantin noch mal in einer Blüte befand: Die Wirren des 3. Jahrhunderts überstand man ohne größere territoriale Verluste; vor allem war die Gefahr, dass sich Teilreiche abspalteten, fürs erste gebannt. Die "staatlich"-kaiserliche Bautätigkeit übertraf alles, was es vorher und nachher im römischen Reich gab. Die Armee erreichte Rekordgrößen, alle umstrittenen Militärgrenzen wurden neu ausgebaut.

    Nun ist es schwierig, das Römische Reich als ökonomische Einheit zu betrachten, und vor allem das spätere 4. Jahrhundert bietet sehr heterogene Befunde.

    In den "ruhigen" Gegenden vor allem im Südwesten des Reiches, in Spanien, Lusitanien oder Nordafrika, scheint sich die Ökonomie noch im 4. Jahrhundert nicht entscheidend zu verändert haben.

    In den germanisch-ostgallischen Provinzen, oder auch Rätien, Norikum, herrscht ein anderes Bild dagegen schon in diokletianischer-konstantinischer Zeit. Ein Symptom dafür z.B. die vielen, wohl in "Eigenregie" von der vom Rhein oder Donau zurückweichenden Höhensiedlungen, die eine deutlich ärmlichere Lebensweise der ländlichen Bevölkerung erkennen lassen. Oder auch das Verschwinden vieler Villae Rusticae (einige gab es aber auch noch zu Beginn des 4. Jahrhunderts).

    Überhaupt - so zumindest ein langjähriges Befundbild - scheint das zivile Leben außerhalb befestigter städtischer Siedlungen bzw. Höhensiedlungen bis um 500 völlig zu verschwinden. Diesen Befund vermag ich mir immer schwerer zu erklären, zumal es für die Masse der Bevölkerung keine Alternativen zum agrarischen Leben gab.

    Zum Teil - dies wurde für einige Plätze auch schon nachgewiesen - hat dies wohl noch mit Datierungsprobleme für das provinzialrömische 5. Jahrhundert im Norden des Reiches zu tun. Trotzdem sieht es immer noch so aus, als habe es bis zur fränkischen bzw. alemannischen Landnahme am Rhein so gut wie keine unbefestigten Dörfer, Weiler oder Bauernhöfe im Rheinland mehr gegeben.
     
    1 Person gefällt das.
  12. Werder

    Werder Neues Mitglied

    Es wird ja geschildert, dass Valens von einer zu geringen Truppenstärke der Goten ausging. Vielleicht war das einer der Gründe warum er „nur“ 15-30.000 Mann dabei hatte. Generell mussten ja auch sehr viele Truppen im Osten verbleiben, um die dortige angespannte Lage zu kontrollieren. Und zu guter Letzt war ja auch eine gemeinsame Aktion mit Gratians Truppen geplant. All das führte vielleicht dazu, dass Valens Heer nicht allzu groß war.

    Ich gebe Dir aber Recht, dass es schwer nachzuvollziehen ist, dass diese eine Niederlage im Prinzip so vorentscheidend für den Verbleib der Goten im Reich war. Vermutlich war es nicht so einfach, große Teile einer „Elitearmee“ zu ersetzten, wenn es auch an vielen anderen Grenzen des Reiches erhebliche Bedrohungen gab.


    Das lange Überleben des Ostreichs und auch seine nachgewiesene Blüte im 6. Jahrhundert ist ja nicht denkbar, wenn das Reich, wie Du sagst, schon Ende des 4. Jahrhunderts in einem „jämmerlichen Zustand“ gewesen wäre. Da würde ich Dir widersprechen.
     
  13. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    hier gilt es, zu differenzieren:
    finanziell war das Westreich zum Juniorpartner des Ostreichs abgesunken (in der Zeit vor dem Untergang des weström. Reichs) teils infolge von Misswirtschaft, teils infolge von zu vielen benötigten Abwehrmaßnahmen an den Grenzen und aber auch im inneren (Usurpatoren, widersetzliche Generäle usw.)
    interessant (bei Wolfram und Demandt zu lesen) ist, dass die Ausgaben für hohe Ämter im Westreich viel höher waren als im Ostreich, umgekehrt aber die teils immens Wohlhabenden im Westreich nicht zur Kasse gebeten wurden... z.B. Senatoren verdienten im Westreich mehr als das zehnfache wie im Ostreich (daher auch die bekannte Berechnung, dass das Westreich nur 10% des Einkommens seiner Senatoren benötigt hätte, um eine Riesenarmee ein Jahr lang zu unterhalten und die die Grenzen damit zu halten - aber das wurde nicht gemacht)
     
  14. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Die soziale und gesellschaftliche Krise ist seit dem 4. Jh. förmlich mit Händen zu greifen. Eine wesentliche Rolle spielt dabei der Niedergang der Landwirtschaft und eine unerhörte steuerliche Belastung, die die Kosten der Reichsverteidigung und andere staatliche Leistungen aufbringen sollte. Die Steuerreform des Diokletian verstärkte den Druck auf die Reichsbewohner, die sich inzwischen einer übermächtigen Bürokratie und unerträglichen Steuerlast gegenüber sahen. Besonders hart traf es die Landpächter, die Kolonen. Zur Verhinderung der Landflucht fesselte sie der Staat durch Gesetze an die Scholle und erzwang damit - oft vergeblich - die Bebauung des Landes und Steuerzahlungen.

    Die städtischen Eliten verarmten inzwischen, da der Staat alle Leistungen auf die Kommunen abzuwälzen suchte und dafür städtische Senate und Bürgermeister in Haftung nahm. Das führte schließlich dazu, dass sich niemand mehr für den römischen Staat verantwortlich fühlte, der nur noch als immense Belastung im täglichen Leben wahrgenommen wurde.

    Es ist also kein Wunder, wenn wir in zahlreichen Regionen des Reichs eine sich auflösende Zentralgewalt vorfinden, verödende Städte und brachliegendes Land. Aber wie du schon sagtest, man muss differenzieren. In Ägypten oder Spanien stellte sich die Lage sicher erheblich günstiger dar, als beispielsweise in Gallien oder Italien. Die Aufstände der Bagauden - bewaffnete Bauern in Gallien, die von der unerhörten Besteuerung zur Rebellion getrieben wurden -, sind dafür ein guter Anzeiger.
     
  15. Agricola

    Agricola Aktives Mitglied

    Klar blieben große Truppenverbände am Euphrat. Weitere größere Bedrohungen sehe ich aber zu der Zeit im Ostreich nicht. Ausser Ägypten, das eher nicht direkt bedroht war, gabs da nix mehr. Heather und andere Historiker beschreiben auch, daß er die Offensive lange verzögerte und erst einen wenig vorteilhaften Frieden mit den Persern schloß, um eben die zentrale Eingreiftruppe Konstantinopels frei zu bekommen. Die Truppen des Magister Militum Orientalis blieben natürlich in Syrien; vielleicht auch Teile des Zentralheeres. Dann bleiben aber immer noch große Teile des Zentralheeres und das illyrische Bewegungsheer. Das hätten immer noch viel mehr Soldaten sein müssen, es sei denn die Annahmen über die Armeestärke der Spätantike, die von 400.000 bis 600.000 Mann reichen sind zu hoch. Eine andere Erklärung wäre, daß der Anteil der Limitanei nicht wie oft geschätzt 50% betrug, sondern weniger. Das würde aber kaum noch mit der Notitita Dignitatum zusammenpassen. Es sei denn die Ist-Stärke von Einheiten der Comitatenses war grundsätzlich deutlich geringer, als die der Limitanei. Auch das wäre ein Hinweis auf Geldmangel und Zwang zur Kostenoptimierung, wegen fehlender Einnahmen.

    Heather schreibt, daß Valens wohl die Truppenstärke der Goten falsch eingeschätzt hatte. Diese Fehleinschätzung passierte aber erst vor Ort und veranlasste ihn, nicht auf Gratian zu warten, sondern alleine loszuschlagen. Das hat wenig damit zu tun, wieviele Truppen er insgesamt vorher moblisierte. Aufgrund der Feindaufklärung vor Ort, konnte er davon ausgehen, das die Terwingen und Alanen nicht anwesend waren und er es nur mit den Greutungen zu tun hatte, die er ohne Gratian besiegen konnte und so den ungeteilten Ruhm einstreichen. Dummerweise trafen die aber genau dann ein, als die Schlacht begann. Und gerade die alanische Reiterei wurde zum entscheidenden Problem. Ob Zufall oder Finte ist unbekannt.

    Seine Fehleinschätzung kann also Nichts damit zu tun haben, wieviele Truppen er insgesamt mobiliserte, denn zu diesem Zeitpunkt war ihm die insgesamte Stärke der 3 Völker gut bekannt.

    Das folgende Ausbleiben eines Vergeltungsschlages erklärt Heather dann wieder mit fehlenden Mitteln. So schnell waren natürlich 2 zentrale Feldheere nicht zu ersetzen; da hat er zu allen Zeiten Recht. Daß es aber auch nach Jahren nicht zu einem Angriff auf die Goten kam erklärt er mit einem Strategiewechsel:

    - das Bild vom Barbaren hatte sich insbesondere unter dem Einfluß des Christentums geändert: "Auch sie sind Kinder Gottes und leichter zu bekehren, als Bürger des Reiches, als in ihren Wäldern jenseits der Donau"

    - Man brauchte ja jetzt neue Soldaten und machte im Grundsatz Nichts Anderes als die letzten 400 Jahre zuvor. Man siedelte Germanen auf Reichsboden an. Neu war, daß sie dies unter eigener Kontrolle taten. Zwar stellte auch im frühen Kaiserreich der einheimische Adel die mittlere / lokale Führungsschicht und wurde schnell romanisiert, aber die Provinzleitung blieb immer römisch. Ebenfalls nicht neu ist, daß sie keine Steuern zahlten und dafür Truppen stellten. Das taten schon die Bataver unter Augustus in großem Umfang. Neu war allerdings, daß sie auch die Steuern der lokalen Städte bekamen.

    Die Goten blieben aber zu Allen Zeiten ein Unruheherd im Balkan. Sie siedelten keinesfalls friedlich im zugewiesenen Gebiet, sondern marschierten öfters nach Gutdünken plündernd bis nach Griechenland. Auch wenn sich die Goten bei der Schlacht am Frigidus gegen des westlichen Usurpator Arbogast/Eugenius als wertvolle Verbündete erwiesen haben, so ist so viel Pragmatismus der Römer eigentlich kaum vorstellbar. Es sei denn, sie konnten nicht anders. Weil es eben dem Osten zwar besser ging, als dem Westen, aber weit entfernt von den ehemals blühenden Landschaften.

    Manche Historiker führen als einen Hauptrund für das Überleben des Ostreichs auch seine besondere strategische Lage an. Mit dem Bollwerk Konstantinopel, das für alle damaligen Armeen uneinnehmbar war waren die Kernlande geschützt. Das Ostreich konnte jederzeit seine Truppen am Euphrat auf hohem Niveau halten, denn diese Grenze war die größere Bedrohung für Kleinasien, Syrien und Ägypten. Den Balkan und auch Griechenland, hat man mehr als einmal zur Plünderung freigegeben. Der Bosporus war sozusagen eine natürliche Grenzverkürzung, die automatisch immer eintrat, wenn es im Norden zu Einfällen kam. Dadurch konnte man das Niveau der Euphrattruppen hoch halten, ohne im Westen zu viel zu verlieren.

    Die Landwirtschaft des Ostreiches war nach Meinung der meisten Historiker in deutlich besseren Zustand als der des Westens, auch waren die wirtschaftliche Leistungskraft und die Bevölkerungzahlen bereits zum Zeitpunkt der Teilung größer als im Westen. Einige Historiker glauben auch einen geringeren Grad der großkapitalistischen Zentralisierung der Landwirtschaft im Osten belegen zu können; also eine andere und ggf. robustere Wirtschaftsstruktur.

    Ich würde jedoch nicht wie Heather annehmen wolllen, daß die Wirtschaft im Osten im 4ten Jahrhundert noch das hohe Niveau des 2ten hatte. Dennoch gibt es viele Hinweise, daß Bruttosozialprodukt pro Kopf wie auch die Bevölkerungszahl insgesamt und damit die Gesamtleistungsfähigkeit des Ostens höher war als im Westen, was so gemeinsam mit der strategisch besseren Lage den Untergang verhindern konnte.

    Dennoch sprechen alle Hinweise aus der jüngeren Archäologie, wie auch die Zeitgeschichte in der Literatur dafür, daß es Ende des 2ten Jahrhunderts zu einem Niedergang kam durch die oben beschriebenen Belastungen (Pest, Klimawandel, Barbareneinfälle). Die Severer konnten den Zusammenbruch nochmals verzögern, aber bis zum Ende ihrer Dynastie hatte die Inflation und die wirtschaftliche Lage katastrophale Züge angenommen. Unter solchen Umständen brach das labile Akzeptanzsystem des römischen Prinzipats endgültig zusammen und zur ohnehin schon katastrophalen Lage kamen dauernde Bürgerkriege mit zusätzlichen Verheerungen für Volkswirtchaft und Armee hinzu.

    Diokletian und Konstantin konnten die Lage dann stabilisieren. Aber die Volkswirtschaft stabilisierte sich auf deutlich niedrigerem Niveau, als in den ersten beiden Jahrhunderten. Dennoch blieb die Bedrohungslage bei nun geringerem Steueraufkommen hoch und damit die Notwendigkeit für eine große Armee. Das kann nur ausgeglichen worden sein, durch geringere Truppenstärke (also eher 300.000 / 400.000 denn 600.000 Mann) und Kosteneinsparung bei den Truppen selbst (Ausrüstung, Rekrutierung, tolerierte Iststärke von Einheiten), was zu Lasten der Qualität ging auch unabhängig von der Disziplin- und Moraldiskussion der antiken Autoren.

    Diese reduzierte Volkswirtschaft und ihre Soldaten, waren spätestens nach den vernichtenden Niederlagen von Adrianopel und Frigidus nicht mehr in der Lage die Rheingrenze und auch die Donaugrenze zu halten. Das Ostreich konnte aufgrund seiner etwas besseren Ausgangssituation wneigstens noch den Bosporus und Euphrat halten. Den Begriff "jammerlich" nehme ich in diesem Zusammenhang zurück und ändere ihn für den Osten in "bedenklich".

    Alles was dann folgte von 406 bis 476 waren kaum aufhaltbare Dominoeffekte die ungebremst in den Untergang des Westreiches führten, auch wenn oft noch mangelnde Fortune dazukam, wie etwa der zweimal gescheiterte Versuch, Afrika wieder zu erobern. Ein solches Rumpfreich aus Italien und Africa wäre nach Heather wohl in der Lage gewesen, sich zu halten und mittelfristig zumindest das reiche Spanien zurückzuerobern bei dann wirksam verkürzten Grenzen. Gallien und Britannien waren unrettbar verloren. Heather deutet hier auch eine "Verschwörungstheorie" an, nach der genau das schon Ende des 4ten Jhdts. die Strategie des Gesamtkaisers in Ostrom war. Aber es gelang nicht, und so führte die mangelnde wirtschaftliche Leistungsfähigkeit das Westreich in den Untergang, auch wenn militärische Erfolge die Entwicklung noch hätten bremsen können.

    Das soll kein monokausaler Erklärungsansatz sein. Aber die Bedeutung des wirtschaftlichen Niedergangs scheint mir groß und offensichtlich. Und in jeder Gesellschaft finden sich fast alle Entscheidungen und Entwicklungen irgendwann auch in volkswirtschaftlichen Zahlen wieder.

    Hier noch eine Quelle, die meine Meinung zwar nicht belegt, aber unterstützt. Der Artikel beginnt S. 183 "Gibbon was right"

    Crises and the Roman Empire: Proceedings of the Seventh Workshop of the ... - Olivier Hekster, Gerda De Kleijn, Daniëlle Slootjes - Google Books
     
    Zuletzt bearbeitet: 30. November 2012
    1 Person gefällt das.
  16. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Mit dem Zustand der Landwirtschaft im späten 4. Jh. - so die eingangs gestellte Frage - hat das alles aber nur noch wenig zu tun. :grübel:
     
  17. Agricola

    Agricola Aktives Mitglied

    Es ging mir in diesem Absatz darum, das zitierte Gegenargument zu widerlegen, Valens habe nicht große Teile seiner zentralen Heeresgruppe plus die illyrische Heeresgruppe vor Adrianopel versammelt. Denn Umfang und Größe seines Heeres, und die Frage warum die so gering war, ist relevant für den Widerspruch bei Heather zwischen geringer Truppenstärke und blühenden Landschaften und die Schlussfolgerung, daß es mit der Wirtschaft nicht zum Besten gestanden haben kann.

    Ich denke, ich bin bei meinen weiteren Ausführungen eng am Thema Wirtschaft geblieben, so daß sogar fast der Eindruck eines monokausalen Erklärungsansatzes entstanden sein könnte. Leider hängt halt Alles zusammen: wirtschaftliche, soziale, gesellschaftliche, militärische und auch aussenpolitische Veränderungen oder sogar Zeitgeschichtliches. Struktur- und Schocktheorie sind für mich keine Gegensätze, sondern ergänzen sich und die eine ist ohne die andere unvollständig.
     
    Zuletzt bearbeitet: 30. November 2012
    1 Person gefällt das.
  18. Werder

    Werder Neues Mitglied

    Naja, da möchte ich dann aber noch einwerfen, dass sich Ostrom nicht nur halten konnte, sondern unter Anastasios (den ich mir in Mischa Meiers Buch als nächstes anschauen werde) 100 Jahre später eine fantastische finanzielle Basis schaffen konnte, die dann Basis für Justinians Großtaten / „Abenteuer“ im Bereich Architektur & Rückeroberungen war. Das wird sich doch kaum mit einer (Land)-Wirtschaft im bedenkliche Zustand erreicht lassen haben.
     
  19. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    http://www.geschichtsforum.de/655926-post13.html
    die Osthälfte war wirtschaftlich besser aufgestellt - Iustinian standen für seine Rückeroberungen *) wie für seine Bauprogramme "lediglich" die oströmischen Mittel zur Verfügung; und genau genommen haben Iustinians finanzielle Mittel nichts mit der Wirtschaft des römischen Imperiums im 4.Jh. zu tun.

    *) Italien, das ehemalige Kernland, war platt und futsch nach den Gotenkriegen... lediglich das ehemalige Vandalenreich wurde wieder oströmische Provinz; die Reconquista in Spanien wurde nach Iustinians Tod rasch von den Westgoten fortgejagt.
     
  20. Werder

    Werder Neues Mitglied

    Das sehe ich ja wie eigentlich alle genauso. Mein Beitrag war eine direkte Antwort auf die Einschätzung Agricolas, dass sich die oströmische Wirtschaft aber trotzdem in einem bedenkliche Zustand befunde habe.

    Das wäre nur der Fall, wenn sich die Wirtschaft Ostroms vom späten 4.Jh. zum späten 5 Jh. (Anastasios) entscheidend verändert hätte. Ist dem so? Ich denke eher nicht.
     

Diese Seite empfehlen