Zuverlässigkeit antiker Quellen

Dieses Thema im Forum "Das Römische Reich" wurde erstellt von Ventarius, 6. November 2010.

  1. Ventarius

    Ventarius Neues Mitglied

    Zuerst Mal: Hallo zusammen

    Zum Thema

    Bei meiner Maturaarbeit, welche ich über Cäsars Krieg gegen die Helvetier und Ariovist schreibe, soll ich nun noch die Zuverlässigkeit antiker Quellen mit einbeziehen.

    Da hier bestimmt einige Leute im Forum aktiv sind, die sich mit dieser Materie gut auskennen, würde ich mich um einige Tipps freuen.

    Dass z.B. Cäsars "De Bello Gallico" nicht überall dem entspricht, was eigentlich geschehen war, ist mir logisch. Aber ich kann nicht nur von dieser Quelle ausgehen. Gibt es noch einige andere antike Autoren, von welchen die Schriften gut bearbeitet und hinterfragt wurden?
    Hier wären einige Autoren und Büchertitel hilfreich.

    Freue mich auf eure Antworten

    Gruss
    Ventarius
     
  2. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    Caesar ist noch einer der glaubwürdigsten antiken Schriftsteller. Gerade antike Biographen dürften, was die Glaubwürdigkeit angeht, heute allenfalls in der Boulevardpresse schreiben, aber auch nur, wenn der Verlag ein paar gute Anwälte hat...

    Ein paar der bekannteren Namen:

    Sueton ? Wikipedia

    Tacitus ? Wikipedia

    Sallust ? Wikipedia
     
  3. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Du meinst also, Autoren bei denen exemplarisch die innere Quellenkritik angewendet ist?
    Die Quellenkritik gehört in jede wissenschaftliche Untersuchung von Quellen, entsprechende Literatur ist also abundant, wenn auch für Schüler nicht immer ganz leicht zu erreichen.
    Ich frage mich aber gerade eher, ob es wirklich sinnvoll ist, Quellen, die mit dem Sujet der Arbeit ja nun nichts zu tun haben, zu untersuchen. Ich würde an deiner Stelle noch einmal Rücksprache mit deinem Lehrer halten, ob der das wirklich von dir verlangt, oder ob ihr euch nicht missverstanden habt.

    Edit: bei nochmaliger Lektüre deiner Frage glaube ich, dass dein Lehrer von dir eher eine systematische innere Q-Kritik erwartet, die du geeigneterweise dem Rest der Arbeit vorschalten solltest: Für wen schrieb Caesar sein Kommentarien, was wollte er damit erreichen, was wollte er ausdrücken, wessen Position nimmt er ein etc.
     
    Zuletzt bearbeitet: 6. November 2010
  4. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Bei der Lektüre der "Commentarii de Bello Gallico" muss man beachten:

    Es handelt sich dabei nicht um ein Geschichtswerk im eigentlichen Sinne, sondern um eine Rechtfertigungsschrift. Caesar wollte erklären und begründen, wieso er diesen Krieg führen MUSSTE. Die von ihm angegebenen Gründe, warum die Kriege gegen die Helvetier und Ariovist notwendig waren, sind aber hanebüchen. Außerdem wollte er natürlich schildern, was er in den 7 Jahren in Gallien gemacht und erreicht hatte. Dabei hielt er sich aber weitgehend an die Fakten und gab auch Misserfolge (z. B. bei Gergovia) zu. Ein anderes Thema sind die Stärkeangaben der gallischen Heere, die sind in der Regel wohl übertrieben, was Caesar aber vielleicht gar nicht mit Absicht gemacht hat, es ist nun einmal schwer, die Größe eines feindlichen Heeres abzuschätzen.

    Caesar ist also relativ zuverlässig, was den Geschehensablauf betrifft, aber unzuverlässg, was die von ihm genannten Kriegsgründe betrifft.
     
  5. Ventarius

    Ventarius Neues Mitglied

    Vielen Dank für die Antworten.

    Ich muss wirklich nochmals mit meinem Betreuer zusammensitzen, denn ob er die Quellenkritik nun systematisch auf den Bellum Gallicum verlangt oder eher eine allgemeine Darstellung, weiss ich jetzt auch nicht. Wobei ich eher das Gefühl habe, dass er allgemein die antiken Quellen meinte. Da man darüber aber eine eigene Maturaarbeit schreiben könnte, war ich selber ein bisschen verwirrt. ;-)

    Deine Idee über eine systematische innere Quellenkritik des B.G. ist aber wirklich sehr gute. Werde meinen Lehrer in dem Fall, wohl überreden, dass ich es so machen kann.

    Gruss
    Ventarius
     
  6. Amalaswintha

    Amalaswintha Aktives Mitglied

    Ich möchte hier nur noch eine kurze Anmerkung machen, weil mich Reinecke durch seinen Hinweis mit der Boulevardpresse darauf aufmerksam machte:

    Auch in der Antike gab es Schreiberlinge, die Pamphlete über hochgestellte Persönlichkeiten in Umlauf brachten, die man als ehrenrührig und inakzeptabel betrachtete. Sueton berichtet hiervon.

    Was heute als antike Boulevardjournaille wahrgenommen wird, galt für die Antike keinesfalls. Ein antiker Historiker war nicht nur Wissenschaftler, sondern zuvörderst noch Literat. Ein historisches Werk ohne literarischen Anspruch wäre undenkbar gewesen. Das ist ein Aspekt, den man nie aus den Augen verlieren sollte. Ob Sueton, der hier ja oft als Beispiel zitiert wird, tatsächlich dem Boulevard so verhaftet ist, ist diskussionswürdig, wenn man "neuere" (Auto-)Biographien und ihre Inhalte zum Vergleich heranzieht.
    Antike Geschichtsschreibung war Literatur. Heute ist das vielfach verloren gegangen, aber die Autoren des 19. und frühen 20. Jahrhunderts haben durchaus noch dieses Ideal gelebt. Nicht ganz grundlos hatte Theodor Mommsen für seine Römische Geschichte den Nobelpreis für Literatur (!) erhalten.
     
    1 Person gefällt das.
  7. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    Dieses "Achtung!" könnte wohl auf jedem Geschichtswerk stehen, zumindest wenn man mit einhundertjährigem Abstand betrachtet.

    Wenn handelnder Politiker/Feldherr und berichtender Historiker aber die gleiche Person sind sollte dieses "ACHTUNG" wohl besonders groß geschrieben werden, da hast Du Recht. :winke:

    Im Detail stimmt das leider all zu oft nicht, muss man befürchten. Ich kenne hier nur die Kritik Delbrücks, aber schon der legte für eine Reihe Stellen dar, dass Caesar hier die geschilderte "Realität" so modifizierte, dass es für ihn möglichst gut aussah...
     
  8. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Delbrück wird zwar hier im Forum häufig so behandelt, ist aber auch kein Gott. ;)
     
  9. Carsten

    Carsten Neues Mitglied

    Delbrück liegt natürlich in vielen einzelfällen daneben, aber generell ist sein Weg ja der heute anerkannte, die Quellen kritisch zu hinterfragen. Für eine Schulausarbeitug sollte der wohl reichen. Außerdem steht sein werk uner zeno.org im Internet. Nur so als Tip.
     
  10. Ventarius

    Ventarius Neues Mitglied

    Das Werk von Delbrück habe ich mir schon früher Mal angeschafft und für die Bearbeitung des "Bellum Gallicum" finde ich ihn nicht all zu schlecht, wobei es gut wäre weitere ähnliche Autoren zu finden. Und hier liegt eines der Hauptproblem für meine Maturaarbeit, denn ich finde nur schwer irgend welche andere Werke, in welchen der Gallische Krieg auch so ausführlich behandelt wird wie in Delbrücks "Geschichte der Kriegskunst". Bei den meisten Büchern über Caesar liegt der Schwerpunkt nicht auf dem Krieg in Gallien, sondern vor allem auf dem Bürgerkrieg.
    Wenn aber jemand noch einige weitere Werke kennen würde im Bezug auf den Gallischen Krieg, wäre ich sehr dankbar ;-)
     

Diese Seite empfehlen