Zwangskollektivierung der Landwirtschaft unter Stalin

Dieses Thema im Forum "Russland | Sowjetunion | Osteuropa" wurde erstellt von ChangingMinds, 10. Januar 2011.

  1. ChangingMinds

    ChangingMinds Neues Mitglied

    Hallo ich hätte eine Frage zur Kollektivierung der Landwirtschaft. In Wikipedia steht "Folge, aber auch durchaus erwünschtes Hilfsmittel der Kollektivierung war eine riesige Hungersnot im ganzen Land, die besonders fürchterliche Ausmaße an der Wolga und in der Ukraine annahm. Sie kostete mehrere Millionen Menschen das Leben, jedoch sind genaue Opferzahlen nicht bekannt."

    Meine Frage lautet jetzt:"Wieso war diese Hungersnot ein Hilfsmittel dafür und warum hat man die Großgrundbesitzer das Land weggenommen?!"

    Danke schon einmal im Vorraus für eure Antworten!
     
  2. Wasserlilie

    Wasserlilie Neues Mitglied

    Es lag daran, dass man den Sozialismus durchsetzen wollte und es dafür nötig war, die großgrundbesitzer zu enteignen um die landwirtschaft unter staatliche kontrolle zu bringen. Und hilfsmittel war die hungersnot vllt, weil eine bevökerung die hungert, nicht protestieren kann und weil sie so hofften was zu essen zu bekomme und das system befürworteten.
     
  3. ChangingMinds

    ChangingMinds Neues Mitglied

    Dankeschön :)
     
  4. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Sie SU war zu diesem Zeitpunkt (Ende der zwnziger Jahre) ein agrarisch geprägtes Land. Im Rahmen der "Fünf-Jahresplanungen" (ab 1929) wurden sehr ergeizige Pläne zur Industriealisierung in der UdSSR entwickelt.

    Einerseits aus grundsätzlichen ideologischen Überlegungen (Aufbau eines Proletariats), andererseits zur Stärkung der nationalen Sicherheit (Armee etc.).

    Daneben sollte auch die regionale Bedeutng der "Kulaken" gebrochen werden und diese noch relativ autonomen Machtzentren zerschlagen werden. Damit wollte man das Potential für eine Konterrevolution zerschlagen, so zumindest die politische Intention Stalins.

    Eines der daraus folgenden Probleme war, wer in den neuen Fabriken arbeiten sollte. In diesem Sinne wirkte die Landflucht, allerdings nur bis zu einem gewissen Punkt, als erwünschte Maßnahme, um den Abbau des primären Sektors (Landwirtschaft etc.) voranzutreiben und das Arbeitspotential im sekundären Sektor (Industrie etc.) zu erweitern.

    Andererseits war die Dimension der Hunterkatastrophe (vgl. dazu auch Holodomor) eine durchaus gefährliche politische Krise für die UdSSR.

    Geschichte der Sowjetunion ? Wikipedia

    http://de.wikipedia.org/wiki/Holodomor
     
    Zuletzt bearbeitet: 10. Januar 2011
  5. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Ein weiterer Aspekt: die ehrgeizigen Pläne der Industrialisierung hingen wesentlich von der Beschaffung ausländischer Maschinenausrüstungen ab, also von industriellen Importen.

    Neben Rohstoffen waren die landwirtschaftlichen Erzeugnisse die wesentlichen Exportgüter der Sowjetunion, um die Maschinenkäufe bezahlen zu können. Die landwirtschaftlichen Exporte waren daher zu maximieren, um die Maschinenimporte maximieren zu können.

    Das bedingt jedoch ein landesweites Erzeugungs-, Sammlungs- und Verteliungssystem. Die Kollektivierung ist in diesem Rahmen auch erfolgt, um die maximale staatliche Verwertung der Erzeugnisse kontrollieren und betreiben zu können.

    Die ganze Situation wurde zusätzlich durch den Preisverfall bei landwirtschaftlichen Erzeugnisse im Zuge der Weltwirtschaftskrise (und schon davor) verschärft -> Druck auf noch gesteigerte Nahrungsmittelexporte.

    Im Zeitraum der katastrophalen Hungesnöte gab es so wesentliche sowjetische Exporte von Nahrungsmitteln ("Russendumping" in Westeuropa) sowie Hortungen von Nahrungsmitteln in den staatlichen Verteilungs- und Lagerzentren.
     
  6. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Beinhart ausgedrückt: Weil diejenigen, die eventuell Widerstand hätten leisten können, durch den Hunger dafür zu schwach waren und letztlich einfach wegstarben.
     
  7. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Das ist eigentlich nicht der Stand der Forschung, soweit man hier überhaupt zu Schlussfolgerungen kommen kann:
    http://www.geschichtsforum.de/f56/holodomor-14202/

    Es wäre als Erklärung wohl auch nicht schlüssig, es sei denn, die Gefährlichkeit eines solchen Widerstandes läge auf der Hand, und die Auswirkungen würden sich lokalisieren lassen. Beides ist aber mE nicht der Fall.

    Aber vielleicht gibt es dazu andere Untersuchungen?
     
  8. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Wenn man dem Wikipedia-Artikel dazu (Holodomor ? Wikipedia) Glauben schenkt, ist die Kontroverse noch im Gang und wird die Geplantheit (wenig überraschend) vor allem von russischen Historikern abgestritten.
     
  9. Lili

    Lili Neues Mitglied

    Der Holodomor bezieht sich allerdings "nur" auf die Ukraine. Die Zwangskollektivierungen Stalins und die daraus resultierenden Hungersnöte gab es in der gesamten SU (wenn auch nicht in einem derartigen Ausmaß).
     
  10. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Deswegen ist die Untersuchung von Barbara Falk interessant (natürlich neben der Verwertung der Literatur bis 2005). Darin wird nicht bzgl. eines Plans spekuliert, sondern werden der Ablauf und die Lokalisierung, nebst der erzeugten Mengen untersucht. Im Ergebnis ist der Mangel wesentlich auf Chaos und Planungsfehler zurückzuführen.

    Zum Kontext des Interesses an einer Erzeugnissteigerung:
    Huxter/Szyrmer: Faulty Foundations - Soviet Economic Policies 1928-1940, 1992
    Merl, Stephan, Die Anfänge der Kollektivierung in der Sowjetunion 1928-1930, 1985
    Boetticher, Manfred von: Industrialisierungspolitik und Verteidigungskonzeption der UdSSR 1926-1930
     
    Zuletzt bearbeitet: 10. Januar 2011
  11. Scharrukin

    Scharrukin Neues Mitglied

    Die Enteignung der Großgrundbesitzer war ja quasi ein "Muß", das hatten sie ja ihren Anhängern von Anfang an versprochen. Letztlich blieben ihnen einfach zwei Möglichkeiten das umzusetzen: entweder die Agrarflächen in kleine von jeweils einer Familie bewirtschaftbare Parzellen aufteilen oder in großen Stil den Staat zum neuen Generalgroßgrundbesitzer zu machen.

    Bei Stalin dürfte es nicht verwundern, daß er sich für letzteres entschied - Kontrolle und zentralistische Planung ging ja über Alles :autsch:
    Der Rest ist denk ich einfach maßlose Selbstüberschätzung, in der Meinung alles besser zu wissen und zu können als die ja nur für die eigene Tasche wirtschaftenden Großgrundbesitzer erwartete man wahrscheinlich sogar Ertragssteigerungen.
    Daß den Planern jede Erfahrung in der Landwirtschaft fehlte und sie wohl der Meinung waren, das Stalinbild an der Wand der Kolchose wäre ausreichende Motivation für Höchstleistungen der Arbeiter, dürfte dann zur Katastrophe geführt haben.
     
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  12. Sascha66

    Sascha66 Neues Mitglied

    Vorsicht - ein Kulake war kein Großgrundbesitzer. Die gab es zu diesem Zeitpunkt eigentlich nicht mehr. Er hatte vieleicht mehr Grund und Boden als andere Bauern.
    Vor allem war er und seine Angehörigen, zumindest am Anfang der Kampagne, erfolgreicher als andere.
    Wer Kulake war oder nicht, war mehr eine willkürliche Festlegung.

    Beim Rest gehe ich mit, mit dem Zusatz das den meisten Planern (auch bei heutigen Großprojekten) der Sinn für die Realität fehlt.
     
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  13. Treibsand

    Treibsand Neues Mitglied

    Das ganze ist doch etwas differenzierter , als man zunächst sieht.

    1. Wesentlicher Bestandteil des politischen Konzepts der Bolschewiki / KPdSU
    war eine durchzuführende Bodenreform - genau @ Scharrukin !

    2. Die Bolschwiki hatten während des Bürgerkrieges gewaltige Probleme
    mit der Nahrungsversorgung für ihre städtischen Zentren und ihre Truppen.
    Aufgrund dessen muss man sehen , dass die Truppen während dieser Zeit
    genauso wie die " Weissen " requirierten , raubten und stahlen.
    Schon während des Bürgerkrieges gab es also im Land kaum dokumentierte
    Hungertote in erheblicher Zahl.

    3. Die Durchführung der Bodenreform erfolgte durch primär durch Enteignung
    der adligen Grundbesitzer und der Kirche.
    Die Bauern bekamen örtlich Grundstücke übereignet - leider war damit
    nicht sichergestellt , dass die Nahrungsmittelproduktion auch klappte.
    Der mit Grundeigentum versehene Kleinbauer war nicht durchweg so
    kenntnisreich , dass er selbstständig seinen Boden erfolgreich
    bewirtschaftete.
    Andererseits waren die nichtenteigneten Grossbauern durchaus nun
    die Spitze in der Nahrungsmittelproduktion.

    4.Die Ermutigung der Bauern zur kollektiven Gemeinschaftsproduktion
    sollte Ausgleich schaffen , Wissen zuführen und durch technische Hilfe
    (erste Traktoren und Maschinen wurden über Ausleihstationen verfügbar
    gemacht ) insgesamt die Produktion steigern.

    Als das auf freiwilliger Basis nicht so klappte , wie die Partei erhoffte ,
    dann erst schritt man zur Zwangskollektivierung.

    5. Die Enteignung der " Kulaken " war eine gleichzeitige Massnahme zur
    Stützung der Kollektivierung.
    Diese Grossbauern hatten ca. 10 Jahre erfolgreich gewirtschaftet ,
    zT. durch die NÖP auch beachtliche Gewinne gemacht und hatten sich dem
    System der Zwangsablieferungsquoten immer wieder widersetzt -
    teilweise auch sabotiert und Schwarzmärkte bedient.

    6. Neben den Kollektiven aus Einzelbauern ( Kolchosen ) wurden erhebliche
    Grundflächen aus den Enteignungen durch Staatsgüter ( Sowchosen )
    bewirtschaftet.
    In den Sowchosen galten die beschäftigten tatsächlich als Arbeiter -
    Eigentum am Grund und Boden des Staatsgutes hatten diese nicht.
    Die Motivation dieser Arbeiter kann man sich vorstellen.

    7. Die Landwirtschaftliche Produktion lief also auch nach dem Bürgerkrieg nicht automatisch wieder an sondern stolperte von Krise zu Krise ,
    zumal auch Getreide-Export einen der wenigen Devisenbringer darstellte.
    Hier muss man wohl eine der Ursachen der ukrainischen Hungerkatastrophe
    suchen ?
    Da halfen keine Kommisare in den Kolchosen und Sowchosen und keine
    politischen Dekrete - nichtmal das Wetter liess sich befehlen.
    Aber das konnte eine " Partei " nicht so einfach zugeben ....:D
     
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  14. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    In Ergänzung; es gab sogar einen politökonomische Theorie zur "ursprünglichen sozialistischen Akkumulation", und zwar im wesentlichen von Preobraschenski.

    Kurzinhalt: Die Kapitalakkumulation für den Aufbau des sekundären Sektors in Rußland (Sowjetunion) muß aus dem primären Sektor kommen, da der sekundäre Sektor zu schwach sei und der traditionelle Weg der Kapitalbeschaffung Rußlands aus dem Ausland ausfällt bzw. den Kapitalbedarf zum Aufbau des sekundären Sektors aus vielen u.a. politischen Gründen niemals decken kann.

    M.
     
  15. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    ... was mit anderen Worten - neben der traditionellen Anleihefinanzierung - darauf hinauslief, dass die Sowjetunion keine Waren auf Ziel bekommen könne und deswegen der Importbedarf an Industriegütern durch Export landwirtschaftlicher Erzeugnisse (und Rohstoffe) im Gleichgewicht zu halten war, um damit auch die Kapitalbilanz/Devisenbilanz ausgeglichen zu halten.

    Das funktionierte in der Weltwirtschaftskrise nicht mehr.
     

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