Ein paar Fragen zur Stadt Bern im ersten Viertel des 15. Jahrhunderts

Dieses Thema im Forum "Österreich | Schweiz" wurde erstellt von Teresa C., 25. März 2016.

  1. Teresa C.

    Teresa C. Aktives Mitglied


    Ich habe wieder einmal einige Frage - vielleicht gibt es hier jemanden aus der heutigen Schweiz oder aus der Gegend von Bern (also mit Lokalwissen), der mir (als Österreicherin aus dem Raum von Wien) weiterhelfen kann?

    Frage 1:
    Weiß jemand hier, an welchem Tag in Bern im 15. Jahrhundert der Jahreswechsel gefeiert wurde? Am 1. Jänner, am 6. Jänner oder war es damals dort ein anderes Datum?

    Frage 2:
    Weiß irgendjemand ein Wirtshaus oder einen Ort in Bern, wo sich damals eine Gruppe zum Feiern dort getroffen haben könnte.
    (Das genaue Datum, um das es geht, wäre der Jahreswechsel von 1421 auf 1422, aber so genau muss es natürlich nicht sein.)

    Eventuell wäre auch ein möglicher Name für ein Wirtshaus oder Zunfthaus passend, dass mit Blick auf die Gegend für diese Zeit vorgekommen sein könnte.

    Frage 3:
    Kennt jemand neuere, quellenbezogene Literatur zur Verwaltungsgeschichte der Stadt Bern für diese Zeit. Ich habe bisher nichts gefunden, was mir da weitergeholfen hat. (Auch eine Arbeit, in der es nicht um die Stadt Bern geht, aber um eine Stadt mit einer vergleichbaren Verwaltung könnte da hilfreich sein.)

    Frage 4:
    Kennt jemand irgendwelche Literatur zum Bau des Berner Münsters, die sich nicht nur mit architektonischen und bautechnischen Details befasst, sondern auch mit Alltag auf der Bauhütte.

    Frage 5:
    Kennt jemand irgendwelche Legenden über Vorfälle, die beim Bau dieses Münsters sich ereignet haben?
     
    Zuletzt bearbeitet: 25. März 2016
  2. zaphodB.

    zaphodB. Premiummitglied

    Nun in Bern gibt es noch heute ein Gasthaus "Zunft zu Webern", wo ich mal leckeren Fisch gegessen habe,
    Die Berner Weberzunft erwarb ihr vermutlich erstes Zunfthaus 1427 an der Kramgasse 69 oder 73 und ihr zweites 1465 in der Oberstadt an der Marktgasse 5, , Dieses Zunfthaus war wohl auch immer mit einer Trinkstube für die Zunftbrüder bewirtschaftet

    Als ältestes Gasthaus der Stadt Bern gilt der "Goldene Schlüssel",der 1508 wohl erstmals namentlich erwähnt wurde.Dort gibt es suure Mocke, eine Berner Version des Sauerbratens die meiner einer für gut befunden hat.

    Und das älteste Gasthaus im Kanton Bern ist der Gasthof Bären in Münsingen , zu dem ein auf den 28. Februar 1371 datierter Kaufvertrag existiert-damals führte das Haus noch den Namen "Gilge", später "Lilie" und ab 1577 "Bären" Dort hab ich mal eine Heimisbacher Suppe und ein leckeres Ziberli - Hoger - Lisi - Filet gegessen:D
     
  3. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter


    Die Frage ist allerdings, ob man heutige Feierkultur ("ich miet' mir mal nen Raum im Restaurant für die Firmenweihnachtsfeier/Omas und Opas Goldene Hochzeit") so mir nichts dir nichts 600 Jahre in die Vergangenheit projezieren kann.
     
  4. Teresa C.

    Teresa C. Aktives Mitglied

    Zaphod, herzlichen Dank für deine Information in Bezug auf Wirtshäuser.

    In der Bibel finden wir immerhin bereits das Gastmahl des Belsazar und die Hochzeit zu Kana oder das letzte Abendmahl. Geselliges Zusammensein gab es also schon zu dieser Zeit.

    Auch von den Zünften habe ich gelesen, dass die sich in ihrer Zunftstube keineswegs nur zu Arbeitsbesprechungen getroffen haben.

    Warum sollen sich die Leute einer Bauhütte also nicht auch aus einem bestimmten Anlass zu einem geselligen Beisammensein getroffen haben. Ich habe auch schon überlegt, dass ich sie den Beginn des neuen Jahres und den Beginn des Bauabschnittes auf den Ruinen des Vorgängerbaus feiern lasse, aber mit Blick auf die Jahreszeit und der Umstand, dass die Szene nicht in Italien spielt, halte ich geselliges Zusammensein unter einem Haus doch für glaubwürdiger.:red:
     
  5. Gangflow

    Gangflow Aktives Mitglied

    Der "Hergereiste" hatte ein Anrecht bewundert und gefeiert zu werden:

    Werkleute sind wir: Knappen, Jünger, Meister,
    und bauen dich, du hohes Mittelschiff.
    Und manchmal kommt ein ernster Hergereister,
    geht wie ein Glanz durch unsre hundert Geister
    und zeigt uns zitternd einen neuen Griff.

    Wir steigen in die wiegenden Gerüste,
    in unsern Händen hängt der Hammer schwer,
    bis eine Stunde uns die Stirnen küsste,
    die strahlend und als ob sie Alles wüsste
    von dir kommt, wie der Wind vom Meer.

    Dann ist ein Hallen von dem vielen Hämmern
    und durch die Berge geht es Stoß um Stoß.
    Erst wenn es dunkelt lassen wir dich los:
    Und deine kommenden Konturen dämmern.

    Gott, du bist groß.


    Rainer Maria Rilke
     
  6. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    @Teresa C.

    Wenn du was über Bern im 15. Jahrhundert wissen möchtest, dann solltest du die Amtliche Berner Chronik von Diebold Schilling zu Rate ziehen. Die Chronik wurde vom Rat der Stadt Bern in Auftrag gegeben. Entstanden ist sie zwischen 1478 bis 1483.

    Band 1:

    e-codices ? Virtuelle Handschriftenbibliothek der Schweiz

    Band 2

    e-codices ? Virtuelle Handschriftenbibliothek der Schweiz

    Band 3

    e-codices ? Virtuelle Handschriftenbibliothek der Schweiz

    Und hier noch eine Zeitschrift des Historischen Verein des Kantons Bern:

    SEALS - server for digitized journals

    Dann kannst du hier noch weiter suchen:

    Die BEZG | Berner Zeitschrift für Geschichte
     
    1 Person gefällt das.
  7. beetle

    beetle Aktives Mitglied

  8. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Das Historische Lexikon der Schweiz hat zu Bern einen ausführlichen Artikel (hier sind auch die Quellenangaben interessant und es ist auf dem neusten Forschungsstand):

    Bern (Gemeinde)
     
  9. Armer Konrad

    Armer Konrad Aktives Mitglied

    Ist mir jetzt etwas peinlich, dass ich Dir kein bestimmtes Wirtshaus für jenen Zeit in Bern selbst nennen kann. Der Gasthof "Goldener Schlüssel" ist erst 1508 erwähnt.
    Ganz in der Nähe von Bern in der Ortschaft Worb (ist beinahe ein Vorort von Bern) gab es 1375 eine Taverne, urkundlich als "Tafern ze Worw" bezeichnet, welche heute noch als Gasthof "Löwen" existiert. Vielleich kannst Du ja auf diese Taverne ausweichen.

    Als König Sigismund 1414 Bern besuchte, wurde er im Speisesaal des Predigerklosters beköstigt. Vielleicht ginge das auch ?
    Und anschliessend stand ein Besuch des städtischen Freudenhauses auf dem offiziellen Programm.

    Wenn man kein geeignetes Wirtshaus oder keine Zunftstube finden kann, könnte man das gesellige Beisammensein auch in die städtische Badestube verlegen - für das Mittelalter wäre dies m.E. durchaus glaubhaft.
     
  10. Armer Konrad

    Armer Konrad Aktives Mitglied

    Zum Berner Münster eine umfangreiches PDF von 1960:
    http://biblio.unibe.ch/digibern/kunstdenkmaeler_der_schweiz_band_04.pdf
     
  11. Teresa C.

    Teresa C. Aktives Mitglied

    Hi Armer Konrad,

    die Idee mit dem Freudenhaus gefällt mir. (Nicht, dass ich die Leute dort den Jahreswechsel feiern lasse, aber schließlich brauche ich ohnehin noch ein paar "Alltagsszenen".)

    Noch zwei letzte Fragen an Dich als Kenner von Bern:

    Wie weit ist den dieses Worb ungefähr von Bern entfernt? (Ich weiß, es klingt seltsam, aber wenn ich nicht selbst vor Ort war, habe ich immer Schwierigkeiten Entfernungen richtig einschätzen zu können.)

    Weiß du zufällig, ob dieses Worb bereits um 1420 als Siedlung nachgewiesen ist und wer dort das Sagen hatte?
     
    Zuletzt bearbeitet: 27. März 2016
  12. Armer Konrad

    Armer Konrad Aktives Mitglied

    Worb ist ungefähr neun bis zehn Kilometer von Bern entfernt. Es wird 1130 im Zusammenhang mit den "Freiherren von Worwo" erstmals erwähnt. Was für dich vielleicht wichtiger ist: ab 1406 übte Bern die hohe Gerichtsbarkeit über Worb aus. Die Siedlung gehörte also im fraglichen Zeitraum der "freien Reichsstadt" Bern, welche dort somit auch das Sagen hatte.

    Bezüglich Freudenhaus: Auch Badestuben würden sich für "Alltagsleben" eignen. Es ging dort sehr freizügig zu, gebietweise waren sie ebenfalls eine Art Bordell.

    PS: Ein Kenner von Bern bin leider nicht - ich bin Basler mit lokal-chauvinistischen Tendenzen. :D
     
  13. Teresa C.

    Teresa C. Aktives Mitglied

    Armer Konrad, vielen Dank für deine hilfreichen Informationen zu Worb.
     
  14. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Für den Fall, dass es dich noch interessiert.

    Im 14. Jahrhunderts wurde Worb und die Burg an Peter und Kuno von Seedorf (Schulheiss von Bern) verkauft. Ab 1420 waren Rudolf Rieder und Peter Rieder die Herren von Worb und der Burg. 1469 übernahm Niklaus Diesbach Worb und die Burg. Niklaus Diesbach war Grossrat von Bern. Nach dem Tod seines Vaters erbte er den Sitz im kleinen Rat von Bern. 1475 - 1476 war er Schulheiss in Bern.

    Der Schultheiss vertrat in Bern die Bürgerschaft. Ihm stand der Vorsitz im Rat und im Stadtgericht zu.In Bern wurden die Rechte 1293 durch ein königliches Privileg


    Quelle:

    Roland Gerber: Münzer contra Bubenberg, Verwandtschaften und Faktionen im Berner Rat zu Beginn des 14. Jahrhunderts. 68. Jahrgang. In: Berner Zeitschrift für Geschichte. Nr. 4/2006, Bern 2006

    Über Worb kannst du hier weiterlesen:

    Worb

    Worb Online: Worber Geschichte

    Betreffend Berner Münster. Wenn du willst, kann ich in der Bibliothek nachschauen ob ich was finde. Ich bin in einer Woche da und könnte nachschauen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 28. März 2016
    1 Person gefällt das.
  15. Gangflow

    Gangflow Aktives Mitglied

    In "Die Welt der Schweizer Bilderchroniken"/Carl Pfaff findet man eine Aufstellung der Gesellschaften oder Zünfte in Bern:

    Distelzwang, Mittellöwen, Obergerbern, Oberpfistern, Niederpfistern, Schmieden, Mohren, Kaufleuten, Affen, Zimmerleuten, Webern, Rebleuten.

    Jede einzelne Gesellschaft kann man googeln. Die Affen logieren z.B. in der Kramgasse 5. Ein lustiger roter Affe mit Käppi über dem Eingang.
     
  16. Teresa C.

    Teresa C. Aktives Mitglied

    Natürlich interessiert es mich.
    Herzlichen Dank an Ursi und Gangflow
     

Diese Seite empfehlen