Eisenbahn und Truppentransport im 19. Jh.

Dieses Thema im Forum "Die Industrielle Revolution" wurde erstellt von Köbis17, 17. Mai 2015.



  1. Köbis17

    Köbis17 Gesperrt

    Hallo Zusammen,

    wie sah es eigentlich bei Truppentransporten in den preußischen Kriegen 1864,1866 und 1871 aus?

    Gab es spezielle Truppentransportpläne und waren die Streckennetze schon weit genug entwickelt oder ausgebaut?
    Es gab sicherlich Unterschiede in der militärischen Bewertung der Eisenbahn im Truppentransport in Deutschland bzw. Preußen.

    Gibt es noch erhalten Fahrpläne oder Zusammenstellung von Truppentransporten bzw. Hinweise über eingesetzte Lokomotiven und entsprechende Wagons?
     
  2. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

    Bei Ortenburg, im Band "Einigungskriege" steht einiges zum Thema. Muss ich erst heraussuchen.

    Aus der Erinnerung: 1870 spielte die Bahn auf deutscher Seite eine wichtige Rolle, während Frankreich sein vorhandenes Netz kaum effektiv nutzte.

    Von preussischer Seite wurden z.B. nicht nur die Truppentransporte effektiv auf dem Schienenweg organisiert, sondern auch besondere Lazarettzüge eingerichtet. M.W. ein Novum, zumindest in organiserter Form.

    Der große Ausbau des Schienennetzes in Deutschland erfolgte jedoch erst nach 1871 und wurde auf Grund der Erfahrungen strategisch ausgelegt. In Verbindung mit dem Schliefenplan legte man in Grenznähe zu Frankreich Entladebanhnhöfe mit sehr langen Bahnsteigen an, zum schnellen entladen von Pferden und Soldaten. Hier in Berlin gibt es an der Kolonnenstrasse noch Gebäude die zu einem früheren Militärbahnhof gehörten.
     
    Zuletzt bearbeitet: 17. Mai 2015
  3. Köbis17

    Köbis17 Gesperrt

    Dazu habe ich auch gerade erfahren, daß z.B. die Sauschwänzlebahn auf eine militärische Strategische Ausrichtung basiert. Allerdings erst ab den 1880iger Jahren.

    Wutachtalbahn ? Wikipedia
    Strategische Bahn ? Wikipedia
     
  4. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

    Ich habe es gefunden. Es enthält aber nicht übermässig viel zum Thema:

    1864 und 1866 wurden demnach die Eisenbahnen militärisch genutzt. Der erste große planmäßige Einsatz fand jedoch erst 1870 mit der Mobilmachung statt. Dazu wurden insgesamt 9 Linien für den Truppentransport vorgehalten, 6 in Norddeutschland und 3 im Süden. Von dem vorhandenen Bahnmaterial waren 60% der Wagen und 40% der Lokomotiven erforderlich um die ersten 10 Armeekops zu transportieren. Die Wehrpflichtigen Eisenbahner wurden zu Kriegsbeginn von der Mobilisierung ausgenommen und erst später zu einem Eisenbahnerkorps eingezogen.

    Frankreich und Österreich hatten die Eisenbahn auch bereits 1859 für die eigenen Truppentransporte verwendet. Damals brauchte man für die Verlegung des 1. AK von Prag nach Verona 13 Tage, währen der Strassentransport 64 Tage erfordert hätte.

    Aus dem Brockhaus von 1894:
     

    Anhänge:

  5. Augusto

    Augusto Neues Mitglied

    Deutsch-Dänischer Krieg

    Deutsch-Dänischer Krieg ? Wikipedia
    .
    1864 existierte eine fast durchgehende Eisenbahmverbindung von Berlin mindetens nach Flensburg, bestehend aus

    Die einzige Lücke bestand zwischen dem Hanburger Berliner Bahnhof (einige hundert Meter südöstlich des heutigen Hamburger Hauptbahnhofs) und Hamburg-Altona. Die Hamburg-Altonaer Verbindungsbahn war 1864 bereits im Bau, wurde jedoch erst 1865/66 eröffnet. Bis dahin übernahm die 1841 gegründete erste deutsche Pferdebuslinie die Verbindung zwischen Hamburg und Altona.

    Bis zum 1.2.1864 war Hamburg als Mitglied des deutschen Bundes Kriegspartei, nach der preußisch-österreichischen Kriegserklärung an Dänemark jedoch neutral. Truppen- und Waffentransporte über Hamburger Gebiet, d.h. vom Berliner Bahnhof nach Altona, die es mit hoher Wahrscheinlichkeit gegeben hat, stellten de jure eine Verletzung der Hamburger Neutralität dar, die wohl auch vereinzelt, jedoch nicht allzu laut, beklagt wurde.

    Quellen habe ich kaum gefunden, lediglich diesen Auszug eines Briefs:
    http://www.varl.de/literatur/Kriege.pdf
    Die erste militärische Nutzung der Eisenbahn scheint übrigens folgender Vorfall zu sein:
    Eisenbahn « Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte
    [FONT=AEKHNA+Arial,Arial][FONT=AEKHNA+Arial,Arial]
    [/FONT]
    [/FONT]
     
    Zuletzt bearbeitet: 17. Mai 2015
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  6. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    hierzu ein Kuriosum:
    wo die Bahnlinien in Festungsbereiche kamen, musste (!!) die Geschwindigkeit gedrosselt werden: es hatte sich gezeigt, dass der Funkenflug Munitionsmagazine hochgehen lassen kann (!!) -- für deine Frage bedeutet das im betreffenden Zeitraum, dass Truppentransporte in/durch die Festungen Minden, Mainz, Magdeburg, Köln, Germsersheim u.a. nachweislich teilweise langsam fahren bzw. nur rollen durften.

    Später, in der Festungsaera nach 1885 (Brisanzgranatenkrise), waren die Gegebenheiten ganz andere (da gab es ohne Funkenfluggefahr Festungsbahnen etc.)
     
  7. Augusto

    Augusto Neues Mitglied

    Habe doch noch ein paar Quellen zur Eisenbahn im deutsch-dänischen Krieg gefunden:
    Pernausches Wochenblatt 1863, N 1-52 kd

    dito, Jhrg. 1864
    https://www.google.de/url?sa=t&rct=...=kSFUvJ0brzU5RXEuKpeXWw&bvm=bv.93564037,d.bGQ

    Die Dänen konnten mit der Eisenbahn scheinbar weniger anfangen:​
    Weitere Aufschlüsse, auch für 1866 und 1870/71, sind möglicherweise der "Statistik der Eisenbahnen in Deutschland 1835 bis 1989" zu entlocken, die für die Hauptlinien Zeitreihen zu Passagierzahlen und Gütermengen enthält.​
    Im Anhang noch ein zeitgenössisches Bild, dass österreichische Truppen auf dem Weg vom Hamburger Berliner Bahnhof zum Bahnhof Altona zeigt.


     

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  8. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Da hast Du einige Hinweise zusammengetragen.

    Es gibt zwei Darstellungen, die sich mit dem Thema intensiv auseinander setzen, und vor allem strategische Implikationen behandeln und ihr Gewicht in den Planungen und politischen Entscheidungen aufzeigen:

    1. der Beitrag von Salewski im MGFA-Band zur Militär- und Kriegsgeschichte zu "Generalfeldmarschall von Moltke", Band 33, dort als Aufsatz "Moltke und die Eisenbahnen". Salewski zieht einen Bogen von 1866 zu 1914 und Moltke d.J.

    2. die Studie von Bremm - Von der Chaussee zur Schiene. Militär und Eisenbahnen in Preußen 1833 bis 1866. Militärgeschichtliche Studien Band 40.
     
  9. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Wieso würdest Du das für 1866 so nicht sagen?

    Ich denke da speziell an die Konzentrationsüberlegungen Moltkes, der erstmaligen "Verwertung" durch sofort einsatzfähige Verbände im Transport (im Gegensatz zur geschlossenen Verbringung, bei der die Zeitersparnis durch "Warten auf den Rest" wieder aufgefressen wird, durch Moltkes Winterplanung für die Preuß.-Österr. Krieg in Bezug auf Sachsen, durch Abwägung des Zeitvorteils von 3 Linien gegenüber einer, etc.
     
  10. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

    Das sage nicht ich, das schrieb Ortenburg, dessen Aussagen ich etwas verkürzt wiedergab. Ich denke, 1870 gab es eine längere und gründlichere Vorbereitung. 1866 hat man das m.W. etwas ad hoc organisiert.
     
  11. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Danke für die Ergänzung.

    Ortenburgs Darstellung für 1866 ist dann vermutlich die ältere Sicht.

    Sicher gab es Organisationsmängel, aber wie dargestellt, war der Eisenbahnaufmarsch detailliert Gegenstand von Moltkes Planungen im Winter 1865/66.

    Hinzu kommt, dass in der Krise massiv Druck auf Wilhelm ausgeübt wurde, weil der berechnete Vorsprung von 17 Tagen bei der Konzentration gegenüber ÖU durch Zögern wegzuschmelzen drohte. Allein durch diesen Vorgang wird die Bedeutung des EB-Aufmarsches deutlich. Bzgl. Sachsen gab es außerdem die auf der Eisenbahn basierenden "Handstreich-Planungen" für die drei Tage x-2 bis x+1 gegen Dresden, woraus dann x+2 wurden.
     
  12. Solwac

    Solwac Aktives Mitglied

    Schon vor den ersten Eisenbahnen in Deutschland wurde die militärische Bedeutung der Eisenbahn erfasst. 1833 z.B. durch den Großindustriellen Harkort.

    Moltke verfasste eine erste Denkschrift 1836, eine ausführlichere folgte 1848.

    Ab 1860 wirkte die Militärverwaltung bei der Auswahl der zu bauenden Strecken, der Linienführung, der Betriebsgenehmigung für Privatbahnen, der Ausrüstung und der Betriebsgestaltung mit.

    Schon vor 1866 und 1870/71 drängte Moltke auf die genügende Vorbereitung der Eisenbahnen bereits im Frieden.

    Eisenbahntruppen wurden zwar bereits nach 1866 ins Leben gerufen, aber erst die Erfahrungen von 1870/71 führten zur späteren Ausgestaltung.

    Die Mobilmachung 1870/71 erfolgte innerhalb von 10 Tagen und beförderte fast eine halbe Million Soldaten samt Gerät auf Strecken von bis zu 1500 km an die französische Grenze. Danach wurde Nachschub, Belagerungsmaterial, Verpflegung transportiert, wie auch Verwundete und Kriegsgefangene.

    Den Anforderungen des Militärs ist es zu verdanken, dass viele Nebenstrecken die Länge ihrer Überholungs- und Kreuzungsgleise auf 290 m (halber Militärzug) oder 550 m (ganzer Militärzug) ausgelegt haben.
    Die Aufmarschpläne gingen von einer Geschwindigkeit von bis zu 30 km/h aus und planten die Beförderung von Einheiten in gemeinsamen Zügen.

    Ein Militärzug mit etwa 400 Tonnen Nutzlast (Angaben für 1870/71) konnte ein kriegsstarkes Infanteriebataillon transportieren oder ein bis anderthalb Schwadronen Kavallerie oder eine Batterie Artillerie (bei schwerer Artillerie auch nur Teile).

    Die Angaben folgen im wesentlichen dem Röll: Enzyklopädie des Eisenbahnwesens (1912)
     
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