Frage zum Boxeraufstand

Dieses Thema im Forum "Die großen Kolonialreiche" wurde erstellt von Gast, 3. August 2008.

  1. Gast

    Gast Gast


    hallo zusammen. :)
    ich habe im fernsehen eine doku über den boxeraufstand in china (1900) gesehen, und nun habe ich eine frage. es wäre super wenn mir vielleicht helfen könnte.

    also ich wollte fragen, wieviele europäer den boxern zum opfer vielen und wieviele opfer es insgesamt gab (also chinesen+ europäer) und ich habe gelesen das ca. 2500 soldaten (europäer,amis und japaner) getötet wurden. naja nun war es ja eine alliianz aus acht nationen. ich würde gerne wissen welches land wieviele tote hatte.

    und was ist mit den boxern geschehen? die würden ja wohl nicht alle erwischt oder??? :)

    musste china noch nach dem 1 weltkrieg zahlen? immerhin stand es ja auf der seite der alliierten oder?

    ich hoffe jemand kann mir helfen. bis dahin, schöne grüße.
    :)
     
  2. deSilva

    deSilva Neues Mitglied

    Wenn Du da eine Doku drüber gesehen hast, dann weißt Du ja wohl schon das Wichtigste. Vieles ist allerdings unbekannt, insbesondere die Zahlen, nach denen Du fragst.

    Leider ist diese ganze Angelegenheit auch kein Höhepunkt europäischer Kulturpolitik...

    (1) Die "Boxer" (Yihetuan ) waren ein Geheimbund, wie es in China immer welche gab; in diesem Fall in alten Kampfkünsten geübt und an magische Rituale glaubend. Ihre Kampfweise nannte man mangels eines besseren Wortes "Boxen"; wir würden es wohl heute Kung-Fu nennen.
    Ihr Feindbild waren in erster Linie die zum Christentum konvertierten Chinesen.

    (2) Zahlen, die man nennt: Die Boxer massakrierten offenbar 30.000 dieser chinesischen Christen; dazu kamen einige Europäer, z.B. Missionare. Die Wikipedia nennt 231.

    (3) Darauf schlugen die Europäer zurück, mit zuerst 20.000 Soldaten, später 60.000 oder mehr. Verluste sind hier nicht bekannt. Sie sollen ziemlich gewütet haben - Plünderungen und Vergewaltigungen inbegriffen.

    (4) Die Chinesische Regierung agierte in dieser Auseinandersetzung äußerst ungeschickt; im "Friedensvertrag" (= dem "Boxerprotokoll") wurden ihr deshalb harte Bedingungen diktiert, z.B. eine Reparationszahlung von 70 Mio Pfund Sterling. Die übriggebliebenen "Boxer" selbst tauchten unter...
     
  3. Hurvinek

    Hurvinek Gast


    Insgesamt starben 28 deutsche Soldaten bei Kampfhandlungen. Desweiteren starben am 1.1.1901 beim Neujahrssalutschiessen gleich 8 Soldaten, der größte Tagesverlust der deutschen Armee bei den Toten. Und der deutsche Gesandte von Ketteler, macht insgesamt 37 Tote.
    Der Boxeraufstand ging von Jahreswende 1899/1900 bis Mai 1901. Offiziell wird am 7.September 1901 im Frieden von Peking der Krieg für beendet erklärt.

    In der Verteidigung des Botschaftsviertels Pekings befanden sich keine deutschen Soldaten. Im Expeditionskorps des gescheiterten Admiral Seymour (Eisenbahn) waren vier deutsche Kompanien unter Kapitän zur See von Usedom. Diese wurden von Truppenkontingenten unter Führung des russischen General Stößel und des deutschen Major Christ aus der misslichen Lage beim Rückzug entlang des Flusses befreit.

    Zur Verteidigung des Botschaftsviertels waren 340 Soldaten aus Großbritannien, USA, Italien, Russland, Italien und Japan Ende Mai 1900 in Peking eingerückt. Unter den Briten waren sehr viele indische Soldaten.

    http://www.dhm.de/ausstellungen/tsingtau/katalog/aus2_5.htm
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 3. August 2008
  4. deSilva

    deSilva Neues Mitglied

    Noch einige Zahlen:
    Nach "Whitaker's Alamanack (1900) leben in China an Ausländern:
    4.362 Briten,
    1.439 Amerikaner,
    933 Franzosen,
    870 Deutsche,
    852 Japaner.
    Zusammen: 10.855
    -----
    Während der Belagerung des Botschaftsviertels starben dort:

    5 von 21 Offiziere
    59 von 429 Mannschaften
    12 von ? Zivilisten
    ------
    Mit der "Wittekind" wurden am 2.Mai 1900 von Wilhelmshafen 2.500 deutsche Soldaten abgeschickt (darunter auch ein Dolmetscher!); Ankunft ?
    -------
    Am 26. Juli (mit der "Hunnenrede" verabschiedet) verließen etwa 4.000 Soldaten Bremerhaven (auf der Halle, Dresden, Batavia);Ankunft?

    Am 30./31. Juli dann die Sardinia, Aachen und Straßburg (etwa 2.200 Soldaten)

    Am 2. August Rhein und Adria (2.600 Soldaten)
    Am 4. August HH. Mayer und Phönizia (3.000 Soldaten)
    31. August: Andalusia, Darmstadt, Palatia (3.800 Soldaten)
    ---------------

    Hier die Verlustliste (Tode und Verwundete) der Deutschen (etwas über 100 Tote)
     
    Zuletzt bearbeitet: 4. August 2008
  5. Gast

    Gast Gast

    danke *lächel

    vielen dank für die schnellen antworten. hab mich sehr gefreut, jedoch muss ich eines bemerken. in der doku haben die deutschen mit im botschaftsvirtel gekämpft und in dieser doku hieß es "die deutschen hielten die mauer und erlitten dabei schwere verluste"

    ich finde es erstaunlich, das es keine genauen zahlen gibt...naja bei den chinesen kann ich mir das ja erklären. wenn auf irgendeinem einsamen bauernhof ein christlicher chinese getötet wurde, haben das europäer wohl eher net erfahren (hat sie wohl auch nicht sonderlich interessiert) aber das es keine zahlen zu den getöteten ausländern gibt finde ich krass...immerhin war das vor "nur" 108 jahren... da gibt es ja genauere zahlen zu den kriegen napoleons (oder wie der geschrieben wird...) und die waren ja "fast" 100 jahre früher. (jaja ich weiß, gingen mit unterbrechungen bis 1815....also nicht ganz 100 jahre...:)

    is doch erstaunlich oder????

    viele grüße
    und danke nochmals
     
  6. Hurvinek

    Hurvinek Gast

    Stimmt. Ich habe hier die Zahlen die unter Uniform stehenden Verteidiger des Gesandtenviertels:
    - USA: 3 Offiziere und 53 Matrosen von der "Newark".
    - Österreich/Ungarn: 5 Offiziere und 30 Soldaten von der "Zenta".
    - Großbritannien: 3 Offiziere und 79 Seesoldaten von H.M.S. Orlando und 49 Seesoldaten aus Weihaiwei.
    - Frankreich: 2 Offiziere und 45 Mann von "d'Entrecasteaur" und "Descartes".
    - Deutschland: Leutnant Graf von Soden und 51 Seesoldaten vom 3. Seebataillon aus Kiautschou.
    - Italien: 1 Offizier und 28 Matrosen von der "Elba".
    - Japan: 1 Offizier und 24 Mann vo "Atago".
    - Russland: 2 Offiziere und 79 Matrosen vom "Sissoj Weliki" sowie 7 Kosaken.

    Genau 389 Soldaten und 18 Offiziere.

    Von den Deutschen sind 10 Seesoldaten und ein Gefreiter bei der Verteidigung des Gesandtschaftsviertels in Peking zwischen 20. Juni und 14. August getötet worden. Ein Seesoldat verstarb am 26.August an seinen Verletzungen, zugezogen am 12. August. Von allen ausländischen Verteidigern sind 66 Mann gefallen und 165 Verwundete.

    Ich revidiere auch meine bisherigen Zahlen der deutschen Gefallenen im gesamten Zeitraum des Boxeraufstand:
    188 Tote, 409 Verwundete
    ca. 300 Ausländer wurden getötet
    Beide Zahlen der Getöteten halte ich für vakant, da dies bedeutet, dass die Deutschen weit über die Hälfte der getöteten Ausländer verzeichnen würden.

    (sämtliche Zahlen und Daten nach Ralph Anton, Blankenhain)
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 5. August 2008
  7. deSilva

    deSilva Neues Mitglied

    Der kleine Unterschied zu den von mir angegebenen Zahlen liegt in der Peitang Kathedrale...
     
  8. deSilva

    deSilva Neues Mitglied

    Hast Du nicht die "Verlustliste gelesen? Da stehen doch sogar alle deutschen Verwundeten drin!

    Die von mir ebenfalls angegebene Zahl von 231 durch die Boxer getöteten Ausländern ist doch auch schon mal was....

    Wieso willst Du da noch Genaueres drüber wissen???

    Die Chinesen sind nicht auf einsamen Bauernhöfen getötet worden. Was war denn das wohl für eine Sendung, die du gesehen hast? Aber weder die Massaker der Boxer an den christlichen Chinesen (etwa 30.000?), noch die Strafexpeditionen der Alliierten, noch die bedeutende Anzahl von offiziellen chinesischen Hinrichtungen sind mir zahlenmäßig genauer bekannt....
     
    Zuletzt bearbeitet: 5. August 2008
  9. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter


    Das war Terra X, lief am Sonntag im ZDF

    ZDF.de - Terra X
     
  10. Hurvinek

    Hurvinek Gast

    Das müsste eine "Terra-X"-Sendung gewesen sein. Ich halte von ZDF-Dokus immerhin was, nur wenn "Terra-X" davorsteht, werde ich zurückhaltend. Die Sendereihe bringt viel Geschichts-Quatsch.

    Was die Zahlen der getöteten Chinesen betrifft, wer soll die gezählt oder annähernd geschätzt haben? Oder, wer hatte damals ein öffentliches Interesse daran?
    Die Strafexpeditionen gegen die Boxer verliefen eigentlich so ab, wie in der Doku. Man vermutete in Dörfern auf Höfen Boxer und tötete die dort Anwesenden als Abschreckung für die Gegend.
     
  11. deSilva

    deSilva Neues Mitglied

    Danke für den Link, Ursi!
    Etwas pathetisch, eine auf jugendlich gestylte Cixi, und 400 Europäer gegen 400 Millionen Chinesen.....

    So merkwürdig das vielleicht klingt, es erinnert mich an den sinnlosen Kampf eines Indianervolks gegen eine Gruppe eindringender Siedler...
    Am Ende siegt natürlich die U.S.-Kavallerie...

    Der Film endet...
    Danach plündern die europäischen Truppen drei Tage lang Peking wie schon vorher Tientsin.
    Dann treffen endliche die 20.000 und mehr Mann Strafexpedition ein. Mehrere Monate lang werden (unter von Waldersee) selbstherrlich "Boxer" verfolgt, so wie Hurvinek das schon anreißt.... Und die chinesische Regierung muss ebenfalls Sündenböcke finden. Das ist aber wohl nix für Terra-X...
     
    Zuletzt bearbeitet: 5. August 2008
  12. Daniel Hebron

    Daniel Hebron Neues Mitglied

    Hallo,

    viel weiss ich leider nicht ueber den Boxeraufstand. Nur, dass der Bruder meines Urgrossvaters damals dabei war. Hat ein chinesisches "Wunderkistchen" mit lauter Geheimfaechern mitgebracht (ist leider verschollen) und eine "China-Medaille" "den siegreichen Streitern" erhalten an der er nicht hing und die er auch nie getragen hat. Diese hat er seinem Neffen (meinem Opa) geschenkt (liegt heute bei mir in der Vitrine). Komischerweise hat er nie ueber diese Zeit gesprochen, sondern hat selbst beim "geselligen Beisammensein" gleich abgeblockt.

    Viele Gruesse
    Daniel
     
  13. deSilva

    deSilva Neues Mitglied

  14. Daniel Hebron

    Daniel Hebron Neues Mitglied

    Hallo @deSilva,

    vielen Dank fuer den Link. Werde da mal intensiv reinsehen.

    Gruss
    Daniel
     
  15. Nordgard

    Nordgard Neues Mitglied

    Ich glaube, das der Boxeraufstand, sogar das ende der traditionellen "Zeit" der chinesischen kultur für eine gewisse periode ihrer geschichte eingeläutet hat.
     
  16. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

  17. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Bei der Aufbereitung des Themas „Boxer“ wird von relevanten Historikern wie Esherick, Cohen oder Xiang vor allem die Komplexität des Themas betont. An der Eskalation der Boxer Revolte kann man die Eskalationsspirale und das Ineinandergreifen von innen- und außenpolitischen Ereignissen sehr gut erkennen.

    Wobei scharfsichtige zeitgenössische Beobachter wie Hobson die zentrale Rolle der Mechanismen des Imperialismus bereits zutreffend erkannt, beschrieben und nicht zuletzt kritisiert haben.

    Die einzelnen Punkte sollen – sofern Zeit und Motivation reicht – separat beleuchtet werden. Dennoch eine kurze Einordnung des Themas insgesamt.
    Die Eskalation der Boxer Revolte im Jahr 1900 kann man zutreffend als ein „Bottom-Up-Top-Down“ Prozess beschreiben. Es sind vor allem die lokalen Ereignisse in der Provinz Shandong, und teilweise angrenzenden Provinzen, die auf der nationalen chinesischen Ebene Entscheidungen des „Hofs“ (Kaiserin Dowager Cixi) erforderlich machten (vgl. Chang). Und diese durch den „nationalistischen Filter“ der Interessen der imperialistischen Mächte bewertet wurde und es auf dieser Ebene zu wichtigen Interaktionseffekten mit den Interessen vor allem der katholischen Kirche gekommen ist.

    (Ich beziehe mich nur auf die englischen Wiki-Beiträge, die qualitativ besser sind. Es sind aber auch entsprechende Beiträge in Deutsch vorhanden, wobei der Beitrag zu den „Boxern“ m.E. nicht gut ist)

    https://en.wikipedia.org/wiki/Shandong

    https://en.wikipedia.org/wiki/Empress_Dowager_Cixi

    Die Reaktion der imperialistischen Mächte, die die Botschafter in Peking dem chinesischen Außenministerium mitteilten, beeinflußte nach 1895, dem Zeitpunkt des „Sino-japanischen Krieg“ (vgl. Paine), zunehmend die innenpolitischen Entscheidungen in China auf der nationalen und vor allem auch auf der Ebene der jeweiligen Provinzen.

    https://en.wikipedia.org/wiki/First_Sino-Japanese_War

    Betrachtet man die Genese der historischen Situation im zweiten neunzehnten Jahrhundert dann wird man die gravierende Destabilisierung von China im Rahmen der Taiping – Rebellion (bis 1864) betrachten müssen und die damit zusammenhängenden ca. 30 Millionen (!!!!) Toten (vgl. Reilly).

    Dieser Aspekt ist insofern wichtig, weil er die Tiefenstrukturen der religiösen und ethnischen Konflikte offen legt und zeigt, wie eng auch für China die Diskussion um die „chinesische Identität“ bereits zu dem Zeitpunkt eine Rolle gespielt hat. Und nicht zuletzt auf die schwierige Legitimationssituation der Manchu-Dynastien (Quing-Dynastie) vor dem Hintergrund der Herausforderung durch die Mehrheit der „Han-Chinesen“ und die Revolution von 1911(vgl. Rowe)

    https://en.wikipedia.org/wiki/Taiping_Rebellion

    https://en.wikipedia.org/wiki/Han_Chinese

    https://en.wikipedia.org/wiki/Xinhai_Revolution

    Der regionale Ausgangspunkt für die Boxer Rebellion ist die Provinz Shandong. Im Zentrum des Konflikts zwischen der konfuzianistischen chinesischen Bevölkerung und den Missionaren stehen dabei vor allem der deutsche katholische Orden (SVD), die „Steyler Missionare“. Es geht dabei um die Gewinnung von neuen Konvertiten und die Nutzung von Ressourcen.

    Die Entwicklung ist dabei gekennzeichnet durch eine zunehmende Einmischung der Missionare in die Rechtsprechung in Shandong, mit dem Effekt einer Erosion der chinesischen staatlichen Autorität und dem zunehmenden Widerstand der konfuzianistischen Chinesen gegen die katholischen Missionare.

    Bei Konflikten, bei denen sich die Missionare (SVD) in Shandong nicht durchsetzen konnten erfolgte eine Eskalation durch die Missionare, wobei „Bischof Anzer“ (SVD) den deutschen Botschafter eingebunden hat um den Druck auf das Außenministerium zu erhöhen und eine Lösung im Sinne der Mission (SVD) und der katholischen Konvertiten zu erzielen.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Steyler_Missionare

    https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Baptist_von_Anzer

    Nach dem Juye-Zwischenfall 1897 und der anschließenden Besetzung von Tsingtau durch deutsche Truppen wurde regelmäßig durch die SVD-Missionare mit dem Einschreiten deutschen Truppen gedroht. Allerdings hatte die chinesische Regierung ohnehin als Reaktion auf den Zwischenfall angeordnet, alle strittigen Konflikte im Sinne der Missionare zu lösen.

    https://en.wikipedia.org/wiki/Juye_Incident

    Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Verbindung der katholischen Missionen in China und die Zustimmung zu Flottengesetzen durch das Zentrum im Reichstag.

    In der Folge des Juye-Zwischenfalls wurde die Handlungsunfähigkeit der chinesischen Regierung zunehmend deutlich, die zum einen hohe Reparationen an Japan zahlen mußte, gleichzeitig durch extreme Naturkatastrophen (Dürre und Überschwemmung) in Shandong bekämpfen mußte (vgl. dazu Arnold) und durch eine direkte Intervention ausländischen Militärs in seine inneren Angelegenheiten bedroht war.

    Der Ausbruch der Boxer Rebellion ist somit vor dem Hintergrund von einer Reihe von gleichzeitig einsetzender Probleme nur zu verstehen. Eine wichtige Voraussetzung war sicherlich der budgebedingte Zusammenbruch seiner inneren Ordnung, die extremen Naturkatastrophen auch als Ergebnis der Unfähigkeit das Budget auf die Beherrschung der Naturkatastrophen auszurichten und durch den zunehmenden Druck imperialistischer Mächte und ihrem Wunsch nach „Märkten“ Konzessionen für Häfen und Minen bedroht. Und das in einer Situation, in der die Armee - auch bugetbedingt - abgebaut werden mußten.

    Und an diesem Punkt ergibt sich auch eine Erklärung, warum Cixi sich überhaupt auf die Bewegung der Boxer, als Druckmittel, eingelassen hatte.

    In dieser Situation eskalierte ein regionaler Machtkonflikt in Shandong um die Verfügung über einen konfuzianischen Tempel bzw. um den Bau einer neuen Kirche und führte dazu, dass die soziale Bewegung der „Boxer“ sich gegen die Rolle der Missionare, die sie als einzige Europäer in der Regel nur kannten, und gegen ihre Dominanz als Repräsentaten der imperialistischen Mächte.


    Relevante und verwendetet Literatur:
    Arnold, David (1988): Famine. Social crisis and historial change. Oxford: Blackwell
    Bickers, Robert A. (2011): The scramble for China. Foreign devils in the Qing empire, 1832 - 1914. London: Allen Lane.
    Bickers, Robert A.; Tiedemann, R. G. (2007): The Boxers, China, and the world. Lanham: Rowman & Littlefield.
    Chang, Jung (2013): Empress Dowager Cixi. The concubine who launched modern China. Toronto: Random House.
    Cohen, Paul A. (1997): History in three keys. The Boxers as event, experience, and myth. New York: Columbia University Press.
    Esherick, Joseph (1987): The origins of the Boxer Uprising. Berkeley: University of California Press.

    https://books.google.de/books?id=jVESdBSMasMC&pg=PA123&lpg=PA123&dq=george+stenz+missionar&source=bl&ots=df0zXvtVk4&sig=l6PibkhrbqPwnatfDvIPJLZfSl8&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwjmleyL3pLUAhVCuhQKHUInC5cQ6AEIODAC#v=onepage&q=george%20stenz%20missionar&f=false

    Fenby, Jonathan (2009): The Penguin history of modern China. The fall and rise of a great power, 1850-2009. London: Penguin.
    Hobson, J. A. (1902): Imperialism. A study. New York: J. Pott & Company.
    Klein, Thoralf (2007): Geschichte Chinas. Von 1800 bis zur Gegenwart. Paderborn, München [u.a.]: Schöningh (UTB, 2838).
    Mühlhahn, Klaus (2000): Herrschaft und Widerstand in der "Musterkolonie" Kiautschou. Interaktionen zwischen China und Deutschland 1897-1914. München

    https://books.google.de/books?id=EtO9_XNioR8C&pg=PA363&lpg=PA363&dq=george+stenz+missionar&source=bl&ots=nha7V7Hp_8&sig=GdOjhHgnjReFroK3RBn_cfIf0Tk&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwjmleyL3pLUAhVCuhQKHUInC5cQ6AEIUzAJ#v=onepage&q=george%20stenz%20missionar&f=false

    Paine, S. C. M. (2003): The Sino-Japanese War of 1894-1895. Perceptions, power, and primacy. New York: Cambridge University Press.
    Reilly, Thomas H. (2004): The Taiping heavenly kingdom. Rebellion and the blasphemy of empire. Seattle: Univ. of Washington Press.
    Rowe, William T. (2009): China's last empire. The great Qing. First Harvard University Press Cambridge, Massachusetts: The Belknap Press of Harvard University Press
    Tan, Chester C. (1967): The Boxer catastrophe. New York: Octagon Books
    Xiang, Lanxin (2015): Origins of the boxer war. A multinational study. London: Routledge.
     
    Zuletzt bearbeitet: 28. Mai 2017
  18. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Die Steyler Mission hat schon eine steile Entwicklung durchgemacht.
    In der Zeit des Kulturkampf war es im Deutschen Reich nicht gestattet katholische Orden zu gründen. Die Gründung des Missionsorden Societas Verbi Divini durch deutsche Katholiken erfolgte 1875 in dem niederländischen Ort Steyl, d.h. im Exil. Sofort ging es nach China. Bis 1890 missionierte Bischof Anzer unter französischem Protektorat in Shandong.
    Danach waren die Steyler Missionare plötzlich der Partner des Deutschen Reiches.
     
  19. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Ein paar Punkte, die die zentralen politischen Ideen der imperialen Mächte, die Mißverständnisse und das - oben bereits angesprochene - Kalkül der Kaiserin Dowager Cixi beleuchten sollen

    Mit der Niederlage im Sino-Japanischen Krieg (1895) und der Besetzung von Tsingtau (1897) veränderte sich insgesamt die Einschätzung der globalen Bedeutung von China (vgl.Silbey). Auch ausgelöst und dynamisiert durch die Arbeiten von Mahan und der zunehmenden globalen Rivalität der Großmächte um Märkte und um Konzessionen („Platz an der Sonne“ etc.). Und nicht zuletzt auch um besonders gute Flottenstützpunkte, die die notwendige Infrastrukturelle Voraussetzung der imperialen Ambitionen waren (vgl. Bickers).

    In die auch ein Tirpitz intensiv eingebunden war. Ein Thema, das innerhalb der Marine zu heftigen Kontroversen über die entsprechende Marinerüstung führte und die Alternativen zwischen dem Bau von „Linienschiffen“ oder „Kreuzern“ betraf.

    Die Strategie der westlichen Großmächte für China faßt Hobson wohl zutreffend in den Begriff der „Imperial Christianity“ zusammen und kennzeichnete die enge Verzahnung politischer, wirtschaftlicher und religiöser Ziele. (Hobson, S. 157). Ähnlich wie der „Kranke Mann am Bosporus“ wurde es zunehmend als legitimes Objekt westlichen Imperialismus angesehen und die Interessen an China fokussierten sich zunehmend auf ein „Splitting up the Melone“.

    Mit dieser zunehmenden Rolle von China im Mächtegleichgewicht der imperialen Mächte änderte sich auch das Verhältnis in den westlichen Hauptstädten zu dem diplomatischen Personal in Peking. Die bisherigen Chinakenner verloren ihren Wert, da in den Hauptstädten ihnen unterstellt wurde, sie wurden die globalen Spielregeln des Imperialismus nicht ausreichend beherrschen.

    Der Austausch des Personals in Peking wurde durch ein „Reinrotieren“ von Diplomaten aus Afrika vorgenommen. Mit ihrem Wissen über den „Scramble for Africa“ wurde die Logik der Großmachtrivalität auch auf China projiziert und zu einem „Scramble for China“, im Rahmen des „Great Games“ zwischen den Großmächten (vgl. Xiang, vgl. Chap.2, The Barbarians out of Control ). Mit diesem neuen diplomatischen Personal, das auch seine Überheblichkeit gegenüber anderen Völkern – in diesem Fall den Chinesen - als „Bürde des weißen Mannes“ mit sich brachten, erwuchsen eine Reihe von Problemen, die aus Fehleinschätzungen resultierten.

    Das neue diplomatische Personal interessierte sich nicht für die Probleme von China und entwickelte somit auch keine Sensorik, die die Entwicklung durch die Naturkatastrophen Ende der neunziger Jahre vor allem in Shantung korrekt wahrnahmen.

    Neben der sachlich nicht korrekten Beurteilung der chinesischen Innenpolitik durch die westlichen Diplomaten, trat ein zusätzliches Problem der Kommunikation zwischen den Diplomaten und den jeweiligen Hauptstädten auf. In einer Reihe von Punkten, seit dem Coup von Kaiserin Cixi gegen ihren Neffen, den reformorientierten Kaiser Guangxu, verschärfte sich die Konfrontation zwischen dem westlichen diplomatischen Korps mit der nun wieder überwiegend traditionalistisch bzw. konfuzianistisch agierenden chinesischen Führung unter der Manchu - Kaiserin Dowager Cixi. (vgl. Fenby, S. 56 ff)

    https://de.wikipedia.org/wiki/Hundert-Tage-Reform

    Wobei sich zunehmend eine revisionistische Sicht durchsetzt, wie Rowe formuliert, die differenziert die kontinuierliche Modernisierung von China bereits unter Cixi betont. Eine Einschätzung, die man am erfolgreichen Wirken eines Hart für den Aufbau eines modernen Steuerwesens in China verdeutlichen kann. Und ein Hart, der wohl beste europäische China-Experte seiner Zeit, die Chinesen in jeder Beziehung hoch geschätzt hatte. Und damit in einem deutlichen Gegensatz zu der Beurteilung der Chinesen durch viele andere „Westler“ stand, der eher sozialdarwinistisch bzw. auch rassistisch ausgerichtet war.

    Vor diesem politischen und sozialen Hintergrund eskalierte der Konflikt zwischen der Kaiserin Cixi bzw. dem Hof und den europäischen Botschaftern in Peking. Gerüchte um 1899, die Großmächte wollten militärisch die Kaiserin stürzen und den reform- und westlich orientierten Guangxu wieder einsetzen, verschärften diese Situation und das gegenseitige Mißtrauen.

    Es ist dabei zu betonen, dass die westlichen Diplomaten den Konflikt vorangetrieben haben, ohne ausreichend durch ihre Regierungen dazu legitimiert worden zu sein. Es gab in keinem Land eine Planung, die auf einen von außen initierten Militärputsch hinauslief. Und es gab auch keine Planungen des Hofs, in irgendeiner Form „Ausländer“ zu töten oder zu deportieren.

    Die militärische Schwäche von China wurde durch die Führung in den Jahrzehnten zuvor dadurch versucht auszugleichen, dass die „Barbaren“ durch die „Barbaren“ in einem Gleichgewicht gehalten werden. Diese Strategie funktionierte noch einmal erfolgreich, als es aus chinesischer Sicht galt, weiterführende Annektionen chinesischen Territoriums durch die Japaner in der Folge des verlorenen Sino-Japanischen Krieges zu unterbinden.

    Noch bis zur Besetzung von Tsingtau wachten die Goßmächte noch über das „Gleichgewicht“ der Mächte, aber es wurde durch eine zunehmend aggressive Landnahme nach dem Juye-Zwischenfall 1897 – vor allem auch durch das Deutsche Reich – auf ein neues Niveau gestellt. Und das aggressive Vorgehen der deutschen Kolonialverwaltung wurde zustimmend durch die anderen Kolonialmächte zur Kenntnis genommen und als Legitimation für das eigene zunehmend aggressive Vorgehen benutzt. Das gilt auch für die Christianisierungsstrategie vor allem durch die katholische Kirche, die nach 1897 ebenfalls deutlich intensiver und aggressiver wurde und deutlichere Steigerungsquoten an Konvertiten aufwies.

    Von Esherick und Cohen wird in diesem Zusammenhange betont, dass jenseits der Frage einer direkten militärischen Intervention durch Großmächte aus dem Bereich der kolonialen Erwerbungen – Häfen - auf chinesischen Territoriums, die Wirkungen auf die innere Stabilität Chinas zunehmend negativ waren.

    Die Anwesenheit der imperialen Mächte wirkte sich nach 1897 destabilisierend auf die Innenpolitik aus. Vor allem die chinesische Jurisdiktion und die Exekutivgewalt wurde vor allem in Shantung zunehmend durch das Wirken der katholischen Missionare in Zusammenarbeit mit deutschen Stellen bzw. dem Botschafter in Peking erodiert. Es entstand eine Art hegemonialer Supervision der chinesischen Entscheidungsträger in den Provinzen, deren Entscheidungen jederzeit im Sinne der Kolonialmächte bzw. der Missionare modifiziert werden konnte.

    Die nach 1897 in Shantung einsetzende direkte und aggressive – und nicht legale - Suche nach Lagerstätten für Kohle etc. durch Prospektoren verschärfte die Spannung zwischen den chinesischen Provinzorganen und der kolonialen – deutschen - Besatzungsmacht.

    Da die traditionelle Kontrolle der „Barbaren“ durch die „Barbaren“ nach 1897 offensichtlich gescheitert war, standen der Kaiserin Cixi bei der Ausbreitung der Boxer-Bewegung in den folgenden Jahren eigentlich keine Alternativen zur Verfügung. Diese Bewegung war, wie Hart es bereits Jahre vorher prognostiziert hatte und einen Aufstand der 20 Millionen gegen die Kolonialmächte vorhergesagt hatte, eine der wenigen politischen Instrumente, den Einfluss der Großmächte in China zu begrenzen oder zu neutralisieren.

    Und diese Chance nutzte sie und versuchte die schlecht koordinierte Rebellion für ihre innen- und außenpolitischen Zwecke zu nutzen. Aufgrund der Budgetkürzungen war sie weder in der Lage die Naturkatastrophen wirksam zu bekämpfen, noch standen ihr ausreichende Kräfte zur Repression der Bewegung zur Verfügung, da eine umfangreiche Demobilisierung stattgefunden hatte.

    Allerdings reichte ihre politische Macht innerhalb des politischen Systems auch nicht mehr aus, die entscheidenden Provinzgouverneure nach der Erklären des Krieges gegen die eindringenden westlichen Truppen auf ihre Seite zu ziehen.

    Mit der Konsequenz, dass der westlichen Expedition zur Befreiung des Botschaftsviertels, ein nur sehr begrenzter militärischer Widerstand von Seiten der chinesischen Armeen bzw. Milizen aus den betroffenen Provinzen entgegengestellt wurde.

    Sir Robert S. Hart:
    http://s3.amazonaws.com/academia.edu.documents/45509269/1be08b02-ab7b-45b9-bfc5-e680e859fef7.pdf?AWSAccessKeyId=AKIAIWOWYYGZ2Y53UL3A&Expires=1496157216&Signature=46S0Ckt9a1ny0CnOIghJ3%2FoWWGc%3D&response-content-disposition=inline%3B%20filename%3DPolitics_Power_and_the_Chinese_Maritime.pdf


    Brendon; Juliet (2016): Sir Robert Hart. The romance of a great career, told by his niece juliet bredon. [S.l.]: FORGOTTEN BOOKS.
    Bickers, Robert A. (2011): The scramble for China. Foreign devils in the Qing empire, 1832 - 1914. London: Allen Lane.
    Fenby, Jonathan (2009): The Penguin history of modern China. The fall and rise of a great power, 1850-2009. London: Penguin.
    Hart, Robert S. (2013): These from the land of sinim. essays on the chinese question. Hardpress Ltd.
    Hobson, J. A. (1902): Imperialism. A study. New York: J. Pott & Company.
    Rowe, William T. (2009): China's last empire. The great Qing. First Harvard University Press Cambridge, Massachusetts: The Belknap Press of Harvard University Press
    Silbey, David J. (2012): The Boxer Rebellion and the Great Game in China. New York: Hill and Wang.
    Xiang, Lanxin (2015): Origins of the boxer war. A multinational study. London: Routledge.
     
    Zuletzt bearbeitet: 31. Mai 2017
  20. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Vielen Dank für die instruktiven Erläuterungen "in Tiefe", und mit Literaturquellen als Hinweise!
     

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