Geheimabkommen Italien-Frankreich 1900/1902

Dieses Thema im Forum "Zeitalter der Nationalstaaten" wurde erstellt von Hosenbatz, 6. Juni 2014.



  1. Hosenbatz

    Hosenbatz Neues Mitglied

    1900 und 1902 unterzeichnete Italien mit Frankreich Geheimabkommen, die den grössten Teil der vertraglichen Pflichten gegenüber Wien und Berlin neutralisierten.
    Ich wüsste gern mehr über deren Inhalte.

    Dank im voraus

    Hosenbatz.
     
  2. Turgot

    Turgot Neues Mitglied

    Sollte Frankreich, ohne direkte Provokation, angegriffen werden oder aber den Krieg nach direkter Provokation den Krioeg erklären versprach Italien die Neutralität. Ich denke, das ist kein direkter Widerspruch zum Dreibund, aber wohl gegen den Geist desselben. In der Übereinkunft wurden auch die Besitzverhältnisse in Nordafrika geregelt; Italien erhielt freie Hand in Tripolis.

    Italien benötigte aus wirtschaftlichen Gründen die Freundschaft Frankreichs und kurz nach dieser Vereinbarung konnte Italien eine Staatsanleihe in Paris platzieren.

    Darüber hinaus hatte Italien die Angewohnheit den Dreibund mit einer Erwerbsgemeinsschaft zu verwechseln und die entsprechenden Forderungen der Italiener wurde regelmäßig nicht nachgegeben. Der Dreibund war ein Defensivbündnis.
     
    1 Person gefällt das.
  3. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Sehe ich auch so.

    Es gibt eine Reihe von wirtschaftshistorischen Analysen der öffentlichen Verschuldung Italiens und seines Bankensystems.

    Zwischen 1895 und 1910 sank das italienische Staatsdefizit von rd. 110% des GDP auf knapp über 70% des GDP. Das internationale Anleihesystem funktionierte, bis auf die kolonial-imperialistischen Ansätze, weitgehend unabhängig von Bündnissystemen, und zwar über die beiden dominierenden Finanzzentren London und Paris. Die internationalen Cash Flows in Paris waren durch die extrem kleinteilige Einlagenseite des französischen Kapitalmarkts geprägt ("politisch sensibel", wie Portfolioanalysen zeigen, nur bezüglich existierender Renditedifferenzen und Risikostreuungen), während die Banken technisch die Emissionen abwickelten.

    Bereits vor den hier angesprochenen Abkommen gab es 1880/1900 französische* (ebenso brit., deutsche) Finanzierungen bzw. direkte Investments zB in das italienische Bankensystem. Letzeres wurde insbesondere Ende der 1890er durch zwei deutsche Beteiligungen nach einigen Crashes gestärkt und stabilisiert (was aber nichts mit der Staatsverschuldung im Ausland zu tun hatte).

    Der italienische staatliche Finanzbedarf war in dem Zeitraum überaus überschaubar, bestimmte private Sektoren dagegen für ausländisches zufließendes Kapital wegen Wachstum interessant.

    Im Ergebnis muss man mE zwei Sachen trennen: zum einen die Tatsache, dass politische Absprachen häufig mit Freundschafts- und Höflichkeitsabreden über einzelne Finanztransaktionen begleitet waren, zum anderen den ökonomischen Kontext und die relative Bedeutung solcher Transaktionen.

    *bereits vor dem Abkommen, auch in den Zeiten der Kontroverse oder kolonialen Konfrontation, hielt "Frankreich" (genauer: hielten die französischen Kleinanleger und die Emmissionsbanken in Paris) rd. 80% der gesamten italienischen Staatsverschuldung. Daneben war man massiv vor 1900 in Direktinvestitionen (ebenso wie Briten und Deutsche) investiert.
     
    Zuletzt bearbeitet: 6. Juni 2014
    1 Person gefällt das.
  4. Hosenbatz

    Hosenbatz Neues Mitglied

    Danke für Eure Antworten. Was mich noch interessieren würde ist
    1. Hatte die Übereinkunft im Juli 1914 noch Bestand ?
    2. Sickerten Dinge dieses Abkommens zu Deutschland oder Österreich durch ?
     
  5. Turgot

    Turgot Neues Mitglied

    Italien wollte unbedingt als Großmacht anerkannt werden, doch hier klafften Anspruch und Wirklichkeit auseinander. Aber man hätte in Berlin und Wien gut daran getan,die realen Interessen und Bedinungen des Landes zu messen und dazu gehörte schon aufgrund der eigenen geringen Kraft eine nach allen Seiten hin orientierten Außenpolitik dazu. Das hatte schon der deutsche Botschafter Monts der Reichsleitung empfohlen und das obwohl er Italien eigentlich verachtete.

    Italien galt aus Sicht des Deutschen Reiches, sicherlich sah Wien das nicht wesentlich anders, als schwach und vor allem unzuverlässig. So war Italien beispielsweise bei den schweren Marokkokrisen keine Stütze für Berlin. Die Reichsleitung wird sich bei der relativ passiven Haltung der Entente im Jahre 1912 im Zuge des Libyenkrieges ihren Teil gedacht haben.

    In der Julikrise haben die Diplomaten der Monarchie sich gegenüer Rom vertragsbrüchig verhalten. Weder wurde Italien informiert noch rechtzeitig konsultiert. Man hatte schlicht Sorge, wohl nicht ganz unberechtigt, das Rom alles nach Petersburg weitergibt.
     
    1 Person gefällt das.
  6. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Was tatsächlich geschah. Das spielte eine nicht unbedeutende Rolle beim Poincare-Besuch in Petersburg, als gleichzeitig Meldungen aus Berlin (Dementi des Blankoschecks) und Rom (Bestätigung des Blanko-Schecks) eintrafen.

    Siehe Otte, July 1914.
     
  7. Turgot

    Turgot Neues Mitglied

    Die ganze Thematik ist von deutscher Seite erschreckend nachlässig gehandhabt worden.

    So nahm beispielsweise der deutsche Generalstab die Information des italienischen Generalstabes über die Scherpunktverlagerung der italienischen Kriegsvorbereitungen von der Nordwest- zur Nordostgrenze mit bemerkenswerten Gleichmut auf. Ganz so, als würde es überhaupt gar keine Rolle spielen, dass der eine Bündnispartner den anderen sich mittels Neutralitätszusage in einen künftigen militärischen Konflikt den Rücken gesichert hat.

    Aber auch Bülow war aufreizend lässig. Als man sich deutscherseits endlich dazu bequemte an die italienische Regierung eine Anfrage hinsichtlich der Entente mit Frankreich zustellen, nahm der Reichskanzler sich keine 12 Stunden Zeit um die italienische Antwortnote prüfen zu lassen. Bülow hatte den italienischen Botschafter Lanza zur Erörterung dieser hochwichtigen Frage zu sich nach Hause, Anlass war ein Familienabendessen!, und ging beim Treffen auf die Antwort praktisch gar nicht ein und das obwohl in der Anfrage ausdrücklich nach einer italienisch-französischen militärischen Absprache gefragt worden war. Vor allem wurde kein Wort über die Fortsetzung der militärischen Vereinbarungen , Stichwort 3.italienische Armee, verloren. Unfassbar.

    Er äußerte lediglich die Hoffnung auf eine Wiederbefestigung der deutsch-italienischen Beziehungen.

    Behnen, Rüstung - Bündnis - Sicherheit
     
    Zuletzt bearbeitet: 17. Juli 2015

Diese Seite empfehlen