Germanische Religionen unbewußt weitergeführt

Dieses Thema im Forum "Völkerwanderung und Germanen" wurde erstellt von Andanchamun, 31. Dezember 2004.

  1. fingalo

    fingalo Neues Mitglied


    Mariä Lichtmess am 2. Februar ist im Orient schon im 5. Jh. mit Kerzenprozession bezeugt. Hat sich in Rom dann mit einer dort vorhandenen heidnischen Kultsitte, dem amburbale, verschmolzen. Nix Germanen.

    Der Gedanke an Allerseelen ist bereits bei Isidor v. Sevilla, Reg. Monachorum XXIV zu finden: Tag nach Pfingsten. Richtig eingeführt hat es Abt Odilo v. Cluny (994 - 1084). Da musst Lungos kräftig konstruieren, um eine Verbindung zu den Germanen herzustellen.

    Stimme zu. Zur Ergänzung: Der Transfer dürfte eher umgekehrt gewesen sein, dass die Germanen Hel übernommen haben. Hel ist sprachlich mit Hades verwandt, der zweifellos älter ist. Die christliche Hölle hat nur in der deutschen Sprache etwas mit Hel zu tun, wie du richtig bemerkst. Die gemeinte Sache ist aber etwas anderes. Sie kommt aus dem AT, die Scheol bei Ezechiel und Isaia. Sie ist kein "Totenreich", sondern ein Ort der Vergeltung. Im NT wird das ausgebaut. Die Germanen hatten darauf keinen Einfluss.

    Die Engel kommen wohl aus Ägypten. Die Cheruben auf der Bundeslade (2 Mos 25, 18) waren wohl gefügelte Löwen mit Menschengesichtern. Dass sie Engelsdarstellungen waren, lässt sich aus Gen 3, 24 entnehmen.
    Der "Pferdefuß" ist eigentlich ein Bocksfuß und stammt von den griechischen Satyrn.

    Ich vermute mal, Lungos ist auf drittklassige Tertiärliteratur hereingefallen.

    Fingalo
     
  2. Marc-Alexander

    Marc-Alexander Neues Mitglied

    So viel ich gehört habe soll der Einfluss des "Germanischen Heidentum" in Island besonders gross sein. Ein Kollege von mir der dort mal in den Ferien war sagte mir das es dort sogar Menschen gibt die das "Germanische Heidentum" wieder aufleben lassen. Dass heisst sien tratten aus der Christlichen Kirchgemeinschaft aus und glauben an das was einst unsere Germanischen Vorfahren glaubten.
     
  3. Mercy

    Mercy unvergessen


    Eher an das, was sie glauben, was ihre gemanischen Vorfahren geglaubt haben.
     
  4. Paul

    Paul Gast

    Hallo Fingalo,
    damit wollte ich auf 2 Aspekte aufmerksam machen.
    - Normalerweise wirken Bräuche und Einstellungen auch bei der Annahme eines neuen Glaubens stark weiter. Die Aramäer im Libanon haben viele ihrer Bräuche...von ihrem Ahnenkult, in den folgenden "Phönözischen Kulten", dem Judentum, dem Christentum bis zum moslemischen Glauben weitergeführt, so die Heiligenverehrung. So hast du also Recht, die Moslems haben von den Christen "abgekupfert", wie diese schon ältere Traditionen beibehielten.
    -In Germanien/Deutschland brachte der neue Glaube einen stärkeren kulturellen Bruch, weil wir vieles aus dem Orient z.B. von den Arabern/Juden übernahmen.
     
  5. fingalo

    fingalo Neues Mitglied

    Na ja. War schon stark durch Rom transformiert

    Fingalo
     
  6. Livia

    Livia Neues Mitglied

    Das Wort Ostern kommt nur im Deutschen und Englischen (Easter) vor und beruht auf einer Fehldeutung im 6. Jhd. Im fränkischen Kirchenlatein findet sich die Bezeichnung Albae paschales für die Osterwoche., die auf den Brauch der römischen Kirche zurückgeht, dass die Neugetauften bei den Frühlingsgottesdiensten in weißen Kleidern erschienen ( Weisser Sonntag, Dominica in Albis). Die frühchristlichen Franken verstanden Albae als die "Morgenröten" und übersetzten es mit dem germanischen Wort austro. Die fränkischen Dolmetscher, die mit Augustinus 597 nach England zogen, brachten das Wort dorthin. Dem Wort liegt das indogerm. ausos (Morgenröte, urspr. Licht) zugrunde.
     
  7. hyokkose

    hyokkose Gast

    Das wäre auch eine Möglichkeit, aber mich überzeugt eine direkte Sinnübertragung mehr als die Annahme einer Fehldeutung um zwei Ecken herum.

    Wenn die Franken in der Bezeichnung "Albae paschales" das Wort "albae" mit "austro" übersetzt haben, wie haben sie dann "paschales" übersetzt?
     
  8. Livia

    Livia Neues Mitglied

    Wenn die Übersetzungsfehlertheorie stimmen sollte, haben sie "paschales" gar nicht übersetzt, sondern im Lauf der Zeit einfach wegfallen lassen :rotwerd:
     
  9. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Die ursprüngliche Fragestellung ist doch gewesen, ob Teile der germanischen Religion "unbewusst weitergeführt" werden.

    Aus all dem, was bislang gesagt wurde, ergibt sich, dass in einigen Fällen sprachliche Entlehnungen aus dem Germanischen existieren, die jedoch mit völlig anderen spirituellen Inhalten gefüllt sind. Die oben genannte "Hölle" ist dafür ein gutes Beispiel, die sich zweifellos aus der germanischen "Hel" herleiten lässt, jedoch im Christentum gänzlich andere Funktionen hat. Hier - wie auch in anderen Fällen - wird germanische Religion eben NICHT unbewusst weitergeführt, sondern wir haben nur eine schlichte Wortentlehnung mit anderer Bedeutung vor uns - wennman einmal davon absieht, dass es hier wie da um Tote geht.

    Spannender wäre also zu untersuchen, wo Bräuche, geläufiger Aberglaube und ähnliches mit versunkenen germanischen Bedeutungsinhalten gefüllt sind. Bei den christlichen Festen kommt man dabei - so glaube ich - nicht sehr viel weiter.
     
  10. askan

    askan Neues Mitglied

    Ich überlege gerade, ob der Fassadenschmuck an alten Bauernhäusern auf alte heidnische Vorstellungen zurückgeht? Bei uns in Niedersachsen sind es Wolfsangel, Sonnenscheibe und die typischen gekreuzten Pferdeköpfe am Giebel.
     
  11. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Ich meine mich zu erinnern, dass die gekreuzten Pferdeköpfe an alten Bauernhäusern in der Tat auf heidnische Vorstellungen zurückgehen. Das soll daher rühren, dass Pferde in der germanischen Gesellschaft noch keine Arbeitstiere, sondern Statussymbol waren, die sich nur wohlhabende Leute leisten konnten. Möglicherweise waren Pferde bei den Germanen auch Kultsymbole, was ich aber meiner Kenntnis entzieht.

    Auf jeden Fall wäre das aber schon ein Beispiel, wo germanische Traditionen in unsere Zeit hineinragen. Möglicherweise muss man hierzu auch die Maienkönigin zählen, die noch in einigen ländlichen Gebieten gekürt wird, und vielleicht ist auch das Erntedankfest noch ein Rudiment altgermanischer Zeiten. Vielleicht wissen einige ja noch mehr darüber!!!
     
  12. gode

    gode Neues Mitglied

    Hallo Askan,

    was sind denn "Wolfsangeln"? Das habe ich noch nie gehört, interessiert mich aber brennend.

    Gruß
    Gode
     
  13. askan

    askan Neues Mitglied

  14. ning

    ning Gesperrt

    Lieber Dieter, gottseidank hab ich gestern den (den!) Tacitus geschenkt bekommen. ein sehr sehr dünnes Buch übrigens ;):

    Tacitus beobachtete, dass bei den Germanen das Pferd eine verehrte Stellung hatte. Besonders der Schimmel (sic Niedersachsen) war ihnen heilig, sie hielten weiße Pferde, welche zu keiner Arbeit oder zum Kriegsdienst herangezogen wurden in abgekoppelten Hainen. Die Priester führten die Pfertaln dann zu besonderen Anlässen wie Schicksals-Befragungen heran und interpretierten, also deuteten das Wiehern, Scharren und bestimmte Bewegungen des Pferdes. Man kann also sagen, sie überließen das "Denken schon damals den Pferden", die guten Germanen...

    -


    Aber zurück zum Thema!

    Liebe Lili, beim Thema Sommersonnenwende irrst du: Gerade dieser germanische Feiertag (eigentlich eine Feierwoche) wurde von der katholischen Kirche "überschrieben".
    In Ober- und Niederösterreich und im bayr. Wald heißt das frühere "Sunniwendt-Feuer" nur noch "Petersfeuer", da etwa zur Sonnenwende die Heiligen Peter und Paul in den christlichen Kalender eingetragen wurden. Und so zündet man halt heute die Feuerstöße am 29. Juni an!

    Und das österliche Eierpecken, hatten wir das schon? Das gehörte zum Freija/Frühlingsfest. Hoffe mich da nicht zu irren...

    es grüßt, ning
     
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  15. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    In diesem Thread geht ja einiges durcheinander: Heidnisches und Germanisches wird durcheinandergewürfelt und unterschwellig findet sich bei einigen Diskussionsteilnehmern immer wieder einer Vorwurfshaltung gegenüber "der" Kirche, dass sie heidnische Bräuche womöglich entlehnt hat, wobei auf der anderen Seite alles das, was als unstädtisch oder archaisch wahrgenommen wird (Bäume, Tiere und Tierprodukte, Feuer) per se als von heidnischer Herkunft unterstellt wird. Niemand käme auf die Idee zu skandalisieren, dass die Nazis für ihre Parteitage von der katholischen Fronleichnamsprozession entlehnt und diese ins Megalomanische überhöht haben, "der" Kirche dagegen wird implizit vorgeworfen, dass sie sich da und dort bei heidnischen Bräuchen bedient und diese in ihr Ritual integriert hat. Freilich, selbst wenn man die Entlehnung katholischer Fronleichnamsbräuche in die nationalsozialistische Aufmarschkultur irgendwie skandalisieren wollte, so wäre das doch gegenüber den Abscheulichkeiten, welche die Nazis sich sonst noch leisteten, doch wieder zu vernachlässigen. Ich hoffe, der kleine Perspektivenwechsel wurde verstanden.
    Um zum Ausgangspunkt meiner Ausführungen zurückzukehren: Heidnisches und Germanisches wird munter vermischt, auch nachdem von Mercy, Fingalo, Hyo und Lili bereits darauf hingewiesen wurde, dass das Christentum eben nicht am Niederrhein entstanden ist, sondern im Nahen Osten und Rom, wird das implizit weiter getan. Und was die Naturalien angeht, die in christliche Bräuche und Rituale eingegangen sind - und damit sind synkretistische Übernahmen weder ausgeschlossen noch wird gegen sie polemisiert - so scheint mit doch die Unterstellung an sich, dass sie vorchristlicher Natur sein, mehr über uns zu sagen als über die Bräuche und ihre Geschichte. Wir scheinen uns seit der Mitte des 19. Jhdts. mittlerweile so weit von der Natur entfernt zu haben, dass wir uns gar nicht mehr vorstellen können, dass das Christentum, regional welche diese Bräuche und Rituale aus seiner unmittelbaren Umgebung generiert hat.

    Und das Eierpecken ist seit dem 19. Jhdt. belegt, wer das für heidnisches Gut hält - oder gar gleich gar einer bestimmten germanischen Göttin zuordnen möchte - der muss dafür auch einen handfesetn Beleg bringen!
    Deduktiv würde ich aber meinen, dass hier ein heidnischer Brauch nicht in Frage kommt:
    Das Ei wurde in der Fastenzeit nicht gegessen, also musste man mit den Eiern als wertvollem Rohstoff irgendwie umgehen, sie haltbar machen, also kochte man Soleier, die auch den Ursprung der Färbung des Ostereis darstellen dürften, jedenfalls gibt es mit bestimmten Zutaten (z.B. Zwiebelschalen) marmorierte Muster. Das Ei wiederum (tot wirkende Schale, daraus schlüpft lebendiges Küken) ließ sich wiederum wunderbar als Symbol für Tod und Auferstehung Christi in den Osterkult einbinden, also zunächst aus praktikablen, dann aus kultischen Gründen.

    Dass Peter und Paul mit der Sonnenwende in Verbindung gebracht wird, kenne ich im Übrigen nicht, ich kenne eher das Johannisfeuer. Beide Daten sind freilich nicht einmal eine Woche auseinander.
     
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  16. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    Sehr richtig!
    Ganz besonders amüsant dabei ist, warum sich die unkreative Kirche bzw. das unkreative Christentum speziell bei germanischem Heidentum besonders vehement bedient haben soll :D die mehr oder weniger "germanischen" Bevölkerungsanteile des römischen Imperiums von Konstantin bis Theodosius waren ziemlich gering: was hat der zum Christentum übertretende galloromanische Provinziale davon, dass Weihnachten angeblich extra auf die germanische Sonnenwende gelegt worden sei? Oder wenn man dergleichen etwas schlauer anstellt und sich an Papst Gregor den Großen erinnert, was der so alles zur Missionierung geschrieben hat, dann kann man sich ebenfalls fragen, ob später einen byzantinischen Christen in Nicäa diese Germanen-Sonnenwenden-Weihnachten-Story interessiert hat und ob ihm dergleichen überhaupt bekannt war...

    In der 1. Hälfte des 19. Jhs. begann die Suche nach germanischen Altertümern und wurde auch kräftig übertrieben, Ende des 19. Jhs. setzte dann einige Kritik an dieser Germanenbegeisterung/Heidentumbegeisterung ein (Meyer, Golther) - ein erneuter Aufschwung dieser Begeisterung, nun ganz besonders unrühmlicher Natur, setzte dann in den 20er Jahren ein und trieb arge Blüten bis Kriegsende.

    Germanisches Heidentum war gut anderthalb Jahrhunderte lang eine Projektionsfläche für völkisch-nationale Ideologien, wobei die Quellenarmut natürlich der Fantasie genügend Platz bot. Kein Wunder, dass schon Ende des 19. Jhs. gespottet wurde, dass es Mode sei, überall heidnische Altertümer zu wittern... In diesem Kontext liegt wohl auch der Generalverdacht, dass "die Kirche" ganz besonders viel "germanisch-heidnisches" adaptiert und umgedeutet habe.

    Wie immer bei diesem Thema, ist ein Blick in den RGA Sonderband "germanische Religionsgeschichte" erhellend und ernüchternd: man weiß nämlich nur sehr wenig und nur bruchstückhaftes über das germanische Heidentum. Dasselbe gilt wohl auch fürs keltische. ((zu erwähnen ist noch, dass sich neuheidnische Esoterikvereine - oftmals rechts angesiedelt - zu diesem Thema als Kenner aufspielen...))
     
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  17. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    Weicht die datumsmäßig stark von der Sonnenwende in anderen Gegenden ab?
     
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  18. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Das Osterei hat in Osteuropa eine viel größere Bedeutung als in Deutschland.
    In Griechenland gilt das rotgefärbte Ei als Symbol für das Blut Christi. Auch in der russischen Orthodoxie spielen bemalte Eier eine größere Rolle als in Deutschland. Als besonders Zentrum der Ostereikunst in Deutschland gilt augerechnet das sorbische Siedlungsgebiet. Das scheint eher slawisches, als germanisches Erbe zu sein. Eigentlich spricht alles gegen einen germanischen Ursprung des Brauches.

    Laut englischer Wikipedia wurde die ersten Ostereier von frühen Christen in Mesopotanien bemalt.

    Als letzter Strohhalm für eine germanozentrische Deutung des Ostereis bleibt nur die gebetsmühlenartige Wiedergabe der Interpretationen von Jacob Grimm.
     
  19. Biturigos

    Biturigos Aktives Mitglied

    Ja die heidnischen Weihnachten, alleine der Christstollen, ursprünglich ein getrockneter und vergorener Hirsebrei, mit getrockneten Schlehen anstelle von Rosinen und Haselnüssen statt Mandeln. Statt Zitronat und Orangeat nahm man Sauerklee und kandidierte Hagebutten, Kardamom und Zimt ersetzte man im elbgermanischen Dresdenunum durch getrockneten Waldmeister und Minze. Soll barbarisch gut schmecken....:icecream:
     
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  20. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Den will ich nicht vertreten haben, genauso wenig, wie einen heidnischen Brauch.
     

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