Gründe, die die Diskrepanz zwischen Utopien und demokr. Gesellschaft erklären

Dieses Thema im Forum "Kultur- und Philosophiegeschichte" wurde erstellt von pgeschichte, 10. September 2011.

  1. pgeschichte

    pgeschichte Neues Mitglied


    Hallo,

    dass es Unterschiede zwischen Utopien und Demokratie gibt, steht außer Frage. Aber was sind die Gründe für diese Diskrepanz?
    Ich hab lang überlegt und bis jetzt ist mir nur eingefallen, dass beide von einem grundsätzlich versch. Urzustand ausgehen. Während Utopien von einem Idealzustand ausgehen, tut dies eine Demokratie nicht..sie passt ihre Reformen etc. vielmehr den Bedürfnissen der Bevölkerung an.
    Fallen euch noch mehr Gründe ein?
     
  2. Wilfried

    Wilfried Aktives Mitglied

    Was haben Utopien mit Demokratie zu tun?
    Utopie ist die Beschreibung eines gesellschaftlichen/ politischen Ideals.
    So "die absolute Monarchie mit dem allsorgenden Kaiser (China)", oder "die gebildeten entscheiden immer zum Wohle des Volkes ( Oligarchie)" oder , oder oder.

    Die Real existierenden " Demokratien", (parlamentarische, direkte, mit und ohne imperativem Mandat u.u.u.) versuchen, durch breiten Konsens möglichst vieler Irrtümer bei politischen Entscheidungen zu Vermeiden und Mißerfolge auf viele Väter zu verteilen.

    Das eine sind von Philosophen erdachte Konstrukte, das andere im Prinzip gewachsene Strukturen
     
  3. michaell

    michaell Aktives Mitglied


    Ein Klassiker der Soziologie, der die manchmal ernüchternde Realität demokratischer Prozesse ihren hohen Idealen gegenüberstellt, ist Robert Michels' 'ehernes Gesetz der Oligarchie'.

    Ehernes Gesetz der Oligarchie ? Wikipedia
     
  4. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    Von heute aus betrachtet 200 Jahre; oder auch 500 km.

    Will sagen: Demokratie ist eine Utopie, wenn man sie will, aber nicht hat.
     
  5. Gaius Marius

    Gaius Marius Neues Mitglied

    Eine Utopie ist nicht spezifisch an eine Politform gebunden, auch nicht an positive oder negative Aspekte. Es gibt genügend Negativutopien, ala 1984, Brave New World, Never let me go, etc...

    Oder meinst du "Utopia" von Thomas Morus?
     
  6. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    Diese Diskrepanz wirst Du nicht auflösen können, da es vollkommen unterschiedliche philosophische, historische und staatsrechtliche Kategorien sind; es sei denn, die Demokratie ist Kernthese eines utopisch beschriebenen Idealzustandes.

    Ansonsten gilt:

    "Democracy is the worst form of government - except for all those other forms, that have been tried from time to time." W. Churchill


    M. :winke:
     
  7. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    In #4 und #5 wurde bereits darauf hingewiesen, dass beide Begriffe keine Antagonismen sind.

    Jede politische Idee zur Organisation eines Staatswesens ist im Prinzip in zweierlei Varianten bzw. Formen vorhanden:

    1. Als Utopie in einer idealen Formulierung. Diese Konzeption ist der Sollzustand, den ein Staatswesen erreichen soll oder will, entsprechend der Vorstellungen der jeweiligen "Vordenker".

    2. Als pragmatische Realisation, die sich in die vorgefundenen gesellschaftlichen, ökonomischen und poliztischen Rahmenbedingungen einfügt.

    Die Bedeutung der Utopie liegt primär darin, die Abweichung der Ist-Gesellschaft von der Soll-Gesellschaft zu erkennen und als politischer Kompass zu dienen. Diese Bestimmung des Kurses materialisiert sich in der Form politischer Konflikte.

    Eine Utopie ist dabei eine radikale, idealtypische Formulierung, die sich nicht um die realpolitische Anpassung kümmert.

    Im Gegensatz dazu hat die pragmatische Umsetzung der Utopie eine Reihe von antagonistischen Anforderungen. Zum einen den Abstand zur Utopie nicht zu groß werden zu lassen, um die Identität, die durch die Utopie gestiftet wird nicht zu verlieren.

    Und zum anderen die Effektivität und die Effizienz der Poltikformulierung im Sinne des politischen Ergebnisses (policy-output) sicher zu stellen.

    Dazu gehören die Gesellschaftspoltik, die Außen- und Sicherheitspolitik, die Wirtschafts- und Finanzpolitik und auch die Innenpolitik. Alle die realpolitischen Anforderungen dieser Politikarenen stehen in einem permantenten Konflikt zu den Werten der "reinen Lehre" der Utopie.

    Ds betrifft sowohl die "Demokratie" als politishces Ideal und als pragmatische Umsetzung, aber auch den "Kommunismus" oder auch jede andere Form von politischer Organisation.
     
    Zuletzt bearbeitet: 12. September 2011
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  8. Wilfried

    Wilfried Aktives Mitglied

    Nun, ich denke, ich darf mal zur Verdeutlichung flapsig werden:
    Was ist der Unterschied zwischen einem Wolpertinger und einem Schnitzel?
    Wolpertinger sind Fabelwesen und Schnitzel gibt es, mehr oder weniger ideal und wohlschmeckend zu bereitet, in Gaststätten, Imbissen und zu Hause.

    Der Gerüchteküche nach soll es auch Wolpertinger geben, die man zu Schnitzel verarbeiten könnte, gäbe es sie denn.

    Mathematisch gesprochen:
    Utopien von Demokratien (Beschreibungen idealer Demokratie -Formen) sind Untermengen der Menge der Utopien.

    Demokratie ist , in welcher Form auch immer, eine Untermenge der Staatsformen.

    Die Menge der Staatsformen (real) und die der Utopien haben bisher keine gemeinsame Schnittmenge.
     
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  9. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    Ähnliches hättest Du vor 400 Jahren über den gebratenen Schenkel eines schwarzgefiederten Schwans sagen können; heute: Kein Ding, auch wenn ich nicht weiß, ob die anders schmecken als die heimischen weißen. ;)

    Ich denke, mit einer Gleichsetzung der Begriffe "Ideal" und "Utopie" ist zweiterem nicht geholfen; er würde überflüssig. Eine Utopie zeichnet sich mE vor allem dadurch aus, dass sie (noch) kein reales Vorbild hat, sondern ausschließlich als gedankliches Konstrukt existiert. Ob bzw wie diese diese Gedanken mit der Realität vereinbar sind kann nur selbige zeigen.

    Manchmal zeigt sich gar, dass Utopien gar nicht fanatsievoll genug sein können. Ob Star Trek mit Warpantrieb, Beamen und Kommunismus recht behält steht in den Sternen, aber die 1966er Utopie der Kommunikttaionstechnik des 23. Jh. wirkte schon vor zehn Jahren albern...
     
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