Hilfe! Hitlers Rhetorik...

Dieses Thema im Forum "Das Dritte Reich" wurde erstellt von felixk123, 28. September 2014.

  1. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied


    Ich unterstelle, dass Du mit der Aggregatdatenanalyse vertraut bist. Am häufigsten wird sie z.B. in diesem Forum im Kontext der Wahlentscheidungen in der Weimarer Republik (vgl. Falter: Hitler`s Wähler und entsprechende Folgepublikationen von ihm) zitiert. Inklusive der Hinweise zur Begrenztheit der Aussagen über individuelle oder gruppenbasierte Entscheidungen im Kontext des "ökologischen Fehlschlusses".

    Selb und Munzert haben die These operationalisiert, dass Hitler als Wahlkämpfer einen meßbaren Einfluss haben muss, sofern die in der NS-Forschung geäußerte Vermutung, dass Hitler ein außergewöhnlich guter Wahlkämpfer sei. Und als Grund dafür wurde sein Charisma und /oder seine außergewöhnlich Rhetorik angeführt.

    Dazu wurden die Auftritte den entsprechenden statistischen Einheiten zugeordnet. Für diese statistischen Einheiten kann man eine Reihe von strukturellen Merkmalen hinzufügen, um statistisch vergleichbare - homogene - Einheiten zu erhalten und so die kontrollierbaren Merkmale in der statistischen Analyse zu kontrollieren.

    Es ergibt sich somit eine "Experimentalgruppe", in der Hitler Auftritte hatte und eine Kontrollgruppe, in der keine Auftritte erfolgten. Damit die These als stichhaltig angesehen werden kann, müßte in den homogenisierten statistischen Einheiten in der Experimentalgruppe ein deutlicher Anstieg der Wahlentscheidung für die NSDAP bzw. Hitler zu verzeichnen sein.

    Eine Überlegung, die aus der Wahlsoziologie entlehnt ist, die die Wahlentscheidung zerlegt in die "Parteibindung", die "Zuschreibung von Problemlösungskompetenz bei einzelnen Themen" ("Issues") und die "Kandidatenorientierung".

    Die richtige, angemessene statistische Methode ist dazu die "Differenz von Differenzen.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Differenz_von_Differenzen

    Für mich sieht die Studie, ohne das ich den Datensatz, inklusive der Variablen etc., kenne, methodisch einwandfrei aus. Falters Datensatz war im Prinzip nicht wesentlich anders aufgebaut wie der von Selb und Munzert.

    Die Ergebnisse der Analyse bestätigen lediglich mit einer Ausnahme die Hypothese. Und deshalb erscheinen mir ihre Aussagen und ihre Schlussfolgerungen nicht fragwürdig, sondern korrekt.

    Und auch die Schlussfolgerung ist bemerkenswert: "Auf der Grundlage dieses historischen Belegs empfehlen die Wissenschaftler, auch die herkömmliche Meinung, dass charismatische Führungsfiguren einen entscheidenden Erfolgsfaktor für den Aufstieg für zum Beispiel rechtspopulistische Bewegungen darstellen, mit Skepsis zu betrachten."

    Ein Ergebnis, das sich mit dem Befund von Brown deckt.

    Und das führt zum zweiten Punkt:

    Ich persönlich finde es nicht angemessen, Hitler als "Hampelmann" zu bezeichnen. Und ich finde es auch nicht nachvollziehbar, en passant die "Erklärmodelle" [welche eigentlich?] zu relativiert und ihnen keine plausible Erklärungskraft aus der subjektiven Perspektive mehr zuzuschreiben [mit welcher Begründung?].

    Demgegenüber: Eine Erklärung der Wirkmächtigkeit von Hitler auf die Massen wird kaum ohne die Interaktion traumatisierender historischer Ereignisse und individueller und kollektiver psychischer Reaktionen auskommen. Und mann muss auch die Begrenztheit und den zeitlichen Zusammenhang dieser Wirkmächtigkeit genauso deutlich sehen, um auch die Grenzen vor 1928 zu erkennen.

    Und man übersieht dabei auch schnell, dass er vor der Weltwirtschaftskrise zwar ein politischer Faktor war, aber ohne die Krise und ohne die Determinierung um Hindenburg, eine Diktatur wieder einzuführen, nie Kanzler geschweige denn "der Führer" geworden wäre. Für eine normale parlamentarische Arbeit, wie als Oppositionsführer im Bundestag, fehlte ihm fast jede Voraussetzung.

    Auf den historischen Hintergrund muss nicht eingegangen. Aber es ist kein Zufall, dass die zunehmende Individualisierung in der industriellen Gesellschaft der Moderne durch Leute wie Kracauer (Ornament der Masse oder "Die Angestellten") in den 20er Jahren beschrieben wird. Parallel schreibt Ortega y Gasset sein "Aufstand der Massen" und Le Bon die "Psychologie der Massen". Und das Thema wird in der Folge durch Riesman "Die einsame Masse" und durch die Arbeiten von Arendt zur Grundlegung des Faschismus durch Vereinzelung weiter geführt.

    Im Zentrum steht dabei vor allem die "Mittelschicht" in allen ihren sozialen internen Differenzierungen. Bei Kettenacker wird diese Gruppe zum "kleinen Mann", der voller Angst vor der Zukunft, auf eine bessere Zukunft hofft. Sehr ähnlich kann man Reichs Aussagen über die Ängste des Mittelstands lesen und seiner Reaktion.

    Eine Reaktion, die im wesentlichen auf die Projektion der Wünsche und Hoffnungen auf eine messianische Führungsperson hinausläuft, die die - legitimen - Wünsche nach einem akzeptablen Leben erfüllen kann. Auf der individuellen Ebene, aber auch als Angehöriger eines Landes, das einen Krieg verloren hat. Und somit eine Form kollektiver Deprivation erlebt hat .Dabei ist es nur Wichtig, dieses "Erlösungspotential" auf die bessere Zukunft glaubwürdig zu kommunizieren und es ist zunächst relativ egal, ob man es auch einlösen kann.

    Und an diesem Punkt baut sich Hitler konsequent seit 1920 als einziger "Führer" auf und vertritt diese "Einzigartigkeit" - erstaunlicherweise - von Anfang an als "Alleinstellungsmerkmal". Ein unter Polit-Marketinggesichtspunkten richtiger Schritt, da er damit eine Positionierung einnehmen kann, die die Glaubwürdigkeit seiner Problemlösungen für die "Massen" unterstreicht.

    Natürlich stark durch seine Umgebung bzw. seine politischen Netzwerke in dieser Idee verstärkt, wie bereits sehr früh in München durch seinen Mentor "Dietrich Eckert", der Hitler trotz seines jugendlichen Alters bewundert hatte (vgl. z.B. Tyson: Hitler`s Mentor). Den Rest des Aufstiegs in München bzw. begrenzt auch in Bayern zunächst bis zum "Bierhallen-Putsch mag man als "Lernprozess" bzw. als "Konditionierung" angesichts des zunehmenden Erfolgs interpretieren.

    Die komplexe Entfaltung von Hitler als "Der Führer" inklusive dem "Mythos" als "Messias" und den damit zusammenhängenden religiösen Heilsversprechungen für das "deutsche Volk" ist dann aber eher das Ergebnis der Phase nach 1933 und einer komplett gleichgeschalteten "Öffentlichkeit" und der repressiven Unterdrückung der Opposition (vgl. Herbst und Kershaw)

    Brown, Archie (2014): The myth of the strong leader. Political leadership in the modern age. London: Bodley Head.
    Herbst, Ludolf (2011): Hitlers Charisma. Die Erfindung eines deutschen Messias. Frankfurt, M.: Fischer Taschenbuch Verlag
    Kershaw, Ian (2018): Der Hitler-Mythos. Führerkult und Volksmeinung. Erste Auflage. München: Pantheon.
    Kettenacker, Lothar (1983): Sozialpsychologische Aspekte der Führerherrschaft. In: Karl Dietrich Bracher, Manfred Funke und Hans-Adolf Jacobsen (Hg.): Nationalsozialistische Diktatur 1933-1945. Eine Bilanz. Düsseldorf: Droste (Bonner Schriften zur Politik und Zeitgeschichte, 21), S. 97–131.
    Reich, Wilhelm (2011): Die Massenpsychologie des Faschismus. Köln: Kiepenheuer & Witsch
     
    Zuletzt bearbeitet: 10. August 2018
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Du scheinst aus meinen Worten eine Theoriefeindlichkeit herauszulesen, die nicht gegeben ist. Wählerverhalten ist jedoch wenig theoriebasiert sondern eine Gemengelage aus politischer Anhängerschaft, Emotion, Frust, Sympathie für die Kandidaten etc. Hitler als Hampelmann zu bezeichnen, ist nicht als Verharmlosung gemeint, ich bin keiner von denen, die das Dritte Reich als einen "Fliegenschiss" relativieren. Wenn ich Mein Kampf lese, schreit alles in mir, wenn H. auf sich selbst zu sprechen kommt und sich als jugendlicher Rädelsführer hinstellt Looser! Hitler als Hampelmann zu bezeichnen meint den Redner Hitler. Wir können so rational und differenziert sein, wie wir wollen, wir nehmen die Dinge doch auch immer auch emotional wahr. Und für mich ist der Redner Hitler mit seinen Wutausbrüchen so ein richtiger Fatzke, emotional wahrgenommen. Das kann ich nicht aussperren. Und hier gebricht es mir einfach an Verständnis. Wieso haben die Menschen in den 20ern und 30ern das nicht wahrgenommen? Wieso sind sie diesem Hampelmann - und ja, der Redner Hitler ist ein solcher gewesen! - in Massen gefolgt?
    Ich weiß natürlich auch, dass H. der erste Politiker war, der das Flugzeug als Wahlkampfmittel eingesetzt hat und somit omnipräsenter als seine politischen Gegner war.
    Ich weiß auch, dass man gerne mal die menschlichen Schwächen und logischen Brüche bei Politikern der eigenen Richtung großzügig übersieht, was natürlich, je extremistischer die persönliche Einstellug ist, potenziert wird.
     
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  3. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter


    Dass "Wählerverhalten (wenig) theoriebasiert" sei, ist nach meinem Verständnis nicht formuliert oder diskutiert worden. Ist das ein Versehen?

    Die Diskussion würde ich so verstehen, ob (selbstverständlich kumuliertes) Wählerverhalten durch Modelle beschrieben und erklärt werden kann. Wenn dieses durch Modelle vorgenommen wird, ist außerdem von Aggregaten und Clustern auszugehen, (selbstverständlich) von statistischen Gruppierungen und nicht von individuellem (singulärem) Verhalten oder Empfinden.
     
  4. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    Fuchtelndes Pathos und wutbebende Stimme etc das findet sich auch in etlichen Filmen dieser Zeit wie sich auch die nonverbalen Zutaten des Redners Hitler andernorts in dieser Zeit finden lassen - und dergleichen wirkt für uns wenig überzeugend und eher hampelig. Offenbar wirkte das damals anders als heute auf dich.
     
  5. hatl

    hatl Premiummitglied

    dekumatland,
    das was wir heute in Dokus sehen ist üblicherweise der "emotionale Höhepunkt" einer solchen Rede nach einem langsamen Aufbau und feinfühligem Antesten der Reaktionen des Publikums. Erst wenn dieses dann bereit ist selbst Hampelmann (oder Hampelfrau) zu sein, tritt das hervor, was uns in der selektiven Rückschau fälschlich als "Hampelmann" Hitler erscheint.
     
  6. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    @hatl ja, aber sowohl die gesamte Inszenierung (in Szene setzen) als auch die Art und Weise der quasi "darstellerischen" Höhepunkte sind in Sachen Wahrnehmung nicht zeitlos! Diese Höhepunkte haben bzgl der nonverbalen Ingredenzien durchaus Verwandtschaft mit der Schauspielerei der 20er-30er-40er Jahre, und auch da kommt uns heute vieles gestelzt und gekünstelt bis hampelig vor, was damals sicher eine andere Wirkung hatte. (da gibt es erstaunliches Filmmaterial, auch von Theaterproben!)
    Übrigens dein Argument, dass das Publikum schon Hampelmann sein müsse, damit der Rednerhampelmann zur Klimax zappelt :D kenne ich in anderem Kontext von niemand geringerem als Marquis de Sade: "Siewerden zugestehen, man muß schon selber eine wenig Eselskinnbacke sein, um solche Geschichten zu glauben oder zu erfinden" (Justine et Juliette)
    Aber zurück zum Redner Hitler: die Inszenierungen der Reden (Ort, Licht, Ambiente etc) haben gelegentlich eine modern-archaische Bildästhetik, gar nicht mal weit weg vom frühen Eisenstein, Lang etc.
     
  7. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Hitler hatte lächerliche Züge, und verschiedene Zeitgenossen von Kurt Tucholsky bis zu Ernst Lubitsch und Charly Chaplin haben diese persifliert. gerade zu Beginn deiner politischen Karriere wirkte er oft steif und linkisch, und "Mein Kampf" strotzt geradezu vor "Stilblüten". Seine Reden hatten oft keinen logischen Aufbau, sein Stil war barock-Mein Kampf ist wirklich in einem schlechten Stil geschrieben, und nach bürgerlichen Maßstäben war Hitler eigentlich eine verkrachte Existenz ohne administrative und parlamentarische Erfahrungen, die ihn für ein so verantwortungsvolles Amt wie das des Reichskanzlers qualifiziert hätte. In Amt und Würden war er ein merkwürdiger Reichskanzler, der lange schlief und an Sitzungen und Besprechungen nicht teilnahm.

    Ich habe schon an anderer Stelle geschrieben, dass Goebbels weit größere rhetorische Qualitäten besaß. Hitler hatte aber schon so etwas wie ein negatives Charisma. Wenn er wollte, konnte er die Pose des maßvollen "Staatsmanns" aus dem Volk, den ehemaligen Frontsoldaten annehmen, er konnte freundlich, ja sogar charmant und herzlich sein, und das blieb nicht ohne Eindruck auf seine Umgebung. Politiker wie Lloyd George u. a. waren recht angetan von ihm, und seine Generale, die alle mehr gelernt hatten, als er sind immer eingeknickt, wenn er sie in der Lagebesprechung volllaberte.
    "Wenn ich beim Führer bin, fühle ich mich immer wie ein Würstchen" sagte Karl Dönitz, und dem "Reichsmarschall" Göring fiel nach eigener Angabe "das Herz in die Hose".

    Was seine Qualitäten als Wahlkämpfer und Demagoge betrifft, so war wohl ein Geheimnis seines Erfolgs, dass er authentisch war, dass er es verstand, Affekte, Ängste und Ressentiments zu verbalisieren, die viele seiner Zuhörer nur diffus hätten ausdrücken können. Er sprach aus, was viele ahnten, was viele mit ihm teilten. Er sprach ihnen sozusagen aus der Seele, und wenn er redete, glaubte er selbst an das, was er den Leuten erzählte. Heute war er der maßvolle Friedenskanzler, morgen der Hetzer. Er verstand es, sein Publikum zu einer Masse zu machen, je heterogener seine Zuhörerschaft war, umso lieber war es ihm. Eigentlich hat er die Masse verachtet und machte aus seiner Verachtung auch kein Hehl.
     
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  8. hatl

    hatl Premiummitglied

    Ein paar Anmerkungen zum Redner Hitler.

    1905, noch in Linz lernt H. an einem Stehplatz des Landestheaters Kubizek kennen, der später eine wichtige, wenn auch nicht unproblematische, Quelle über die frühen Jahre Hitlers werden wird.
    K. erinnert Anfang der 50er einen gemeinsamen Besuch der Wagner-Oper Rienzi in diesem Jahr. Im Anschluss daran seien er und Hitler bis in die frühen Morgenstunden zum Linzer Freinberg gewandert.
    Der erst 16-jährige H. habe im „Zustand völliger Entrückung“ „in großartigen und mitreißenden Bildern“ „die Zukunft des deutschen Volkes“ entwickelt.
    Hamann 39ff.
    Es ist naheliegend anzunehmen, dass Hitler die praktischen Fähigkeiten der Rede bereits in der Jugend übte.

    Und auch fünf Jahre später in Wien, lebt er ein ausgeprägtes Redebedürfnis aus. Er ist zu diesem Zeitpunkt im neuen Männerwohnheim untergekommen und versucht als Maler zusammen mit Hanisch über die Runden zu kommen.
    „Die meiste Arbeitszeit hätten H.s Reden und Mitwirkungen an politischen Diskussionen verschlungen, meinte Hanisch: “es war unmöglich Hitler an die Arbeit zu bringen...““
    Hamann 237

    Machen wir einen Sprung in die frühen 20er:
    Hitler hält nun bereits sorgfältig inszenierte und erfolgreiche Reden vor großem Publikum.
    „Vom Jahre 1922 an ging er immer häufiger dazu über, Serien von acht, zehn oder zwölf Kundgebungen, in denen er jeweils als Hauptredner auftrat, an einem Abend zu veranstalten.“
    Wenig überraschend wiederholte er den grundsätzlichen Aufbau seiner Vorträge beginnend mir Schmähung und Diffamierung gegenwärtiger Zustände und steigerte sich dann in flexibler Interaktion mit dem Publikum bis zu ekstatischen Appellen an Einheit und Hass.
    „Den Kopf zurückgeworfen, den Arm schräg vor sich ausstrecken und mit zu Boden weisendem, auf- und niederzuckendem Zeigefinger: so, in der für ihn charakteristischen Pose forderte er … in seinen rhetorischen Rauschzuständen .. nicht weniger als den Weltzustand heraus“.
    Und er verachtet die Gefahr sich der „Lächerlichkeit“ preiszugeben.
    Wie auch immer: „.. jedenfalls standen den Zehntausenden von Zuhörern noch Anfang 1922 nur sechstausend eingeschriebene Mitglieder [der NSDAP] gegenüber.“
    Fest . 218ff

    Und das ist sicher bemerkenswert, denn es weist darauf hin, dass diese Reden vor einer Hörerschaft stattfanden deren Zusammensetzung weitgehend ungesteuert war und mithin auch ein möglicher Einfluss bestellter Claqueure begrenzt bleiben musste.

    Gleiches lässt sich für den größten Triumph des H. als Angeklagter und Redner beim Hitler-Ludendorff-Prozess annehmen.
    Hier kann er stundenlange leidenschaftliche Monologe halten, bereits am ersten Prozesstag redet er dreieinhalb Stunden, über die die Presse wochenlang berichtet. Und „Das kitschige Pathos in Hitlers Schlußrede hat, wie Augenzeugen berichteten, viele Zuhörer zu Tränen gerührt.“
    Der Staatsanwalt hält am Ende dieser Justizfarce gar eine Lobrede auf den Angeklagten.
    Gritschneder 45ff)
    Und Ludendorff, der eigentlich der Star kuriosen Veranstaltung hätte sein müssen, mutierte neben Hitlers Wortgewalt zum Zwerg.
    (In der folgenden kurzen „Festungshaft“ Hitlers entsteht das Buch „Mein Kampf“ und zwar als aufgeschriebene Rede, hier allerdings ohne Interaktion mit einem größeren Publikum.
    Denn das Buch wird nicht etwa von ihm niedergeschrieben, sondern er diktiert es Heß.
    „Da bei Hitler davon auszugehen ist, daß auch die geschriebenen Texte im eigentlichen Sinne Redetexte sind – sein Buch „Mein Kampf“ wurde diktiert, seine Reden hielt er gleichsam beim Diktieren zum ersten Mal“.
    Beck S. 37)

    Es scheint abwegig die starke Wirkung Hitlers als Redner bestreiten zu wollen,
    wenngleich diese sicher einer Erklärung bedarf. Denn rein sprachlich und inhaltlich sind seine Reden ja qualitativ schlecht.
    „Wie Volmert anmerkt, sind die Feststellungen über „informationsarme Sprache“, „beschränkten Wortschatz“, „zahlreiche Wiederholungen“, „grammatisch oft inkorrekte Sätze“ und "einen Argumentationsstil der diesen Namen kaum verdient“ durchaus zutreffend.“
    Beck 33.

    Unterhalb dieser Ebene spielt Hitler jedoch die Klaviatur der interaktiven Rhetorik durchaus virtuos und zieht wohl alle Register:
    Ironie, Häme, Diffamierung, Drohung, Wechseln der Lautstärken und Intonationen in verschiedenen Varianten, Übergang von gleichförmigem zu rhythmischem Sprechen, lachendes Sprechen, Dehnung und Betonung, Konstruktion von Paarbildungen und Dreierlisten, Evozierung und Antizipierung von Publikumsreaktionen meist im Zusammenhang mit drastischer Lautstärkesteigerung der Stimme.
    (Ebd.)


    Verwendete Quellen:
    Brigitte Hamann – Hitlers Wien
    Joachim C. Fest – Hitler
    Otto Gritschneder – Der Hitler-Prozeß und sein Richter Georg Neidhardt
    Hans-Reiner Beck – Politische Rede als Interaktionsgefüge: Der Fall Hitler
     
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  9. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Ludendorff spielte in dieser unfassbaren Komödie die Rolle des ahnungslosen Deppen, der keine Ahnung hatte, worum es eigentlich ging und in was er da "hineingezogen worden" war. Deswegen wurde er als einziger unter den zehn Angeklagten freigesprochen.

    "Vors.: Nun ist Ihr Name öfters genannt worden; man sprach doch von einer Diktatur Hitler-Ludendorff. Hatten Sie Kenntnis davon? Haben Sie mit Hitler darüber gesprochen?
    Ludendorff: Hitler hat mir seine Eindrücke mitgeteilt. Ich habe nicht persönlich an einen militärischen Marsch nach Berlin gedacht. Ich habe das Wort nie als ein feststehendes Programm aufgefaßt.
    *
    Ludendorff: Ich habe so viel gelesen, daß ich nicht mehr die Einzelheiten weiß. Von der Absetzung Eberts hatte ich nichts gehört. [...]"
    (Der Hitler-Ludendorff-Prozeß vor dem Münchener Volksgericht, Politische Prozesse Heft IV, hrsg. von Robert Breuer, Berlin 1924, S. 43)

    Unerheblich für das Urteil waren Ludendorffs Phantasien über eine jüdisch-vatikanisch-wittelsbachische Verschwörung Ludendorff, sie werden zu seinem sinkenden Ansehen in der Öffentlichkeit beigetragen haben.
    "Ludendorff [...] geht aus diesem Prozeß mit einem auch bei der Rechten stark geminderten Ansehen hervor. [...] Ernster [..] ist der Anstoß, den Ludendorff mit seinen ebenso unberechtigten wie ungezügelten Anwürfen gegen das Katholikkentum und den Papst erregt hat. Wenn Ludendorff einen Beweis für seine politische Unfähigkeit noch zu erbringen gehabt hätte, so hat er ihn damit erbracht." (S. 55f)


    Zu Hitlers Auftritt schrieb der Journalist Leo Lania damals:
    "Hitler spricht fast vier Stunden ohne Pause. Die erwarteten 'Enthüllungen' bleiben aus. Seine Rede ist nicht gegliedert, nicht aufgebaut, und wenn man ihn so sprechen hört, versteht man im ersten Augenblick nicht, woher seine Wirkung auf die Masse kommt: die flache, primitive Argumentation und eine Demagogie, die ihre Stärke darin hat, daß sie von keines Gedankens Blässe angekränkelt ist, diese Primitivität einer Beweisführung, die ganz auf 'entweder - oder' gestimmt ist, reißt eben den kleinen Mann, den rabiaten Spießer von der Bierbank mit und nimmt sie für den Redner ein, zumal da dieser über ein gutes Organ und ein tönendes Pathos verfügt [...]
    Ein deutschnationales Blatt hat Hitler einen Besessenen, den von einer Idee Besessenen genannt. Zweifellos. Hitler machte den Eindruck eines ehrlichen Menschen. Aber seine Besessenheit, sein Fanatismus rührte nicht von dem Glauben an eine Idee her, sondern von dem Glauben an seine persönliche Größe."
    (Leo Lania, Der Hitler-Ludendorff-Prozeß, Berlin 1925, S. 84ff)
     
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  10. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Mit dem "Spielen" bin ich einig.

    Das Spiel würde ich allerdings etwas anders deuten. Zwei Kontexte sind dabei aus meiner Sicht zu beachten:

    1. das Kompetenzgerangel zwischen Reich und Bayern um die Führung des Prozesses und hier die Abgrenzung zum (Gürtner: quasi "SPD-verseuchten" Reichsgericht). Die Verteidiger sämtlicher Hauptangeklagter waren Prozess-erprobt mit Hochverrat, in eigener Sache, in Freikorps und Unruhen etc. Gürtner und die Bayern-Justiz gaben nahezu öffentlich die Verteidigungslinie der Hauptangeklagten vor, es läge nicht mal der Anschein des Hochverrats am Reich vor. Diese Rolle wurde "gespielt", in jeder Facette, aber nicht als Bierputsch-Idioten, sondern in der Verteidigungslinie hübsch gebrieft und einstudiert-professionell.

    2. Obwohl man wohl nicht so weit gehen kann, dass der Prozess als Wahlplattform für heroisch-deutsch-nationalistisch gebraucht wurde ("Spiel"), besteht der Kontext aus den Landtags- und Reichstagswahlen 1924. In Bayern kamen die Deutschvölkischen auf rund 6,5 %, erfolgreicher als im Reich. Von den Haupt-Angeklagten landeten der freigesprochene Ludendorff und die auf Bewährung unter Haftanrechnung freigesetzten Röhm und Frick sofort im Reichstag, der ebenso behandelte Pöhner im bayerischen Landtag. Auch das ist Teil des "Spiels", den Hochverrat virtuos durch das Gericht, die Staatsanwaltschaft, die bayerische Justiz und - schließlich - durch ein paar prozess- und verratserprobte Verteidiger ins Abseits zu bringen.

    Deshalb würde ich das nicht unter Deppen packen.
     
  11. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Es bleibt dabei: Letztlich kam das Gericht - trotz aller sonstigen Rechtsbrüche - nicht darum herum, alle Angeklagten wegen Hochverrats zu verurteilen.
    Mit Ausnahme Ludendorffs, dem in der Urteilsbegründung bescheinigt wurde, er hätte nicht gepeilt, was da eigentlich vor sich ging:

    "Nun hätten allerdings Ludendorff bei den Reden im Saale die Augen aufgehen können. Denn dort wurden nicht etwa unverbindlich die Namen von Kandidaten für die nationale Regierung bekanntgegeben, sondern die verfassungswidrige nationale Regierung selbst bestellt. Allein eine ganze Reihe von Augenzeugen hat erklärt, daß Ludendorff auf der Tribüne so ergriffen war, daß er auf die Vorgänge um ihn kaum geachtet habe.
    In der nun folgenden Nacht und am nächsten Morgen hat er sich in der Hauptsache rein passiv verhalten. Jedenfalls keine verfassungsändernen Handlungen vorgenommen, oder solche in irgendeiner Weise gefördert. [...] Seine Teilnahme an dem sogen. Propagandazug hatte nach seiner glaubwürdigen Erklärung jedenfalls nicht die Bedeutung, nun das Hitlersche Unternehmen noch in letzter Stunde zu retten."
    (Der Hitler-Prozeß vor dem Volksgericht in München II, München 1924, S. 103)

    Zu diesem "Propagandazug" gab Ludendorff folgende geistige Bankrotterklärung zu Protokoll:

    "Wir bogen von der Weinstraße in die Perusastraße und dann in die Residenzstraße ein. Warum diese Richtung genommen wurde, kann ich nicht sagen. Ich habe Tannenberg geschlagen und die Gründe für mein taktisches Vorgehen mir erst später zurechtgelegt. Das war ein instinktives Handeln."
    (Der Hitler-Prozeß vor dem Volksgericht in München I, München 1924, S. 77)
     
  12. hatl

    hatl Premiummitglied

    @Sepiola, ich würd sagen, das haut nicht ganz hin.

    Bei Gritschneder findet sich das Urteil (A.) samt Begründung (B. Beschluß und nachfolgend Begründung);
    A. I .
    „werden verurteilt:

    Hitler, Weber, Kriebel und Pöhner
    jeder wegen eines Verbrechens des Hochverrats jeder zu fünf Jahren Festungshaft,...
    …[abzüglich bestehender Haftzeit] ..

    „Brückner, Röhm, Pernet, Wagner und Frick
    jeder wegen eines Verbrechens der Beihilfe zu einem Verbrechen des Hochverrats zu je einem Jahr drei Monaten Festungshaft, ...

    II. … [Freispruch Ludendorff]

    III. Die Haftanordnungen gegen Frick, Röhm und Brückner werden aufgehoben.“

    Es gibt also schon eine weitere Ebene zwischen den als Urheber des Putschplans benannten Hitler, Kriebel, Weber,
    und Ludendorff am anderen Ende der angelegten Skala. Das betrifft auch die unterstellte 'Peilung' .
    „Von den übrigen fünf Angeklagten Röhm, Brückner, Wagner, Pernet und Frick hält das Gericht nicht für erwiesen, daß sie in die von Hitler, Kriebel, Weber und Pöhner ….. gefaßten Entschlüsse eingeweiht waren“
    (Urteilsbegründung Punkt 4.)
     
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  13. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Ich hatte sepiola schon so verstanden, dass er zwischen Hochverrat und Beihilfe zum selbigen nicht differenzieren mag.

    Das - die Subsumtion unter das RStGB im Hochverrat bzw. der Beihilfe - war überhaupt nicht mein Punkt, sondern die Zuständigkeit.

    Erst diese - mit der Rückendeckung des involvierten bayerischen JM und der Staatsanwaltachaft erfochten - mit der entsprechenden Prozessstrategie auf Verharmlosung - sicherte die Mindeststrafen für diejenigen, bei denen man nicht drum herum kam, und auf diese kam die Weichspülung mit kurzem Alibi-Einsitzen und Bewährung "on top" (was für Hitler wegen der Vorstrafe an sich unmöglich war), und für die Beihilfer die sofortige Freilassung (auf Bewährung, bzw. Freispruch für Ludendorff) für den Antritt im Reichs-/Landtag.

    Was sepiola mit "es bleibt dabei" umschreibt, hatte ich überhaupt nicht in Frage gestellt.
     
  14. hatl

    hatl Premiummitglied

    Stimmt.
    Ich hab es nur als Aufhänger benutzt (sorry :D), da Sepiola mE nicht zu Unrecht den Beleg 'Zwerg-Ludendorff' für die überragende Rhetorik Hitlers in Zweifel zieht.

    Der Prozess selber, und dessen Geschichte, ist natürlich der Hammer und wäre vielleicht einer Auslagerung wert.

    Grüße hatl
     
  15. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Da mag man gern differenzieren, aber Ludendorff wurde nicht mal wegen Beihilfe verurteilt, sondern freigesprochen.
    Um nun trotzdem als 'Held' dazustehen, erklärte er unmittelbar nach dem Freispruch:
    "Ich empfinde diesen Freispruch als eine Schande für den Rock und für die Ehrenzeichen, die ich trage, gegenüber meinen Kameraden!"
    (Der Vorsitzende Richter Neithardt sah sich genötigt, Ludendorff und seine johlenden Anhänger "entschieden zur Ordnung" zu weisen.)
     
  16. Solwac

    Solwac Aktives Mitglied

    Hilft das Gerichtsverfahren gegen die Putschisten für das Strangthema?

    Hitlers Reden haben sicher stärker durch die Person Hitlers gewirkt als durch den reinen Text. Die oben angeführte Verschmelzung der Zuhörer zu einer "Masse" sehe ich nicht so. Natürlich soll eine Rede viele Leute einfangen und da ja alle dieselbe Rede hören geht dies nur über Gemeinsamkeiten. Aber ich glaube, dass eher die Fähigkeit Hitlers, den Einzelnen anzusprechen, zumindest für seinen Wahlkampf entscheidend war.

    Selbst mit Flugzeug und viel mehr Auftritten als die Konkurrenz konnte Hitler nur einen kleinen Teil der Wähler direkt erreichen. Sehr wichtig war daher der Effekt durch Multiplikatoren. Leute, die zu Hause, in der Kneipe oder bei sonstigen Gelegenheiten von diesen Wahlkampfreden berichteten und dabei mehr den Eindruck als den Inhalt wieder gaben.
     
  17. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Teil 1
    Der Versuch einer weiteren literaturgestützten Erklärung, die in wichtigen Punkten bereits in #12 und #21 ausformuliert wurde, soll weiterhin ein Widerspruch zu obiger Aussage begründen. Dabei ist die Motivation der Bewunderung von Hitler zu unterschiedlichen Phasen anders akzentuiert gewesen und erklärt auch die unterschiedliche Qualität und Quantität der Bindung an Hitler bzw. an seinen Mythos.

    Es gibt keinen universellen Erklärungsansatz, der den unterschiedlichen Bedingungen der einzelnen Phasen gerecht werden könnte.

    In diesem Sinne kann man vier Phasen abgrenzen. Zum einen ist es die Phase, in der er bis ca. 1929 - im Kern die "Kampfzeit - auf die relativ kleine Nische der rechtsextremen NS-Fanatiker beschränkt war. Die zweite Phase verlief von 1929 bis ca. 1933 und kennzeichnet sich durch den schnellen Ausbruch aus dem begrenzten Potential auf dem rechten Spektrum aus. Und die dritte Phase umfaßt dann die Entwicklung bis 1941 auf den Gipfel seiner Popularität und als vierte Phase gefolgt ab 1942-43 die schrittweise Erosion des Mythos und der Desillusionierung.

    Man kann mit Kershaw für den Gipfel der Popularität von Hitler konstatieren: „Die Bewunderung durch Millionen Deutsche, die sich ansonsten nur in geringem Maße dem Nationalsozialismus verschrieben hätten, bedeutet, dass die Person des Führers als Kern eines grundlegenden Konsenses eine entscheidende integrative Kraft im nationalsozialistischen Herrschaftssystem bildete.“ (S. 13) Die reine Person „Hitler“, so resümiert Stakelbeck Kershaw, Fest und Haffner hätte für sich genommen, diese historische Wirkung nicht entfalten können und an diesem Punkt hat die Ansicht von El Quijote in Bezug auf die Privatperson "Hitler" sicherlich eine Berechtigung.

    Der Bedeutung des angeblichen rhetorischen Talents, oder der besonderen psychologischen Begabungen ist widersprochen worden (vgl. Griffin). Der unmittelbaren Bedeutung des rhetorischen Talents im Wahlkampf als Erklärung für seinen Erfolg ist darüberhinaus mit „harten Fakten“ im Rahmen der empirischen Studie von Selb und Munzert als Mythos entzaubert worden.

    Dennoch ist sein Erfolg zu erklären und Kershaw betont zu Recht (wie in #12 und 21 auch ausgeführt: „Die Quellen von Hitlers immenser Popularität müssen…in denen, die ihn bewunderten, nicht so sehr im Führer selbst gesucht werden.“ (S. 14)

    Für die erste Phase von 1918 bis 1928 soll vor allem in Anlehnung an Stakelbeck argumentiert werden, dass die Kombination des Charismakonzepts (vgl. die ausführliche Darstellung des Konzepts bei Herbst und auch bei Wehler) in Verbindung mit der sozialpsychologischen Interpretation von Hitler als Narzisst, die Wirkung auf den „harten Kern der NS-Gläubigen“ erklären kann. In dieser Phase war Hitler im rechtsextremen Spektrum etabliert, aber er schaffte es nicht, aus diesem Ghetto einer extremen nationalistischen, völkischen Ideologie herauszukommen. Dennoch hatte die Bewegung einen „harten Kern“ der „Hitler-Bewunderer“, die in ihm den „Führer“ als Mythos akzeptierten (vgl. z.B. Longerich, S. 185).

    Stakelbeck argumentiert in Anlehnung an Volkan, dass Hitler eine narzisstische Persönlichkeitsstörung aufwies, die in Interaktion mit seinen Gedolgsleuten zur Geltung kam: „Sie [die Führer] wehren beschämende Erfahrungen durch grandiose Selbstaufwertungen ab und entstellen die Realität durch massive Spaltungen, damit sie in polaren Gegensätzen von „gut“ und „böse“ wahrgenommen werden kann.“ (Stakelbeck, Pos. 4429) Andere Abwehrmechanismen, die zur „Spaltung“ führen sind zusätzlich die Verleugnung von Fakten, die Idealisierung der eigenen Gruppe und ihrer Werte und die Entwertung der Anderen und ihrer Werte. (vgl. Volkan)

    Dieser Mechanismus wirkte auf die Teile des deutschen Volkes am stärksten, die die kollektive Kränkung durch die schockartige Erfahrung der Kriegsniederlage 1918 und die damit verbundene kollektive Demütigung durch den VV besonders stark subjektiv wahrgenommen haben.

    In dieser Situation konnte Hitler durch die Leugnung der realen Ursachen des Zusammenbruchs und der Verantwortung eine Alternative anbieten, die das kollektive Trauma erträglich macht. „Bei ihren Anhängern lösen solche Führer eine kollektive Regression aus …. Die narzisstischen Führer werden zunächst als Retter angesehen und übernehmen eine reparative, heilende Funktion für das Kollektiv. Umgekehrt stabilisiert die Anerkennung durch das Kollektiv die Selbstkohärenz des Führers.“ (Stakelbeck, Pos. 4460)

    Und an diesem Punkt weist Stakelbeck auf einen wichtigen Unterschied hin, der jedoch für die Ausbildung des Mythos vom „Führer“ relevant ist. „Hitlers Auftritte in seiner Wiener Zeit und die als „Führer“ sind erstaunlich ähnlich. Mit einem gewaltigen Unterschied. Das Publikaum spielte nun mit. Mit der fatalen Konsequenz, dass Hitlers Dynamik sich voll [in München] entfalten konnte, So konnte Hitler zu Hitler werden.“ (Stakelbeck, Pos. 4720) Stakelbeck bezieht sich dabei auf die Darstellungen von Hamann.

    Die Benennung der positiven deutschen Werte durch Hitler im Rahmen seiner Reden erzeugte dabei die notwendige Identifikation und die Dichotomisierung der Beschreibung der politischen Realitäten durch ihn im Rahmen der Spaltungsprozesse erzeugte gleichzeitig die notwendigen Feindbilder. Diese konnten dann als Projektionsfläche für das „Böse“ schlechthin genutzt werden und kanalisierte die Aggression nach außen gegen den Verursacher der kollektiven Demütigung. Den „marxistischen Juden“.

    Erstaunlicherweise – und Stakelbeck geht explizit auf diese Passage ein – formuliert Hitler das Prinzip der Spaltung bei seinen Überlegungen zur „politischen Reklame“ aus (Hitler, S. 192 ff; Hartmann u.a. S. 505 ff)

    Es ist somit nicht die Rhetorik, die unmittelbar in seinen Auftritten während der Kampfzeit die Anhänger überzeugt hatte, sondern das inhaltliche Versprechen einer Problemlösung und die Bestrafung der Schuldigen, also eine Form von universeller Gerechtigkeit, die eine Identifikation mit der NS-Bewegung erzeugte und in Hitler den „heroischen Führer“ erblicken wollte, der diese Ziele "rücksichtslos" autoritär durchsetzt.

    Die Radikalität und die Aggressivität des Auftritts der NS-Bewegung und von Hitler führte lange zu einer deutlichen Ausgrenzung durch die Arbeiterbewegung und durch das Bürgertum, aber mit der Weltwirtschaftskrise um 1929 änderten sich die relativ stabilen Rahmenbedingungen in der Weimarer Republik.

    In der zweite Phase konnten die Mechanismen der politischen Propaganda, so wie sie Hitler selber beschrieben hatte, noch erfolgreicher nutzen, ohne grundsätzlich die Form der massenpsychologischen Indoktrination zu verändern. „Die Wirkung seiner Reden beruhte vielmehr auf der Inszenierung.“ (Longerich, S. 183), die in jeder Beziehung präzise durch die NS-Parteiorganisation vorbereitet und durchgeführt worden ist. Nur unter diesen Voraussetzungen einer optimalen und störungsfreien Durchführung war Hitler überhaupt bereit, seine Rede nach einem festgeschrieben Ablauf, frei zu halten. Wobei bestimmte Elemente der Argumentation kombiniert werden konnten und er meistens mit einem "historischen Einstieg" begann.

    Relevant ist diese Inszenierung deshalb, weil die NS-Bewegung durch ihre paramilitärisch organisierte Geschlossenheit und das Betonen der alleinigen Entscheidung durch den „Führer“ eine klar positionierte Alternative zu den demokratischen Parteien der Weimarer Republik bot. Parallel: Die Intensität der Bedrohung, nach der Inflation Anfang der zwanziger Jahre, durch die heraufziehende Weltwirtschaftskrise schürte Ängste, die noch zusätzlich durch die hugenbergsche Presse angestachelt wurde. Verbunden damit eine erneute Infragestellung der kapitalistischen Wirtschaftsstruktur wie nach der Hyperinflation.

    Aus dieser Situation heraus, so die Arbeiten von Childers und Falter, gab es von Wahl zu Wahl nach 1928 eine zunehmende Wählerwanderung nach links und vor allem nach rechts Außen in Richtung NSDAP. Die auch, so Ullrich, durch die Ideologie der extremen Konservativen wie Spengler, Moeller van den Bruck, Jünger oder C. Schmidt intellektuell vorbereitet worden ist. (Ullrich, Pos. 4848)

    Vor diesem Hintergrund, so führt beispielsweise Griffin aus: „Allem Anschein nach wandten sich die neu Bekehrten, die von seinem ansteckenden Sendungsbewußtsein mitgerissen wurden, nur deshalb Hitler zu , weil sie verzweifelt waren. Während der Goldenen Zwanziger Jahre ignorierten die Deutschen diesen bösartigen kleinen Mann mit seinem Hassprogramm.“ Und schlussfolgert: „Wenn eine große wirtschaftliche Not auf eine Gesellschaft mit einem demokratischen Defizit trifft, kann dies einen Sturm der Verzweiflung, Angst und Ressentiments entfachen, der auf Sündenböcke projiziert wird. Die Menschen beginnen sich nach radikalen Lösungen zu sehen.“ (Griffin, Pos. 4884ff)
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. September 2018
  18. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Teil 2
    Der Wunsch nach einer harmonischen Wiedergeburt der Nation, nach „Größe nach Außen“ und Prosperität nach Innen, waren nach 1929 treibende Momente, die einen großen Teil der neu hinzugewonnenen Wähler zu Gefolgsleuten von Hitler machte. (vgl. z.B. Abel zu dieser Motivation).

    https://www.berliner-zeitung.de/pol...-beschreiben--warum-sie-nazis-wurden-31235180

    Aber auch zu diesem Zeitpunkt gab es viele kritische Stimmen, die teilweise präzise auf die Gefahren durch Hitler für die Weimarer Republik hinwiesen, wie Thomas Mann am 17.10, 1930 im Berliner Beethoven Saal, der allerdings auf „taube Ohren“ in der bürgerlichen Öffentlichkeit traf (Ullrich, Pos. 4827ff). Am deutlichsten wird von Ernst Toller vor Hitler gewarnt und Toller beschreibt relativ präzise die Konsequenzen, sofern Hitler an die Macht kommen wird.

    In diesem Kontext empfand Meinicke die Situation so, so Ullrich, dass die bürgerliche Öffentlichkeit zwar das aggressive Verhalten der NSDAP bzw. von Hitler ablehnte, aber die Nützlichkeit der NSDAP sah, ein Gegengewicht zur KPD zu bilden.

    Es sind aber auch in dieser Phase kollektive Projektionen auf den „heroischen Führer“, die durch die Dramaturgie der Auftritte von Hitler verstärkt werden. Und auch in dieser Phase ist das Prinzip der „Spaltung“ wirksam, da einfache Antworten von Hitler geliefert werden in Kombination mit einer eindeutigen Schuldzuweisung in Richtung der „marxistischen Juden“.

    Und auch für die dritte Phase nach der Machtergreifung nach 1933 sind es eine Reihe von neu hinzukommenden Faktoren, die der Grund sind für die eingangs von Kershaw beschriebene hohe Popularität von Hitler.

    In dieser dritten Phase ist die Gleichschaltung der Presse und die Uniformierung der öffentlichen Meinung die zentrale Größe, die meinungsbildend wirkt. Von Goebbels werden die modernen Instrumente der Propaganda, Aufmärsche,Tagespresse etc., Radio, Buchpubliktionen und Kino gezielt eingesetzt, um das Image des Führers weiter zu dramatisieren (vg. Herbst).

    Es erfolgt ein Agenda Setting, dass die „Erfolge“ des Führers in Permanenz dem deutschen Volk vor Augen führt und so zu einem politischen Framing kommt, dass die NS-Ideologie, den Mythos des Führers und seine politischen Aktivitäten in Übereinstimmung sieht.(vgl. Wehling).

    Durch die Gleichschaltung der Presse werden rivalisierende Informationen ausgeschaltet. Es können nur die Informationen im Rahmen der kollektiven Meinungsbildung verarbeitet werden, die dem von Goebbels geplanten politischen Framing entsprechen. Die Folge dieser einseitigen Versorgung mit Informationen und der Ausschaltung der politischen Opposition ist der Prozess, den Noelle-Neumann mit dem Mechanismus der „Schweigespirale“ beschrieben hatte. Die passive Mehrheit passt sich den aktiven – NS - Meinungsbildner an.

    Aber auch in dieser Phase ist es erneut nicht eine optimierte Rhetrorik, keine Form der verbesserten massenpsychologischen Hypnose der Massen während der Veranstaltungen, sondern der zusätzliche mediale Druck, die Repression und die Alternativlosigkeit der Deutungen, die die Popularität von Hitler in großen Teilen des ge- und verblendeten deutschen Volkes hat anwachsen lassen. Und es bleibt das Grundprinzip der „Spaltung“, die weiterhin die Grundlage bildet, dass die politischen Ziele von Hitler für viele akzeptabel waren und sie u.a. zur „Generation des Unbedingten“ (Wildt) machte oder auch nur zu einfachen, aber auch überzeugten Mitläufern.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Nationalsozialistische_Propaganda

    Dass er jenseits der Begeisterung für Hitlers Mythos nach 1933 auch weiterhin eine Distanz aus allen gesellschaftlichen Schichten gab, belegt das Tagebuch von Kellner. Der sich ein eigenständiges Urteil bewahrt hatte, trotz der massiven NS-Propaganda.

    Der Zerfall des Mythos wäre ein separates Thema und soll deshalb nicht weiter ausgeführt werden.

    Gezeigt werden sollte, dass Hitler kein „Fatzke“ und kein „Hampelmann“ war, sondern ein präzises Verständnis der politischen Propaganda hatte, die weit über das hinausging, was durch die unmittelbare Rhetorik an Wirkungen erzielt werden konnte.

    Abel, Theodore (2017): The Nazi movement. Abingdon, Oxon, New York, NY: Routledge.
    Griffin, Roger (2014): Der größte Verführer aller Zeiten? Über die Anziehungskraft des Nazismus. In: Gudrun Brockhaus (Hg.): Attraktion der NS-Bewegung. Essen: Klartext.
    Herbst, Ludolf (2011): Hitlers Charisma. Die Erfindung eines deutschen Messias. Frankfurt, M.: Fischer Taschenbuch Verlag .
    Hitler, Adolf; Hartmann, Christian; Vordermayer, Thomas; Plöckinger, Othmar; Töppel, Roman; Raim, Edith et al. (2016): Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition. München, Berlin: Institut für Zeitgeschichte.
    Kellner, Friedrich (2013): "Vernebelt, verdunkelt sind alle Hirne". Tagebücher 1939-1945. Göttingen: Wallstein.
    Kershaw, Ian (2018): Der Hitler-Mythos. Führerkult und Volksmeinung. Erste Auflage. München: Pantheon.
    Longerich, Peter (2017): Hitler. Biographie. Erste Auflage. München: Pantheon.
    Noelle-Neumann, Elisabeth (1991): Öffentliche Meinung. Die Entdeckung der Schweigespirale. Frankfurt/M.: Ullstein.
    Selb, Peter; Munzert, Simon (2018): Examining a Most Likely Case for Strong Campaign Effects: Hitler’s Speeches and the Rise of the Nazi Party, 1927–1933. In: Am Polit Sci Rev 14, S. 1–17.
    Stakelbeck, Falk (2014): Hitler, Die Attraktivität der Spaltung. In: Gudrun Brockhaus (Hg.): Attraktion der NS-Bewegung. Essen: Klartext.
    Ullrich, Volker (2013): Adolf Hitler. Biographie, Bd. 1. Die Jahre des Aufstiegs 1889 - 1939. 2 Bände. Frankfurt am Main: S. Fischer.
    Volkan, Vamik D. (2004): Blind trust. Large groups and their leaders in times of crisis and terror. Charlottesville Va.: Pitchstone Pub.
    Wehler, Hans-Ulrich (2009): Der Nationalsozialismus. Bewegung, Führerherrschaft, Verbrechen 1933-1945. München: C. H. Beck.
    Wehling, Elisabeth (2016): Politisches Framing. Wie eine Nation sich ihr Denken einredet - und daraus Politik macht. Köln: Herbert von Halem Verlag
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. September 2018

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