Historische Filme angesiedelt um 1800

Zwar ist das nicht die Regel, aber es gibt cineastische Kassenschlager, bei denen das durchaus so ist, z.B. Conan der Barbar

Dennoch halte ich es nicht für richtig, aus dem kurzen Beitrag von @Dion diese vermeintlich allgemeingültige Regel (schauspielerisches Können zähle nicht) herausziehen zu wollen... Ein genialer farbiger Darsteller wird in einem Film schauspielerisch überzeugend einen Kolumbus zwar spielen können, aber optisch/filmisch wird diese Leistung dennoch nicht überzeugen (muss das erklärt werden?) wie auch z.B. Liefers in der Rolle von Martin Luther King keinen Begeisterungssturm entfesseln würde. Die Besetzung bei Filmen orientiert sich nun mal sowohl am mimischen Können als auch am Aussehen der Darsteller. @Sepiola hat das schön auf den Punkt gebracht.

Übrigens gerät der dem Film inneliegende optische Realismus gelegentlich durchaus in komische Wiedersprüchlichkeiten: Drachen müssen realistisch wirken (Harry Potter, Herr der Ringe etc), obwohl eigentlich niemand weiß, wie ein Drachen aussieht...

Gute Schauspieler zeigen häufig ihre Klasse gerade auch in schlechten Filmen. Die Klasse reicht zwar nicht, um z. B. einen Till Schweiger-Film geistreich und unterhaltsam zu machen. Gute Schauspielerinnen wie Tina Ruhland können aber dazu beitragen, überhaupt einen Till Schweiger-Film ertragen zu können-und das ist immerhin sehr viel.
 
Hatten wir den schon? Könnte einen Gang ins Kino wert sein, falls er hier gezeigt wird...
https://de.m.wikipedia.org/wiki/Chevalier_(2022)
Auf arte findet man momentan mehrere Jane Austen-Verfilmungen. Habe da auch eine neuere "Persuasion"-Verfilmung angesehen, die ich nicht so unterirdisch war wie die neueste ...

Ich bin gespannt ob der von Dir angesprochene Film in die deutschen Kinos kommt. Sieht erstmal ganz interessant aus. :)
 
"Persuasion"
UK, 2007, Regie: Adrian Shergold


Handlung: Die Handlung der Verfilmung folgt weitesgehend dem Roman. Ein fundamentaler Unterschied ist, dass man desöfteren auch die Perspektive von Captain Wentworth (Rupert Penry-Jones) erfährt, etwa wenn er sich Sorgen darüber macht, als man von ihm erwartet, dass er Louisa Musgrove (Jennifer Higham) heiratet. Außerdem wird ziemlich deutlich gemacht, dass Mr. Elliot (Tobias Menzies) nur am Titel von Sir Walter gelegen ist, den er dadurch zu verhindern sucht indem er nach einer Vermählung mit Anne (Sally Hawkins) sogleich Mrs. Clay (Mary Stockley) als Mätresse in London unterhalten wollte, damit diese nicht vielleicht mit Sir Walter (Anthony Head) einen Erben des Baronet-Titels zeugen könnte.

Anders als die Verfilmung von 1995 wird der Niedergang von Sir Walter Elliot deutlich drastischer dargestellt. Da die Handlung in nur 92 Minuten Laufzeit gepresst wird, fallen nette Details wie zeitgenössische Freizeitbeschäftigung weitesgehend weg.
Bei den schauspielerischen Leistungen fällt auf, dass Sally Hawkins doch deutlich heraus sticht. Ihre Befürchtungen und Trauer um die verlorene Perspektive mit Captain Wentworth wird erheblich klarer dargestellt. Dahingegen wirkt Penry-Jones als Wentworth wenig charismatisch und man fragt sich ein wenig, warum ihm alle Frauenherzen zufliegen sollen, zumal er für einen Captain doch etwas arg jung aussieht. Anders als Corin Redgrave (1995) und Richard E. Grant (2022) macht Anthony Head den regelrecht karikaturenhaften Charakter von Sir Walter nicht wirklich erkennbar. Die Darstellung von Charles Musgrove durch Sam Hazeldine hat mir auch nicht wirklich gefallen, da ja Charles in dem Roman eine der wenigen "normalen" Figuren ist, die dem Leser eher nahe steht. Vielleicht erstaunt den Zuschauer keinen der 3 Captains und auch nicht den Admiral jemals in Uniform zu sehen. Aber das fand ich nicht so verkehrt. Die Ausstattung ist OK. Die Locations sind überwiegend gut gewählt, nur fällt am Ende v.a. an den modernen Fenstern auf, dass man sich bei dem Filmen von Bath nicht ganz soviel Mühe gemacht hat. Insgesamt erkennt man, dass es eben nur das dürftige Budget einer TV-Produktion gab, wodurch die Kostüme teilweise etwas abgetragen (recycled aus älteren Filmen) und manchmal auch unpassend zum Charakter wirken (warum hat Cpt. Wentworth als reicher, junger Mann so altmodische Kleidung und warum sieht Anne so ärmlich gekleidet aus?).

Insgesamt eine solide Leistung, wenn auch für mich nicht so überzeugend Roger Michells Verfilmung. 6 von 10 Tränchen.
 
Da der Film im 18. Jh. und frühen 19. Jh. spielt und auch etwas Märchenhaftes an sich hat, war ich mir anfangs nicht ganz sicher, ob er hier reingehört.

"Die Vermessung der Welt"
Regie: Detlev Buck, D 2012


Handlung: Man erlebt parallel die Karrieren von Alexander von Humbold und Carl Friedrich Gauß von ihrer frühesten Kindheit bis ins hohe Alter. Das bedeutet aber auch, dass der Film eher episodenhaft erzählt.
Der Fokus ist einmal auf Gauß, der zusammen mit von Humbold in jungen Jahren dem Herzog Karl Wilhelm von Braunschweig-Wolfenbüttel (Michael Maertens) vorgestellt wird, der Gauß fördern will, auch wenn er - als begeisterungsfähiger geistig zurückgebliebener Trottel geschildert, weder Gauß noch von Humbolds Forschungen wirklich begreifen kann. Besonders der braunschweigische Kommandeur (Max Giermann) wirft Gauß vor, dass seine Arbeiten keinen realen Nutzen haben, woraufhin sich Gauß an die Landesvermessung macht. Hierbei begegnet er (Florian David Fitz) Johanna (Vicky Krieps), welche ihn auf bahnbrechende Ideen bringt. Nach der Fertigstellung eines Buches begibt er sich zu Kant (Peter Matić), der allerdings mittlerweile geistig umnachtet den Mathematiker garnicht mehr verstehen kann. Nach dem Tod seiner Frau und einer Wiederverheiratung wird aus Gauß zusehends ein sich missverstanden fühlender verbitterter Mann, der auf die Bitte von Humbolds auf eine Tagung nach Berlin reist, wo sein Sohn Eugen (David Kross) als rebellischer Burschenschaftler verhaftet wird.
Aus von Humbolds (Albrecht Schuch) langem Leben wird fast nur auf die Forschungsreise an der Seite von Aimé Bonpland (Jérémy Kapone), den er fortwährend wie einen Diener von oben herab behandelt, eingegangen. Auch die Schattenseiten auf dieser Reise werden thematisiert etwa wenn er entgegen dem Wunsch von Eingeborenen deren Mumien entführt um sie seinem Herzog zuzuschicken.
Nebenbei wird ein bisschen das Geschehen in Deutschland thematisiert ohne besonders in die Tiefe zu gehen. Das Kostümbild verwehrt dabei für den Zuseher ein bisschen eine zeitliche Einordnung.

Der Film versucht weder zu ernst noch zu heiter das Leben beider deutscher Forscher zu skizzieren. Manche Figuren wie die des braunschweig-lüneburgischen Militärkommandeurs und des Herzogs erscheinen da als die reinsten Karikaturen. Der erfahrene Feldherr Karl Wilhelm v. B.-W. soll bspw. keine Ahnung von Mathematik haben und wird auch später wohl als Zeichen einer - offensichtlich fiktiven - Dekadenz in einer Art Rokoko-Outfit dargestellt und schon so geistig umnachtet, dass er den Konflikt garnicht versteht als er 1806 gegen die Franzosen auszieht. Dass zu dem Zeitpunkt Kurhannover bereits von Frankreich annektiert ist, bleibt außen vor. Seine Rolle und die einiger anderer Figuren (wie der scheinbar vertrottelte spätere Kaiser Wilhelm I.) haben nichts mit den historischen Personen zu tun. Dass 1806 die Preußen Uniformen wie 1813 tragen und damit überhaupt ein gegensätzliches Erscheinungsbild liefern (obwohl man sicher an gute Repliken gekommen wäre) passt insgesamt in das sehr freie beinahe theaterhafte Bild von der Epoche. Hierbei bedient sich Drehbuch und Regie der Mittel einer Farce, um offenbar die Handlung aufzulockern, welche durch den ernsthaften Charakter v.a. von Gauß etwas schwerfällig wirkte.
Entgegen der damaligen Kritiken fand ich den Film recht unterhaltsam, v.a. wenn man das Grimassenschneiden von Maertens und Giermann mag.
Denn der Cast hat mir teilweise gut gefallen und erreichte m.E. was intendiert war. Besonders Vicky Krieps als einfühlsame Gemahlin an der Seite von Gauß wusste zu überzeugen. Mit Karl Markowics und Katharina Thalbach hatte man ein paar erfahrene Mimen als Backup.

Ich würde den Film etwa ähnlich wie "Persuasion" einschätzen, auch weil ich ihn garnicht als besonders historisch einstufen würde. 5,5 Punkte auf der Landkarte.
 
"The scandalous four"
UK 2011 Regie: Christianne Wijk


Handlung: 1809 soll die junge Penelope (Samantha Hill) unbedingt von ihrem krautbärtigen Vater Mr. Kendrick (Chris Butler) verheiratet werden. Nach vielen albernen Figuren, die sich vorstellen, entscheiden sich ihre Eltern für Mr. Alexander (Meredith Colchester). Als sie aber in seinem Heim eintrifft bemerkt sie ein dunkles Geheimnis um den sonderlichen Gemahl. Erst nach einer Weile kommt sie hinter das besondere Verhältnis zwischen dem Hausherrn und dem Butler George (Alistair Lock), den ihm ihr Vater geschickt hat. Doch da stellt sich ihr Musiklehrer Mr. Reynolds (Jez Hughes) als neuer Gärtner vor und es gibt sogleich Verdächtigungen seitens ihres Mannes. Es wird aber um so turbulenter, als der örtliche Geistliche von der Affäre des Hausherrn von ungefähr etwas erfährt ...

Ich bin ja schon einiges von Netflix gewohnt. Aber dieser Film wirkt v.a. am Anfang wie das Filmprojekt von ein paar Studenten, die keine Ahnung von Ausstattung, Kostümen oder Kameraarbeit haben. Leider sind die Schauspieler teilweise auch nicht so besonders. Die Handlung wirkt streckenweise regelrecht naiv. Durch die enorm simplen Dialoge kann man immerhin der Handlung gut folgen. Zumindest der Ansatz der Problematik in der Zeit ist ja durchaus interessant. Aber die regelrecht stümperhafte Umsetzung dieses Films tun schon beinahe beim Zusehen weh.

2 von 10 hässliche Klamotten.
 
"Amour fou"
D, Ö, Lux. (2014, Regie: Jessica Hausner)


Handlung: Preußen 1811. Es stört Herrn Vogel (Stephan Grossmann), dass seine Gattin Henriette (Birte Schnöink) für den Dichter Heinrich von Kleist (Christian Friedel) und seine Ansichten zu schwärmen beginnt. Doch fast besorgniserregender ist die gesundheitliche Situation von Frau Vogel, die aber dazu führt, dass Kleist sich von ihr abwendet, da er sie glaubt für einen Freitod auserwählt zu haben - doch täte sie diesen ja um sich von ihren Qualen zu befreien statt aus dem Grunde ihn zu lieben. Stattdessen wendet sich der Dichter nun seiner Cousine Marie (Sandra Hüller) zu. Wir verfolgen weiter den Lebens- und Leidensweg von Kleist und das Verhalten von Herrn Vogel in Angesicht der Krankheit seiner Gemahlin und ihrer Beziehung zu Kleist.

Das ist gewiss kein Gute-Laune-Film, aber gut geschauspielert und man erkennt wie sich das Kostüm- und Szenenbild bemühte ohne allzu großen Aufwand das Lebensgefühl der Zeit und des bürgerlich-niederadeligen Milieus einzufinden. Die Schauspielerriege überzeugt in diesem Film auf voller Linie, ebenso wie Kamera und Regie.

7 von 10 Pistolen.
 
"Der Polizeiminister"
D 1970 (Regie: Günter Gräwert)


Handlung: Man erlebt die Karriere des Staatsmannes Fouché (Ferdy Mayne), der von Anfang an zeigt, dass er ein Gespür dafür hat, dass man nur mit den Siegern gehen muss um aufzusteigen. So lässt er die Girondisten bei der Abstimmung gegen die Hinrichtung des Königs im Stich. Er verlässt Robespierre (Otto Kurth), als sich dieser gegen ihn wendet. In "jungen" Jahren - der Schauspieler wirkt meistenteils zu alt für seine Rolle - gelingt es ihm noch sich mit den Mächtigen anzulegen ohne viel zu riskieren. So verschweigt er Bonapartes (Franz Rudnick) Rückkehr dem Direktor Barras (Walter Richter) und vermag es daher sich in dem neuen System zu etablieren. Doch von Anfang an ist Fouché auch Bonaparte verdächtig, da er die Macht des Polizeiministers ebenso verdächtig findet wie seine zunehmende Neigung zu Selbstständigkeit wie einer Verschwörung mit seinem eigentlichen Widersacher Talleyrand (Paul Hoffmann), die auf einen Frieden mit England abzielte, da die Gewinnler des Systems ihre Millionen behalten wollen...

Dieser TV-Film passt in eine Reihe von Dokumentarfernsehspielen wie wir schon jenes über Friedrich Spee (D 1974 siehe hier: Spielfilme angesiedelt im 17.Jhd. ) besprochen haben. Nur ist hier rein formal die Szene nicht so deutlich als auf einer Theaterbühne erkennbar, außer vielleicht wenn eine Wandtür in einem auf eine Wand projezierten Kupferstich von Moreau le Jeune verborgen ist. Auffällig ist, dass es in dem ganzen Film nahezu keine Frauen gibt (nur Joséphine und die Herzogin von Angouleme). Man erfährt nichts über Fouchés Ehen und Kinder und man hat dadurch den Eindruck, als ob er einzig seiner Karriere lebt, was natürlich vollkommen falsch ist. Er hat ein Herzogshaus "begründet", welches noch heute in Nachfahren in Schweden weiter besteht. Hier im Film ist Fouché aber auch schon 1792/93 Mitte Fünfzig, da man scheinbar den Hauptdarsteller aus unbekannten Gründen für die gesamte Zeitspanne beibehalten wollte, was aber sehr verwirrend ist. Überhaupt ist aber das Casting ziemlich wild. Ich habe noch nie einen dicken Robespierre gesehen wie hier (achso bis auf den neuen "Napoleon" von Scott) und überhaupt ist eigentlich nur Barras halbwegs gut getroffen. Die übrigen Darsteller scheinen überwiegend trocken ihren Text aufzusagen, was besonders bei Rudnick als Napoléon absurd wirkt, wenn er dann mal kurz den auf dem Tisch aufgebracht herum trommelnden Egomanen spielen soll. Die Kostüme sind überwiegend theatresk, die Hüte der Soldaten regelrecht unfreiwillig komisch. Bei den Frisuren wurde fast garnicht darauf geachtet, dass man die historische Person irgendwie wiedererkennen kann, was besonders bei Talleyrand und Fouché abstrus scheint, da ja beide gleichsam die Protagonisten sind. Am unverzeihlichsten scheint mir aber, dass wo man das Private schon streicht, Fouchés politische Facette ebenfalls vollkommen im Dunkeln bleibt. Fouché war Radikaler und das kommt nirgends zur Geltung - bei der Verschwörung an der Seite von Babeuf und wie er auch da den Kopf aus der Schlinge zog, hätte man es exemplarisch machen können oder müssen.

Ein schwacher Versuch zu einer sehr interessanten Persönlichkeit. Fouché gäbe genug her für die große Leinwand, da seine Biographie genug spannende Elemente bietet, wenn es ihm manchmal tatsächlich beinahe auf Leben und Tod an den Kragen ging. 3 von 10 überdimensionale Krägen.
 
Na, einen erinnere ich auch noch:

"Der Röhm-Putsch" aus dem Jahr 1967. Der Röhm-Putsch – Wikipedia

Der Film:
Um diese Inhalte anzuzeigen, benötigen wir die Zustimmung zum Setzen von Drittanbieter-Cookies.
Für weitere Informationen siehe die Seite Verwendung von Cookies.

Der Film war viele Jahre lang nicht Online, und ist ein Meisterwerk der späten Aufarbeitung des frühen deutschen Nationalsozialsmus.
Hans Korte als Ernst Röhm grandios, er möge bitte in Frieden ruhen!

Micha
 
"Bright Star"
UK, AUS, F (2009) R: Jane Campion


Handlung: Die junge, schöne Fanny Brawne (Abbie Cornish) zeichnet sich durch ihren Modegeschmack aus, verdient ihr Geld mit Näharbeiten und ist auf Bällen stark umgarnt. Doch sie schlägt alle Offerten ab, denn sie beginnt sich 1818 in den erfolglosen Dichter John Keats (Ben Wishaw) zu verlieben, der sich in ihrer Nachbarschaft niederlässt. Aber sein Freund Mr. Brown (Paul Schneider) stößt sie ab und als dunkle Wolken hängt die schwere Krankheit des Bruders vom Dichter des "Endymion" namens Tom (Olly Alexander) über allem...

Die Kostüme, ob in allen Fällen stimmig für die Handlungszeit oder nicht, überzeugten mich einfach durch ihre Farbigkeit. Das Schauspiel ist nuancenreich allen voran Wishaw und Cornish. Es ist halt kein gute Laune-Film, die Poesie von Keats und dessen tragisches kurzes Leben tragen nicht gerade dazu bei. Wer eine Dichterbiographie mit ansprechenden Leistungen der Akteure und guter Kameraarbeit sehen mag, dem sei der Film aber empfohlen.

7 von 10 Gedichten.
 
Zurück
Oben