Historische Relevanz "Helgoland-Sansibar-Vertrag"

Dieses Thema im Forum "Die großen Kolonialreiche" wurde erstellt von Incitatus, 20. April 2013.

  1. Incitatus

    Incitatus Neues Mitglied


    Moin,

    [ich habe am kommenden Mittwoch einen etwa zwanzigminütigen Vortrag über besagtes Abkommen zwischen England und Deutschland zu halten unter einer eigenverantwortlich entwickelten Leitfrage.

    Nun ist es leider so, dass das Thema in den meisten Quellen nur implizit, nicht explizit behandelt wird. Das Internet habe ich weitestgehend abgegrast und die einzige Quelle, die ich noch unbedingt sichten muss, ist ein zehnseitiger Beitrag von Andreas Birken im "Internationales Jahrbuch für Geographie- und Geschichtsunterricht Bd. 15" (1974), welches, wie sich heraus stellt, nicht leicht zu beziehen ist. Ich habe das Buch jetzt in der hiesigen Staatsbibliothek bestellt und werde es (leider erst) am Montag einsehen können. Ich erhoffe mir viel davon.]

    Das Problem vor dem ich nämlich stehe, ist speziell, dass ich leider überhaupt nicht die geschichtliche Relevanz des Vertrages einschätzen kann, weil keine Quelle tatsächlich darauf eingeht. Und so lese ich im Moment quasi um den heißen brei, in der Hoffnung, mir erschlösse sich plötzlich das fehlende Teil - eine sehr ernüchternde und undankbare Aufgabe, möchte man meinen.

    Ich bin wirklich ein wenig am verzweifeln und wäre sehr dankbar, könnte man mir helfen.
     
  2. Turgot

    Turgot Neues Mitglied

    Im Jahre 1890 ist der Rückversicherungsvertrag zwischen dem Deutschen Reich und Russland nicht verlängert worden. Die Vertragsverlängerung ist bekanntermaßen an der deutschen Seite gescheitert, da man die Auffassung vertrat, dass dieses geheime Vertragswerk im Widerspruch zu anderen eingegangenen Verpflichtungen des Deutschen Reiches stand.

    Dadurch hat sich schlagartig die außenpolitische Situation des Deutschen Reiches verschlechtert, in dem sich die Bewegungsfreiheit nämlich arg verringert hatte. Als Ausgleich für den Wegfall Russland sollte ein Bündnis mit Großbritannien eingegangen werden, und im Zuge genau dieser Verhandlungen ist das Helgoland-Sansibar Abkommen herausgekommen. Aber für ein Bündnis hat es nicht gereicht, denn Großbritannien benötigte kein Bündnis mit Berlin, schon gar nicht, nach der Unterstaatssekretär Berchem seinen Gesprächspartner in London hat wissen lassen hat, das der Draht nach Russland gekappt worden ist.

    Das Entgegenkommen des Deutschen Reiches gegenüber Großbritannien war großzügig, so dass man in Paris und Petersburg argwöhnte, dass möglicherweise ein heimliches Bündnis zwischen den beiden Mächten geschlossen worden war. Die Annäherung zwischen Frankreich und Russland hat sich dadurch eher noch beschleunigt.
     
  3. Incitatus

    Incitatus Neues Mitglied


    Super Richtungsweiser. Vielen Dank! Ich habe jetzt den Rückversicherungsvertrag und den Ausbau des Kaiser-Wilhelm-Kanals in die Vertragsgründe einfließen lassen. Damit kann ich dann den Ausbau der Flotte und das Wettrüsten andeuten und die Bündnispolitik zwischen Russland und Frankreich anreißen. Das macht dann doch ein rundes Bild.
     
  4. hatl

    hatl Premiummitglied

    Es würd mich interessieren in welcher Rolle Du vor welchem Publikum den Vortrag halten musst.

    Wenn man den Vertrag durchliest, dann kann man über die "Historische Relevanz" bezüglich der europäischen Geschichte grübeln.
    Liest man das etwa aus afrikanischer Sicht, dann schaut es womöglich anders aus.

    ..war nur so ein Gedanke.
     
  5. Incitatus

    Incitatus Neues Mitglied

    Hauptaugenmerk ist der Kolonialismus und Imperialismus des Kaiserreiches und damit vor allem die Relevanz für die europäische, speziell deutsche Geschichte. Negativ- oder Positivfolgen des Kolonialismus für Afrika kann ich in dem Rahmen nicht behandeln. Auch, da dies ja nicht eindeutig geklärt ist. Davon abgesehen hätte ein derartig komplexer Was-Wäre-Wenn-Sachverhalt meinen Wissensstand bei weitem überstiegen. Das "unabhängige" Sultanat von Sansibar werde ich in gewisser Weise als Spielball darstellen - die Abhängigkeit von Englands Entscheidungen in dem Gebiet sind für mich unbestreitbar. Wie Carl Peters sein "Petersland" erschloss, wird nicht Gegenstand meiner Präsentation. Vorstellbar wäre maximal eine angedeutete Einbindung der Gründe für die Aufstände um '88/'89.

    Der Vortrag findet im Zuge meines Geschichtsunterrichts statt. Ich mache mein Abitur nach.
     
    Zuletzt bearbeitet: 22. April 2013
  6. hatl

    hatl Premiummitglied

    Viel Glück heute.

    Es wird nicht viele geben,
    die sich vergleichbar mit ihrem Thema auseinandersetzten.
     
  7. Turgot

    Turgot Neues Mitglied

    Der "Erfolg" des Helogland-Sansibarabkommens ist eher ambivalent zu beurteilen. Sicher aus militörischer Perspektive betrachtet war der Zugewinn Helgolands interessant. Des Weiteren wurden mit Großbritannien Reibungspunkte in Afrika beseitigt. Aber zu welchem Preis. Der Teil des Vertrages hinsichtlich Sansibar wurde in der Münchener Allgemeinen zeitung als das Olmütz der deutschen Kolonialplitik bezeichnet. Sansibar beherrschte den Handel in der Region, war einer der Zentren des Orienthandels, die Stadt war Ausgans- und Sammelpunkt nahezu sämtlicher in Innere Ostafrikas ziehender Expedetionen und Karawanen. Die Insel verfügte auch über eine Telegraphenstation. Das Deutsche Reich bekam einen Küststreifen zugesprochen, für den 4 Millionen Reichsmark Entschädigung an den Sultan, tatsächlich aber an London, zu zahlen waren. Entsprechend fiel das Echo aus.

    Außenpolitisch waren die Konsequenz, dass das Misstrauen in Paris und Petersburg über etwaige geheime Absprachen zwischen London und Berlin groß war.Es kostete einige Mühe dies abzubauen. und die französische Reaktion auf Kompensation gegenüber London und Berlin fiel entsprechend aus. Salisbury ist es aber mit seiner überlegenen Diplomatie gelungen, mit den Franzosen bilateral, eine Abmachung innerhalb kurzer Zeit zustande zu bringen. Es ist dem Deutschen Reich nicht gelungen hand in Hand mit London gegenüber Paris zu agieren; dafür war Salisbury zu schlau, um sich in seiner Handlungsfreiheit einengen zu lassen.
     
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