Holodomor

Dieses Thema im Forum "Russland | Sowjetunion | Osteuropa" wurde erstellt von Crawford, 25. Januar 2007.



  1. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Man muss das ein bisschen komplexer betrachten. Die meisten Kulaken hatten ihren bescheidenen Wohlstand erst nach der Revolution durch harte Arbeit erworben. Nun auf einmal Kollektivierung. Sie hatten nur zu verlieren und wollten zu Recht nicht mit den (in ihrer Dorfgemeinschaft ihnen persönlich bekannten)"Tagedieben" teilen. Also widersetzten sie sich passiv, aber auch aktiv. Meist durch Vorenthaltung oder Vernichtung ablieferungspflichtigen Getreides und u.ä.
    Das duldeten Stalin und seine Schergen nicht, die Kollektivierung wurde durchgepeitscht, mit der Folge dass die Erträge nun ganz in den Keller gingen und die Hungersnot ausbrach. Eine bewusste physische Vernichtung der Kulaken und ihrer Familien möchte ich, wenn hier jemand nicht anderslautende Belege und Dokumente dazu weiss, der obersten Führung in Moskau eigentlich nicht unterstellen
     
  2. Haetius

    Haetius Neues Mitglied

    Kulaken waren Großbauern. Die wurden unter Stalin durchaus liquidiert. Da die Ukraine die Kornkammer der SU war und Schwarzerdegebiet, gab es hier besonders viele, allerdings natürlich wenige im Vergleich zur Gesamtbevölkerung. Man muss hierzu auch sagen, dass die Bauern in Russland unter dem Zaren besonders zu leiden hatten. Sie waren Leibeigene. Die Kulaken waren also auch nicht unbedingt moderne tolle Unternehmer. ;)
     
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  3. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Wenn der Besitz von einem halben Dutzend Kühen schon ausreichend war, jemanden als "parasitären Kulaken" abzustempeln, was sind dann weltweit die heutigen Bauern? Sind mongolische Nomaden oder Masssaihirten auch alles Kulaken?
    "Ausrottung" der Bourgeoisie und der Kulaken in Sowjetrußland?
     
  4. Haetius

    Haetius Neues Mitglied

    Kulake bedeutet Großbauer, Großgrundbesitzer, ähnlich dem deutschen Junker.
    Kulaken: Die Kulaken waren Mittel- und Grossbauernhöfe mit familienfremden Arbeitern, fast schon eine Firma. Sie machten nur fünf Prozent der dörflichen Bevölkerung aus, produzierten jedoch über 20 Prozent des Getreides.
    http://www.abipur.de/hausaufgaben/neu/detail/stat/168876136.html
     
  5. ak_2107

    ak_2107 Gast

    Anfang der 30 Jahre traf die Hungersnot besonders hart die Gebiete in der Ukraine, Nordkaukasus und Kasachstan - Sibirien. Die Auswirkungen waren
    praktisch überall zu spüren. In Kasachstan soll die geschätzte Anzahl
    der Opfer - im Verhältnis zu Einwohnerzahl - höher liegen als in der
    Ukraine.
    Besonders tragische Entwicklung in der Ukraine hat jedoch auch ethnische
    Komponente, obwohl unter den Opfern nicht nur Ukrainer sonder ebenfalls
    Russen (?), Deutsche (?) und Polen (ca. 21 000) waren.
    Parallel mit Holodomor wurde eine Säuberungswelle eingeleitet, die gegen
    "nationalistische Elemente" unter den Mitgliedern der kommunistischen
    Partei und der Intelligenz der Ukraine gerichtet war - Briefwechsel von Stalin (Georgier) an Kaganowitsch (Jude), zwei Hauptakteure des Holodomors - über die Notwendigkeit dem ukrainischem Nationalismus Einhalt zu gebieten.
    Dem folgten entsprechende "Maßnahmen" - es war allerdings "mitten
    in der Krise. Desweiteren wird hier das Beispiel der Deportationen der Kuban - Kosaken in dem Zeitraum aufgeführt , als Beweis dafür,
    daß die "Hungerwaffe" gezielt gegen eine Nation gerichtet war.

    Allerdings - und das muß man sich vor Augen halten - die Durchfürung
    der Maßnahmen die zur Hungertod der Millionen Ukrainer geführt haben
    lag in den - mehrheitlich - ukrainischen Händen. Das waren örtliche
    Behörden, Machtorgane bestehend überwiegend aus Einheimischen,
    die nicht unerheblich dazu beigetragen haben, daß die Order aus Moskau
    mit unvorstellbarer Härte durchgesetzt worden sind.

    Ich glaube selbst in der heutigen Ukraine - von der offiziellen Auslegung abgesehen - gibt es Differenzen in Bezug auf eine Eindeutige Interpretation der Ereignisse.
     
  6. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Das ist ein Problem jeder indiziellen Bewertung.


    Haetius hat die Wurzel des Problems schon angesprochen, diese liegt Ende der 1920er Jahre. In der SU wurde eine rigorose Industrialisierung eingeleitet, ohne Rücksicht auf Verluste.

    Binnenwirtschaftlich beeinträchtigten die Umstrukturierungen die Landwirtschaft, es gab Folgeprobleme zum Beispiel im Transportwesen (Überlastungen, Zusammenbrüche). Die Ernteerträge in den Jahren - so durch Falk nachgewiesen - sind drastisch rückläufig (sowohl in den absoluten Mengen als auch in Hektarerträgen).

    Die Industrialisierung hatte eine außenwirtschaftliche Konsequenz: Vervielfachung der Importe für technische Güter aller Art. Diese Importe mußten bezahlt werden: zum Ausgleich der sowjetischen Handelsbilanz spielten wie noch im Zarenreich die Exporte von Nahrungsmitteln (und Rohstoffen) eine überragende Rolle. Die Mengen mußten im Ausland "um jeden Preis" abgesetzt werden, mit weiteren Folgen: Preisverfall. Die geplanten Exportsteigerungen fielen außerdem in die Zeit der Weltwirtschaftskrise und wurden hierdurch durch Preisverfall erschwert. Die ohnehin fallenden Exportpreise wurden noch unterboten, um die Mengen absetzen zu können. 1930/32 war das "Russendumping" in Westeuropa ein gängiger Begriff. Verfallende Preise bedeuten Mengensteigerungen, um auf die notwendigen Exporterlöse zu kommen, die für die steigenden Maschinenimporte etc. zu zahlen waren.

    Dieses Verschleudern von Nahrungsmittelmengen im Export fällt zusammen mit sinkenden Ernteerträgen, schlechteren Betriebsrentabilitäten, Organisationschaos, Stockungen des Transportsystems und Überlastungen durch die Industrialisierung, Hamsterverhalten in regionalen Strukturen, Liquidierungen. Selbst Gebiete, die den Vorteil industrieller Priorität genossen und eigentlich bevorzugt versorgt werden sollten (zB ostukrainisches Kohlerevier), konnten ebenso schlecht versorgt werden wie der Rest.


    Ein Hinweis noch zum Ausgangspunkt: brachiale Industrialisierung. Diese hatte auch einen außenpolitischen/militärischen Aspekt. Man kann wohl davon ausgehen, dass Stalin/die stalinistische Führung Ende der 1920 (dort auch verbunden mit diplomatischen Krisen, Großbritannien und Frankreich plus ihrer "Satelliten" aus Moskauer Sicht: Rumänien, Ungarn, Polen - dazu kam in Fernost die latente Bedrohung durch Japan) mittelfristig mit einer Intervention westlicher oder fernöstlicher Mächte rechneten. Die Interventionen nach dem Ersten Weltkrieg lagen nicht lange zurück. Die brachiale Industrialisierung hatte so auch eine militärische Komponente.
     
  7. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Was es bedeutet ist nicht maßgeblich, sondern was sie wirklich waren. Und da hinkt ein Vergleich mit ostelbischen Junkern gewaltig.
     
  8. Haetius

    Haetius Neues Mitglied

    da wäre ich mir nicht so sicher. Schau Dir die riesigen Schwarzerdegebiete in der Ukraine an. Da haben nicht nur Bauern mit 5 Kühen gewirtschaftet.
     
  9. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Du hast da sicher recht, was die Zarenzeit betrifft. Die adligen Großgrundbesitzer saßen aber 1932/33 schon längst nicht mehr auf ihren Gütern. Es war so ziemlich die erste Maßnahme der Bolschewiki. das Land von Staat, Adel und Kirche zu enteignen und verteilen.
    100(0) Schlüsseldokumente
    Die meisten "Kulaken" 15 Jahre später waren lediglich die tüchtigsten Bauern, die in der Zwischenzeit auf dem zugeteilten Land etwas aufbauen konnten.

    Ausnahmen, wie die Kosaken und die Wolgadeutschen, die nie leibeigen waren und als freie Bauern schon von den Zaren gefördert wurden, ändern am Gesamtbild nichts.
     
    Zuletzt bearbeitet: 19. Januar 2010
  10. floxx78

    floxx78 Neues Mitglied

    Ja. Aber als "Kulaken" wurden eben nicht nur die Großbauern im "klassischen" Sinne diffamiert, sondern alle möglichen potentiell oppositionellen Bauern.

    Wenn du die Beiträge von Balticbirdy studiert hättest, sollte dir das auch klar geworden sein. Da das aber offenbar nicht der Fall ist, hier nochmal ein weiterer Beleg:

    Bundeszentrale für politische Bildung - Druckversion: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 44-45/2007)
     
  11. Sascha66

    Sascha66 Neues Mitglied

    Es steht da ja auch, das der Begriff "Kulak" nicht eindeutig definiert und damit eine Auslegungssache der örtlichen Organe und ihrer "Vollstrecker" war.
    Da diese Leute ebenfalls Druck von oben hatten, wurde die Meßlatte höchstwahrscheinlich öfter nach unten verschoben um zu zeigen wie "tüchtig" man bei der Jagd nach "Parasiten" war.

    Wie schon mehrfach vermerkt, wurde ein Teil der Leute deportiert bzw. zwangsumgesiedelt. Die Familie meines Schwiegervaters und die Hälfte ihres Dorfes (alles Deutsche) verlor zum Glück nur all ihren Besitz und wurde nach Kazakhstan umgesiedelt.
    Dort "durften" sie dann mitten in der Steppe ein neues Dorf aufbauen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 19. Januar 2010
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  12. Haetius

    Haetius Neues Mitglied

    ah gut ich lass mich auch gern vom Gegenteil belehren.)) Aber wenn es nur 5 % waren, die 20 % erwirtschafteten, klingt das nicht wie Kleinbauer. Wobei ich denke, dass Zwangskollektivierung und stalinistische Säuberung auch anderer Bevölkerungsgruppen Hand in Hand gingen. Ob er nun als Kulak oder Spion oder sonstwie diffamiert wurde, spielte damals glaub ich nicht so die Rolle.
     
  13. Hotzenplotz

    Hotzenplotz Neues Mitglied

    Ich wäre etwas vorsichtiger bei der Übernahme von "Kampfbegriffen" und Bezeichnungen offizieller Stellen. "Bauern" ist unverfänglicher und m. E. auch präziser.

    Interessante Aufsätze zum Thema finden sich u. a. hier:

    Siegelbaum u. a. (Hrsg.), Stalinism as a way of life, Yale 2000.
     
  14. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    1. Der Begriff "Kulak" ist in in den dreißiger Jahren in der Tat ein Kampfbegriff, wie beispielsweise Siegelbaum es in seiner "Introduction" (S. 14) zu oben empfohlenen Buch schreibt und wird zusammen mit den Begriffen, "scoundrels" oder "swine" benutzt.

    Dennoch ist der Begriff auch ein soziologischer Begriff, der eine bestimmte, wohlhabende Schicht innerhalb der zaristischen / sowjetischen, ländlichen Gesellschaft bezeichnet hat.

    2. Das empfohlene Buch ist eine sehr interessante, kommentierte Sammlung von Dokumenten, die die unterschiedlichen Phasen des Stalinismus eindringlich illustrieren. Ein m.E. "Must-have" für jeden, der sich mit dem Stalinismus ernsthaft beschäftigen möchte.

    Es sind jedoch keine Aufsätze enthalten!

    Entsprechende Referenzwerke bzw. Monographien zu dem Thema sind:

    http://books.google.de/books?id=PQ-...a=X&ei=kyLHUsHoGMPStQaA-IGIBA&ved=0CDUQ6AEwAA

    http://books.google.de/books?id=DxC...a=X&ei=uiLHUsiIKILJtQaxhoDgBw&ved=0CDgQ6AEwAA
     
    Zuletzt bearbeitet: 3. Januar 2014
  15. beorna

    beorna Neues Mitglied

    Stalin äußerte 1929, daß er die Klasse der Kulaken vernichten wolle und im folgenden Jahr wurde am 2. Februar ein OGPU Befehl zur Liquidierung der Kulaken ausgegeben. Von daher ist die Verwendung durchaus berechtigt. Richtig ist, daß die eigentlichen Kulaken, die reiche, freie Bauernschaft, schon vorher weitgehend ausgeschaltet wurde. Nun war praktisch jeder Kulak, der sich den Kolchosen widersetzte.
     
  16. Hotzenplotz

    Hotzenplotz Neues Mitglied

    Ich hab das Buch vor fast 10 Jahren mal gelesen und hab das noch etwas anders in Erinnerung.
     
  17. Hotzenplotz

    Hotzenplotz Neues Mitglied

    Das ist der Punkt! Auch hier ist die politische Terminologie stets zu beachten.
    Der Zeitpunkt der Kollektivierung war nicht beliebig gewählt worden. Stark vereinfacht kann gesagt werden, dass die Kämpfe innerhalb der Partei ausgefochten waren - "Linke" und "Rechte" - und es zeichnete sich allmählich ab, dass Stalin als Sieger aus ihnen hervorgegangen war. Um die Industrialisierung weiter voranzutreiben, fiel der Blick auf die Landwirtschaft; denn dort befanden sich die Hauptexportgüter der Sowjetunion: Getreide und andere landwirtschaftliche Produkte, die jene Devisen einbrachten, die für eine schnelle Industrialisierung notwendig waren – folgt man dem Denken der sowjetischen Führung. Allerdings wirtschafteten die Bauern weiter in althergebrachter Form und zeigten wenig Interesse, ihre Erzeugnisse ohne reellen Gegenwert dem Staat zu überlassen. Die Folge war eben jene Kollektivierung, die mit äußerster Brutalität vorangetrieben worden waren. Dazu gehört freilich noch etwas mehr, wie der gravierende Stadt-Land-Gegensatz, die "Guliganstvo" und vieles andere.

    Die besten Bücher zum Thema kommen meistens aus dem englischsprachigen Raum.

    Hier unten sind sein paar Titel die einen ganz guten Überblick zur Zeit vor und kurz nach der Kollektivierung bieten. Ich habe mich immer mehr mit den Städten auseinandergesetzt, weil mein Thema vor allem der Kleinhandel war.

    HEINZEN, James W., Inventing a Soviet Countryside. State Power and the Transformation of Rural Russia, 1917-1929, Pittsburgh 2004.

    HESSLER, Julie: A Social History of Soviet Trade. Trade Policy, Retail Practices, and Consumption, 1917-1953, Princeton 2004.

    HEEKE, Matthias:Reisen zu den Sowjets. Der ausländische Tourismus in Russland 1921 – 1941. Mit einem bio-bibliographischen Anhang zu 96 deutschen Reiseautoren, Münster/ Hamburg/ London 2003.

    Letzteres Buch ist wirklich empfehlenswert dahingehend, was der "gelenkte Tourist" dennoch in der SU wahrgenommen hat.

    Zum "Kulaken":

    ALTRICHTER, Helmut: Die Bauern von Tver. Vom Leben auf dem russischen Dorfe zwischen Revolution und Kollektivierung, München 1984.
     
  18. Rurik

    Rurik Aktives Mitglied

    Ich kann mich aus meiner Schulzeit noch erinnern, dass in der DDR versucht wurde, den Begriff Junker ähnlich negativ zu besetzen, wie in Sowjetrussland das Wort Kulak. Junker war quasi eine Vorstufe zum Nazi.
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    Zuletzt bearbeitet: 4. Januar 2014
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  19. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Von E. H. Carr stammte die Vermutung, dass sich das "sozialistische Experiment" in Richtung einer sozialen Marktwirtschaft bewegt hätte, wenn der "Great Retreat" der KP und der zu NEP führte, ausgelöst durch die gravierenden wirtschaftlichen Probleme am Ende der "Kriegskommunismus", nicht durch die stalinistische Revolution "von Oben" beendet worden wäre.

    Und damit die teilweise privatwirtschaftliche Ökonomie im Rahmen von "NEP" beendet wurde. Die Gründe für diese Entwicklung sind in der Tat sehr komplex.

    Durch die Entwicklung von NEP (vgl. Nove S. 78 ff) ist es in der Sovietunion während dieser Phase zu einer Differenzierung in den Schichten gekommen, die eine Ausbildung von "ärmer" und "reicher" zuließen. Zumindest ein Aspekt, der ein gewisses "ideologisches" Unbehagen in der KP auslöste.

    Es kam zudem zu einer Situation, die ebenfalls ideologisch aus der Sicht des ML mehr als problematisch war, indem es zu der Beschäftigung von Arbeitskraft durch einen Arbeitgeber kam. Volkswitschaftlich zwar keine bedeutsame Größe, aber Ansatzpunkt für die Kritik an der damit zusammenhängenden Ausbeutung des "Mehrwerts" der Arbeitsleistung durch den Arbeitgeber.

    Und es kam nicht zuletzt, und das war ein zentraler Aspekt, zu der Ausbildung von wirtschaftlichen Organisationen, die ein Teil der privatwirtschaftlichen Unternehmen organisierte. Mit dieser qualitativen Veränderung sah sich die KP in ihrem politischen Führungsanspruch potentielle gefährdet.

    Obwohl durch NEP eine gewisse Liberalisierung im ökonomischen Bereich einsetzte, war damit absolut keine politische Liberalisierung verbunden (vgl. beispielsweise die Darstellung bei Cohen zur Sicht von Bukharin).

    Das Jahr 1927 war ein politisch sehr schwieriges Jahr für die UdSSR. So hebt beispielweise Brandenberger hervor, dass die mangelnde Legitimation des sowjetischen Systems während der Zehnjahresfeier mehr als deutlich wurde. Der politische Konflikt mit GB und die damit zusammenhänge Wahrnehmung einer Kriegsgefahr (War Scare) war dramatischer inszeniert als sie real war, aber sie erzeugte die Form von "Kriegsstimmung", die ein kennzeichnendes Merkmal des Stalinismus werden sollte.

    Innenpolitisch kam es 1927/28 zur "Getreide-Krise", für die beispielsweise Stalin in seinen Briefen an Molotow (beispielsweise Letter 41, 10. August 1929) die "Termingeschäfte" von Zwischenhändlern verantwortlich machte. Und somit in dieser Gruppe, neben den Kulaken, die "Feinde" des sowjetischen Volkes meinte erkennen zu können.

    Dabei war die Definition, wer als "Kulak" eingstuft werden sollte sehr widersprüchlich. Von "Narkomfin" (Finanzministerim) kam dabei die erste offizielle Definition, die als Grundlage für die damit zusammenhängende Besteuerung dienen sollte (vgl. Lewin, S. 126). Sie bildete innerhalb der Bauernschaft eine separate Gruppe von ca. 3.9 Prozent.

    Die eigentlich Kampagne gegen die "Kulaken" begann in der zweiten Hälfte des Jahres 1929 (vgl. Viola, S. 66). Die "Dekulakisierung" lief über mehrere Phasen und dauerte bis ca. 1934.

    Folgt man sowjetischen Schätzungen, so sind alleine in 30/31 ca. 600.000 Farmen umgewandelt worden und ca. 240.000 davon sind deportiert worden. Diese Deportationen, als "Special Settlers" bezeichnet veränderten die Zusammensetzung der urbanen und ländlichen Bevölkerung, wie Fitzpatrick beispielsweise zeigt, und führte vor allem auch zu der Besiedelung von zukünftigen industriellen Zentren, wie Kotkin für Magnitogorsk zeigt.

    Die Diskussion über die Behandlungen der Kulaken im Rahmen der forcierten Industriealisierung war innerhalb der Politbüros sehr konträr diskutiert worden und die Entwicklung war bei weitem nicht so gradlinig wie bei einzelnen Beiträgen im GF suggeriert wird. Stalin war in 1929 erst am Beginn des Ausbaus seines "Stalinismus".

    Interessant ist jedoch die Weiterentwicklung dieser Geschichte der "Dekulakisierung" bis in der Mitte der dreißiger Jahre, über die Amnestien und das allgemeine Wahrecht im Rahmen der "Stalin-Verfassung" (1935/36) und führt zu den Säuberungen in 1937/38.

    1. Brandenberger, D. (2011). Propaganda state in crisis : Soviet ideology, indoctrination, and terror under Stalin, 1927-1941. Stanford, Calif.
    New Haven, Hoover Institution, Yale University Press.
    2. Cohen, S. F. (1975). Bukharin and the Bolshevik Revolution: a political biography, 1888-1938. New York,, Vintage Books. (vor allem: Bukharin and the Road to Socialism, S. 160 ff)
    3. Fitzpatrick, S., The Great Departure. Ruaral-Urban Migration in the Soviet Union, 1929-33, S. 15 ff in: Rosenberg, W. G. and L. H. Siegelbaum (1993). Social dimensions of Soviet industrialization. Bloomington, Indiana University Press.
    4. Kotkin, S. (1995). Magnetic mountain : Stalinism as a civilization. Berkeley, University of California Press.
    5. Lewin, M.: Wo was the Soviet Kulak?, S. 121 ff in: Lewin, M. (1985). The making of the Soviet system : essays in the social history of interwar Russia. New York, Pantheon Books.
    6. Nove, A. and A. Nove (1992). An economic history of the USSR, 1917-1991. London, England ; New York, N.Y., USA, Penguin Books.
    7. Siegelbaum, L. H. (1992). Soviet state and society between revolutions, 1918-1929. Cambridge England ; New York, NY, USA, Cambridge University Press.
    8. Stalin, J., et al. (1995). Stalin's letters to Molotov, 1925-1936. New Haven, Yale University Press.
    9. Viola, Lynne; The second coming. Class enemies in the Soviet Country Side, 1927 - 1935, S. 65 ff. in: Getty, J. A. and R. T. Manning (1993). Stalinist terror : new perspectives. Cambridge ; New York, Cambridge University Press.
     
    Zuletzt bearbeitet: 5. Januar 2014

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