Kalter Krieg: Operationsgebiete Nordatlantik, Nord- und Ostsee

Dieses Thema im Forum "Blockbildung und Kalter Krieg" wurde erstellt von BerndHH, 28. Juni 2017.

  1. BerndHH

    BerndHH Mitglied


    Moin,

    auch wenn es vielleicht niemanden interessiert, würde ich gerne einmal das Thema Seeoperationen während des Kalten Krieges anreißen. Ich komme vom Heer und habe daher mit Luftwaffe und mit Marine noch sehr viel weniger zu tun. Daher bitte ich unklare Begrifflichkeiten zu entschuldigen.

    Folgende Prämisse: Um die Invasion des WAPA auf dem mitteleuropäischen Schauplatz zu stoppen, sind REFORGER (Return of FORces to GERmany) Maßnahmen unabdingbar. Konvois/Geleitzüge mit Waffen, Munition, Kriegsgerät, Gefechtsfahrzeuge und Personal müssen aus USA und Kanada nach Europa angelandet werden, um dort entscheidend in das Kampfgeschehen eingreifen zu können. In jedem Fall die 2nd Armored Division (Fort Hood, Texas), 3rd Armored Cavallery Rgt (Fort Bliss, Texas), 1st Cavallary Division (Fort Hood, Texas), 5th Infantry Division (Mech) (Fort Polk, Louisana), 197. US-Infanteriebrigade und aus Kanada die 4. Canadian (Mech) Brigade. In Europa sind POMCUS (Prepositioning Overseas Material Configured to Unit Sets) vorhanden. Also im Prinzip an Land gehen, Waffen und Gerät am POMCUS-Depot aufnehmen und unverzüglich an den VRV/FEBA (Front Edge of Battle Area). Sie mussten also möglichst zeitnah und unbehelligt über den Atlantik kommen, um gleich gegen die 1./2. Staffel des WAPA kämpfen zu können.
    Annahme: Deckungs- und Stellungstruppen halten am/vor dem VRV kein 24-Stunden Verzögerungsgefecht durch und sind für Gegenschläge nicht in der Lage. Verstärkungen/Reserven aus Übersee, um die Durchhaltefähigkeit entscheidend zu erhöhen.

    Anhand der Karte sind die Routen der REFORGER-Konvois/Geleitzüge ersichtlich. Also ähnlich wie im WK II. Verschiffungshäfen Charleston, Newark/New York und Halifax (Kanada) über den Nordatlantik nach Liverpool/GB. Von dort aus dann weiter nach Bremerhaven, Bremen, Hamburg, etc. In einem eingezeichneten Areal ist eine Zone erkennbar, wo kein Luftschutz möglich war (Reichweiten der Jagdflugzeuge? Hätte man REFORGER-Konvois nicht durch Flugzeugträger für die Überfahrt über dem Atlantik gesichert?).

    Gegenmaßnahmen des WAPA: Für den Warschauer Pakt war es also von vitaler Bedeutung, den REFORGER-Nachschub nachhaltig zu stören, zu bekämpfen und bestenfalls zu vernichten. Möglichkeit A: Einnahme Islands, als Basis für die sowjetische Nordmeerflotte, Atlantikflotte um von dort aus Luftangriffe gegen REFORGER-Schiffe starten zu können. Bei Tom Clancy: Im Sturm detailliert beschrieben, doch das ist nur Fiktion, wie real dieses Szenario war, kann ich nicht sagen.
    Womit hätte der WAPA die REFORGER-Geleitzüge bekämpft? Durch Tupolew Tu-95 „Bear“ Langstreckenbomber mit spezieller Bewaffnung für die Seekriegsführung (Torpedos)? Irgendwo habe ich gelesen, dass die Verwendung von ICBMs/Interkontinentalraketen die konventionelle Bomberkriegsführung ersetzt hätte. Wie sprechen aber nicht vom Nuklearschlag, sondern nur von konventioneller Kriegsführung. Also dann doch die „Bären“ gegen US-Frachter, Korvetten, Zerstörer, etc. Die US-Flugzeugträger müssen zumindest „beschattet“ werden – ist wohl nicht so einfach, die USS Nimitz zu versenken?
    Die Sowjet. Flotte (Jagd-U-Boote?) soll insbesondere für die Störung von US-Seebewegungen ausgelegt sein. Die Dickschiffe (?) des Gegners müssen konsequent vernichtet werden. Die rote Marine musste in jedem Fall auf den verschiedensten Schauplätzen gleichzeitig aktiv werden und hätte sich sehr schnell verzettelt. Also alles hochkomplexe Operationen, von denen etliche „im scharfen Schuss“ vermutlich schief gegangen wären. Viel zu viele Parameter, zu viele unkalkulierbare Variablen, das Wetter spielt nicht mit, zu viele Konvois kommen am Ende doch durch, etc….

    Fazit: Die Supermacht mit dem besten Improvisationsvermögen hätte am Ende gewonnen.

    Man kann aber sehen, dass die Vorherrschaft über den Nordatlantik ein zentraler Kriegsschauplatz geworden wäre. Einige reden sogar von der Entscheidungsschlacht. Die kleinere Nord- und Ostsee sogar zu regelrechter „Todeszone“ für Schiffe jeder Art. Es ist immer wieder zu lesen, dass die rote Baltische Flotte die DE und DK-Marine „hinfortgefegt hätte“, um ihre triphibische (zu Wasser, zu Lande und zur Luft) gegen den „Flugzeugträger Schleswig-Holstein“ und das dänische Jütland zu starten und mit einem schnellen und extrem hart geführten Schlag BALTAP niederzukämpfen. Die Jütländische Operation war für den WAPA in allen Jahrzehnten des Kalten Krieges stets von zentraler Bedeutung. Über die operativen Planungen mit der 8. Mot-Schützendivision „Schwerin“ (forciert ELK und dreht dann ein) und der 1. Polnischen Armee (1. Staffel für den Vormarsch auf Hamburg, bzw. weiter zum NOK) habe ich an anderer Stelle schon berichtet. Siehe Fragenkomplex:

    • Hamburg aufgeben oder nicht?

    • HH als offene Stadt, die nicht verteidigt wird?

    • Was bedeutet „Truppenschwamm“ Hamburg? Hamburg bombardieren, mit mehreren Divisionen rein und dann blutiger Häuserkampf? Stalingrad an der Elbe? Es hat wohl man Überlegungen gegeben, das Hamburger U-Bahnnetz (sind doch nur 3 Linien) in den urbanen Kampf mit einzubeziehen. Wäre viel zu verlustreich geworden und hätte die WAPA-Planung in x Tagen am Rhein zu sein durcheinandergebracht

    • Wird Holstein in der Mitte durchschnitten?

    • Trennt der WAPA NORTHAG von LANDJUT durch Einnahme des Elbstreifens?

    • Hält der NOK (Kiel Canal i.d. engl. Literatur) oder gelingt es dem WAPA seine Brückenköpfe (poln. FSchJg und SpezNas-Kdos) zu erweitern?

    • Kann HSchBrig 51 mit 2 JgBtl und 2 PzBtl (Leopard 1) die Lübecker Bucht/Weißenhäuser Strand/Hohwachter Bucht gegen eine triphibische Operation verteidigen und erfolgreich abriegeln (auf der NATO-Manöverserie BOLD GUARD ständig geübt!!)?
    Der Verlust von Jütland war in den Planungen der NATO offensichtlich bereits fest einkalkuliert, man ging also anscheinend nicht davon aus (DA WÜRDE ICH GERNE EINMAL ENTSPRECHENDE QUELLEN HABEN, Stichwort: „Indefensibility of Schleswig-Holstein“), dass das LANDJUT-Korps mit der 6. Panzergrenadierdivision, DK Jütland-Division und Heimatschutzbrigade 51 nicht ausreichend wäre, um den Aggressor aufzuhalten.

    Vielleicht kennt sich ja jemand von Euch mit dieser hochspannenden Thematik aus? Hat eine Einschätzung, Meinung dazu?
    Gruss
     
  2. BerndHH

    BerndHH Mitglied

    Man kann es drehen und wenden, bei mir landet man sowieso immer beim Landkrieg...
    :)
     
  3. BerndHH

    BerndHH Mitglied


    Hier die Karte und Material zum "Flugzeugträger Schleswig-Holstein"

    [Quelle: Militärgeschichte 03/2016]

    [Mod: Folgebeitrag gelöscht, bitte Urheberrechte beachten]
     

    Anhänge:

    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 28. Juni 2017
  4. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Vieles was Du schreibst sind relativ beliebige Szenarien, die teilweise eher zum Standard-Repertoir der westlichen „Russen-Hysterie“ zählen. Erreichte ihren „Zenit“ zur Zeit der Nachrüstungsdiskussion mit der Publikation von Weinberger zur „Hochrüstung“ der Sowjetunion.

    Antworten zu Deinen Beiträgen müßten überhaupt erst einmal die Prämissen diskutieren und den Ideologiegehalt Deiner Annahmen zu Angriffs-Szenarien des WP. Auf eine unkritische Apologie westlicher Rüstungsideologie kann man wohl verzichten.

    Würde mir deshalb mal die „Welt“ (in HH kein Problem) aus der Zeit ansehen und speziell zu „Stoltenberg“ recherchieren. Interessant sind im Kontrast dazu die Bücher von H. Schmidt aus den 70er Jahren, in denen er diese „KK-Ideologie“ einer schonungslosen faktenorientierten Analyse unterzogen hatte. Könnten durchaus in lokalen Bibliotheken in HH noch zu finden sein.

    Zur generellen Militärpolitik ein zeitgenössisches Werk von J. Erickson. Zum Frühstück in München, 1972, das sehr kritische Fragen an die Militärdoktrin der Sowjetunion stellt. (bei amazon günstig)

    Als Ergänzung zu den technischen Problemen, „Bear“ mit Torpedos eher unwahrscheinlich, „Neue Waffen in Ost und West. Ein Überblick. Berard & Graefe 1979. Die entsprechenden Publikationen von SIPRI oder IISS sind ebenfalls wichtig. Ansonsten gibt es eine Vielzahl von Publikationen von Thinktanks (Rand etc.)

    https://de.wikipedia.org/wiki/Stockholm_International_Peace_Research_Institute

    https://de.wikipedia.org/wiki/International_Institute_for_Strategic_Studies

    Und noch eine Empfehlung, da Du Dich gerne mit solchen Themen beschäftigst.

    Würde Dir mal 2 PC-Simulationen empfehlen. Dann bekommst Du einen Hinweis auf das, wie es unter Simulationsbedingungen hätte ablaufen können. Eine kritische Bewertung der Szenarien darf und sollte man dennoch vornehmen!

    Simulation Harpoon, auch zu Island, Reforger etc.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Harpoon_(Computerspiel)

    Und zum "Fulda-Gap" etc.
    Red Lightning for Amiga (1989) - MobyGames
     
    Zuletzt bearbeitet: 28. Juni 2017
  5. BerndHH

    BerndHH Mitglied

    Hi Thanepower,

    vielen Dank für Deinen Beitrag. Mir ist natürlich auch bekannt, dass beide Seiten je nach Sichtweise von einem Angriffskrieg des Gegners ausgingen. Die Bundeswehr hatte sich seinerzeit auf einen reinen Verteidigungskrieg (Vorneverteidigung) vorbereitet, soviel dazu. Zur politischen Dimension kann ich wenig sagen, dazu gibt es auch Massen an Literatur.

    Für mich ist die operative Seite umso interessanter, weil es hier die meisten GAPS gibt. Eine absolute Black Box. Und hier gibt es meines Wissens kaum gesicherte Quellen, wie NORTHAG z.B. die Norddeutsche Tiefebene verteidigt hätte, wie das Verzögerungsgefecht in Sektor XY ausgesehen hätte, etc. Wie Du wahrscheinlich weißt, ist der GDP (General Defense Plan) der NATO leider immer noch Verschlusssache – bis auf den GDP 31001, der auch dem Ministerium f. Staatssicherheit i.d. Hände fiel. Vieles spielt sich in den Szenarien von Wargamer-Foren ab, was hier natürlich nicht relevant ist.
    In Ermangelung seriöser Quellen lese ich natürlich auch hier:
    Red Storm Rising - NATO vs WP - RPG AAR
    Red Storm Rising - NATO vs WP - RPG AAR - Seite 6
    Aber das ist lediglich ein Strategiespiel und ich frage mich, woher die Leute diese Informationen nehmen? Vermutlich ist nicht alles aus den Fingern gesogen…ich weiß es nicht.

    Alles, was tatsächlich interessant ist, ist leider VS – NfD (Verschlusssache – Nur für den Dienstgebrauch) und wenn es Akten auf Bataillonsebene sind, sicherlich schon geschreddert.
    Obwohl ich das letzte große Korpsmanöver BOLD GUARD ’86 aktiv mitgemacht habe, weiß ich natürlich absolut nicht, was sich auf Btl-, Brig-, Div- oder Korpsebene abgespielt hat. PzGrenBrig 16 + PzGrenBrig 17 vorne am VRV – Elbe-Lübeck-Kanal und PzBrig 18 als Divisionsreserve für den Gegenangriff bei Nacht.
    Wie sah die Gefechtsstandorganisation von LANDJUT und der 6. Panzergrenadierdivision aus?
    In welchem Abschnitt wurde die Jütland-Division (DK) eingegliedert? Geschlossen oder wurde mit ihren 3 Brigaden unabhängig voneinander der VRV verstärkt?
    Wo war unser Verzögerungsverband (PzAufkl + PzGren) eingesetzt? Im Lauenburger Seengebiet und welchen Auftrag hatten sie?
    Welchen Auftrag hatten die Brigadespähzüge mit dem SpähPz Luchs? Inwieweit operierten sie vollkommen autark und wie war ihre Aufklärungstiefe?
    Wer fungierte als Fernaufklärer für LANDJUT? War es vielleicht das Jægerkorpset?
    Mit welchen Ausfallraten wurde kalkuliert? Stichwort – die minimale Überlebenserwartung eines PzGren am VRV.
    Welche Schlüsselräume sollten auf gar keinen Fall preisgegeben werden, und, und, und….

    Du siehst ein langer, langer Fragenkatalog, der sich ohne entsprechende Quellen nicht beantworten lässt.
    Das bezieht sich alles auf den Landkrieg, der jedoch in Schleswig-Holstein, wie bereits beschrieben, stets die Dimensionen Land, See und Luft mit einschließt.
    Unser ehemaliger Divisionskommandeur, seinerzeit Generalmajor Klaus Christoph Steinkopff hat über dieses Thema seine Dissertation geschrieben:
    Steinkopff: Die geostrategische Bedeutung der Cimbrischen Halbinsel in der westlichen Verteidigungsplanung 1955–1967, 2003, III S., S. 4–143 : Kt. - Kiel, Univ., Diss., 200

    Wir können diesen, zugegeben sehr weitschweifenden, Fragenkomplex auch gerne auf das Thema Durchhaltefähigkeit der Stellungstruppe am VRV reduzieren. Welche Annahmen wurden getroffen und was wäre überhaupt realistisch gewesen? Da ich selbst bei den Panzergrenadieren war, weiß ich, wie enorm kräfteverbrauchend die Kampfweise aus Feuer und Bewegung ist, Schützentrupp abgesessen im Nachtgefecht, Panzervernichtungstrupp, etc – meines Erachtens kann ein PzGrenBtl kaum ein 6 Stunden Verzögerungsgefecht gegen ein selbstständiges sowjetisches Panzerregiment (T-64, T-80) durchhalten. Die Deckungskräfte (PzAufkl + PzGren) wären naturgemäß als Erste weggewesen. Sie sollten auch nur so lange verzögern, bis der Aufmarsch und die Gefechtsbereitschaft der Stellungstruppen abgeschlossen waren. Eigene Verluste: 70-80? Denn je nachdem, wie lange die beiden PzGrenBrig vorne durchhalten, müssen Verstärkungen/Reserven in die Schlacht geworfen werden, um einen Totalkollaps zu verhindern, bzw. die Einbrüche der OMGs (Operative Manövergruppen) abzuriegeln. Im Fall LANDJUT wären die meisten Teile vorne gebunden: 6. PzGrenDiv, Jütland-Div und HSchBrig 51.
    Hilfe von außen kann also nur von Übersee kommen: UKMF (UK Mobile Force, Duke of Wellington’s Rgt, etc.), 9th US-Infantry Division, etc.

    Thema REFORGER: Schnelle Eingreiftruppen, Alarmtruppen, „NATO-Feuerwehr“, um Einbrüche des WAPA abzuriegeln: in kleinerem Maßstab mit Luftlandetruppen ja. Aber nicht, um effektiv und in großer Zahl mit MILAN, HOT und TOW Feindpanzer zu bekämpfen. Hier wäre eine US-Panzerdivision vonnöten, die nur über den Seetransport angelandet werden kann.
    Zu welchem Preis bzw. Blutzoll wären die Amerikaner und Kanadier bereit gewesen, ihre Divisionen über die REFORGER-Geleitzüge nach Europa zu bringen? Und genau da kommt der Seekrieg ins Spiel.
     
  6. BerndHH

    BerndHH Mitglied

    Ich seh die Welt halt immer noch mit den Augen eines einfachen Grenadiers:
    Schützentrupp CHARLIE-Zg abgesessen, SPz Marder beobachtet als Feldposten das Vorgelände…
    Artillerie-VB meldet Mot-Schützenkompanie mit BMP im Dreieckswald…
    Feuerbefehl eigene PzArt auf Planzeiger CO 523467…
    BMK d. SPz Marder gibt Dauerfeuer HE ab…Ausweichen in Wechselstellung…
    DELTA-Zg (Leopard 1) d. verstärkten PzGrenKp liegt im Feuerkampf mit T-80, die überraschend von Höhe XY auftauchen…Erdkampfflugzeuge A-10 greifen ein, „Frogfoots“ auf sowjetischer Seite…
    Wir brauchen also REFORGER-Verstärkung, damit uns die ganze Sch… nicht um die Ohren fliegt….

    Thema verfehlt. Sorry für den Exkurs. Wir waren ja beim Seekrieg, bzw. dessen Planungen.

    Also REFORGER-Nachschub von eminent vitaler Bedeutung, um den Vormarsch des WAPA zu stoppen, bzw. zu verlangsamen, noch bevor T-64 KPz vor dem Gefechtsstand der 6. PzGrenDiv auftauchen.
    Wie sichere ich also die Geleitzüge?
    Durch Begleitschutz von Flugzeugträgern? Um auf dem ganzen Weg nach Europa ständig kampfbereite Jagdflugzeuge in der Luft zu haben? Die Nordmeerflotte des WAPA kann nur von Murmansk aus operieren. Also Fokus auf Grönland – Island – Norwegen – hier darf kein fdl. Zerstörer durchkommen. Gleiches gilt für die dänischen Inseln. Sprich die Meerengen von Seeland und Fünen abriegeln und die Baltikflotte kann nicht zum Atlantik.
    Klingt auf der Karte relativ einfach, ist aber vermutlich in Praxis mit hochkomplexen Marinemanövern verbunden. Dazu kommt ELOKA zur See, also Funksignale des Gegners orten und stören.
    Was ist mit den sowjetischen Atom-U-Booten, die man auf keinen Fall aus den Augen lassen darf? Gibt es hierzu eine eigene Task Force, die sich mit der Bekämpfung von U-Booten mit ICBMs spezialisiert hat.

    Das Ganze macht ein WK III-Szenario ja so hochkomplex, dass es schwer ist, ein Grundverständnis dafür zu entwickeln.
     
  7. muheijo

    muheijo Aktives Mitglied

    Mein Wehrpflichtjahr 1989 bei der dt. Marine ließen in mir die Erkenntnis reifen, dass mit unserer "Trachtengruppe" kein Krieg zu gewinnen war:

    Auf der einen Seite eine Grundausbildung, bei der Fußkranke beim 36km Marsch per Auto eingesammelt wurden, und uns die Übernachtung im Freien bei der 72h Übung verboten wurde aufgrund der angeblich zu kalten Witterung im Februar/März. Die eigentlich witzig gemeinte Bezeichnung für die MVS auf Sylt traff es ganz gut: "Muttersöhnchen Verwöhnungsschule.
    Später dann, beim Einsatz an Bord eines Versorgungsschiffes wurde es nicht viel besser: Der Geschützturm wetterfest eingepackt. Flugzeuge, die, weil sie direkt aus der Sonne kamen, erst beim Überflug über's Schiff bemerkt wurden.
    Torpedos, die (angeblich oder tatsächlich) schon steuerbar waren bzw. dem Ziel folgen konnten, so dass ein entkommen nicht möglich war.
    Während der gesamten Dienstzeit fühlte ich eine allgemeine "lasche Einstellung"; für mich war das alles ein milliardenteures Spektakel - einzig die Tatsache, dass ein Schiff auch im Frieden funktionieren musste, sorgte für den nötigen Ernst.
    Und auf der anderen Seite ein sowjetischer Raketenkreuzer in Kiel, der doch recht imponierend um nicht zu sagen furchteinflößend daherkam, einschließlich seiner fremdartigen Besatzung.

    Lange Rede, kurzer Sinn: Alle Kriegsplanungen dieser Zeit hielt und halte ich für absurd. Deutschland, Norwegen, der Westen wären innerhalb kürzester Zeit überrannt worden, zu Lande wie zu See - da habe ich nicht den geringsten Zweifel.

    Gruss, muheijo
     
  8. BerndHH

    BerndHH Mitglied

    Hi Muheijo,

    besten Dank für Deine Anmerkungen! Deine Einschätzung klingt recht niederschmetternd. Ich kenne den Alltag der Bundesmarine absolut nicht und kann auch nicht sagen, wie Euer Auftrag im V-Fall ausgesehen hätte. Mein Bild war immer ein komplett anderes: überlegene Technik (Sonar, Funk, etc.), scharfer Drill, um bei einer Gefechtssituation auf See schnell und effektiv die jeweiligen Waffensysteme bedienen zu können. Was bei uns Infanteristen (PzGren oder Jg) die KLEINE KAMPFGEMEINSCHAFT ist, das muss bei der Marine auf hoher See doch eigentlich noch verstärkt gelten. „Schicksalsgemeinschaft“. Wenn es dem Gegner gelingt, unseren Alarmposten handstreichartig auszuschalten, dann ist in der Regel auch das dösende Gruppennest/-unterschlupf dran. Dessen muss man sich doch bewusst sein, oder? Wenn die Funk-/Sonarwache irgendwann zwischen 0100 – 0500 ZULU einpennt, dann kann doch auch für ein Kriegsschiff ganz schnell Feierabend sein. Ich lass mich aber gerne eines Besseren belehren.
    Zu meiner Zeit Mitte der 1980er Jahre hieß es noch eindeutig: KRIEGSNAH AUSBILDEN, was teilweise in eine richtig böse Schinderei ausartete. Für Jägerkompanien waren knackige 80km (!!) Durchschlageübungen noch durchaus Usus. 80km im feindbesetzten Gelände mit entsprechenden Gefechtsanlagen. In meiner Zeit war ABC-Alarm noch sehr hoch angesiedelt. Will heißen: bei einem Fliegermarsch immer wieder ABC-Alarm, die gefürchtete Dichtigkeitsprüfung der ABC-Schutzmaske, Hindernisbahn: der 3. Durchgang immer mit voller Ausrüstung, Poncho und ABC-Maske. Warum? Der Generalinspekteur des Heeres, Generalleutnant Hans-Henning von Sandrart, ging tatsächlich von einem C-Krieg aus. Jeder Kampf-, Schützenpanzer hatte ein ABC-Gebläse, um tatsächlich unter diesen bizarren Bedingungen kämpfen zu können. Großangriff WAPA mit Nervenkampfstoff SOMAN. Oder zumindest das gezielte Beschießen bestimmter Gefechtsstreifen, um dort auch sicher eine mögliche NATO-Gegenwehr niederzukämpfen.
    Deine Meinung, der WAPA hätte alle Verteidigungsabschnitte überrollt, kann ich so nicht teilen. Die NATO hatte sehr wohl eine technisch überlegene Antwort auf die „Panzerrollbahn des WAPA durch das Norddeutsche Tiefland“. Jeder Schützentrupp hatte eine PzFst und die MILAN-PALR. 4 MILAN-Raketen pro Schützenpanzer. Alles, aber wirklich auch alles, war auf Panzerbekämpfung ausgerichtet. Jede kleine PzGrenGrp sollte sich gegen sowjetische Kampfpanzer effizient wehren können. Außerdem KPz Leopard 1, später Leo 2, für das direkte Panzerduell auf mittlere Entfernung, für bis 4km dann die Panzerjagdzüge mit Jaguar 1 oder 2. Außerdem die PAHs (Panzerabwehrhubschrauber Bölkow Bo-105) oder A-10 „Warthog/Thunderbird“ Erdkampfflugzeuge, die aus der Luft Panzer knacken sollten, was das Zeug hält.

    Wenn unsere Panzerpioniere genügend Zeit gehabt hätten, dann wäre die 1. Staffel des WAPA in einem absolut tödlichen Irrgarten aus Sperren, Hindernissen und Minenfeldern aufgelaufen. Zudem gab es mit dem Skorpion die Möglichkeit, jederzeit Wurfminensperren mit unterschiedlichen Wirkzeiten in den Durchbruchsabschnitten zu legen.
    Das sind alles nur Gedankenspiele! Ich habe neulich unseren alten GDP-Gefechtsabschnitt am ELK bei Büchen, Güster, Witzeeze (östl. Herzogtum Lauenburg/Schleswig-Holstein, damals zonennah) inspiziert und bin zu der Meinung gekommen, dass es für die Pontonpioniere der 8. Mot-Schützendivision „Schwerin“ ein Leichtes gewesen wäre, diese lächerlichen 30m Kanal zu überwinden und einen Brückenkopf für die 1. Polnische Armee zu bilden. Nicht aber unbedingt, das westliche Ufer im Handstreich zu nehmen. Bei der Kanalfähre Siebeneichen, südlich der BAB-24 Hamburg – Berlin, ideales Gelände, um KPz und SPz kanalnah als Feldposten einzusetzen und etwa 100 Meter weiter dahinter die Schützentrupps in ausgebauten Kampfständen (MG auf Lafette) gegen alles, was da von Osten rüber kommt.
    Natürlich nur eine Momentaufnahme! Der WAPA hätte das Gelände im Durchbruchsabschnitt mit Rohr- und Raketenartillerie pulverisiert – auf jeden Fall! Und dann wäre es auch sch..egal, wie gut unsere gedeckten/teilgedeckten Stellung in Wirklichkeit auch waren.

    Wir können gerne wieder zum Seekrieg zurückkommen… ;-)
     

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