Montanisten, Cybele-Kult und phrygische Mütze

Dieses Thema im Forum "Das Christentum" wurde erstellt von Chan, 15. Juli 2015.

  1. Chan

    Chan Aktives Mitglied


    Wieso "ausgerechnet"? Das Christentum hat von diesem Kult noch mehr adaptiert als nur das Mützchen.

    Theologische Realenzyklopaedie: Teil I, Band 1-17, 668: (über die Bischofsmütze)

    Die Mitra (infula, phrygische Mütze) hat sich vermutlich aus vor- bzw. außerchristlichen kultischen Kopfbedeckungen entwickelt.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Mitra_%28Altertum%29

    (über die Mitra als Kopfbedeckung)

    Als priesterliches Attribut wurde die Mitra von den Tänzern der Kybele und von den Priestern des Herakles auf Kos getragen, ferner von jüdischen Hohepriestern und schließlich auch von hohen christlichen Priestern.

    Die "phrygische Mütze" stammt aus Phrygien (westliches Anatolien), der Heimat der Kybele. Als Beispiel hänge ich ein Bild mit einer Darstellung von Kybeles Sohn-Geliebtem Attis an (Büste).

    Die heutige Form entspricht natürlich nicht mehr der ursprünglichen phrygischen, da mehrere Veränderungen vorgenommen wurden. Es wird auch vermutet, dass die Verehrung des Getreidegottes Dagon in Palästina eine Variante der Kybele-Verehrung ist (per Geschlechtsumwandlung) und die Mitra-Mütze des Dagon ebenfalls Modell für die spätere Bischofsmütze war (siehe Bild mit gelbem Hintergrund).

    Ich will aus diesem Thema aber keinen Dauerbrenner machen, interessanter sind die theologischen Parallelen zwischen Christentum und Kybelekult.
     

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    Zuletzt bearbeitet: 15. Juli 2015
  2. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    Auf die Schnelle zu den Montanisten: Montanus stammte aus Phrygien, der Heimat der Kybele, und war vermutlich stark von ihrem Kult beeinflusst. Kyrill von Alexandria hielt ihn für eine ehemaligen Kybele-Priester.

    Mehr dazu folgt.
     
  3. Gangflow

    Gangflow Aktives Mitglied

  4. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    gibt es nicht auch eine Abbildung der Ostgotenregentin Amalaswintha mit "phrygischer Mütze"? Die Gotenregentin war allerdings weder Kybele-Anhängerin noch Bischof...
     
  5. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    Ich habe die Abbildung angehängt (Bildnis der Amalaswintha auf dem Orestesdiptychon von 530 CE). Die Kopfbedeckung entspricht eins-zu-eins der Kopfbedeckung der früheren Königinnen des Bosporanischen Reichs, das vom 5. Jh. BCE bis in die Spätantike bestand und von den Goten vernichtet wurde. Dieses Reich grenzte westlich an Phrygien, also dem Kernland der Kybele-Verehrung. Die Religion des Bosporanischen Reiches war sicher von diesem Kult beeinflusst; wahrscheinlich wurde ein griechischer Muttergöttintyp (Demeter und Artemis) verehrt, der - wie viele griechische Göttinnen - durch die Kybele-Gestalt geprägt war.

    Die Kopftracht der ostgotischen Königin geht also ziemlich direkt auf die phrygische Mütze des Kybele-Kultes zurück. Da der Ursprung der Ostgoten höchstwahrscheinlich im Bereich des Schwarzen Meeres zu suchen ist, also in der Nachbarschaft Phrygiens, kann man die Mütze der Amalaswintha als Reminiszenz an ihre ethnische Herkunft verstehen.
     

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    Zuletzt bearbeitet: 18. Juli 2015
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  6. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Das "Bosporanische Reich" hatte nichts mit dem heute bekannten Bosporus (bei Istanbul) zu tun, sondern befand sich auf der Krim-Halbinsel und dem östlichen Ufer des Asowschen Meeres. (Die Meerenge zwischen Schwarzem Meer und Asowschem Meer wurde in der Antike auch Bosporus genannt.) Es grenzte somit nicht an Phrygien im westlichen Kleinasien.

    Das Bosporanische Reich war griechisch geprägt, da es aus mehreren griechischen Kolonien hervorging. Irgendein spezieller Muttergöttinkult wird somit allenfalls eher bei der heimischen Urbevölkerung verbreitet gewesen sein, aber nicht unbedingt bei der griechischen Oberschicht.

    Welche Abbildungen oder sonstigen Belege gibt es für die Kopfbedeckungen der Königinnen dieses Reiches?
     
  7. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    Ja, ich habe die etwas unübersichtliche Kartendarstellung falsch gelesen. was aber nichts an meiner restlichen Darstellung ändert. Den Hinweis auf die Abkunft der Mütze der Ostgotenkönigin von der Mütze der bosporanischen Königinnen habe ich aus zwei sehr seriös erscheinenden Fachbüchern (Prof. Robert Göbl, Prof. Herwig Wolfram), die diesen Bezug dezidiert feststellen, und der Hinweis auf den in Bosp. Reich praktizierten Kult einer griechischen Muttergöttin (des Demeter- und Artemistyps) stammt aus einer Doktorarbeit (Dr. Ivonne Ohlerich).

    Göbl, Von den Anfängen bis zum Einbruch in Europa, 328:

    Ihre ( = Amalaswintha, Anm. Chan) „phrygische" Mütze gleicht genau der Kopfbedeckung, die die bosporanischen Königinnen kennzeichnet.

    Wolfram, Die Goten, 337:

    Hingegen erschien Amalasuintha mit der ,phrygischen' Mütze nach Art der bosporanischen Königinnen. Die Ursprünge der Ostgoten wirkten nicht bloß als Memoria, sondern auch in den Herrschaftszeichen nach (...).

    Deine durch nichts begründete Behauptung, dass wahrscheinlich nur das Volk, aber nicht die Oberschicht eine Muttergöttin-Verehrung praktiziert habe, ist wieder mal ein typischer Abwehrmechanismus. Hast du schon vergessen, dass in Ephesos Artemis (die wahrscheinlich auch im Bosp. Reich verehrt wurde) die höchste Göttin war, auch von der Oberschicht verehrt, und dass Athene die Schutzgöttin von Athen war, ebenfalls von der Oberschicht verehrt?
     
    Zuletzt bearbeitet: 18. Juli 2015
  8. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    Ich kann folgendes Zitat noch nachreichen:

    Professor Patricia A. Johnston: Cybele and her Companians on the Northern Littorial of the Black Sea, in: Cybele, Attis and related Cult, ed. Maarten Jozef Vermaseren, ‎Eugene N. Lane, 101:

    In the cities of the Northern Coast of the Black Sea, the presence of the cult of Cybele is attested as early as the sixth century (BCE, Anm. Chan). The worship of Cybele was introduced here by Greek colonists between the eighth and the sixth centuries B.C., often through a process of a syncretism with the local cult of a Great Mother goddess.

    Meine Übersetzung:

    In den Städten der Nordküste des Schwarzen Meeres (= Gebiet des Bosporanischen Reichs) ist die Präsenz des Kybele-Kultes für die Zeit seit dem 6. Jh. BCE belegt. Die Kybele-Verehrung wurde hier durch griechische Kolonisten zwischen dem 8. und dem 6. Jh. BCE eingeführt, oft durch eine synkretistische Vermischung mit dem lokalen Kult einer Großern Muttergöttin.

    Alle Unklarheiten beseitigt?
     
    Zuletzt bearbeitet: 18. Juli 2015
  9. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Vorstehende Beiträge wurden aus dem Marcion-Thema ausgegliedert.
     
  10. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Woher er stammt, weiß niemand.
    Die erste regionale Erwähnung bezieht sich lediglich auf seine Predigten. Ob er mit denen zugewandert ist, oder von dort stammt, ist ungeklärt.
    Von einer Abstammung ist jedenfalls keine Rede.

    ... bzw. ihrer vermutlichen frühzeitlicher Vorgänger. Die "Heimat" oder enge oder weitere Herkunft spielt hier auch keine Rolle, da entweder durch vermutliche Distribution (entweder mit vermutlicher Migration oder vermutlich ohne) oder vermutlich originär/separat solche oder ähnliche Gottheiten verbreitet waren.

    Vermutlich ja oder vermutlich nein. Nichts Genaues weiß man nicht. Solche Mutmaßungen werden auch auf antihäretische Polemik zurückgeführt.

    Oder hielten ihn für vermutlich kastriert, siehe oben. Andere vermuten ihn als unkastrierten Apollon-Priester. Vielleicht ist ihm auch ein Stein auf den Kopf gefallen, oder er stand unter Drogeneinfluss.

    Quelle u.a.: den Boeft/van Oort/Petersen/Runi/Scholten/van Winden, A Companion to Second Century Christian Heretics.
     
    Zuletzt bearbeitet: 19. Juli 2015
  11. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    komplett zitieren wäre eine Tugend!...

    vor dem H.Wolframzitat:
    findet sich eine ausführliche Darstellung, wie Regentin Amalasuintha sich zur Heerkönigin stilisieren ließ, wozu allerlei überlobte Unternehmungen und etlicher gentiler Krempel verwendet wurde.
    in der Klammer im H.Wolframzitat:
    [Die Ursprünge der Ostgoten wirkten nicht bloß als Memoria, sondern auch in den Herrschaftszeichen nach,] in denen sich die gentile Memoria darstellte.

    Amalasuinthas "phrygische Mütze" hat also denselben historischen Aussagewert, wie der fränkische Quinotaurus oder fränkische Trojaabkunft.
     
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  12. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Wurde diese Dame eigentlich schon erwähnt? Es drängt sich förmlich die Vermutung auf, dass eine Verbindung zu einem egalitären, phrygischen Magna Mater- Kult besteht, der in Gallien Anhänger fand.

    Die Römer adaptierten diesen Kult und identifizierte ihn mit einer altitalischen Lichtgottheit Saturnalia. Die einstmals sakrale phrygische Kopfbedeckung und ihre Bedeutung geriet bei den Römern allerdings in Vergessenheit, und parallel mit der Verbreitung des Christentums mutierte die phrygische Mitra zu einem Partyhütchen, das die Römer sich selbst und ihren Sklaven aufsetzten, um sie den Rest des Jahres besser unter Kontrolle halten zu können.

    Mit dem Christentum breitete sich dunklelste Finsternis aus, nicht nur in der Platonischen Akademie gingen buchstäblich die Lichter aus, weshalb einige Gelehrte auch vom "finsteren Mittelalter" oder den "dark ages" sprechen. Die Fackel der Weisheit leuchtete nur im Verborgenen, und nachdem das "rechtgläubige" Christentum und seine Vertreter der Amtskirchen einen eigenen Kreuzzug gegen die Katharer und Albingenser führten, wurde es erst so richtig zappenduster.

    Das änderte sich mit der Aufklärung und der amerikanischen und französischen Revolution. Die phrygische Kopfbedeckung wurde Symbol der Freiheit. Es ist daher naheliegend, dass der "Kult des höchsten Wesens" zurückgeht auf den Kult einer phrygischen Magna Mater- Matriarchiats-Madonna
     

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    Zuletzt bearbeitet: 19. Juli 2015
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  13. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    @Scorpio könnte man die Bommelmütze mancher kultisch verehrter Rapper und DJs auch auf diese Tradition zurückführen? (evtl. rappte die Gotenregentin?) =)
     
  14. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied



    Als Verschwörungstheoretiker fällt mir als Erste diese friedliebende Magna Mater ein, die von einem blauen alten Sack kaltgestellt wurde

    Jetzt kann ich schlumpfine nicht mehr einstellen, Honni soit qui mali pense
     

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  15. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Vielleicht könnte man von der zweifellos interessanten Hütediskussion zur Geschichte der Montanisten, vor dem phrygischen Hintergrund, zurückkehren.

    Hier hat sich ja einiges mit der Publikation von Tabbernee/Heine 2008 ergeben.
     
  16. Gangflow

    Gangflow Aktives Mitglied

    https://books.google.de/books?id=rN...wgtV#v=onepage&q=Tabbernee/Heine 2008&f=false

    In Phrygien, wie in anderen teilen Kleinasiens, war der Kult der Muttergöttin unter verschiedenen lokalen Formen aber meistens der Cypele sehr verbreitet. Weitere Gottheiten waren Apollo mit Mutter Leto, Hosion und Dikaion, Zeus und Men der Mondgott. Es gab aber während der Zeit der Etablierung des Christentums schon die Tendenz einer Hinwendung zu einer Art Monotheismus. Bei einer Vielzahl von Gottheiten wurde eine Suche nach einem „ultimativen“ Gott beobachtet.

    "Open minded Pagans" fanden diese Idee gut. Ihnen war aber total unverständlich, daß Christen nicht teilnahmen an kultischen Aktivitäten, besonders natürlich den kaiserlichen Kulten. Man konnte also an der Loyalität der Christen zweifeln.
    Montanus begann um 165 mit seinen Prophetinnen Maximilla und Priscilla eine ethisch erneuernde Bewegung. Von den Unterstützern „Neue Prophezeiung“ genannt, von seinen Verleumndern „eine Sekte der Phrygier“. Zentrum war der Ort Pepouza in dessen Nähe das neue Jerusalem aus dem Himmel herabsteigend erwartet wurde. Der Montanismus verbreitete sich sehr schnell in andere Teile Phrygiens, in umgebende Regionen und darüber hinaus. Eine Grabinschrift „Trophimus, Apostel von Pepouza“, gefunden in Ankara, zeigt, daß bis ins 6. Jahrhundert Missionare ausgesandt wurden.
     
  17. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    @gangflow:

    Da nenne ich eine Literaturquelle, die sich speziell mit den Ausgrabungssuchen der ersten Stätten beschäftigt, an denen Montanus gepredigt hat.

    Deinem Link ist zu entnehmen, dass Du die google-books-Suche für "Tabbernee/Heine 2008" benutzt hast. ich verstehe jetzt nicht, wie Deine inhaltlichen Aussagen zu den kultischen Umtrieben und insbesondere zu den näheren Umständen der Verbreitung damit im Kontext steht. Das Buch enthält einen sehr guten bibliographischen Nachweis zum Montanismus, im Kern dann die 4 Ausgrabungskampagnen.

    Dazu weitere Fragen:
    Hast Du den Begriff "Open minded Pagans" dem Buch entnommen, oder der "populären" Literatur?
    Wie kommst Du zu der Beschreibung der sonstigen auf die Region bezogenen Kulte bz. Religionen?
    Meinst Du mit "ultimativem Gott" die "hypsistos cults"? Aus welcher Literaturstelle?
    Welche Quelle für diese Region belegt die "Loyalitätsfrage", resp. "Unbehagen wegen der Nichtteilnahme der Christen"?
    Welche archäologischen Quellen beschreiben überhaupt die Umstände der Verbreitung der Montanisten in Phrygien?
     
  18. Gangflow

    Gangflow Aktives Mitglied

    Ich dachte, den Rest kann jeder dem Link entnehmen. Also bitte:

    "Open minded Pagans" ist dem Link entnommen.

    Cybele war sehr verbreitet (Roller 1999)

    Apollo und Leto (Hirschmann 2005, 55-74)

    Hosion und Dikaion, Zeus und Men (Mitchell 1993, 2:23-25)

    "a shift toward a kind of philosophic and syncretistic "monotheism" (Mitchell 1993, 2:43-50)

    "Loyalitätsfrage", resp. "Unbehagen wegen der Nichtteilnahme der Christen" (Price 1998; Friesen 1993; 2001)

    Leider hat das Buch keine Seitenzahlen. Unterhalb des Fotos von Pepouza folgt ein Text, der auf Stätten hinweisen könnte. Inwieweit das archäologisch "bewiesen" ist weiß ich nicht. Vielleicht findet jemand etwas in den Texten.
     
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  19. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    nun gut:
    bevor irgendwelche Darstellungen phrygischer Mützen quasi zur Bundeslade stilisiert werden, ist zur Kenntnis zu nehmen, dass die programmatische "gekünstelte" (Selbst)darstellung der ostgotischen Regentin Amalasuintha auf die programmatische gentile Memoria der amalischen stirps regia rekurriert*), und da zu dem Zweck, der Regentin die (mit dem Tod ihrers Sohnes problematisch gewordene) Herrschaft zu erhalten. Das und nichts anderes ist aus dem erstklassigen Gotenbuch von Herwig Wolfram zu ersehen.

    Allein dieses Beispiel genügt schon, um allerlei Fantasterei über phrygische Mützen samt deren gewünschter religiöser kybelischer Tradition ad absurdsum zu führen.

    Sicherlich gibt es bedenkenswerte kunsthistorische Überlegungen zu den diversen Darstellungen von Herrschaftsinsignien zu unterschiedlichen Zeiten - aber eine phrygische Mütze der Spätantike bzw. des Frühmittelalters sagt NICHTS über eine ggf mehr als tausend Jahre alte angebliche (religiöse) Tradition.

    __________
    *) und diese speziell amalische Memoria reichte - trotz aller cassiodor´scher Mühen - nicht sonderlich weit zurück, wie Herwig Wolfram in seinem Gotenbuch so ausführlich wie überzeugend darlegt.
     
  20. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    Das ist irgendwie ein typisches Argumentationsmuster von dir: Du polemisierst gegen Behauptungen, die keiner aufgestellt hat.

    Das gleiche Muster auch hier: Keiner hat behauptet, dass die phrygische Mütze der ostgotischen Königin etwas mit einer Kybele-Verehrung zu tun hat. Vielmehr stellt sie eine Remineszenz an die geographische Herkunft der Ostgoten sowie ein politisches Symbol dar. Nichtsdestotrotz geht die Mütze historisch auf den phrygischen Kybele-Kult zurück.

    Um letzteres geht es ja gar nicht im Zusammenhang mit der Ostgotenkönigin. Du hattest ihre Kopfbedeckung thematisiert. Dass es dabei keinen direkten Zusammenhang mit dem Kybele-Kult und dem christlichen Bischofsamt gibt, ändert nichts daran, dass sich die Mütze auf die Kopfbedeckung bosporanischer Königinnen zurückführen lässt und dass diese wiederum - wie könnte es anders sein? - mit dem Kybele-Kult im Bosporanischen Reich zusammenhängt, der archäologisch nachgewiesen ist. Zum Beispiel gab es in Panticapaeum, der Hauptstadt dieses Reiches, einen Kybele-Tempel, dessen Überreste zusammen mit einer beschädigten Kybele-Skulptur auf dem lokalen Mithridates-Hügel entdeckt wurden. Andere archäologische Indizien in den bosporanischen Städten Panticapaeum, Nymphaeum, Kepoi und Hermonassa verweisen ebenfalls auf einen Kybele-Kult (Weihinschriften, Wandgemälde).

    Allerdings scheint nicht Kybele, sondern Aphrodite im BR am intensivsten verehrt worden zu sein. Dabei ist wieder zu bedenken, dass Aphrodite von der Kybele-Gestalt synkretistisch den Aspekt einer starken sexuellen Leidenschaft übernommen hatte.

    Bekanntlich schloss der Kybele-Kult die Verehrung des Attis ein, eines jungen Hirtengottes, in den Kybele leidenschaftlich verliebt war und den sie (in dem bekanntesten der Mythen um dieses Paar), als er ihr, der Schönheit einer Nymphe erlegen, untreu wurde, in Wahnsinn verfallen ließ, in welchem er sich unter einer Pinie entmannte. Diese Pinie gilt fortan als von der trauernden Göttin geheiligte ´Wiederverkörperung´ des toten Attis und wurde in Rom kultisch als Symbol der Erneuerung des Lebens gefeiert. Das Fest dauerte vom 22. bis zum 27. März, fiel also genau in die Phase des im schon im Alten Orient traditionell gefeierten Frühlingsäquinoktiums und begann mit einer Leichenfeier (Prozession mit der Attis-Pinie). Ab dem 25. März begannen die Freudentage. Dass im frühen Christentum die Zeugung seines Heros (9 Monate vor dem 25.12.) sowie sein Sterben und seine ´Auferstehung´ ebenfalls in diese Märztage fallen, ist natürlich alles andere als ein Zufall, sondern eine Anpassung an ´heidnische´ Traditionen.

    Zusätzlich zu diesem exoterischen Kult gab es einen ´esoterischen´ Mysterienkult, über dessen Inhalt wenig bekannt ist. Textliche Indizien lassen vermuten, dass es darin um eine rituelle Wiedervereinigung von Kybele und Attis - im Sinne einer Heiligen Hochzeit - geht, die sehr wahrscheinlich, ähnlich den Praktiken des Eleusinischen Mysteriums und ganz in der Tradition schamanischer Ekstasetechniken, von der Einnahme bewusstseinsverändernder Substanzen begleitet wurde.

    Zurück zu Aphrodite vs. Kybele:

    Beider Entstehung wird ebenfalls durch Kastrationsmytheme überliefert. Aphrodite entstand bekanntlich aus dem Schaum aus Blut und Samen, der sich aus dem Phallus des Uranos bildete nach dessen Entmannung durch seinen Sohn Kronos. Kybele wiederum entstand, einem Mythos zufolge, durch eine Selbstentmannung des zweigeschlechtlichen Wesens Agdistis, dessen Phallus von Dionysos offensichtlich irreversibel an einen Baum gebunden worden war. Der entmannte Agdistis war nun Kybele; aus dem Blut des Genitals aber spross ein Mandelbaum, von dem der Nymphe Nana eine Frucht ´in ihren Schoß´ fiel, so dass sie schwanger wurde und den Attis gebar, in den sich Kybele dann verliebte.

    Die Ähnlichkeit der Motive einer Geburt durch einen Kastrationsakt ist unübersehbar. Natürlich sind solche Kastrationsmythen das Produkt einer Überlagerung indoeuropäischer Einwanderer (z.B. die Phryger, die sich Anfang des 1. Jt. BCE in Anatolien ansiedelten) mit der indigenen Kultur von Hellas und Anatolien, sie gehen also nicht auf den ursprünglichen Magna-Mater-Glauben zurück.

    Ähnlich unübersehbar ist eine Parallele zwischen Attis, dem Geliebten der Kybele, und Paris, dem Aphrodite die schöne Helena verspricht, um ihn für die Wahl zur schönsten Göttin zu belohnen (Apfel des Paris), wodurch sie den Trojanischen Krieg auslöst. Die Parallele besteht weniger (aber auch) darin, dass eine Art Dreiecksverhältnis besteht (Nymphe, mit der Attis fremdgeht / Helena als Geliebte des Paris), sondern in der Kopfbedeckung beider Jünglinge (siehe angehängte Bilder von Paris, der oft mit phrygischer Mütze gezeigt wird).

    Ich will jetzt nicht vom 100sten ins 1000ste geraten und breche daher in dieser Stelle ab. Auf die genaueren Zusammenhänge des Attis-Kultes (zurückgehend auf das Stieropfer im Kontext altorientalischer Fruchtbarkeitskulte) werde ich noch zurückkommen.

    Einen Überblick über den Montanismus werde ich in Bälde nachreichen.
     

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    Zuletzt bearbeitet: 22. Juli 2015

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