Spätes Zarenreich und der Wodka

Dieses Thema im Forum "Russland | Sowjetunion | Osteuropa" wurde erstellt von silesia, 26. Dezember 2011.

  1. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter


    Jetzt bin ich zum zweiten Mal binnen kurzer Zeit auf Hinweise in der Literatur über die Bedeutung des Alkohols in den letzten 2 Dekaden des Zarenreiches gestossen.

    Zunächst die Bedeutung für die Finanzen, die bedeutenste Quelle auf der Einnahmenseite mit Finanzierung von Staat, Eisenbahnen und Rüstung zu nahezu 50%:
    http://www.geschichtsforum.de/619429-post9.html

    Dann diese Schrift:
    Patricia Herlihy, "The Alcoholic Empire: Vodka & Politics in Late Imperial Russia" Oxford University Press, USA 2001

    Kennt das Buch jemand, oder gibt es weitere Hinweise? Ein Empire im Suff am Vorabend des Weltkrieges? Ein Finanzministerium, das zur Deckung der gewaltigen Ausgabensteigerungen die Ekzesse noch weiter hochtreibt?

    In dem Kontext und in der Schärfe war mir das neu.
     
  2. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Dazu noch passend:

    Linda Himelstein: The King of Vodka - The Story of Pyotr Smirnov and the Upheaval of an Empire, 2009
     
  3. michaell

    michaell Aktives Mitglied

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  4. Der Adel

    Der Adel Neues Mitglied

    Ich kann nur eine Kleinigkeit zu diesem Thema hinzufügen, nämlich dass der Großteil des Wodkas bis tief in 19 Jh. nicht im eigentlichen Russland gebrannt wurde sondern im Baltikum.
     
  5. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Hast du dazu weitere Informationen?
     
  6. Rurik

    Rurik Aktives Mitglied

    Was ich über die Anfänge weiß: Der Branntwein kam ursprünglich von der Hanse, die ihn nach Pskow und Nowgorod brachte. Dort war der Verkauf an Einheimische anfangs sogar verboten. Das änderte sich mit Iwan IV., der nach der Eroberung von Kasan, 1552, die dortigen Kabak entdeckte. Solche Kneipen (verniedlicht Kabatschok) ließ er dann in seinem Herrschaftsbereich einrichten. Die auf den Vodka erhobenen Steuern wurden schon zu seiner Zeit staatstragend. Es wurde sogar zur Pflicht, dort für den Zaren zu trinken. Straftäter sollen, solange sie sich im Kabak (staatlich betrieben) befanden und noch nicht ihr letztes Geld vertrunken hatten, unbehelligt geblieben sein.
    Seit Iwan Grosny ging der russische Bauer nach der Kirche immer direkt ins Kabak. Der Pope natürlich auch.
     
  7. Der Adel

    Der Adel Neues Mitglied

    @silesia: Nein leider nicht, das Buch aus dem ich die Information habe verstaubt schon längst wieder in einem Bibliotheksregal
     
  8. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    im 19. Jh.:
    Dostojewski beschreibt manche dem billigen Schnaps erlegene Säufer als etwas ganz alltägliches (z.B. Lebjadkin in "die Dämonen": 2nachts da soff ich ohne Ende, tags streckt´ ich die Zunge raus"), der dem billigen Schnaps erlegene Säufer Modest Mussorgski improvisierte bei den Trauerfeierlichkeiten zu Dostojewskis Tod, der nüchterne Realist Ilja Repin portraitierte den alkoholkranken Komponisten kurz vor dessen Tod.
    Eine Randfigur im "Zauberberg" unterstellt den Moskowitern pauschal, dass sie "dem Wuttki" verfallen seien.
    Freilich war auch in der Neuen Welt das Saufen nicht unbekannt, wie man dem Delirium tremens von Huck Finns Vater entnehmen kann (Twain: The Adventures of Huckleberry Finn)
    Die Herstellung von billigem Schnaps (Fusel) in großen Mengen war begünstigt durch zunehmende Massenproduktion in der Zeit der industriellen Revolution (irgendwo habe ich gelesen, dass dem Industrieproletariat auf diese Weise einerseits der karge Lohn wieder abgenommen, es andererseits aber auch ruhig gestellt wurde) und es gab - überall! - Abnehmer dafür.
    Valerij Brjussow (der kleine Dämon) beschreibt en passant das Saufen der höheren bürgerlichen Klassen (Rotwein) und das der Unterschicht (Schnaps bzw. Wodka), ebenso Andrej Bely (die silberne Taube) und natürlich auch Graf Lew Tolstoi (berühmt die Saufexzesse des Hochadels in "Krieg und Frieden")
    ...mag Mütterchen Russland mit seinen melancholischen Weiten im 19. Jh. als Industriestaat gemessen an England auch rückständig gewesen sein, so gilt dies zumindest für die Schnapsherstellung wohl nicht ;):grübel: -- zumindest legen die kulturhistorischen bzw. literarischen Quellen das nahe.

    im 20. Jh.:
    kistenweise Wodka schluckt man in Valentin Rasputins Roman (man könnte auch sagen Öko-Roman, falls es diese Gattung gibt) "Abschied von Matjora", wobei dieser Vorgang kontextuell als völlig gebräuchlich und normal dargestellt wird.
     
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  9. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Wo Du es so sagst: Es wimmelt geradezu von Säufern in den Romanen, in ihrem Alltag. Sonjas Vater Marmeladow ist an ihrer Lage nicht ganz unschuldig, Frauen werden regelmäßig in die Verzweiflung getrieben. Der Säufer gehörte zum Grundbild "arme Leute"/Leid in seinen Gesellschaftsskizzen.
     
  10. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    Ein interessantes kulturhistorisches Thema. Nach heutigen medizinischen Kriterien, wären wahrscheinlich alle europäischen Männer des 19. Jh. schwere Alkoholiker gewesen, nicht nur in Rußland, Stichwort, Deputatschnaps auf den ostelbischen Gütern, "Biersuppe" und andere Scheußlichkeiten.

    Ich habe mich nie mit diesem Thema intensiv befaßt, aber mir scheint es so, daß die Stigmatisierung des Alkoholtrinkens mit der Industriealisierung einsetzt ("Abstinenz-Bewegung", z.B. "Blaues Kreuz" in DR). Ich meine mich erinnern zu können, daß Abstinenz sogar Eingang in die sozialdemokratische Programmatik fand.

    Auch in der Literatur wird vor der 2. Hälfte des 19. Jh. in Europa, Alkoholismus nicht thematisiert, von gelegentlichen Ulkereien über notorische Trunkenbolde abgesehen. Offenbar wird Alkoholismus und die Folgen erst ab der 2. Hälfte des 19. Jh. als gesellschaftliches und individuelles Problem wahrgenommen und aufgegriffen.

    Was hätten die Menschen auch trinken sollen, außer alkoholischen Getränken?

    Wasser: ein hygienisches Problem
    Milch: vor der Pasteurisierung, auch ein Problem
    Kaffee: teuer
    Tee: teuer
    Kakao: dito
    Obstsäfte: ich denke, eher unbekannt
    Limonade: teuer und das Wasserproblem
    Essigwasser: o.k., wer das aber schon einmal getrunken hat weiß, daß ein Bier dann doch besser schmeckt (hier bekenne ich mich zu einem "Feldversuch" aus Studentenzeiten)

    M.
     
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  11. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Eine weitere Erklärung, zB aus Bergbauregionen, aber generell für Schwerstarbeit, ist wohl die Kalorienzufuhr über solche "Brennprodukte".

    Die Frage ist, ob das nun - wie in mancher Literatur so dargestellt - in Russland tatsächlich exzessiver war als in anderen Ländern. Zu den Figuren von Dostojewski fällt mir übrigens auch noch Vater Karamasow ein, ebenfalls als Säufer, ... und als Bestandteil der multiplen Sohnfigur: Dimitri.
     
  12. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Melchiors Ansatz, die Wahrnehmung von Alkoholismus als Unterschichtproblem bes. im 19. und frühen 20. Jhd., hat einen gewissen Reiz.
    Bes. die harten Spirituosen des nördlichen Europa abseits der traditionellen Weinländer wurden problematisiert und die Konsumenten diffarmiert. Weit im Westen hatte der irische Whiskeysäufer einen ähnlich schlechten Ruf wie der russische Wodkatrinker.

    Bier und Wein wurden auch verdünnt getrunken, für die gebrannten Spirituosen war das wohl unüblich.
     
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  13. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Eine der authentischsten und anschaulichsten Beschreibungen des Alkoholismus hat Jack London mit seiner autobiographischen Erzählung "John Barleycorn" (König Alkohol) vorgelegt. London, der später gegen Schmerzen und Gebrechen Morphin und das Bayer Produkt Heroin nahm, plädierte übrigens Ende des 19. Jahrhunderts für eine Prohibition.

    Bevor die USA 1920 bundesweit die Prohibition einführten, die Roosevelt 1933 wieder abschaffte, gab es bereits einige Bundesstaaten und Countys, die "trocken waren und nur beschränkten Alkoholverkauf zuließen.
     
  14. Lipper Schütze

    Lipper Schütze Mitglied

    Trinken und Macht in Russland

    Ich empfehle dringend das Sachbuch von

    Sonja Margolina: WODKA
    Trinken und Macht in Russland
    ISBN 3-937989-03-X, 184 Seiten.

    S. Margolina ist Russin, hat in Moskau Biologie und Ökologie studiert und dort promoviert. Das Buch ist 2004 erschienen; zu dieser Zeit lebte sie in Berlin.

    Dieses Buch wird selbst von meinen russischen Freunden, die Deutsch lesen können, als sehr wichtig und informativ angesehen.

    Grüße aus dem Lipperland, wo der Kupferdraht erfunden wurde.
     
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  15. Lipper Schütze

    Lipper Schütze Mitglied

    In Deutschland verbreiteten sich der Konsum von harten alkoholischen Getränken (Branntwein) und zugleich die Geschlechtskrankheiten nach der Nutzung der Kartoffel zum Schnapsbrennen und mit Beginn des Eisenbahnbaus auch in solchen Gegenden, die bisher nicht sehr gut an den Verkehr angeschlossen waren. Ein Grund dafür war eine Art Schnapsdeputat für die Arbeiter im Streckenbau. (Es gibt dazu Statistiken aus Preußen, die ich erst einmal wieder finden müßte.)

    Bier, und zwar literweise, gehörte noch zu Beginn des 19. Jahrh. in einigen Städten zum täglichen Deputat von Dienstboten u.a. Arbeitern bzw. Arbeiterinnen. Daß diese dann das Bier auch zu Suppen verarbeiteten, darf wohl als bekannt vorausgesetzt werden. (Diese alten Biersuppenrezepte liefern teilweise auch heute noch wohlschmeckende Speisen.)

    Konzentrierter Alkohol lieferte schon seit dem Mittelalter eine Rolle beim Transport von Wein, er wurde den Weinfässern beigemischt, damit der Wein haltbarer wurden und somit auch längere Transporte überstand. Zuweilen wurde solcher Wein auch 'geflammter Wein' genannt. Im englischen Sprachraum hat sich der daher stammende Ausdruck 'fortified wine' bis heute erhalten und bezeichnet dann oft Getränke, deren Alkoholgehalt geringer als Branntwein, jedoch stärker als Wein ist.

    Nicht-alkoholisierte Grüße!
     
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  16. Lipper Schütze

    Lipper Schütze Mitglied

    Ergänzung, weitere Quelle:

    B. Ann Tlusty: Bacchus und die bürgerliche Ordnung.
    Die Kultur des Trinkens im frühneuzeitlichen Augsburg
    ISBN: 3-89639-513-0

    Ursprünglich Dissertation der Autorin, von Helmut Graser aus dem Englischen übertragen.

    Weitere Grüße!
     
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  17. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    zumindest in der Wahrnehmung (Rezeptionsgeschichte) ist das so: der russ. Wodkasäufer toppt alle anderen (selbst Artur Rubinsteins Autobiografie berichtet dergleichen aus dem Russland kurz vor der Revolution), jedenfalls als literarischer Topos im späten 19. und frühen 20. Jh.

    bzgl. Vater Karamasow: der, eigentlich zu den höheren Kreisen an seinem Wohnort zählend, macht sich ja gerade dadurch unbeliebt und "schändlich", dass er "wie die Unterschicht" säuft und zecht - was Dimitri betrifft: ist der ein "typ. russ. Schluckspecht"? ...und der alte Karamasov hat immerhin nicht nur Dimitri, sondern auch Aljoscha und Smerdjakov hervorgebracht :grübel:

    relevanter aber ist folgender Umstand: Wodka für die damalige - 19. Jh. - Unterschicht bezahlbar (und brachte den Herstellern dennoch Gewinn)
     
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  18. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    mir fällt noch ein:
    Wilhelm Busch "die Abenteuer einer Sylvesternacht"
    ...offensichtlich kannte man auch in Norddeutschland den Suff :rofl: und Busch hat das kongenial genzeichnet
     
  19. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    ...bezahlbar, gewinnträchtig, und außerdem über die Besteuerung eine große und wichtige Einnahmequelle für Rußland. Ein beachtlicher Teil des Staatshaushaltes "lief" über den Wodka.
     
  20. Zoki55

    Zoki55 Aktives Mitglied

    Warum lief noch heute ist es so das Vodka in Russland stark besteuert wird, so das sich das schwarzbrennen auszahlt.
     

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