Wechsel der Geburtsposition

Dieses Thema im Forum "Absolutismus und Aufklärung (1648-1789)" wurde erstellt von Legat, 4. März 2018.

  1. Legat

    Legat Aktives Mitglied


    Hab gerade gelesen, das wir es Ludwig XVI zu verdanken haben, dass Frauen im liegen gebähren, obwohl hocken oder auf allen vieren anatomisch günstiger wäre.
    Angeblich liebte es Ludwig XIV den Geburtstagvorgang zu beobachten, aber wenn die Frau auf einem Geburtsstuhl sitzt dann sei die Sicht darauf beeinträchtigt. Also sollte sich die Frau hinlegen.
    Die Liegeposition soll dadurch in Mode gekomme sein.

    Ist da was dran?
     
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  2. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    wo hast du das gelesen?
     
  3. Legat

    Legat Aktives Mitglied


    Auf einer Internetseite namens IFuckingLoveSience. Meistens ist die recht fundiert. Mit Links zu den Studien die sich mit wissenschaftlichen Forschungen in diversen Bereichen befassen. Manchmal ist da aber auch Müll dabei.
    Deshalb frage ich ja hier.
    Achja Ludwig XIV sollte es beide Male heißen.
     
  4. Heine

    Heine Aktives Mitglied

    Und dort bezieht man sich auf einen Aufsatz in American Journal of Public Health von Mai 1987, wo es heißt: "Some scholars claim that the change in birthing position was a perverted caprice of King Louis XIV ..." sowie "The influence of the King's policy is unknown, ...". Klingt nicht gerade fundiert. Wer es nachlesen möchte: hier.
     
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  5. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Sehr interessante Thematik. Wenn es eine Mode war, sollte es doch vor allem den Hofadel betroffen haben.

    Die meisten Frauen hat es sicher nicht interessiert. Ich hab mal in ein Kirchenbuch aus dem 18.Jh. reingeschaut und da findet man, dass bei einfachen Geburten auch keine Hebamme zugegen war. Da wird die Gebärende wahrscheinlich keine Gedanken darauf verschwendet haben wie das Kind jetzt raus kam und ob modisch oder nicht. ;)
     
  6. Konfuzius

    Konfuzius Mitglied

    Die Frage ist dann ja immer noch, warum sich eine solche "Mode" wenn sie denn existiert hat, gehalten hat, da durch die spätere französische Revolution und die anschließende Terrorherrschaft durch Robespierre doch so ziemlich alles, was mit dem Adel in Verbindung gebracht wurde, unterbunden wurde, oder täusche ich mich jetzt komplett?
    Außerdem erschließt sich mir die Frage nicht, warum etwas vom einfachen Volk übernommen werden sollte, was beim Adel in Mode war...
     
  7. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Das Bürgertum hat in Frankreich schon massiv vom Adel abgekupfert. Man sieht das an den Wohnverhältnissen des Großbürgertums, das natürlich auch nicht dauerhaft in der Stadt wohnte, sondern sich einen Landsitz gönnte, das dem Châteaux des Adels in Nichts nachstand, im Gegenteil. Auch die Zusammensetzung des Haushalts sah eigentlich wie eine Kopie des adligen Schemas aus.

    Die französische Revolution stellte nun auch nicht die Zäsur dar, die eine Weile vor allem kommunistische oder sozialistische Historiker sehen wollten.
    Man muss sich hier einmal die Dauer vor Augen halten. Dass z.B. Luxusartikel und teure Kleidung verpönt waren, betraf vielleich 2-3 Jahre und endete prompt mit der Hinrichtung Robespierres. Sogleich strömte der Adel zurück nach Frankreich, wo er nicht in den Emigrantenarmeen gegen die Revolutionsarmeen kämpfte oder dem direkten Umfeld der Brüder von Louis XVI angehörte.
    Es gab zwar große Verschiebungen von Besitzverhältnissen, die noch Reichardt 1802/03 bei seinem Parisaufenthalt registrierte, aber er traf auch zu einem guten Teil wieder den alten Adel in neuem Gewand und an dem neu installierten Hof des 1er Consul wieder, der darum bemüht war seinem Regime durch denselben einen gewissen Glanz zu verschaffen. Madame de Beauharnais/Bonaparte hatte nie ihre Vorliebe fürs Ancien Régime so wirklich abgelegt.

    Rein äußerlich kann man einen wohlhabenden Bürgerlichen von einem Adligen nicht unterscheiden - man kann ja mal die Porträts vergleichen. "In" war, was teuer war und da gab der König und sein Umkreis dem Hof und der Hof der Gesellschaft ein Vorbild.
    Das lächerliche Beispiel des Bourgeois Gentilhomme (Molière/Lully) wurde international von zahlreichen Dramatikern karikiert, den Bürgerlichen, der in Kleidung und Umgangsformen den Adligen bis ins Groteske verzerrt imitieren wollte...
     
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  8. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    Medizinisch gesehen scheint die Bewahrung des horizontalen Geburtsverfahrens ein Fehler zu sein, wenn man dieser Studie Glauben schenken kann:

    Puerperal women's perceptions on vertical and horizontal deliveries

    In this study, positive and negative aspects appointed by women regarding vertical and horizontal positions are a result of their comparison between both positions, since they had already experienced childbirth in both.

    The positive aspects of the vertical position reflect the need for women to actively participate in the delivery, the perception that this is the most comfortable position and eases fetus expulsion. On the contrary, the horizontal position makes these aspects difficult, generating a negative perception, since it hinders movement, increases suffering, tiredness and duration of the expulsive period and obstetrical interventions.

    Generally, the positive aspects of the horizontal labor are associated to episiotomy, to the opportunity to remain lying down and the feeling of being "helped". Thus, some women relate the care delivered during childbirth with the need for a more active conduct of health professionals and a more passive one from women; they even perceive the reduction of interventions as a negative aspect of the vertical position.

    Considering all the nuances appointed in the women's discourse, the positive aspects of the vertical position emerged more intensively and frequently than the negative ones. The CSDs appoint that the positive aspects of the vertical position and negative aspects of the horizontal position are in agreement with scientific evidence, generated in clinical trials and systematic reviews on the theme. This fact reveals that women also perceive the adoption of the vertical position during obstetrical practice as beneficial.

    Louis XIV. hat Geburten übrigens nicht unmittelbar bei der gebärenden Frau beobachten dürfen, sondern nur von hinter einem Vorhang aus. Mehr war den Sitten der Zeit entsprechend sogar für einen absolutistischen Herrscher nicht drin. Heutzutage dürfen auch normalsterbliche Väter unmittelbar präsent sein, wie ich aus eigener Erfahrung weiß.
     
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  9. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Ich kann zu diesem Thema die Werke einer guten Bekannten, der Marburger Kulturanthropologin Marita Metz Becker empfehlen:

    Hebammen und medizinische Geburtshilfe im 18. und 19. Jahrhundert

    Der Artikel ist auch online, ich bin momentan zu verlinken, aber wer den Titel googelt, findet ihn leicht.

    Es gab von der gleichen Autorin kurz vor der Jahrtausendwende auch einen Ausstellungskatalog anlässlich einer Ausstellung im Schloss Marburg.

    Ende des 17. Jahrhunderts, Anfang des 18. Jahrhunderts veröffentlichten bekannte Accoucheure erste Handbücher zum Thema, ein Engländer namens John Smelly erfand eine Zange für Zangengeburten und gab Ratschläge zu Positionen. Der Einfluss des Hofs von Versailles auf Geburtspraktiken selbst dürfte marginal gewesen sein, im "How to..." orientierten sich die Herrschaften an der Meinung führender Accoucheure, was allerdings Mätressen en titres und Fürstinnen von Geblüt betraf, machte ihnen das Hofzeremoniell und die Etiketten des Hofes eine Geburt oft zur Qual denn die Geburt eines potenziellen Thronfolgers oder legitimierten königlichem Sprößling war ein Ereigneis, das keine Intimität gestattete und von der Hofgesellschaft, entsprechend ihrem Rang beobachtet wurde, sei es auch mit einer spanischen Wand als
    Blickfang wie Chan korrekt geschrieben hat.
     
  10. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    Ich habe ein paar historische Darstellungen von Gebärpositionen zusammengestellt, nach Möglichkeit mit Datierung.

    Antikes Griechenland / Geburtsstuhl:

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    Kaiserschnitt ca. 15. Jahrhundert:

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    Geburtsstuhl um 1500:

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    Extreme Rückenkrümmung zwecks Pressen / Italien:

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    17. Jahrhundert:

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    Um 1800:

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    Geburt bei den Kiowa-Indianern / Nordamerika:

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    USA 1846:

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  11. Galeotto

    Galeotto Aktives Mitglied

    @Chan, das erste Bild zeigt keine Geburt in Griechenland sondern ist aus einem Grab aus dem 1. Jh. n.Chr. in Ostia, also römisch.
    Es gab aber in der Antike auch die liegende Position Classical Roman Birth Scene womit die These von Ludwig wohl nicht stimmen kann.
     
    Zuletzt bearbeitet: 25. April 2018

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