Wie ernst war Bonaparte die Invasion 1804?

Dieses Thema im Forum "Französische Revolution & Napoleonische Epoche" wurde erstellt von Brissotin, 16. Oktober 2017.

  1. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied


    Ich lese derzeit Zeitungen von 1804 (z.B. die Freiburger Zeitung). Deutlich wird dabei wie sehr die Briten in der Tat die französische Invasion als reale Gefahr wahrnahmen. Ein Zeitungsautor merkt an, dass es schon Kritik an der Regierung in England gäbe, weil diese die Hysterie dort nur schüre. Ob die Regierung furchtsamer als die Einwohner selbst sei? Ob es denn notwendig sei laufend mit falschem Alarm die Menschen in Angst und Bange zu versetzen?

    1804 wäre ja m.E. tatsächlich der ideale Zeitpunkt für eine Invasion gewesen. Vielleicht wäre 1803 noch besser geeignet gewesen. Warum? Österreich als Frankreichs entschiedenster Feind zu Land war durch den 2. Koalitionskrieg erschöpft und brauchte Zeit um sich zu sammeln und Kraft für einen neuen Waffengang zu schöpfen. Die deutschen Verbündeten Österreichs v.a. in Süddeutschland hatten sich als wenig zuverlässig, wenn nicht gar untreu und verräterisch erwiesen. Karl Friedrich von Baden hofierte Bonaparte nach allen Regeln der Kunst und dankte ihm damit den enormen Machtgewinn durch den Reichsdeputationshauptschluss. Österreich hatte mit dem Verlust der Niederlande massiv Ressourcen eingebüßt. Eine Invasion nach Frankreich war schwierig mit solchen Anmarschwegen.
    Auch die Lage in Großbritannien selbst war instabil. Das betrifft weniger England als Irland. Die Zeitungen berichten, dass es zu nichts führt, dass Irland unter Kriegsrecht gestellt wurde, da das Geländer guerillaähnlichen Übergriffen der Einheimischen auf die Besatzer günstig war (Heckenschützen werden erwähnt, die regelmäßig britische Reiter (wohl Kavalleristen) töteten).

    Aber wollte Bonaparte wirklich die Invasion Englands? Natürlich wurden große Anstrengungen unternommen. Aber warum hat man nicht auch dahinein investiert von den Niederlagen der Vergangenheit zu lernen? V.a. was das Seekrieg anbelangt, hätte man doch langsam aus den Niederlagen von Abukir, Groix usw. einmal lernen können und die Taktik flexibler gestalten. Wie hätte Frankreich bei einer Seehoheit über den Kanal den Nachschub an Truppen und Material gewährleisten sollen? Was hätte Bonaparte nach einer erfolgreichen Landung in England getan? Man kann ja gewiss auch mit einer Armee nicht Millionen von Engländern "umdrehen". Einen Landstrich des Feindes zu besetzen wie Bonaparte den Österreichern einige Provinzen bislang abgenommen hatte, war das eine, aber komplett einen anderen Staat zu besetzen, das andere. Außerdem scheint ja Bonaparte irgendwie den Krieg als Teil seiner Legitimation gebraucht zu haben und wie hätten die Festlandsmächte ohne englisches Geld und Englands Schiffe als Truppentransporter für amphibische Operationen wie 1799 in den Niederlanden einen erfolgversprechenden Krieg gegen Frankreich führen sollen?
     
  2. Gangflow

    Gangflow Aktives Mitglied

    Die Engländer trafen schon Vorbereitungen zur Landung Napoleons.

    https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/b0/Buonaparte%2C_48_hours_after_landing.jpg


    BUONAPARTE - 48 Hours after Landing!

    Ha, my little Boney! -
    what dost think of Johnny Bull now?
    Plunder Old England, hay?
    Make French slaves of us all, hay?
    Ravish all our wives and daughters, hay?
    O, Lord help that silly head!
    To think that Johnny Bull would
    ever suffer those lanthorn jaws to
    become King of Old England’s
    Roast Beef and Plum Pudding!"
     
  3. muheijo

    muheijo Aktives Mitglied


    Mir ist keine Literatur bekannt, die die Vermutung nahe legt, es wære Napoleon nicht Ernst gewesen mit der Landung in England.
    Nach dem was ich gelesen habe, ist das Gegenteil der Fall: Es war ihm sehr Ernst.
    Die Planung sah sicher nicht die Besetzung ganz Grossbritaniens vor - bis zum Russlandfeldzug hatte es ja vøllig ausgereicht, die feindlichen Armeen per Vernichtungsschlacht auszuschalten und die Hauptstadt zu besetzen. Versorgung aus dem Lande war ja auch keine Neuerung, und wære in England sicher kein Problem gewesen.
    Und das es möglich war, ganze Armeen zu verschiffen, hatte ja der Ägyptenfeldzug gezeigt.
    Ein, zwei Tage "Sicherheit" + ruhige See hätten sicher ausgereicht...
    Seine Seekriegsführung war darauf ausgelegt, die engl. Flotte vom Kanal wegzulocken, und seine eigene(n) dort zu sammeln, was bekanntermassen nicht gelang.
    Der Schiffsbau wurde forciert, wobei ihm das Verständnis dafür fehlte, dass das Holz dafür geduldiges Material ist.
    Was man aber wohl auch zurecht annehmen kann, ist, dass der Feldzug 1804 gegen Österreich/Russland eine willkommene Abwechslung für ihn (und auch seine Soldaten) war, die ständigen Übungen abgewechselt mit Langeweile müssen Napoleons Geduld (und davon hatte er bekanntermassen nicht viel) arg strapaziert haben.

    Ob er das Thema Invasion dann endgültig bewusst zu den Akten legte, oder einfach nicht mehr dazu kam, ist allerdings nicht sicher. Im Prinzip musste er seine Pläne eigentlich nach Trafalgar begraben.

    Gruss, muheijo
     
  4. Neddy

    Neddy Aktives Mitglied

    Da bist Du aber sehr optimistisch. Schiffe + Bedeckungskräfte zusammenziehen, Truppen, Pferde, Artillerie und Train einschiffen, übersetzen, landen (inklusive Auffinden geeigneter Anlandeorte), Brückenkopf einrichten, auspacken und das Ganze womöglich unter Feuer und nur mit dem richtigen Wind und Strom und Muskelkraft (irgendwann werden auch die Seeleute müde.) Wie lange hat das 1688 oder vergleichbar im Ägyptenfeldzug oder der britischen Walcherenexpedition gedauert?
    P.S.: Und so viele Schiffe verschiedener Grössen und Geschwindigkeiten und Kommunikationsfähigkeiten müssen auch noch unfall- und missverständnisfrei koordiniert werden...
     
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  5. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Ägypten war aber ein anderes Kaliber. Zwar war der Seeweg weiter als Boulogne-engl. Küste, dafür aber die Armee viel kleiner und die Mameluken waren ja nicht in dem Maße auf die Invasion vorbereitet wie die Briten. Diese hatten ja schon in den 1790ern Forts angelegt, um eine mögliche Landung im Keim zu ersticken. Bei Time-Team wurden mal die Überreste eines solchen Küstenforts ausgegraben. Die Briten wussten schon ziemlich genau, wo die Landung zu erwarten war. Wenn die Franzosen eine ernste Chance haben wollten, konnte es nicht zu weit von Boulogne entfernt sein. Eine kunstreiche Umsegelung der englischen Küste hätte solch ein Debakel wie 1796 (?) oder das der Armada mit Stürmen rund um die britischen Inseln mit sich bringen können. Die Franzosen hatten ja Erfahrung zumindest mit der Planung einer Landung auf den britischen Inseln, in begrenztem Umfang auch mit einer erfolgreichen Realisation (im Zuge der '45 Rebellion z.B.).
     
  6. zaphodB.

    zaphodB. Premiummitglied

    nun ja, es bestanden m.E. sehr ernsthafte Pläne für eine Invasion von amphibischen Aktionen bis hin zum Plan eines Tunnelbaus unter dem Kanal .Napoleon soll letzteres Thema sogar im Rahmen des Friedens von Amiens 1802 mit dem britischen Staatsmann Charles J. Fox angesprochen haben. Sogar Luftunterstützung durch Montgolfièren war wohl angedacht.
    Ungeachtet der technischen Schwierigkeiten setzten alle die Pläne jedoch die Kontrolle des Kanals durch die französische Flotte voraus-und die gab es von Anfang an nicht

    Wenn es den Franzosen gelungen wäre einen Brückenkopf auf der Insel zu installieren hätte die Sache sicherlich anders ausgesehen.
    Grossbritannien war nämlich keineswegs die Einheit als die es sich propagandistisch darstellte
    1780 hatten in Schottland die Highland Clearances begonnen,in Irland sorgten Plantation und Penal Laws für Unruhe,in Wales gärte es ebenfalls und selbst in England gab es eine Reihe von inneren Krisen die in diversen Aufständen (Gordon Riots, Peterloo-Massaker) gipfelten.
    Ein französischer Brückenkopf,der auch die Ideen der Revolution importiert hätte hätte diese Kriesen möglicherweise eskalieren lassen und zum Zerfall des britischen Königreichs beigetragen.
     
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  7. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Vor allem nicht nach dem Desaster (aus frz. Sicht) von Trafalgar, welches eigentlich erst die britische Vorherrschaft auf See zementierte. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob du von tatsächlichen Plänen der Franzosen oder nicht doch eher von britischer Paranoia sprichst. Ich kenne den Tunnelbau und die Luftunterstützung durch Mongolfieren eher von britischen Propagandaplakaten aus der Zeit. Dass die Briten auch nach Trafalgar die französische Gefahr ernst nahmen, sieht man daran, dass sie die eh schon 1801 schwer gebeutelte dänische Flotte 1807 zerstörten bzw. mittels Bombardement Kopenhagens die Herausgabe der Schiffe erpressten, um nur ja kein Schiff in Napoleons Hände geraten zu lassen.
     
  8. Gangflow

    Gangflow Aktives Mitglied

    Die französische Wikipedia Seite zu „Camp Boulogne-sur-Mer:

    https://fr.wikipedia.org/wiki/Camp_de_Boulogne_(Napoléon)

    schildert die Aktivitäten und Anstrengungen zur Landung in England für die Jahre 1803, 1804, 1805 und 1806-1812. 1803 erklärt Frankreich England den Krieg. Aber man hat schon Mühe die Flottenteile von Dünkirchen nach Boulogne zu bringen. Die Engländer machen da schon Schwierigkeiten und es gelingt be9im ersten Versuch nicht, mit den Schiffen das Cap Le Gris Nez (Graue Nase) zu umrunden. Man mußte Zuflucht suchen im Hafen von Calais.
    1804 entschädigt man sich mit einer besonderen Feier. Am 15. August, dem Geburtstag Napoleons - den Tag erklärte man zum Saint Napoléon - gab es eine große Inspektion der Truppen. Am 16. August dann, verteilte der Kaiser in Boulogne zum ersten Mal die Kreuze der Ehrenlegion an Soldaten der Grande Armée. Marschall Soult verkündete dem Kaiser "den Wunsch der Soldaten", eine Marmorsäule mit einer Napoleon-Statue auf Kosten der Legion zu errichten. Der Grundstein wurde am 9. November 1804 gelegt.
    In den nächsten Jahren beschäftigte man sich weiter mit allerlei Vorbereitungen.

    Die englische Wikipediaseite weiß zum selben Thema süffisant nur von zwei Camps in Boulogne-sur-Mer. Das erste Camp von Julius Cäsar um 54 v. Chr. Er bereitete dort seine Schiffe für die erfolgreiche Landung in England vor. Als zweites Camp sieht man die erfolglosen Versuche des Napoleon Bonaparte:

    https://en.wikipedia.org/wiki/Camp_of_Boulogne
     
  9. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Chandler und andere gehen eher von einem Set an Optionen aus. Die Invasion war nur ein Aspekt, der allerdings nur vor dem Hintergrund der Entwicklung auf dem Kontinent zu spielen war.

    In diesem Sinne führt Chandler Aspekte an, die darauf hindeuten, dass das Scheitern von Villeneuve ein nützlicher Zufall war und die Entscheidung gegen Österreich und Russland zu ziehen, bereits mehr als eine Woche vor den Ereignissen um Villeneuve durch Entscheidungen von Napoleon gefallen waren.

    Deswegen ist die Bewertung der potentiellen Invasion deutlich mehrdimensionaler wie dargestellt. Nicht zu vergessen die wirtschaftlichen Ambitionen, die Napoleon bereits frühzeitig mit dem Kampf gegen den erfolgreichen Handel von GB hat führen wollen. Und in dessen Kontext auch die Marktanteile französischer Waren in Europa und insbesondere in Deutschland zu beachten sind.

    Entsprechende Literaturstellen liefere ich gerne nach, bei Interesse.
     
  10. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Nähmen wir einmal an, es hätte nicht das Lager von Boulogne gegeben. Was hätten die franz. Soldaten sonst zu tun gehabt?

    Paranoia sehe ich persönlich auf beiden Seiten. Die Franzosen vermuteten überall englische Spione und hier dem Rücken den Zusammenschluss der Feinde Frankreichs finanziert mit englischem Geld. Ich vermute ganz stark, dass eine Unterstützung des angegriffenen Hannovers durch britische Truppen Napoleon besser zupass gekommen wäre.
     
  11. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Es geht um die Projektion von Macht. Diese Projektion dient der Ermunterung der Verbündeten, der Einschüchterung der Feinde und der Überzeugung der Unentschlossenen.

    GB und der Zar waren bellizistisch. Österreich eher verhandlungsbereit und Preußen taktierte. Daneben gab es eine Reihe von unentschlossenen deutschen Mittelstaaten. Die vor Austerlitz noch in das Lager von Napoleon übergetreten sind. Erstes Ziel der Machtprojektion erreicht.

    Müßig zu sagen, dass Napoleon die "innere Linie" zu seinem Vorteil genutzt hatte und da war die verteilte Redislozierung vom Kanal in Richtung auf Wien ein "vorbildliches" strategisches Verschieben der Projektionsbahnen seiner militärische Macht.

    Mit Austerlitz war das 2. Ziel der Machtprojektion erreicht.
     
    Zuletzt bearbeitet: 23. Oktober 2017
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