Wie wurde Hitler Antisemit?

Dieses Thema im Forum "Das Dritte Reich" wurde erstellt von JottHa, 24. November 2017.

Schlagworte:
  1. JottHa

    JottHa Neues Mitglied


    Hallo an alle!

    Ich bin neu hier und habe auf Anhieb keine andere Rubrik gefunden, um eine Frage zu stellen.

    Als in der Schule das Thema Nationalsozialismus behandelt wurde, überraschte ich meine Lehrerin mit der Frage, wieso Hitler überhaupt Antisemit wurde. Ich blickte aber nur in ein verdutztes Gesicht. Die Frage wird sie mir nicht mehr beantworten können, weil sie kürzlich verstorben ist.
    In der Literatur fand ich bis jetzt auch nur Fragezeichen. So z.B. der anerkannte Historiker Ian Kershaw in seiner Hitler-Biografie, 1. Teil, Hitler 1889 - 1936 auf Seite 97, Zitat: "Tatsächlich wissen wir nicht sicher, warum, noch gar wann Hitler sich in einen manisch besessenen Antisemiten verwandelt hat."
    Vergleichbar auch Hitlers Vorgesetzter im Ersten Weltkrieg, Friedrich Wiedemann, in seinem Buch "Der Mann der Feldherr werden wollte" auf S. 33, Zitat: "Wo die Ursache für Hitlers fanatischen Judenhass lag, habe ich nie herausgebracht. Die Erfahrungen mit jüdischen Offizieren während des Weltkriegs konnten dazu wenig beigetragen haben."

    Ich finde, angesichts der Ermordung von Millionen Juden ist die Beantwortung dieser Frage doch wichtig, oder?

    JottHa
     
  2. Zoki55

    Zoki55 Aktives Mitglied

    Da wird wohl nicht eine rationale Antwort kommen.

    Antisemitismus ist irrational und die wenigsten Antisemiten kennen einen Juden genauer. Judenhass war in Europa vor dem 2. Weltkrieg Mainstream vor allem auch in Wien. Mit Antisemitismus hat man in Wien auch Wahlen gewonnen Karl Lueger.
     
  3. Dieter

    Dieter Premiummitglied

  4. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    Bekanntlich stand Hitler zu den Juden bzw. individuellen Juden in einem eher positiven Verhältnis, z.B. war er nach Aussagen seines ´Kumpanen´ Reinhold Hanisch ein Bewunderer von Heinrich Heine, dessen Werk er gegen antisemitische Propaganda verteidigte. Bis zum Frühjahr 1919 war Hitler weder Antisemit noch Nationalsozialist, da bis dahin keine antisemitischen Äußerungen von ihm vorliegen und er sich bis zum 15. April aktiv für die linksorientierte Räterepublik engagierte. Anfang Mai wurde die Räterepublik zerschlagen. Am 28. Mai richtete General Möhl, der Kommandeur von GruKo 4 und einer der leitenden Militärs bei der Zerschlagung, einen gegen die weitere Ausbreitung des Bolschewismus zielenden ´Ausbildungslehrgang´ für begabte Redner ein. Zu den Ausbildern gehörten der NSDAP-Ökonom Gottfried Feder (der im Judentum eine ´Krebsgeschwür´ sah) und der Historiker Karl Alexander von Müller. Von GruKo-4-Hauptmann Karl Mayr wurde Hitler, den er im Mai kennenlernte, als begabter Rhetoriker für die Teilnahme am Lehrgang vorgeschlagen. Hitler war weniger aus ´ideologischen´ Gründen als vielmehr wegen seiner damaligen Orientierungslosigkeit zur Teilnahme bereit, er sah in dem Lehrgang also eine Möglichkeit der Identitätsfindung. Während der Ausbildung entdeckte er seine Fähigkeit, andere Menschen rhetorisch zu beeindrucken und, mehr noch, zu beeinflussen, und entwickelte sich zum Star unter den Lehrgangsteilnehmern. Inhaltlich lag der Schwerpunkt der Ausbildung auf der Vermittlung nationalistischer und antisemitischer Ideen, letzteres, weil Bolschewismus und Judentum angeblich in enger Symbiose standen.

    Es ist also sehr gut möglich, dass Hitlers Identifizierung mit dem Nationalsozialismus und Antisemitismus nur ein sekundäres Resultat der auf seiner Rednerbegabung basierenden Erfolgserlebnisse ist, die er in dieser Intensität zuvor nicht gekannt hatte, d.h. er war plötzlich ´wer´, aber nicht wegen der vermittelten Inhalte (die er anfänglich nur äußerlich übernahm), sondern wegen seines Talentes, sie zu vermitteln. Es kam dann graduell zu einer vollständigen Identifizierung mit diesen Inhalten bis zu dem Punkt, an dem Hitler zur scheinbar idealen Inkarnation von Ideen mutierte, die ihm zunächst der Zufall aufgenötigt hatte. In einer anderen Situation wäre er vielleicht ein bolschewistischer Stardemagoge geworden, Hauptsache, die Anerkennung der anderen sicherte ihm sein bis dahin unerfülltes narzisstisches Bedürfnis. Je tiefer er sich rednerisch in jene Ideen (Nationalismus und Antisemitismus) hineinsteigerte, desto intensiver wurden seine narzisstischen Erfolgserlebnisse, die ihn wie eine Droge berauschten. Die Eskalation dieser Dynamik musste unvermeidlich in seine Kampagne zur Judenvernichtung münden, alles andere hätte die Vollkommenheit seiner narzisstischen Ekstasen beeinträchtigt.

    Als Inspirator für Hitlers expliziten Judenhass kommt leider auch Martin Luther in Betracht, dessen Bewunderer er ab 1912 war, ohne zunächst seinen Antijudaismus zu übernehmen. Das änderte durch Hitlers narzisstische Identifizierung mit den auf dem Lehrgang vermittelten antisemitischen Ideen, speziell durch Feder, und wurde untermauert durch Luthers Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“. So hat Hitler geäußert, um nur eines von vielen und oft noch gravierenderen Beispielen zu nennen:

    Luther war ein großer Mann, ein Riese. Mit einem Ruck durchbrach er die Dämmerung, sah den Juden, wie wir ihn erst heute zu sehen beginnen.

    (aus Dietrich Eckart, „Zwiegespräche“, 1923)

    Dazu die Historikerin Lucy Dawidowicz:

    The War Against the Jews - Wikipedia

    (Zitat)
    Dawidowicz also draws a line of "anti-Semitic descent" from Martin Luther to Hitler, writing that both men were obsessed by the "demonologized universe" inhabited by Jews. She contends that similarities between Luther's anti-Jewish writings, especially On the Jews and Their Lies, and modern anti-Semitism are no coincidence, because they derived from a common history of Judenhass (Jew-hatred), which she traces back to the biblical Haman's advice to Ahasuerus. She argues that though modern anti-Semitism has its roots in German nationalism, the foundation of Christian anti-Semitism was laid by the Catholic Church and "upon which Luther built."[1]


     
    Zuletzt bearbeitet: 24. November 2017
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  5. JottHa

    JottHa Neues Mitglied

    Hallo,

    das klappt ja ganz gut mit den Antworten!

    ich möchte hier einmal eine vielleicht etwas provozierende These aufstellen:
    Die Frage, wie Hitlers Antisemitismus entstand, kann man sehr wohl beantworten, und auch sehr präzise!

    Herleitung:
    In Hitlers Elternhaus ist kein Antisemitismus festzustellen. Von da kann es also nicht kommen.
    Hitler hat seine deutschnational gesinnten Mitschüler an der Schule in Linz geringgeschätzt, wie dies sein Jugendfreund August Kubizek bezeugte. Von da kann es also auch nicht kommen.
    In Wien war er mit etlichen Juden befreundet.
    Angeblich habe er im Männerheim antisemitische Äußerungen gemacht und antisemitische Zeitungen/Schriften gelesen. Wer sagt das? Seine obdachlosen Kumpels aus dem Männerheim? Sein kleinkrimineller Freund Reinhold Hanisch? Kann man aus dem teilweise antisemitischen Klima in Wien schlussfolgern, wie dies die Historikerin Brigitte Hamann getan hat, dass Hitler dieses Gedankengut dort aufgenommen habe, etwa nach dem Motto, wenn er später so gewesen ist, dann muss doch auch früher schon etwas davon vorhanden gewesen sein?
    Im Ersten Weltkrieg hielt er sich zurück. Ein jüdischer Offizier schlug ihn 1918 zum EK1 vor.

    In München zur Zeit der Revolution wurde er zweimal zum Funktionsträger gewählt, im Februar zum Vertrauensmann und im April zum stellvertr. Bataillonsrat. Das zu einer Zeit, als die Revolution schon längst radikalisiert hatte und teilweise von Juden (Toller, Axelrod, Leviné) geführt wurde.

    Hitler im April 1919 oder noch früher Antisemit? Ha! Dass ich nicht lache! Hitler war bis zum Frühjahr 1919 definitiv kein Antisemit, noch nicht einmal ansatzweise! Er hielt aber ab dem August 1919 judenfeindliche Hetzreden. Die Frage ist also, was ist dazwischen passiert?

    Diese Frage kann man beantworten. Hitler wurde zu nationalistischen/antisemitischen Lehrgängen an die Uni München geschickt. Das waren regelrechte Vorlesungen. Vormittags Vorlesung, nachmittags Diskussion unter den Lehrgangsteilnehmern bzw. mit den Dozenten. Hitler wurde im Juni und Juli 1919 zudem von der Abt. 1b/P (P steht für Propaganda, Chef war Hauptmann Karl Mayr) mit nationalistischem und antisemitischem Gedankengut eingehend vertraut gemacht.

    Das bedeutet, dass Hitlers antisemitischem Gedankengut überhaupt kein Meinungsbildungsprozess zugrunde lag, sondern er hat es erlernt, sich angeeignet und es eingeübt, und das auch noch auf Anweisung!
    Mayr schleuste Hitler in rechte Kreise ein und schickte in z.B. auch zur DAP.

    Daraus ergibt sich eine sensationelle Frage: War seine antisemitische Gesinnung dann überhaupt echt?

    Ian Kershaw beschreibt Hitler auf S. 361 im ersten Teil seiner Hitler-Biografie, Zitat: "Die Menschen, die mit Hitler zusammentrafen und dabei kritische Distanz bewahrten, waren überzeugt, er schauspielere fast immer. Je nach Situation schlüpfte er in eine andere Rolle. ... beruhte Hitlers Fähigkeit, die Massen zu lenken, im Wesentlichen auf einer sehr bewussten Kunst der Manipulation, kaltschnäuzige Berechnung ohne innere Anteilnahme und Wahrhaftigkeit. ... Die unwiderstehliche Faszination, die für viele in Hitlers außerordentlichen Persönlichkeitsmerkmalen lag, gründete zweifellos vor allem auf seiner Fähigkeit, Rollen zu spielen. ... Die meiste Zeit schauspielerte er nur - um der Wirkung willen. Das gleiche gilt für Hitlers Wutanfälle und Ausbrüche scheinbar unkontrollierbaren Zorns, die er in Wirklichkeit oft fingierte. Der feste Händedruck und der männliche Blickkontakt, die Hitler anwandte, wenn er mit gewöhnlichen Parteimitgliedern zusammentraf, wurden für den ehrfürchtigen Aktivisten Eindrücke, die er nie vergaß. Hitler wiederum hatte nur geschauspielert ... .
    Ähnliches gilt für die vor dem Spiegel eingeübten Posen und Gesten.

    Hitler war also ein Schauspieler, ein Meister der Verstellung! Der Auffassung Kershaws kann ich nur zustimmen.

    Falls es auf diese Weise aufgeht, wäre Hitler überhaupt nie in seinem Leben Antisemit gewesen und die Juden und ihr Schicksal waren ihm einfach nur egal!

    So, jetzt mögen die Teilnehmer diese These einmal in Ruhe prüfen.
     
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  6. Zoki55

    Zoki55 Aktives Mitglied

    Naja es ist durchaus möglich das man zwar am Anfang nicht mit Herzen dabei ist, sich dann aber mit ganzem Herzen hineinversetzte hast und dann der Meinung war, man dachte immer schon so.
     
  7. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    Irgendwelche Formatierungsfehler haben zu zwei misslungenen Postings geführt. Jetzt hat´s besser geklappt:

    Aus chronologischen Gründen ist klar, dass du deinen Text unabhängig von meinem geschrieben hast. Das von dir Referierte stimmt mit meiner Darstellung sehr weitgehend überein. Die Frage, ob seine Gesinnung "echt" war, ist natürlich zu verneinen, sofern man die Dynamik ihrer Entstehung betrachtet, die eher auf einen mimetischen Prozess hindeutet, d.h. Hitler hat sich - sofern unserer Darstellungen zutreffen - mit Ideen identifiziert, die er zunächst nur äußerlich übernahm wie Sprechrollen eines Dramas. Psychoanalytisch gesehen hatte Hitler, wie ich schon ausführte, ein enormes Narzissmus-Defizit, begründet vor allem in seiner Hassbeziehung zu seinem zwanghaft pedantischen und sadistischen Vater (der seinen Sohn oft mit einer Peitsche züchtigte), so dass es zu keiner liebevollen Vateridentifikation kam. Die zunächst ausbleibende Identifikation mit den aggressiv-sadistischen Zügen des Vaters erfolgte nachträglich aber doch, nämlich während der Lehrgangsepisode im Mai und Juni 1919, als Hitler - siehe meine Darstellung - begann, sich aus narzisstischen Gründen mit Nationalismus und Antisemitismus zu identifizieren.

    Ich zitiere eine Passage aus Sigmund Freuds Alterswerk ´Der Mann Moses und die monotheistische Religion´, in der der große Psychoanalytiker Beispiele für die Wiederkehr des Verdrängten in Gestalt einer nachträglichen Identifizierung mit elterlichen Zügen schildert, die in einer früheren Phase abgelehnt wurden:

    Das junge Mädchen hat sich in den entschiedensten Gegensatz zu seiner Mutter gebracht, alle Eigenschaften gepflegt, die sie an der Mutter vermisst, und alles vermieden, was an die Mutter erinnert. Wir dürfen ergänzen, dass sie in früheren Jahren wie jedes weibliche Kind eine Identifizierung mit der Mutter vorgenommen hatte und sich nun energisch gegen diese auflehnt. Wenn aber dieses Mädchen heiratet, selbst Frau und Mutter wird, dürfen wir nicht erstaunt sein zu finden, dass sie anfängt, ihrer befeindeten Mutter immer mehr ähnlich zu werden, bis sich schließlich die überwundene Mutteridentifizierung unverkennbar wiederhergestellt hat. Das Gleiche ereignet sich auch bei Knaben, und selbst der große Goethe, der in seiner Geniezeit den steifen und pedantischen Vater gewiss geringgeschätzt hat, entwickelte im Alter Züge, die dem Charakterbild des Vaters angehörten.

    (Hervorhebungen von mir)


    In Absehung von erheblichen Unterschieden in den jeweiligen Situationen haben beide Beispiele mit Hitlers Situation gemein, dass die Identifikation mit Charakterzügen eines bestimmten Elternteils nach einer längeren Phase der Ablehnung dann doch erfolgt.

    Bei der Entstehung von Hitlers Antisemitismus trafen also mindestens drei Umstände zusammen: (1) der brutale väterliche Sadismus als Modell für eine nachträgliche Identifikation, (2) die Möglichkeit von narzisstischer Befriedigung durch die Vermittlung antisemitischer Ideen, und (3) die Bewunderung für Luther als Katalysator für die Identifizierung mit antisemitischen Ideen.

    Ich gehe davon aus, dass alle drei Umstände zusammentreffen mussten, um das Ausmaß an antisemitischem Hass zu erzeugen, der für Hitler ab den 1920ern charakteristisch war.

    Die zunächst mangelnde Vateridentifizierung hat darüber hinaus zu einer übermäßigen Mutterfixierung Hitlers geführt, die mit dem unbewussten Wunsch nach ´Rückkehr´ in den paradiesisch-vollkommenen Mutterleib einherging, was natürlich psychologisch und nicht biologisch zu verstehen ist. Geäußert hat sich das bei Hitler in seinen Phantasien um die Göttin Germania als Symbolfigur des Deutschen Reichs, das er am liebsten als ´Mutterland´ und seltener als ´Vaterland´ bezeichnete. Damit stellte er die idealisierte Mutter in Gegensatz zum gehassten Vater, dessen sadistische Züge er nur annahm, um für die Vernichtung aller ´Feinde´ der idealisierten Mutter, also die Juden und die Bolschewiken, gerüstet zu sein.
     
    Zuletzt bearbeitet: 24. November 2017
  8. Zoki55

    Zoki55 Aktives Mitglied

    Kaum will ich dich loben, kommt wieder die esoterische Muttergöttin, diesmal in Form von Germania.
     
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  9. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Da inzwischen die Diskussion in hobbypsychologische Betrachtungen zu Hitlers Antisemitismus abdriftet, wird in den Fachbereich verschoben.

    Wenn es hier um die biografische Klärungen von Antisemitismus geht, der in (führer-)staatlichen Massenmord bzw. Genozid einmündet, ist Literaturbezug erforderlich.
     
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  10. hatl

    hatl Premiummitglied

    Wie wurde Hitler Antisemit?


    Dazu ein paar Gedanken.
    Zoki hat bereits den Hinweis auf Karl Lueger gegeben.
    Das war der Bürgermeister von Wien in der Zeit als sich Hitler ab seinem 18. Lebensjahr dort aufhielt. In einer Lebensphase, die hätte insofern prägend sein können, als er sich selber suchte
    Hierzu sehr empfehlenswert ist: Brigitte Hamann – Hitlers Wien – Lehrjahre eines Diktators.

    Es ist da wohl 'nur' der gewöhnliche und weitverbreitete Antisemitismus dieser Zeit bei ihm zu sehen, jedoch noch kein mörderischer. Jedenfalls soweit die kargen Quellen über diese Zeit Auskunft geben.

    Hitler tritt aber bereits in dieser Zeit als fanatischer Welterklärer auf, hingerissen von seiner persönlichen Vorstellungswelt.
    Die Virulenz des Antisemitismus hat sich da bereits gesteigert aufgrund verschiedener Ursachen.
    Zu erwähnen wäre der Zeitgeist des Nationalismus der das hässliche Gesicht der Vertreibung trägt.
    Und wohin denn kann man ein „Volk“ vertreiben das keine existierende nationale Heimstatt hat?

    Die industrielle Revolution, und damit einhergehend der Aufstieg des Kapitalismus, führt zu einer Umschichtung der Einflussmöglichkeiten verschiedener sozialen Gruppen, und eröffnet gänzlich neue Möglichkeiten. In diesem Umfeld entstehen teilweise überproportionale Erfolge von Teilen der ursprünglich jüdischen Bevölkerung. Diese speziellen assimilieren sich indes mit hoher Geschwindigkeit. (Hierzu lesenswert: Götz Aly – Europa gegen die Juden – 1880 - 1945)

    Dieser Angleichung wird misstraut, denn wir sehen zu dieser Zeit auch eine besonders hohe Verbreitung der Idee des Sozialdarwinismus, der den bereits vorhandenen Rassismus fundamentalistisch auflädt. Dies sicher bei Hitlers „Mein Kampf“.


    Die Frage wann sich Hitlers Trivial-Antisemitismus zur konsequent mörderischen Spielart wandelt
    ist wahrscheinlich, so wie Du Kershaw zitierst, („"Tatsächlich wissen wir nicht sicher, warum, noch gar wann Hitler sich in einen manisch besessenen Antisemiten verwandelt hat." ) schwer auszumachen.

    Hillgruber sieht hier hervorgehoben das Jahr 1919/1920 mit besonderer Bedeutung der Perzeption der „Protokolle der Weisen von Zion“ (eine Fälschung durch die Ochrana des Russischen Zarenreichs nach der Revolution von 1905).
    http://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/1972_2_2_hillgruber.pdf

    Das nur kurz..
     
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  11. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Der FAZ-Artikel ist seltsam. Da schreibt der Autor Thomas Weber:

    Eigenartigerweise zeigte sich Adolf Hitler resistent gegen die Versuchung eines antikommunistischen Judenhasses, als sich nach der Niederschlagung der Räterepublik Baiern ein virulenter antibolschewistischer Antisemitismus in München breitmachte.
    Da lese ich in Mein Kampf ganz andere Stellen. Da argumentiert H., dass der Bolschewismus und Kapitalismus gleichermaßen Instrumente der Juden seien, die Herrschaft zu erringen. Aus Arturo Uis Zeugnis seiner Selbstüberschätzung:

    Von den marxistischen Lügenblättern kann man dabei überhaupt schweigen; ihnen ist das Lügen genau so Lebensnotwendigkeit wie der Katze das Mausen; ist doch ihre Aufgabe nur, dem Volke das völkische und nationale Rückgrat zu brechen, um es so reif zu machen für das Sklavenjoch des internationalen Kapitals und seiner Herren, der Juden. (S. 265)

    Die Internationalisierung unserer deutschen Wirtschaft, d.h. die Übernahme der deutschen Arbeitskraft in den Besitz der jüdischen Weltfinanz, läßt sich restlos nur durchführen in einem politisch bolschewistischen Staat. Soll die marxistische Kampftruppe des internationalen jüdischen Börsenkapitals aber dem deutschen Nationalstaat endgültig das Rückgrat brechen, so kann dies nur geschehen unter freundlicher Nachhilfe von außen.
    Frankreichs Armeen müssen deshalb das deutsche Staatsgebilde so lange berennen, bis das innen mürbe gewordene Reich der bolschewistischen Kampftruppe des internationalen Weltfinanzjudentums erliegt. [...] Wo immer wir in der Welt Angriffe gegen Deutschland lesen, sind Juden ihre Fabrikanten, gleichwie ja auch im Frieden und während des Krieges die jüdische Börsen- und Marxistenpresse den Haß gegen Deutschland planmäßig schürte,... [...] Die Gedankengänge des Judentums dabei sind klar. Die Bolschewisierung Deutschlands, d.h. die Ausrottung der nationalen völkischen deutschen Intelligenz und die dadurch ermöglichte Auspressung der deutschen Arbeitskraft im Joche der jüdischen Weltfinanz, ist nur als Vorspiel gedacht für die Weiterverbreitung dieser jüdischen Welteroberungstendenz. (S. 702/3)
    Ganz ehrlich: wenn mir heute jemand so ein wirres Konstrukt vorstellen würde, würde ich demjenigen raten schnellstens einen Psychiater aufzusuchen.

    Speziell zu Eisner, also noch spezieller im Widerspruch zum FAZ-Zitat:

    Der internationale Jude Kurt Eisner [...] ausgerechnet dieser Orientale... Indem Kurt Eisner der revolutionären Erhebung in Bayern eine ganz bewußte Spitze gegen das übrige Reich gab, handelte er nicht im geringsten aus bayerischen Gesichtspunkten heraus, sondern nur als Beauftragter des Judentums. (S. 623/4)​

    Gegenüber England und Amerika hingegen äußert sich H. in dieser Zeit weitgehend neutral. Amerika wird als z.B. großteils von "germanischen Elementen", "nur sehr wenig mit niedrigeren farbigen Völkern vermischt" beschrieben. Selbst als ehemal. Kriegsgegner beschrieben meint er, dass man von der britischen und amerikanischen Kriegspropaganda lernen könne. Insofern ist also die Behauptung einer Feindschaft Hitlers gegenüber der angloamerikanischen Welt als Ursache seine Antisemitismus unhaltbar.

    Angesichts der Rolle die Hitlers Vorgesetzter Wiedemann später als dessen Adjudant spielte, muss man sich wohl fragen, ob diese narrative Vertagung des hitlerischen Antisemitismus' auf post World War I nicht auch darin lagen, die eigene Rolle in positiveres Licht zu rücken.

    Hatte Luther - und hatten dessen antijudaistische Schriften - denn tatsächlich überhaupt einen Effekt auf den oberflächlich katholisch sozialisierten Hitler? In Mein Kampf erwähnt Hitler Luther genau einmal. In einem Atemzug mit Friedrich dem Großen und Richard Wagner. Hitler schadroniert an dieser Stelle darüber, dass große Geister von ihrer Gegenwart meist nicht verstanden werden.

    Auch wenn die "Lebenslauf"-Passagen in Mein Kampf nicht wirklich ernst zu nehmen sind und H. hier vieles erstunken und erlogen hat - teilweise so plump, dass man die Schilderungen gar nicht erst überprüfen muss, um sie als Lüge zu enttarnen - so sollten wir ihn doch bzgl. seiner weltanschaulichen Quellen durchaus ernst nehmen. Da nennt er z.B. Gottfried Feder, Karl Lueger und Georg von Schönerer.

    Was haben wir denn da außer H.s eigener Darstellung überhaupt für Quellen?
     
    Zuletzt bearbeitet: 25. November 2017
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  12. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Die Frage „Wie wurde Hitler Antisemit?“ läßt sich durchaus rekonstruierend beantworten. Und man kann durchaus Meilensteine, auch aufgrund Hitlers eigenen Aussagen, und somit eine ungefähre Periodizierung der schrittweisen Radikalisierung vornehmen.

    Jenseits von pseudo-psychologischen Diagnosen kann eine „Ideengeschichte“ und zentrale Inputgeber erkannt werden, die ideologische Bausteine geliefert haben, die von Hitler als „Weltbild“ verstanden wurden.

    Folg man Zentner (S. 44) dann war Hitlers Vater Anhänger des alldeutschen Ritter von Schönerer. Die schulische Sozialisation erfolgte in einer antisemitischen Umgebung, in der Hitlers Lehrer offen ihre Judenhaß betonten. Hitlers Jugendfreund, als er Hitler 1904 auf der Realschule kennenlernte, betonte, dass Hitler bereits zu diesem Zeitpunkt „antisemitisch eingestellt“ gewesen sei. Und Hitler sagt von sich, dass er in dieser Zeit „Nationalist“ geworden sei. (Jäckel, S. 121) Bereits vor seiner Wiener-Zeit hatte Hitler die antisemitische und alldeutsche Zeitschrift „Linzer Fliegende Blätter“ gelesen. „Hitler, der diese Tatsachen in „Mein Kampf“ verschweigt, ist somit schon als Antisemit nach Wien gekommen und brauchte es hier nicht werden.“ (Zentner, S. 44). Ähnliches gilt für seinen Nationalismus, der ebenfalls relativ früh schon angelegt worden ist.

    Folgt man der Darstellung von Hitler in Bezug auf seine Zeit in Wien, dann war sie gekennzeichnet durch eine zunehmende Wahrnehmung – verstärkt durch entsprechende antisemitische Literatur – von „Juden“ als eigenständige und als bedrohlich wahrgenommene Kultur und endet entsprechend in seinen „Wiener- Lehr- und Leidensjahre“ mit einer vehementen Anklage gegen das „Judentum“. Dennoch, seine anti-semitische Haltung, so auch Hamann und Zentner, wies in Wien noch nicht die fanatischen und haßerfüllten Züge auf, die er nach dem WW1 in München zunehmend als „Bierkelleragitator“ und „Trommler“ ausprägte.

    Das Erleben des Krieges und das als demütigend wahrgenommene Ende (vgl. Kershaw, S. 82ff) verstärkte sich als Reaktion auf diese Entwicklung seine „deutschnationale patriotische Gesinnung“ und so Hitler: „In diesen Nächten wuchs mir der Haß, der Haß gegen den Urheber der Tat.“ (ebd. S.83). Und in der Folge beschloss er Politiker zu werden. Also noch zu dem Zeitpunkt als er seine Genesung im Lazarett Pasewalk absolvierte.

    In diesem Sinne formuliert Kershaw: „ Besitzt unsere Hypothese, Hitler habe die eingefleischten Vorurteile und seinen Antisemitismus in Wien erworben, bevor sie in den beiden letzten Kriegsjahren erneut erwachten, jedoch einige Überzeugungskraft, dann besteht keine Notwendigkeit, die Erfahrung in Pasewalk im Sinne einer unvermittelten, dramatischen traumatischen Bekehrung zum paranoiden Antisemitismus zu mystifizieren.“ (Kershaw, S. 84).

    Einen durchaus wichtigen Einschnitt für seine Entwicklung zum Politiker und zum Agitator bzw. Redner war die Überstellung von Hitler in die Abteilung Ib/P, des „Gruko“, das unter Hauptmann Mayr für die antibolschewistische Agitation zuständig war (Kershaw, S. 92). In diesem Kontext wurde Hitler zwischen dem 5. Und 12. Juni Juni 1919 an der Universität in München durch Referate von bekannten Professoren einer direkten politischen Bildung ausgesetzt. U.a. hörte Hitler auch einen Vortrag von G. Feder „Brechung der Zinsknechtschaft“ und in der späteren NSDAP genoß Feder aufgrund dieses Vortrags den Ruf eines „Wirtschaftsgurus“.

    Im Rahmen der Agitationstätigkeit gegenüber politisch unzuverlässigen Truppenteilen wurde deutlich, dass Hitler als Agitator eine gewisse Begabung besass und: „Zu den zentralen Waffen in Hitlers demagogischen Arsenal gehörte der Antisemitismus“ (Kershaw, S. 94). In diesem Kontextwurde Hitler von Oberleutnant Bendt, der der Lagerleiter war in dem Hitler aktiv agierte, dass er sich mäßigen solle, damit keine Beschwerden über seine „Judenhetze“ kommen.

    In diesem Kontext des von Hitler präferierten massiven Antisemitismus erarbeitete sich Hitler den Ruf, ein profunder Kenner für die Judenfrage zu sein. So ist es zu verstehen, dass Hauptmann Mayr eine schriftliche Anfrage an ihn, an Hitler weiter leitete. Die Antwort von Hitler, datiert 16.September 1919, ist die erste dokumentierte schriftliche Äußerung von Hitler zur Judenfrage. (Kershaw, S. 95). Und in dieser Stellungnahme resümierte Hitler Mitte 1919: „Sein letztes Ziel aber muss unverrückbar die Entfernung der Juden überhaupt sein.“ (ebd. S. 95).

    Vor diesem Hintergrund erscheint die These, dass Hitler kurzfristig durch diese militärische Schulung angeblich indoktriniert wurde, mehr als fraglich. Vielmehr: „Der Brief an Gremlich enthüllt zum ersten Mal die Schlüsselelemente von Hitlers Weltanschauung, die von diesem Zeitpunkt an bis zu den letzten Tagen im Berliner Bunker unverändert blieben: der auf einer Rassetheorie beruhende Antisemitismus und die Schaffung eines Einheit stiftenden Nationalismus, der auf die Notwendigkeit fußte, die äußere und die innere Macht der Juden zu bekämpfen.“ (Kershaw, S. 95).

    Und in dem folgenden Jahr 1920 radikalisierte sich die Position und bereits zu diesem Zeitpunkt forderte er die Internierung in Konzentrationslagern. Am 13. August 1920 setzte er sich in der Grundsatzrede: „Warum sind wir Antisemiten“ mit der Judenfrage auseinander und verband erst später das Konzept des Judentum mit dem des Marxismus. Daran erkennt man, dass der Reifegrad der Überzeugung seines Antisemitismus zeitlich vor seinem Antimarxismus ausgeprägt war und diese Konzepte erst später in Beziehung gesetzt wurden (Kershaw. S. 112ff)

    Und bis zum Jahr 1920 kann man Hitler, so Jäckel, eher als konventionellen Antisemiten und außenpolitisch als Revisionisten verstehen, der sich in der Folge jedoch radikalsiiert (Jäckel, S. 131)

    In diesem Sinne versucht Zehnpfennig die Frage zu beantworten „Wie wurde Hitler zum Antisemiten?“ (Zehnpfennig, S. 35). Und beantwortet es dahingehend, dass die Ereignisse des Krieges und des demütigenden Friedensschlusses als eine Kette von Ereignissen gedeutet wurden, die den Nationalismus von Hitler herausforderten. Und bei der Frage der Suche nach den „Schuldigen“, Hitler die Antwort entsprechend der massiven Agitation antisemitischer Publikationen leicht finden konnte.

    Relevant ist – und darauf weist Zehnpfennig auch hin – dass Hitler die von C. Schmitt eingeführte Unterscheidung von Freund und Feind als zentrale Kategorie des Politischen ebenfalls in seinem Denken aufnahm. Ein Merkmal, dass stilbildend sein sollte für die ideologischen Weltbilder faschistischer Bewegungen.

    Mit Steiner (S. 15) ist aber auch darauf zu verweisen, dass die fanatische Agitation von Hitler gegen die Juden durchaus nicht ungewöhnlich war. Und auch in diesem Kontext Hitler von einer Vielzahl von Anregungen beeinflußt wurde, die sich schrittweise nach 1933 radikalisierten. Und in diesem Kontext u.a. auch der „Madagaskar-Plan“ als eine zu sehen ist (vgl. Brechtken)

    In seinem Buch zu deutschen Kontinuitäten geht Smith der Frage nach, ob es eine „eliminatorische Tradition“ vom 2. Reich, über Weimar zum 3. Reich gab. Und zumindest auf der Ebene der Ideologie kann man auf der äußersten Rechten im Umfeld der „Alldeutschen“ eine kontinuierliche Radikalisierung des anti-Semitismus erkennen. In seinem „Wenn ich Kaiser wär“ werden Überlegungen erörtert, die ethnische Säuberungen beinhalten. Eingebettet ist dieser militante anti-Semitismus und ein radiales nationalistisches und undemokratisches Weltbild, in dem „Juden“ und „Sozialdemokraten“ als Feinde dargestellt werden, die es zu bekämpfen gilt.

    http://www.zeit.de/2012/46/Heinrich-Class-Wenn-ich-Kaiser-waer-Antisemitismus-Alldeutscher-Verband

    Insgesamt ist somit die zentrale These von JottHa anhand der Literatur zurück zu weisen. Zudem muss man ihm den Vorwurf machen, die entsprechende Literatur sehr frei interpretiert zu haben, also im Kern schlichtweg nicht korrekt.

    Anmerkung:
    Die These von B. Simms erscheint mir nicht schlüssig. Aber das ist ein anderes Thema, dass man eher anhand des 2. Buch von Hitler diskutieren müßte.

    Brechtken, Magnus (1998): "Madagaskar für die Juden". Antisemistische Idee und politische Praxis 1885 - 1945. München: Oldenbourg-Verlag
    Burleigh, Michael (2000): The Third Reich. A new history. London, New York: Macmillan; Hill and Wang.
    Frymann, Daniel; aka Class, Heinrich (1914): Wenn ich der Kaiser wär. Politische Wahrheiten und Notwendigkeiten. Leipzig: Dieterich`sche Verlagsbuchhandlung.
    Hamann, Brigitte (1996): Hitlers Wien. Lehrjahre eines Diktators. München: Piper.
    Hitler, Adolf (1933): Mein Kampf. Zwei Bände in einem Band. München: Eher.
    Jäckel, Eberhard (1981): Hitlers Weltanschauung. Entwurf einer Herrschaft. erweiterte und überarb. Neuausgabe. Stuttgart: DVA.
    Kershaw, Ian (2009): Hitler. 1889 - 1945. 1. Aufl. München: Pantheon.
    Smith, Helmut Walser (2008): The continuities of German history. Nation, religion, and race across the long nineteenth century. Cambridge, New York: Cambridge University Press.
    Steiner, Zara (2015): The triumph of the dark. European international history, 1933-1939. Oxford, Oxford: Oxford University Press
    Zehnpfennig, Barbara (2011): Adolf Hitler: Mein Kampf. Weltanschauung und Programm - Studienkommentar. München: Fink
    Zentner, Christian (2009): Adolf Hitlers Mein Kampf. Eine kommentierte Auswahl. 20. Auflage. München: List Verlag.
     
    Zuletzt bearbeitet: 25. November 2017
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  13. andreassolar

    andreassolar Mitglied

    Othmar Plöckinger hat vor wenigen Jahren das zu diesem Thema wohl erhellendste Werk veröffentlicht: Unter Soldaten und Agitatoren. Hitlers prägende Jahre im deutschen Militär 1918-1920. (2013). Der Antisemitismus ist bei Hitler nicht vor der zweiten Hälfte 1919 nachweisbar, siehe auch Eberhard Jäckel, Adolf Hilter. Sämtliche Aufzeichnungen 1905 - 1924 (1980). Chan hat schon den entscheidenden Einfluss der Schulungen beim Heer, besonders unter Hauptmann Karl Mayr erwähnt. Mayr ist es, der Hitler zu dessen ersten schriftlich nachweisbaren antisemitischen Text veranlasst, ein Brief Hitlers vom 16. September 1919 an einen Adolf Gemlich. Plöckinger notiert zu recht hierzu, dass Hitlers dort sichtbarer Antisemitismus sich gänzlich im Fahrwasser der von Hauptmann Mayr und anderen geleiteten 'Aufklärungskursen' des Reichswehrgruppenkommandos im Sommer 1919 bewegte.

    Thomas Weber kann ich nicht zustimmen. Chan mit seiner Schauspieler-These auch nicht, die ein wenig an den jüngeren Alan Bullock erinnert, und durch die späteren Ereignisse natürlich widerlegt wird.

    Viele Grüße,
    Andreas
     
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  14. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Was freilich überhaupt keine Aussage darüber ist, seit wann H. Antisemit war. Es zeigt uns letztlich nur den taq, also den Zeitpunkt, vor dem er Antisemit geworden sein muss.
     
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  15. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Dann würde ich u.a. den Beitrag von Bohr nochmal lesen. Die Schulung, und so ist auch der Tenor sämtlicher anderer Publikationen, bezog sich auf die „antibolschewistische Gefahr“. Die politische Zielsetzung der Einheit bezog sich auf die Abwehr dieser Situation, um revolutionären Veränderungen gegen zu steuern. Von antisemitischen Schulungen wird, so mein Kenntnisstand aus der Literatur, nicht berichtet! Vielmehr und darauf hatte ich hingewiesen, erfolgte bei Hitler die reflexive autonome Intensivierung seiner Sicht auf die „Juden“ und ihre Rolle bereits in der Wiener Zeit.

    Deswegen ist die Schlussfolgerung m.E. auch nicht zutreffen. Dass Hitler den Brief beantworten sollte deutet eher auf die „Spezialisierung“ von Hitler, sich mit dem „Judenproblem intensiver beschäftigt zu haben. Und diese "Spezialisierung" signalisiert eher einen "Wissensvorsprung", den Hitler sich kompetenzmäßig gegenüber Mayr erarbeitet hatte.

    Und das kann man kurz nochmal historisch rekonstruieren anhand der neuesten Biographie von Longerich, wobei die bisherigen Aussagen von Kershaw und Hamann ihre Bedeutung behalten.

    Die Entwicklung von Hitler bis 1924 ist theoretisch als Prozess der politischen Sozialisation zu fassen, wie beispielsweise Geulen es darstellt. Hitler unterliegt dabei natürlich der primären Sozialisation in der Familie und den Einflüssen im Rahmen der sekundären Sozialisation. Und in dieser Phase werden zentrale Dispositionen für Glaubenssysteme (Werte, Normen, Moral etc.) angelegt. In diesem Prozess werden die entsprechenden kognitiven Karten angelegt, über die wir ein Verständnis der Welt erlangen (vgl. z.B. Zerubavel) Und sie steuern die die Art der Informationsaufnahme über emotionale und kognitive Impulse (vgl. z.B. Elster und Rydgren).

    In dieser Phase der primären Sozialisation unterliegt Hitler dem politischen Wertesystem einer deutschnationalen Gesinnung, die primär durch seinen Vater repräsentiert wird, so Kershaw und Longerich. Diese Sicht wird durch das sehr dominant herausgestellte Wertesystem durch einen Teil der Lehrerschaft verstärkt. Während seiner Schulzeit ist Hitler zu einem „fanatischen Deutschnationalen“ geworden und antisemitische Tendenzen waren auf der Realschule nicht besonders dominant. (Longerich, Pos. 425). Allerdings, der latente anti-Semitismus der Deutschnationalen stand dabei in einem politischen Kontrast zu dem ebenfalls in Linz vorhandenen massiven anti-Semitismus der Alldeutschen, zu denen sich Hitler hingezogen gefühlt hatte und er sich als Parteigänger von Schönerer definierte.

    Die Zeit in Wien ist für die politische Sozialisation von Hitler von zentraler und prägender Bedeutung. In der Dissertation von Kandl, so Longerich (Pos. 774), werden seine Äußerungen nach der Machtergreifung 1933 inhaltsanalytisch mit dem politischen Framing bzw. Agendasetting, wie bei Wehling beschrieben, der alldeutschen Presse in Wien verglichen. Und im Ergebnis stellt Longerich in Bezug auf die mediale Konstruktion des Weltbildes von Hitler fest: „Hitler hatte sich die alldeutsche Propaganda in allen wesentlichen Punkten in geradezu verblüffender Übereinstimmung bis in die Terminologie hinein zu eigen gemacht. Dazu gehörte insbesondere: …..seine Ablehnung der Sozialdemokratie als einer national unzuverlässigen Kraft (ausführlich in „Mein Kampf“ ausformuliert!), seine wütenden Ausfälle gegen den Parlamentarismus, seine Kritik an der „verjudeten“ liberalen Presse der Hauptstadt, sein tief sitzendes Misstrauen gegenüber Wien, ja sein Hass auf das „Rassenbabylon“, dieses ganze Völkergemisch, der Hauptstadt als Verkörperung der Blutschande.“ (Longerich, Pos. 798)

    Und schlussfolgert: „Die Übereinstimmung sind so weitgehend, dass man davon ausgehen kann, dass Hitler diese Polemik in seiner Wiener Zeit geradezu in sich aufgesogen haben muss.“ Ein wichtiger Beleg für die These der hohen Bedeutung dieser Phase für die politische Sozialisation von Hitler.

    In seiner Wiener Zeit (nach 1906) wandelt sich Hitler vom Anhänger Schönerers zum Bewunderer Luegers, der von 1907 bis 1910 das Amt des Wiener Bürgermeisters inne hatte. Das politische Regime Luegers beruhte, so Longerich: „…nicht zuletzt auf einer konsequent eingesetzten antisemitischen Demagogie, in der die Jude schlicht und einfach für alles verantwortlich gemacht wurden.“ (Longerich, Pos. 815).

    Eine rhetorische Verkürzung, die dann Hitler in seinen eigenen Reden während seiner Tätigkeit als Agitator in der Armee schlichtweg kopieren sollte. Und in späteren Phase "zur Meisterschaft" einer simplifizierenden Rhetorik führte.

    Diese Phase ist deswegen besonders relevant, weil sich – auch nach eigenen Aussagen von Hitler – in ihr die eigentliche qualitative Veränderung des eher latenten Antisemitismus vollzog und dabei arbeitete sich Hitler an dem „emotionalen“ christlich geprägten Antisemitismus eines Luegers ab.

    Dieses wird auch daran deutlich, dass er teilweise in Wien im Rahmen der Diskussionen der „Intellektuellen“ in der Bibliothek des Männerheim (Wien 02.1910 bis 05. 1913) – in der Rolle des advocatus diaboli – auch anti-antisemitische Positionen vertrat (vgl. die Darstellungen von Hanisch). Eine Sicht, über die er seinen rassistisch definierten Antisemitismus präziser definieren und abgrenzen konnte. Hitler somit bereits während seiner Wiener Zeit über einen relativ eigenständigen antisemtischen Code verfügte. Bis 1913 hatte somit Hitler, als er Wien verließ, ein antisemtisches Weltbild ausgebildet, das allerdings noch unvollständig und nicht in seinen Mitteln radikalisiert war, so der Tenor von Hamann, Longerich und Kershaw.

    Dennoch: In 1905 lernte Hitler Kubizek kennen (Erinnerungen publiziert 1953) und seine Erinnerungen gelten als wichtigstes Dokument, um Hitlers Jugendzeit zu rekonstruieren. Und so schreibt Longerich in Bezug auf das „Urmanuskript“ (das fragment bezog sich auf die Zeit in Wien!) der Erinnerungen von Kubizek: „Dabei arbeitete er insbesondere die Passagen über Hitlers Antisemitismus erheblich um: Im Urmanuskript noch etwas ganz Selbstverständliches, wird der Judenhass [m.Anm.- sic- ] nun so etwas wie ein Spleen Hitlers. (Longerich, Pos. 463).

    Wenn man der Darstellung von Hitler durch Kubizek folgt, dann war Hitler in Wien eine hochgradig deprivierte Person, die teils depressiv, teils jähzornig und teils haßerfüllt agierte. Und seinen Haß auf die gesamt Menschheit, die sein Talent nicht sehen wollte, bereits zu dem Zeitpunkt herausstellte und ebenso Kubizek mit ausgeprägten „grandiosen Luftschlössern“ und megalomanen Plänen in langen Gesprächen „volltextete“.

    Die Darstellungen von Kubizek stützt sich gegenseitig mit den Darstellungen von Hanisch, der Berichte über das Leben von Hitler zwischen 1909 und 1910 vorgelegt hatte. Eine wichtige Validierung der Quellen, da mit "Mein Kampf" das Fundament für die Stilisierung von Hitler gelegt worden ist (vgl. Herbst)

    Laut der Aussage von Hitler in „Mein Kampf“ hat er aufgrund seiner Beobachtungen in Wien das „Wesen“ der Juden erkannt und sie – der Argumentation Lugers folgend !!! – nahezu für alles negative in der gesellschaftlichen Entwicklung verantwortlich gemacht. Die Darstellung in „Mein Kampf“ liest sich allerdings weniger wie eine Analyse, sondern mehr wie eine triviale „Verschwörungstheorie“.

    Kommt man auf den Ausgangspunkt zurück, dann ist es unwahrscheinlich, dass die Agitationskurse der Armee einen substantiellen Beitrag geliefert haben, den bereits seit seiner Wiener Zeit vorhandenen rassistischen Antisemitismus inhaltlich zu vertiefen. Diese Kurse leisten vor allem eine „Integration“ seines Weltbildes und bilden die Voraussetzung die Verbindung zwischen seinem Antisemitismus und seiner Distanz zu Sozialdemokratie bzw. Marxismus zu präzisieren.


    Berger, Peter L.; Luckmann, Thomas Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie. Frankfurt am Main: S. Fischer.
    Elster, John (2009): Emotions. In: Peter Hedström und Peter S. Bearman (Hg.): The Oxford handbook of analytical sociology. Oxford: Oxford University Press, S. 51–71.
    Geulen, Dieter (1977): Das vergesellschaftete Subjekt. Zur Grundlegung der Sozialisationstheorie. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp
    Herbst, Ludolf (2011): Hitlers Charisma. Die Erfindung eines deutschen Messias. Frankfurt, M.: Fischer Taschenbuch Verlag
    Kandl, Eleonore (1963): Hitlers Österreichbild. Wien: Dissertation.
    Kershaw, Ian (2009): Hitler. 1889 - 1945. 1. Aufl. München: Pantheon.
    Longerich, Peter (2017): Hitler. Biographie. Erste Auflage. München: Pantheon.
    Rydgren, Jens (2009): Beliefs. In: Peter Hedström und Peter S. Bearman (Hg.): The Oxford handbook of analytical sociology. Oxford: Oxford University Press, S. 72–93.
    Wehling, Elisabeth (2016): Politisches Framing. Wie eine Nation sich ihr Denken einredet - und daraus Politik macht. Köln: Herbert von Halem Verlag
    Zerubavel, Eviatar (1999): Social mindscapes. An invitation to cognitive sociology. 2. print. Cambridge, Mass.: Harvard Univ. Press.
     
    Zuletzt bearbeitet: 27. November 2017
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  16. hatl

    hatl Premiummitglied

    Um einem Missverständnis vorzubeugen; das ist Hitlers Darstellung in „Mein Kampf - Vergiftet durch Gelbkreuz“.
    Die Eigenständigkeit dieses 'antisemitischen Codes' Hitlers Wiener Zeit ist, wie Du sagst, „relativ“.
    Hamann hebt hervor, dass auch später die Einlassungen in „Mein Kampf“ nachvollziehbar ein Gebräu der Vorstellungswelt darstellen, deren Quellen die „Rassentheoretiker und Welterklärer“ seiner Wiener Zeit sind.
    Insofern hat er das wohl „aufgesogen“.
    Der fanatische Welterklärer, der in seiner Wiener Zeit noch gegen sehr verschiedene Gruppen (insbesondere gegen Professoren und Klerikale) eiferte und geiferte, findet schließlich kurz nach dem Ersten Weltkrieg ein überragendes Ziel seines Hasses.
    (Ich denk es ist wahrscheinlich schon so, wie Du darstellst, um 1919 auf 1920 gewesen.)
    Selber stilisiert er sich rückwirkend, nachdem er sozusagen den Preis 'Deutschland sucht den Superstar der Radikalen Nationalisten' beim Hitler-Ludendorff Prozess gegen den Champion gewonnen hatte, zum erleuchteten Propheten.
    Die wenig erwartbare Erfahrung der eigenen Bedeutsamkeit muss bei einem unterstellten Narzissten H. euphorisierend gewirkt haben und, jedenfalls der Wahrheit ohnehin wenige zugeneigt, er malt in Landsberg die Überhöhung sein eigenes Bildes; als einer dessen vorübergehende Erblindung im Lazarett Pasewalk den tiefen Blick auf die eigene Schicksalsbestimmung gebar.
    (Etwa analog zur Selbstdarstellung des närrischen „Ariosophen“ Guido 'von' List.)

    Was für eine verrückte Story, besonders wenn man rückblickend sieht wie sie weiterging.
     
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  17. andreassolar

    andreassolar Mitglied

    @El Quijote: Jäckels Werk, welches ich anführte, hast Du bestimmt übersehen. Jäckel ist bislang nicht widerlegt, soweit ich sehe. Es gibt vor Sommer 1919 keine dokumentierte schriftliche, eindeutig antisemitisch-rassistische Äußerung Hitlers in irgendeiner Form.

    @Chan: Karl Mayr hat ansonsten Hitler um den Brief an angehenden Antisemiten und Teilnehmer eines Aufklärungskurses, Adolf Gemlich, gebeten, da Mayr zeitlich zu sehr in Anspruch genommen war. Bitte nochmals genau den verlinkten Text lesen. Deine Ansicht, Hitler wäre von Mayr als 'Fachmann' oder was weiss ich in Fragen des Antisemitismus zum Brief gebeten worden, trift wohl nicht zu.
    Damit ist auch plausibel, dass Mayr in Punkto Antisemitismus ein entscheidender Anreger und Mentor Hitlers gewesen war - und nicht umgekehrt.

    Mayr schrieb am 17.9. 1919 an Gemlich, ergänzend zu Hitlers Brief an Gemlich, beispielsweise: ''Was die Juden in Verbindung mit der Zinsfrage anlangt, so ist das festzustellen, dass natürlich diese Rasse es gewesen ist, die die schädlichen und gewinnreichen Möglichkeiten des Zinsproblems am raschesten erkannt und am rücksichtslosesten auszubeuten und jede großzügige gesetzgeberische Beschränkung mit grösster Gerissenheit zu hintertreiben verstand.'' (zitiert nach Plöckinger, Unter Soldaten..., S. 312) Siehe Gottfried Federer.

    Alfred Rosenberg, dessen radikaler Antisemitismus als führender Ideologie die NS-Bewegung & das NS-Regime mitprägte, hat diesen z.B. nicht aus Wien mitgebracht. Welch Zufall, dass Rosenberg sich ebenfalls ab 1919 in München aufhielt und im gleichen Jahr Die Spur des Juden im Wandel der Zeiten veröffentlichte?
    Die DAP wurde 1919 in München gegründet, Gottfried Federer und Alfred Rosenberg waren noch vor Hitler in diese u.a. antisemitische Partei eingetreten. Kein 'relevantes' Mitglied der DAP, auch nicht Dietrich Eckart, hatte den Antisemitismus via 'Wien' rezipiert.

    Alle Konstruktionen, was Hitler so prägend in Wien beim Thema Antisemitismus aufgelesen und aufgeschnappt haben soll, lahmen daran, dass ihre Wirksamkeit nicht hinreichend belegt werden kann. Der radikale Antisemitismus, der sich 1919 gerade explosionsartig im Deutschen Reich ausbreitete, mit großem Schwerpunkt Bayern und Region München, stammt weder entscheidend aus Wien, noch hatte das Gros der anwachsenden Menge an radikalen Antisemiten vorher in Wien gelebt.

    Viele Grüße,
    Andreas
     
  18. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Der Brief zeigt einen bereits recht entwickelten Antisemitismus. Zudem: wie viele Selbstzeugnisse Hitlers aus der Zeit vor 1919 sind denn überhaupt erhalten?

    Du meinst wohl nicht chan sondern Thanepower.
    Warum sonst, wenn nicht als "Fachmann" hätte Mayr H. bitten sollen, an seiner Statt zu antworten? Ich bin da ganz bei Thanpower.

    Weder Thanepower noch ich haben Hitler zu Mayrs Anreger und Mentor gemacht. Das Zitat belegt auch nicht, dass Mayr "in puncto Antisemitismus" Hitlers Mentor war, sondern dass Mayrs und Hitlers Antisemitismus nicht in allen Punkten konform war.

    Auch dieses Argument geht fehl. Niemand hat behauptet, der Antisemitismus sei eine Wiener Erfindung oder nur dort virulent gewesen. Die Frage ist, wann und wo H. zum Antisemiten wurde. Nicht wo andere mehr oder weniger wichtige Nazis sozialisiert wurden.
     
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  19. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    ad 1. So ist es.

    ad 2. Dieser Aspekt wurde ansatzweise versucht in folgendem Thread für eine Reihe von zentralen Akteuren nachzuzeichnen. Deutlich wird an den Biographien, dass sie sehr unterschiedlich verlaufen sind und es mehr als nur ein Weg gab, sich in dieser Zeit zu radikalisieren.

    http://www.geschichtsforum.de/thema/die-radikalisierung-der-rechten-in-der-weimarer-republik.52652/
     
  20. andreassolar

    andreassolar Mitglied

    El Quijote, es ist etliches, siehe Jäckel, dessen Werk immerhin 1300 Seiten umfasst.

    Du meinst wohl nicht chan sondern Thanepower.
    Warum sonst, wenn nicht als "Fachmann" hätte Mayr H. bitten sollen, an seiner Statt zu antworten? Ich bin da ganz bei Thanpower.

    Siehe meinen - nochmaligen - Hinweis auf den Text: http://www.kurt-bauer-geschichte.at/PDF_Lehrveranstaltung 2008_2009/02_Hitlerbrief_Gemlich.pdf

    Adolf Gemlich hat sich brieflich am 4. September 1919, als teilnehmender Soldat eines der von Hauptmann Karl Mayr als Leiter der Propagandaabteilung in der Abteilung Nachrichten- und Verbindungsdienst des Reichswehrgruppenkommando 4 initiierten Aufklärungskurses in München, an Mayr gewand um Auskunft zum 'Judentum' bzw. wegen des Berliner ''Ausschuß für Volksaufklärung''. Gemlich schreibt zum 'Ausschuß für Volksaufklärung' an Mayr u.a.: ''Dieser Ausschuß dürfte Ihnen, der Sie doch mitten in der Volksaufklärung stehen, nicht unbekannt sein, und er verfolgt einen Kampf bis aufs Messer gegen das Judentum.''

    Mayr schreibt nun am 10. September an Hitler, der offiziell für Mayr in der Propaganda-Abt. tätig war, wegen der brieflichen Anfrage von Gemlich:

    Anbei eine Abschrift eines Briefes. Da ich derzeit sehr in Anspruch genommen bin, wenn Sie mir 1 bis 2 Seiten lange Ausführung zu den Fragepunkten (mit Ihrer Unterschrift und Briefadresse) zur Verfügung stellen könnten, ich behalte mir vor, im Anschluß an Ihre Zeilen noch die Fragen wegen des Ausschusses und der »Regierungssozialdemokratie« zu beantworten. Ihre Ausführungen über die Ansiedlungsfrage habe ich erhalten; das Gruppenkommando behält sich vor, u. U. diesen dienstlichen Bericht gekürzt oder ungekürzt in geeigneter Weise in die Presse zu lancieren.

    Hitler schreibt im offiziellen Auftrag Mayrs und der Propagandaabt. des Gruppenkommandos 4 an Gemlich.
    Bei Mayr, so Plöckinger, Unter Soldaten, S. 331, sei davon auszugehen, dass es tatsächlich zeitliche Überlastung war.

    Wegen des Briefes von Gemlich schrieb Mayr am 10. September auch an den einschlägig als Antisemiten und ideologischen Förderer Hitlers bekannten Dietrich Eckart (Plöckinger, Unter Soldaten, S. 331), mit dem Mayr damals privat Kontakt pflegte. Von ihm erhoffte sich Mayr weitere Auskünfte zum Ausschuß in Berlin.

    Peter Longerich, Hitler (2015), schreibt S. 70 u.a.:

    Dieses erste antisemitische Schriftstück Hitlers, das wir besitzen, sollte demnach nicht nur als Dokument seiner sich in diesen Monaten rasch entwickelnden antijüdischen Einstellung gelesen werden. In erster Linie handelt es sich um eine offizielle Auskunft der Nachrichtenabteilung der Münchner Reichswehr, die zeigt, welche Ansichten diese zum Antisemitismus verbreitete. Das Schreiben lässt also vor allem darauf schließen, welcher Art von Schulung Hitler in diesem Zeitraum unterzogen wurde.

    Was sich in und um München damals beim Thema Antisemitismus entwickelte, dürfte hinreichend bekannt sein, meine ich.

    Plöckinger, Unter Soldaten (S. 332), schreibt berechtigt:
    ''Wichtiger erscheint jedoch, dass er [Mayr, Anm. von mir] ihm [Hitler, Anm. von mir] auch inhaltlich wesentlich mehr zutraute als den ebenfalls zur Verfügung stehenden und nicht minder antisemitischen Propagandisten Hans Knodn, Ewald Bolle oder Hermann Esser. Und Mayr hatte sich in seiner Einschätzung nicht getäuscht. Hitler zeigte sich in seinen Darstellungen in allen Bereichen auf der Höhe des antisemitischen Diskurses dieser Tage, ließ aber auch gleichzeitig jeden eigenständigen Gedanken vermissen, von einer Radikalisierung der gängigen Vorstellungen ganz zu schweigen.

    Hans Mommsen, Zur Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert (2011), bezeichnet Mayr entsprechend als Mentor Hitlers und notiert u.a., Hitler habe seine entscheidenden ideologischen Anregungen während seiner Zeit in der Nachrichtenabt. erhalten. Mayr habe Hitlers rhetorisches Talent erkannt und zum Propagandaredner geschult. Erst in dieser Entwicklungsphase sei Hitler der extreme Antisemit geworden, unter Einfluss von Mayr, Eckart und Müller [Karl Alexander von Müller, der auch bei den Aufklärungskursen in München als Referent auftrat] sowie antisemitischer Broschüren-Literatur. Sie alle hätten Hitler weit mehr beeinflusst, als die schwachen Reminiszenzen an seine Linzer und Wiener Zeit, Brigitte Hamann hätte in ihrer Analyse verdeutlicht, dass Hitler zuvor keine ausgeprägt antisemitischen Auffassungen vertreten hätte.

    Viele Grüße,
    Andreas

     

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