Zur Liege

Dieses Thema im Forum "Kunstgeschichte" wurde erstellt von Mashenka, 1. September 2016.

  1. Mashenka

    Mashenka Aktives Mitglied


    Eigentlich müsste der Thread »über europäische Tagesliegen und mehrplätzige Sitzmöbel« heißen; ein recht breites Thema, bei dem ich immer wieder vor sprachlichen Fragen und Unsicherheiten stehe…

    Anstatt hier die Fragen zu stellen, schreibe ich einfach mal meine Erkenntnisse, bzw. Vermutungen zum Thema »Liege« auf, und hoffe, dass Ihr sie gegebenenfalls ergänzt und korrigiert.



    Griechische und römische Antike

    Der vornehme antike Grieche ruhte sich auf einer Kline (κλίνη) aus – von der Funktion her dem Chaiselongue nicht unähnlich – und benutzte das Möbelstück etwa ab dem 7. Jh. v.Chr. auch als Essliege. Der erhöhte Kopfteil, ein reich geschmücktes (bei den Griechen) abnehmbares Element der Liege, war volutenartig gestaltet. Das Bettgestell wurde aus Holz und/oder Metall gefertigt, in öffentlichen Räumen auch aus Stein, worauf häufig ein flächendeckender Kissen (›Matratze‹) gelegt wurde, zumindest aber Textilien (Decken, Kissen), oder Leder und Felle. Laut en. Wiki soll die Liegefläche aus einem Geflecht bestanden haben, ohne Referenzen anzugeben. Habe im dort anschließend angegebenen Buch nachgeschaut (Dimitra Andrianou, The Furniture and Furnishings of Ancient Greek Houses and Tombs, Cambridge University Press, New York, 2009) und keinen Hinweis darauf gefunden.



    Der vornehme antike Römer benutzte ebenfalls die Kline zum Ausruhen bei Tage und zum ›Dabeisitzen‹ (accumbare) am Tisch. In der Nacht jedoch zog er ein niedrigeres Bett mit Gitter- oder Lattenrost und Matratze (stratum, culcita{??}) vor, wie dies bereits die Etrusker getan haben. Ein Liegemöbel nannte man generell »lectus«, nur das einfache Holzgestell der ärmeren Schichten bezeichnete man als »grabatus«. Das aus dem Griechischen stammende »clinium« gebrauchte der Römer nur in zusammengesetzten Ausdrücken, wie »biclinium« (›Doppel-Essliege‹) und »triclinium« (dreiplätzige Liegefläche zum Speisen, später u-förmig aufgestelltes Ensemble von drei Essliegen). Eine noch größere Essgruppe wurde »stibadium« genannt, wobei die einzelnen Liegen kreisförmig aufgestellt waren; auch hier mit einer Aussparung, um den Sklaven das Auftragen zu ermöglichen.
    Der erhöhte Kopfteil der römischen Essliege hieß »fulcrum«. Die Kline (und das biclinium?) bestand aus dem Gestell, darauf dem fulcrum und den weichen Liegeunterlagen, sei dies eine flächendeckende Matratze, und/oder Kissen (pulvinus), resp. zylinderförmige Kissenrolle (torus{?}), oder Felle.
    Die mehrplätzige Sitzbank hatte in Rom keine spezielle Bezeichnung, sondern wurde »scamnum«, oder »subsellium« genannt (letzteres im öffentl. Bereich), unabhängig von der Breite. Einzig das zweiplätzige subsellium hatte mit »bisellium« einen eigenen Namen, das später (zur Kaiserzeit) als einplätziger Ehrensitz diente (manche Rekonstruktionszeichnungen beruhen auf falsch zusammengesetzte Klinen. Siehe: Martins u. Schwahn, Das Bisellium, das eine Kline war…, Heidelberg, 2014, PDF)



    Soviel mal für's Erste. (Zu neuzeitlichen Liegen später, wo es dann mehr um die damaligen Bedeutungen der Bezeichnungen geht.)
     
  2. Mashenka

    Mashenka Aktives Mitglied

    Gut, dann will ich noch ein Bisschen bei der Essliege (bzw. ›Trinkliege‹) der Antike bleiben:


    Die Bevorzugung einer aufgestützt liegenden Stellung beim Trinken und Essen ist derart speziell (vom natürlichen Verhalten so sehr abweichend), dass die Verwandschaft zwischen den überlieferten Zeugnissen von neuassyrischen, griechischen und etruskischen Klinen naheliegend erscheint. Die Sitte wurde von den Römern weitergeführt, wurde aber seit der Antike nicht mehr gepflegt (abgesehen von vereinzelten Nachahmern der Antike). Soweit heute bekannt, erstreckt sich der Gebrauch von Essliegen in der Geschichte des Homo Sapiens über eine Zeitspanne von etwa 1'200 Jahren.


    DER GRUND FÜR DEN GEBRAUCH VON ESSLIEGEN

    Das Ritual des gemeinsamen Trinkens/Essens kann folgende soziale Gründe haben:
    • Ausdruck der friedlichen Gesinnung zueinander, d.h. des Verzichts auf Futterneid und Futterkampf, womit das Zusammengehörigkeitsgefühl gesteigert/erhalten wird.
    • Ausdruck der Bereitschaft, ein gewisses Maß an Intimität zu teilen; die Nahrungsaufnahme als intime Handlung wird zur Vertiefung/Erhaltung von Beziehungen genutzt.
    • Annahme der Rolle als Fütterer durch den Stärkeren/Mächtigeren, sei dies aus reiner Fürsorge oder als Imponierverhalten; bzw. Anerkennung dieser Rolle durch die Bewirteten.

    Beim Ritual des gemeinsamen Trinkens/Essens auf Liegen kommen folgende Gründe hinzu:
    • Ausdruck der mangelnden Bereitschaft aufzustehen, bzw. des Anspruchs, bedient zu werden.(die Essliege als Machtsymbol)
    • Ausdruck des erhöhten Geltungsbedürfnisses durch die Präsentation des ganzen Körpers.(das erhöhte Liegen als Imponierverhalten).
    • Vortäuschen von Bequemlichkeit durch die Position des Nichts-Tun.(Statussymbol des Besitzers von Arbeitern)
    • Ausdruck von Zufriedenheit und Muße, d.h. des Willens zum längeren Verbleiben an demselben Ort; im Gegensatz zum Sitzen, Kauern, oder gar Stehen. (die Essliege als Symbol der inneren Ruhe, des Bleiben-Wollens)


    Das Trinken und Essen im Liegen bringt sonst keine nennenswerte Vorteile. Der minimal erleichterten Verdauung gegenüber steht die größere Gefahr der Aspiration, erhöht durch die leichtere Reurgitation (Aufstoßen z.B. von Magensaft), sodass anzunehmen ist, dass das Liegen bei der Verpflegung hin und wieder sogar mit dem Tod bezahlt wurde.
    Ein deutlich spürbarer Nachteil ist die schnelle Ermüdung beim Aufstützen, was nach einer gewissen Zeit zur Neurapraxie (Einschlafen [der Hände]) führt und bei wiederholter Abklemmung der Nerven immer häufiger auftritt. Sitzen kann man stundenlang, doch das stetige Aufstützen auf den gleichen Arm ist mühsam.

    Die Einführung der Essliege und das lange Festhalten daran kann demnach nur durch den Symbolgehalt erklärt werden; die Kline diente zur Selbstdarstellung der Herrscherklasse. Sie kann nur dort eingeführt worden sein, wo die Herrscherklasse das Bedürfnis hatte, sich durch andere, eigene Sitten unterscheiden zu müssen. Die Essliege diente nicht nur zur gemeinamen Pflege eines Trink-, bzw. Essritauls, sondern auch für den Ausschluss von Mitmenschen aus dem Ritual. Die Kline war wie eine Bühne, die ohne Zuschauer keinen Sinn machte.
    Diese Bühnenhaftigkeit wird betont durch die niedrigere Ablageflächen neben der Kline, was zwar den Griff zu den Waren auf dem Tisch erschwert, aber die Sichtbarkeit der liegenden Person gewährleistet. Insbesondere die zusammengebauten Klinen der Römer wirken wie Liegebühnen, mit Aussparungen für die Statisten.


    DIE ASSYRISCHE ESSLIEGE

    Ihre Existenz ist aus einer Darstellung bezeugt, deren Entstehung mit etwa 645/635 v.Chr. datiert wird. (Relief »Garden Party« aus Ninive) Der auf der Liege dargestellte König Assurbanipal (669–631/627) trinkt, während er von hinten mit Wedeln gekühlt wird. Über dem Mann hängen Trauben, die vmtl. auf den Inhalt des Bechers hinweisen. Die Beine der Liege sind mit einem Steg verbunden. Auf dem Gestell ist eine sehr dicke Matratze dargestellt, mit einer separaten Kopfkissenrolle. Darüber wölbt sich eine Armlehne. Dass sie sich nicht über die gesamte Breite der Liege erstreckte, ist anzunehmen, da sonst die Kopfkissenrolle zwecklos gewesen wäre. Die Form der Armstütze ist einzigartig unter den überlieferten Abbildungen von Essliegen.


    DIE GRIECHISCHE KLINE

    Eine der frühesten bekannten Objekte mit der Darstellung eines Gelages auf Klinen ist der Eurytios Krater aus Korinth, hergestellt um 600 v.Chr. Die Liegen sind mit dicken Matratzen bestückt, weisen aber noch keinen erhöhten Kopfteil auf. Vor den Liegen sind tiefere Tische aufgestellt, auf denen nicht nur Getränke, sondern auch Esswaren stehen.

    Ein Leichnam auf einer Liege ist auf einem attischen Krater aus etwa 750/735 v.Chr. dargestellt. Die Liege ist auch hier ohne Kopfteil und wird von einem passenden, niedrigeren Tisch erweitert, als müsste der Tote mit Getränken und Esswaren versorgt werden.

    Die Liegefläche griechischer Klinen war mit einem Gitterwerk aus flachen Leisten ausgerüstet, wobei das Material möglicherweise Holz war (Lederriemen wären auch eine Möglichkeit). Am Kopfende ragte häufig eine Kissenstütze nach oben (oder schräg nach außen). Der kunstvoll gestaltete, abnehmbare Kopfteil, den die Römer »fulcrum« nannten, wurde erst ab dem 4. Jh. v.Chr. zur Mode.


    DIE ETRUSKISCHE ESSLIEGE

    Die ersten erhaltenen Abbildungen von etruskischen Essliegen stammen aus dem frühen 6. Jh. v.Chr., wie die Terrakotta-Tafel aus Murlo (Siena). Die Tagesliegen waren den griechischen Modellen sehr ähnlich. Auch hier stand ein niederer Tisch vor der Liege und (auch wenn's nicht zum Thema gehört) darunter war jeweils ebenso ein Hund angebunden, wie dies auf dem korinthischen Eurytios Krater zu sehen ist. Die nahe Verwandschaft zur grieschischen Kline, samt dem ganzen Ritual, ist offensichtlich.

    Unter den etwa zeitgleich verwendeten Klinen in den verschiedenen Kulturen steht lediglich die assyrische Liege des Assurbanipal leicht abseits, sowohl geographisch, stilistisch, als auch durch die ausschließliche Verwendung durch den König (soweit überliefert).


    DIE RÖMISCHE ESSLIEGE

    Im Hinblick auf die etruskischen und griechischen Essliegen wäre es eher verwunderlich, wenn die Römer mit ihrem Machtbewusstsein auf das feudale Möbelstück verzichtet hätten.

    Möglicherweise im 3. Jh. v.Chr. übernahmen sie die Sitte samt der Gestaltung der Liege. Die Weiterentwicklung bestand zunächst aus dem Bau mehrplätzigen Essliegen, bis hin zum Zusammenbau von ganzen ›Essbühnen‹, die sie sowohl aus Metall als auch als Einbau aus Stein fertigten. Beim zusammenhängenden steinernen Triclinium wurde die Oberfläche nach hinten abfallend gestaltet, wodurch die Beine der Gäste nicht mehr so hoch lagen, wenn sie sich quer, oder zumindest schräg hinlegten. Dementsprechend wurde aus dem Abstützen auf den linken Arm öfters ein mit beiden Armen aufgestütztes Bauchlings-Liegen; der Verdauung nicht unbedingt förderlich, aber die Arme entlastend. Die weiterhin niedrigeren Tische wurden auch hier vor den Liegeflächen aufgestellt.

    Zur Kaiserzeit wurden die Liegen vermehrt mit Lehnen hergestellt, nicht nur an den schmalen Seiten, sondern auch hinten, was den Oberkörper stützte und die Arme entlastete. (Marble sarcophagus lid with reclining couple, um 200 n.Chr., Metropolitan Museum of Art) Solche »Kastenklinen« (eine sonderbare Begriffsschöpfung) ähnelten zwar dem Sofa der Frühen Neuzeit (Frau auf Kline, Tonskulptur aus dem 2./3. Jh. n.Chr.), dürften aber für dessen Form kaum Pate gestanden haben.

    Die vielplätzige Essliege muss mit der Zeit ihren ursprünglichen Zweck zur Absonderung der Oberschicht verloren haben und als die normale Eckgruppe für das gemeinsame Speisen gegolten haben, wie dies auch eine Darstellung des Abendmahls Jesu in der Basilica di Sant'Apollinare Nuovo in Ravenna zeigt: Mosaik aus etwa 500 n.Chr..


    Soviel mal für's Zweite… (Sonderformen und Weiterentwicklungen, sowie die Arten von Schlafbetten und Bänken, inkl. der keltischen Lehnenbank zugunsten einer verträglichen Länge weggelassen)
     
    Zuletzt bearbeitet: 3. September 2016
  3. Klaus

    Klaus Neues Mitglied


    Ich habe mal einen Thread zum Thema "gesellschaftliches Sitzen" gestartet, weil mir aufgefallen war, dass die Menschen in Ostafrika bevorzugt auf den Fersen zusammen"hocken", und sich in Thailand in den Schneidersitz begeben, was in Europa beides, wie das Liegen, unüblich ist. Es hat also tatsächlich den Anschein, dass es sich hier um gesellschaftliche Konventionen handelt.

    http://www.geschichtsforum.de/f72/die-geschichte-des-sitzens-35900/
     

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