Ich fand immer wieder faszinierend, in welch unterschiedlichem Maße die Städte im ehemals westlichen Reichsteil fortbestanden. Zusammenfassend ergibt sich für das Jahr 500 ein gemischtes Bild, wie meine nachgerade Recherche ergab. Ich zitiere mein Suchergebnis:
Eine ganz präzise, vollständige Provinz‑Liste lässt sich nicht seriös rekonstruieren, aber man kann um 500 klar einige westliche Regionen und Städte benennen, die noch als
echte spätantike städtische Zentren funktionieren – wenn auch mit reduzierter Bevölkerung und teils geschwächter Infrastruktur.
Strukturiert nach Großräumen, ausgehend von dem, was in der Forschung zur spätantiken Urbanität im Westen betont wird.
Italia (einschließlich Rom)
Hier ist die Kontinuität am deutlichsten.
- Rom: Stark geschrumpft, aber weiterhin Sitz des Bischofs, mit funktionierenden Kirchen, Teilen der Wasserversorgung, Senatstradition und weiterhin symbolischer Zentralität; noch eine Großstadt im Vergleich.
- Ravenna: Hauptstadt des weströmischen Reiches im 5. Jahrhundert, später Sitz der Ostgoten und dann der byzantinischen Verwaltung; wichtige Residenz‑ und Verwaltungsstadt mit spätantiken Bauten und Mosaiken.
- Mailand (Mediolanum): War im 4. Jahrhundert Kaiserresidenz; um 500 noch ein bedeutendes Bischofszentrum und Verwaltungsort, wenn auch nicht mehr im Rang der Hauptstadt.
- Neapel, Aquileia und einige andere Städte Nord‑ und Mittelitaliens bleiben in der Forschung als Orte mit fortbestehender städtischer Kultur sichtbar, auch wenn ihre Einwohnerzahlen teils stark zurückgehen.academia
Insgesamt gilt Italia um 500 als der westliche Raum mit der stärksten städtischen Kontinuität.
Africa (vor allem Proconsularis mit Karthago)
Hier hast du mit Karthago bereits einen Kernfall genannt.
- Karthago: Weiterhin Metropole (vielleicht etwa 100.000 Einwohner), mit funktionierender Wasserversorgung, öffentlichen Bauten und lebendiger christlicher Kultur; Einwohnerzahl deutlich unter dem römischen Hoch, aber im Vergleich zu Gallien oder Britannien außergewöhnlich hoch.
- Weitere Städte in Africa Proconsularis und Byzacena (z.B. Hippo Regius, Hadrumetum, Utica) bleiben als Bischofssitze und regionale Zentren aktiv; die Urbanität ist hier insgesamt deutlich robuster als im Norden.
Kurz: Der afrikanische Küstenraum mit Karthago ist neben Italien der zweite große „Restblock“ spätantiker Urbanität im Westen.
Gallien
Hier ist die Lage gemischt bis deutlich schwächer.
- Einige Städte behalten eine gewisse städtische Kontinuität, vor allem solche mit Bischofsitz und administrativer Funktion:
- Arles (Arelate): Sitz von Synoden, wichtiger Hafen und Verwaltungszentrum in der Spätantike.academia
- Trier (Augusta Treverorum): Stark geschrumpft, aber mit Bischof und Restfunktionen; ein klassischer Fall „halbierter“ Urbanität.academia
- Lyon (Lugdunum) und Tours bleiben als kirchliche und regionale Zentren präsent.academia
- Viele andere Städte sind stark reduziert; ihre klassische römische Infrastruktur (Thermen, Theater, große Forumsarchitektur) wird kaum noch im ursprünglichen Sinn genutzt.
Gallien ist darum in der Forschung oft Beispiel dafür, wie stark und früh die spätantike Stadt im Westen zerbricht.
Hispania
Auch hier eher „Restzentren“ als breite Kontinuität.
- Toledo (Toletum): Sitz des westgotischen Hofs und später Hauptstadt; wichtiges kirchliches und politisches Zentrum, das durchaus weiter als Stadt funktionierte.
- Sevilla (Hispalis), Tarraco und einige andere Küsten- und Binnenstädte bleiben Bischofssitze und regionale Zentren, aber mit deutlich reduzierter Größe und klassischer Infrastruktur.academia
Die Urbanität in Hispanien bleibt punktuell, nicht flächig – deutlich weniger „metropolitan“ als in Italien oder Africa.
academia
Britannien
Hier ist die Antwort klar:
praktisch keine spätantike Großstadt mehr um 500.
- Die römischen Städte sind größtenteils aufgegeben oder zu Kleinsiedlungen reduziert; die Urbanität bricht hier fast vollständig zusammen.
Zusammenfassung als Matrix
Wenn man deine Frage „echte spätantike städtische Zentren um 500“ ernst nimmt, ergibt sich ungefähr dieses Bild (jeweils einige Beispiele):
- Italia: Rom, Ravenna, Mailand, Neapel, Aquileia u.a. – noch klar städtische Zentren, wenn auch geschrumpft.
- Africa (Nordafrika): Karthago als Metropole, mehrere Küstenstädte als wichtige Zentren.
- Gallien: Arles, Trier, Lyon, Tours – funktionierende Städte mit stark reduzierter Infrastruktur.
- Hispania: Toledo, Sevilla, Tarraco – Hof- oder Bischofsstädte mit punktueller Kontinuität.
- Britannien: keine Stadt mehr auf spätantikem Niveau.
Dein Grundbild – Rom und Karthago als Spätantike‑Metropolen, dazu wenige weitere echte Zentren im Westen – wird durch die Forschung zur spätantiken Stadtentwicklung ziemlich gut gestützt.