Ich wollte auch nicht explizit auf Sklaverei hinaus, sondern auf die an der Bibel orientierte konservative Familienstruktur mit einem absoluten Patriarchen an der Spitze.
Patriarchlische Strukturen herrschten im Wesentlichen in allen Familienformen, die es um die Mitte des 19. Jahrhunderts gab, bzw. die sich um diese Zeit, bedingt durch die Industrielle Revolution neu bildeten.
Im Wesentlichen war das in Europa die
bäuerliche Familie, wobei zur Familie in diesem Sinne auch das Gesinde zählte.
Daneben die Handwerkerfamilie, wobei Gesellen, Lehrlinge und eigene Kinder integriert waren.
Dann die bürgerliche Familie, die am ehesten dem entspricht, was wir heute darunter verstehen. Mit erwerbstätigem männlichen Familienoberhaupt, Kindern und eventuell Dienstboten. Der Mann als "pater familias", während sich die Frau auf Kirche, Küche, Kinderzimmer konzentriert, den Haushalt führt und am besten sehr artige Kinder in Tugenden dieses Bürgertums erzieht.
Ende des 18. Jahrhunderts, Anfang des 19. "entdeckte" man sozusagen das Kind als solches, das zuvor als kleiner Erwachsener wahrgenommen wurde. Es entstand eine Literatur, die für Kinder gedacht war, es wurden Kindermoden hergestellt, eine Spielzeugindustrie etablierte sich, die ersten Kindergärten wurden in Deutschland gegründet... und verboten. Die Schriften Pestalozzis inspirierten eine ganze Reihe von Erziehungsliteratur und Ratgebern.
Einerseits entdeckte man die kindliche Phantasie, riet, Kinder zu leiten, andererseits gab es das, was "Alice Miller "Schwarze Pädagogik" nannte, Kinder (oder eben auch Schwarze) galten als triebhafte, unvernünftige Wesen, die man zum eigenen Schutz leiten musste, deren Willen gebrochen werden musste.
Diese Erziehungsprinzipien galten auch in den USA, und zwar im Norden wie im Süden gleichermaßen.
Harriet Beecher Stowe hat sich offenbar zum Thema Erziehung und Familie viele Gedanken gemacht, denn das Thema erscheint in unterschiedlichen Nuancen mehrfach.
Da ist z. B. George, der Freund Elizas und Vater von Harry. Er ist zur Hälfte weiß, kann aber keine gültige Ehe schließen. Er ist seinem Master überlegen, hat sogar eine Maschine erfunden, muss aber niedere Dienste tun, und seine Familie soll auseinandergerissen werden.
Uncle Tom hat Frau und Kinder, ist seinen Masters Mr. Shelby und Mr. st. Clair eher Freund und Familienmitglied, muss aber die Schuld seines Masters bezahlen und wird von seiner Familie getrennt.
Ein zwiespältiger Charakter ist Toms zweiter Herr Augustin St. Clair. Verheiratet mit einer "Belle Dame", die er nicht liebt, die dunkle Augen, ewige Migräne und 10.000 Dollar Mitgift in die Ehe gebracht hat. Er erkennt die Sklaverei als einen Anachronismus, doch entschließt er sich gar nicht oder zu spät zum Handeln, und nach seinem tragischen Tod werden die Sklaven versteigert.
St. Clair sieht dass humane Master wie er, die Abschaffung der sklaverei nur verzögern, dass viele seiner Sklaven kindisch und eitel sind wie Adolphe, der Major Domus, der sich mit der abgetragenen Kleidung seines Herrn großtut. St. Clair (oder beecher Stowe) entlarvt aber auch die Bigotterie der Nordstaatler, die sich über schlechte Behandlung der Schwarzen mokieren, sie aber als zweitklassige Menschen einstufen wie St. Clairs Cousine Ophelia, die sich darüber entsetzt, dass die kleine Eva Schwarze küsst.
Diese ist es auch, die erkennt, dass die Schwarzen, die von Bildung ausgeschlossen sind, außer der Freiheit auch Bildung und Erziehung brauchen. Das wird deutlich als St. Clair seiner Cousine die quirlige und schlaue Tobsy anvertraut, die von ihrem früheren Herrn schwer misshandelt wurde. Diese ist auch die einzige, die Cousine Ophelia nach St. Clairs Tod retten kann, da sie sich vorsichtshalber pro forma Tobsy hat überschreiben lassen.
Erziehung, bzw dessen Mangel kommen auch in späteren Kapiteln zum Ausdruck. Die Schwarzen werden oft als eitel, kindlich naiv oder roh beschrieben. Der dumme tanzende Sambo entspricht ziemlich genau gewissen Klischeevorstellungen, die noch heute gepflegt werden. Ausnahmen sind eigentlich nur das Paar George und Eliza und die verbitterte Cassy, die von Herr zu Herr weitergereicht als Mätresse bei Uncle Toms letztem Master, Mr. Simon Legree landet. Alle diese Figuren sind aber auch zur Hälfte weiß. Zeitgenossen differenzierten sogar zwischen Mulatten, Quatronen und Quinteronen. Harriet Beecher Stowe führt die Fähigkeiten des Mulatten George vor allem auf den hohen Anteil an angelsächsischem Blut zurück. Einen Platz findet er in den USA aber nicht, er emigriert nach Kanada und später nach Frankreich. Die meisten Vertreter der schwarzen Bürgerrechtsbewegung lehnten Uncle Toms Cabin übrigens als rassistisch ab, und es wurde die Bezeichnung ein "Uncle Tom" , ein serviler Schwarzer zu sein, der es den Weißen recht macht, sogar zu einer Beleidigung.
So beschimpfte Muhammed Ali George Foreman vor dem "Rumble in the Jungle" 1974 in Kinshasa als einen "Uncle Tom- Nigger". Manche Amerikaner, die nach Deutschland kommen, wundern sich, dass Onkel Tom dort recht beliebt ist und Berlin eine Siedlung den Namen "Onkel Toms Hütte" trägt.
Manche Passagen in Beechers Roman sind unglaublich sentimental und kitschig. Beecher Stowe hat niemals längere Zeit im Süden gelebt, und es gab bald schon Dutzende von Plagiaten, Persiflagen und Widerlegungen. In manchen Passagen ist der Roman aber recht differenziert und scharfsichtig, die Autorin macht durchaus deutlich, dass ein rassistisches System für die scheinbare Naivität und Servilität der Schwarzen verantwortlich ist. Auch die Gleichgültigkeit und Scheinheiligkeit der Nordstaatler wird zuweilen aufs Korn genommen. Simon Legree, ein ziemlich unangenehmer Zeitgenosse, an dessen Misshandlungen Uncle Tom schließlich stirbt, ist übrigens selbst ein Yankee, erzogen im puritanischen Geist der Neu- Englandstaaten.
Legree ist offensichtlich als ein absolutes Zerrbild der Südstaatenaristokratie angelegt und entspricht so gar nicht dem Typus eines Gentlemans. Auf seiner heruntergekommenen Plantage lebt er ganz offen mit seiner Mätresse Cassy zusammen, die er aber offenbar über hat, weshalb er in New Orleans neben Uncle Tom noch ein junges Mädchen kauft.