Pazifismus in der Antike

A

Andinista

Gast
Der Wert des Friedens wurde in der Antike zwar erkannt, aber man sah gewöhnlich keinen Widerspruch darin, ihn durch unzählige Kriege zu den eigenen Bedingungen herbeizuführen. Bestes Beispiel ist der bei Tacitus über die Römer überlieferte Ausspruch 'Sie machen eine Wüste und nennen es Frieden'.

Ich fand es deshalb in Rom überrraschend zu sehen, daß Vespasian nach seinem siegreichen judäischen Feldzug einen Tempel errichtete, der dem Frieden gestiftet war (templum pacis). Der wurde zwar auch mit Trophäen als Siegesmonument ausgestattet, aber dem auch als Kaiser geerdet gebliebenen Vespasian traut man zu, daß er von den Greueln des unerbittlich geführten Krieges schockiert war. Noch deutlicher tritt die Sehnsucht nach Frieden bei Ashoka zutage, der unter dem Eindruck der Eroberung von Kalinga zum Buddhismus konvertierte.

Aber so richtig war der Pazifismus weder in der antiken Regierungspolitik noch als geistige Strrömung in der Philosophie erkennbar. Aber vielleicht war der Wert des Friedens in einer Epoche, in der fast ständig Krieg geführt wurde, so offensichtlich, daß niemand ihn hervorheben mußte?
 
Ich verweise da auf den "Vertrag vom Ewigen Frieden" zwischen Justinian und SchahInSchah Chosroe I aus dem Jahr 532, der genau 8 Jahre lang hielt. In diesem Zeitraum konnte Justinian in Ruhe seinen gotischen Krieg in Italien führen. Dagegen bereitete sich Chosroe auf einen richtigen Gegenschlag gegen Konstantinopel vor, den er 540 auch durchführte. (Si vis bellum, para pacem.)

Allgemein:
Vom Frieden sprach ein römischer Kaiser nur dann, wenn er einen Krieg gewonnen hatte. Insofern war die "Pax Romana" nichts anderes als der Sachverhalt, dass Rom unumschränkter Herrscher des Mittelmeers war. (Bis die Germanen kamen.)
 
Zuletzt bearbeitet:
Die Griechen kannten das Konzept des "Gemeinsamen/Allgemeinen Friedens", allerdings beschränkt auf die griechische Welt. (Im Gegenteil: Teils wurde - etwa von Isokrates - gewissermaßen als Stütze dieses Konzepts ein gemeinsamer Angriffskrieg gegen Persien propagiert. Statt gegeneinander sollten die Griechen gegen einen gemeinsamen Feind kämpfen.)
 
Eine interessante wechseitige Beziehung zwischen kriegerischen (militärischen) und friedlichen (juristischen) Maßnahmen stellt die Einführung in den Codex Iustinianus, dem bedeutendsten Rechtswerk der Römer, her (aus dem Jahr 529):

The supreme safeguard of the State, stemming from two sources, (namely) arms and laws, and through them reinforcing its vitality, has made the fortunate Roman race preeminent above all peoples in the past, and, God willing, will do so forever. Each of these (arms and laws) has always flourished through the help of the other; as military affairs are safeguarded by the laws, so the laws themselves are maintained by the protection of arms. (In der Übersetzung von Fred Blume)
 
Nur so ein Gedanke, aber war nicht das frühe Christentum eine pazifistische Strömung? Zumindest bis Konstantin.

Ausgehend von der Bergpredigt: "ein Ethos von Selbstzurücknahme und Gewaltverzicht, das sich dezidiert von weltlichen Strategien der Herrschaftswahrung und Interessendurchsetzung unterschied. Dieses Ethos gründete in der Botschaft Jesu selbst, besonders prägnant formuliert in der Bergpredigt, die schon in den einleitenden Seligpreisungen das „Frieden schaffen“ als herausragendes Merkmal der Gotteskindschaft benennt und Nächstenliebe radikal zuspitzt auf die Zuwendung zum Feind und den Verzicht auf Selbstverteidigung und Gegenaggression."

Was ich über Augustinus Verständnis vom "Gerechten Krieg" gelesen habe, würde ich da vielleicht nicht von Pazifismus sprechen, aber es war zumindest ein Versuch Kriegsgründe zu begrenzen.

Die Kriegsdienstverweigerung vieler Christen im Römischen Reich geht wohl nicht nur auf Pazifismus, sondern den einhergehenden Kaiserkult als Götzendienst einher. Trotzdem.

Und wenn das frühe Christentum eine von aus der Bergpredigt abgeleiteten Pazifismus kannte, dieser Gedanke aber sonst nicht in der antiken Welt zu finden ist, dann hatte das Christentum tatsächlich eine radikale, neue Idee, der ch Respekt zollen müsste.
 
Nur so ein Gedanke, aber war nicht das frühe Christentum eine pazifistische Strömung? Zumindest bis Konstantin.
Und wenn das frühe Christentum eine von aus der Bergpredigt abgeleiteten Pazifismus kannte, dieser Gedanke aber sonst nicht in der antiken Welt zu finden ist, dann hatte das Christentum tatsächlich eine radikale, neue Idee, der ch Respekt zollen müsste.
Ich teile deinen Gedanken und bin völlig d'accord. Ich wollte nur auf Laktanz, divinae institutiones, ca. 303-311, hinweisen, der diese geistige Strömung der frühen christl. Friedfertigkeit sehr gut zusammenfasst.
liebe grüße
 
Und wenn das frühe Christentum eine von aus der Bergpredigt abgeleiteten Pazifismus kannte, dieser Gedanke aber sonst nicht in der antiken Welt zu finden ist, dann hatte das Christentum tatsächlich eine radikale, neue Idee, der ch Respekt zollen müsste.
Das gilt vielleicht für den Heros des Christentums, sofern die Bergpredigt aus seinem rhetorischen Fundus stammt und man seine Worte für Taten nimmt. Aber es gilt für seine Schäfchen nur bedingt.

Um zu den Persern zurückzukehren, die ich schon angeführt hatte: es gab durchaus eine lange Friedenszeit zwischen Rom und Ktesiphon, und zwar seit Ende des 4. Jh. bis Anfang 6. Jh, allerdings mit 2 kleineren Kriegen. Diese Periode sollte im Zusammenhang "Frieden" nicht unerwähnt bleiben.

Shapur I war 379 gestorben, das hatte gewisse Kreise in Rom (u.a. Themistios) dazu veranlasst, auf Krieg zu drängen. Doch Theodosius I hatte andere Probleme: Usurpationen! Außerdem war er kein Mann der Expansion. Erst 502, unter der Regierung des großen und viel zu wenig bekannten Anastasius griff Schah Kavad I Konstantinopel an. Damit war das gesamte 5. Jh beinahe kriegsfrei.

Bis auf 2 Unterbrechungen:

1. 420/421.
Der oströmische Palast zu Konstantinopel hatte sich während der Herrschaft von Theodosius II (Enkel vom I.) in ein Kloster verwandelt. Verantwortlich dafür war seine Schwester Pulcheria, eine fundamentale Christin, die aus Dynastieerhaltungsgründen (sagt man) ewige Jungfräulichkeit gelobt hatte. Das allein hätte nach nach christlichen Maßstäben zum Frieden führen müssen. Doch es kam anders: Im Perserreich gab es Christen, die sogar einen Bischof hatten, den Metropoliten Abdas. Der erinnerte sich des 1. Gebots und brannte einen Tempel des Ormuzd nieder. Das wiederum führte zu Verfolgungen der Christen in Persien, und so kam es zum Krieg, den Pulcheria als eine Art "Kreuzzug" gegen Schah Varam V ausrief (vermittels ihres Bruders, versteht sich, obwohl sie selbst Augusta war). Meines Wissens nach der erste religiöse Kriegszug in der Antike.
422 schloss man einen "hundertjährigen Frieden", der immerhin 18 Jahre lang dauerte.

428 verschaffte sich Nestorius, der leicht erregbare Bischof Konstantinopels, mit einem Angebot an Theodosius Gehör:
Gib mir, Kaiser, eine Erde, die frei von Häretikern ist, und ich verschaffe Dir im Gegenzug den Himmel! Hilf mir die Häretikern zu zerstören, und ich werde Dir helfen, mit den Persern fertig zu werden.
Dabei lag zu dieser Zeit gar kein Konflikt mit den Persern an. Nestorius selbst hatte ebenfalls Pech, denn seine Auffassungen wurden alsbald selbst als häretisch eingestuft.

2. 441/442
Nach 440 aber ging es um säumige römische Jahresgeldzahlungen, die nach dem Krieg 420 vereinbar worden waren, um einen Kaukasuspass gegen Eindringlinge zu verteidigen. Die Römer zahlten nicht, es kam zum Krieg mit Varams Sohn Yazdegird II.

Warum über 1 Jh Beinahe-Frieden zwischen den beiden Großmächten?

Persien:
Ein Grund lag in der Person Yazdegirds I. Der hatte einst 2000 römische Gefangene von den Hunnen erbeutet und den Römern "geschenkt". Man sieht, das kann nicht nur Papst Leo.
Und er war angeblich Vormund für Theodosius II. (Zum Vergleich: Nikita Chruschtschow wäre Vormund von Donald Trump gewesen, weil er dessen Fähigkeiten schon damals ahnte.) Trotzdem: nach Arcadius' Tod drohte er Konstantinopel mit Krieg, wenn Theodosius nicht Nachfolger würde. (Vergleich: Chruschtschow drohte den USA nach Kennedy's Tod mit einem Atomschlag, wenn sie sein Mündel Donald nicht zum Präsidenten wählten. Das ist wohl der wahre Grund für die Kuba-Krise.) Ein echter Pazifist war er wohl nicht. Gleichzeitig war er gegenüber den Christen in Persien tolerant.
Ansonsten ist es für mich schwer einzuschätzen, warum die Perser i.A. Ruhe gaben. Eine wichtige Ursache waren wohl die ständigen Einfälle der "Weißen Hunnen" (Hephthaliden) ins Sassanidenreich, weshalb die Perser froh waren, keinen römischen Angriff fürchten zu müssen.

Byzanz:
Nicht nur der Westen, auch der Osten kam im 5. Jh nicht zur Ruhe. Erst drohte Alarich, dann der Gote Gainas, bald darauf kamen die Hunnen über den Kaukasus, später über die Donau und bedrohten die Hauptstadt. Als man sich freikaufen konnte, gingen sie nach Westen. Dann bedrohte Geiserich mit seinen Vandalen auch den Osten. Eine riesige Expedition gegen die Vandalen ging 468 schief und brachte den Staat an den Rand des Bankrotts, ein Sondervermögen gab es damals noch nicht. In dieser Zeit tauchten aus dem Scherbenhaufen des Hunnenreichs die Ostrogoten auf, 2fach sogar mit 2 Theoderichen, die Konstantinopel auspressten, wo es nur ging. Immerhin konnte man sie in den Westen lotsen wie Jahrzehnte zuvor die Westgoten.
Insofern war es den Byzantinern nur Recht, wenn an der persischen Front weitgehend Ruhe herrschte.

Hat das alles irgendetwas mit Pazifismus zu tun? Ich vermute: nein. Es ist schlicht und ergreifend Realpolitik, und als sich die Vorzeichen änderten, griffen die Sassaniden unter Kavad I 502 auch schon wieder an. Da ging es - wie zuvor - ums Geld.

Post festum:
Der endgültige Schlag erfolgte in den ersten 3 Jahrzehnten des 7. Jh, als sowohl die Sassaniden als auch die Byzantiner untergingen (letztere nur fast). Der lachende Dritte waren die Araber, die nun als Großmacht die Region kontrollierten. Ab dann herrschte lange Zeit "Frieden" (bis auf ein paar Überfälle), auch wenn der Prophet keine Bergpredigt gehalten hatte.
 
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