Und wenn das frühe Christentum eine von aus der Bergpredigt abgeleiteten Pazifismus kannte, dieser Gedanke aber sonst nicht in der antiken Welt zu finden ist, dann hatte das Christentum tatsächlich eine radikale, neue Idee, der ch Respekt zollen müsste.
Das gilt vielleicht für den Heros des Christentums, sofern die Bergpredigt aus seinem rhetorischen Fundus stammt und man seine Worte für Taten nimmt. Aber es gilt für seine Schäfchen nur bedingt.
Um zu den Persern zurückzukehren, die ich schon angeführt hatte: es gab durchaus eine lange Friedenszeit zwischen Rom und Ktesiphon, und zwar seit Ende des 4. Jh. bis Anfang 6. Jh, allerdings mit 2 kleineren Kriegen. Diese Periode sollte im Zusammenhang "Frieden" nicht unerwähnt bleiben.
Shapur I war 379 gestorben, das hatte gewisse Kreise in Rom (u.a. Themistios) dazu veranlasst, auf Krieg zu drängen. Doch Theodosius I hatte andere Probleme: Usurpationen! Außerdem war er kein Mann der Expansion. Erst 502, unter der Regierung des großen und viel zu wenig bekannten Anastasius griff Schah Kavad I Konstantinopel an. Damit war das gesamte 5. Jh beinahe kriegsfrei.
Bis auf 2 Unterbrechungen:
1. 420/421.
Der oströmische Palast zu Konstantinopel hatte sich während der Herrschaft von Theodosius II (Enkel vom I.) in ein Kloster verwandelt. Verantwortlich dafür war seine Schwester Pulcheria, eine fundamentale Christin, die aus Dynastieerhaltungsgründen (sagt man) ewige Jungfräulichkeit gelobt hatte. Das allein hätte nach nach christlichen Maßstäben zum Frieden führen müssen. Doch es kam anders: Im Perserreich gab es Christen, die sogar einen Bischof hatten, den Metropoliten Abdas. Der erinnerte sich des 1. Gebots und brannte einen Tempel des Ormuzd nieder. Das wiederum führte zu Verfolgungen der Christen in Persien, und so kam es zum Krieg, den Pulcheria als eine Art "Kreuzzug" gegen Schah Varam V ausrief (vermittels ihres Bruders, versteht sich, obwohl sie selbst Augusta war). Meines Wissens nach der erste religiöse Kriegszug in der Antike.
422 schloss man einen "hundertjährigen Frieden", der immerhin 18 Jahre lang dauerte.
428 verschaffte sich Nestorius, der leicht erregbare Bischof Konstantinopels, mit einem Angebot an Theodosius Gehör:
Gib mir, Kaiser, eine Erde, die frei von Häretikern ist, und ich verschaffe Dir im Gegenzug den Himmel! Hilf mir die Häretikern zu zerstören, und ich werde Dir helfen, mit den Persern fertig zu werden.
Dabei lag zu dieser Zeit gar kein Konflikt mit den Persern an. Nestorius selbst hatte ebenfalls Pech, denn seine Auffassungen wurden alsbald selbst als häretisch eingestuft.
2. 441/442
Nach 440 aber ging es um säumige römische Jahresgeldzahlungen, die nach dem Krieg 420 vereinbar worden waren, um einen Kaukasuspass gegen Eindringlinge zu verteidigen. Die Römer zahlten nicht, es kam zum Krieg mit Varams Sohn Yazdegird II.
Warum über 1 Jh Beinahe-Frieden zwischen den beiden Großmächten?
Persien:
Ein Grund lag in der Person Yazdegirds I. Der hatte einst 2000 römische Gefangene von den Hunnen erbeutet und den Römern "geschenkt". Man sieht, das kann nicht nur Papst Leo.
Und er war angeblich Vormund für Theodosius II. (Zum Vergleich: Nikita Chruschtschow wäre Vormund von Donald Trump gewesen, weil er dessen Fähigkeiten schon damals ahnte.) Trotzdem: nach Arcadius' Tod drohte er Konstantinopel mit Krieg, wenn Theodosius nicht Nachfolger würde. (Vergleich: Chruschtschow drohte den USA nach Kennedy's Tod mit einem Atomschlag, wenn sie sein Mündel Donald nicht zum Präsidenten wählten. Das ist wohl der wahre Grund für die Kuba-Krise.) Ein echter Pazifist war er wohl nicht. Gleichzeitig war er gegenüber den Christen in Persien tolerant.
Ansonsten ist es für mich schwer einzuschätzen, warum die Perser i.A. Ruhe gaben. Eine wichtige Ursache waren wohl die ständigen Einfälle der "Weißen Hunnen" (Hephthaliden) ins Sassanidenreich, weshalb die Perser froh waren, keinen römischen Angriff fürchten zu müssen.
Byzanz:
Nicht nur der Westen, auch der Osten kam im 5. Jh nicht zur Ruhe. Erst drohte Alarich, dann der Gote Gainas, bald darauf kamen die Hunnen über den Kaukasus, später über die Donau und bedrohten die Hauptstadt. Als man sich freikaufen konnte, gingen sie nach Westen. Dann bedrohte Geiserich mit seinen Vandalen auch den Osten. Eine riesige Expedition gegen die Vandalen ging 468 schief und brachte den Staat an den Rand des Bankrotts, ein Sondervermögen gab es damals noch nicht. In dieser Zeit tauchten aus dem Scherbenhaufen des Hunnenreichs die Ostrogoten auf, 2fach sogar mit 2 Theoderichen, die Konstantinopel auspressten, wo es nur ging. Immerhin konnte man sie in den Westen lotsen wie Jahrzehnte zuvor die Westgoten.
Insofern war es den Byzantinern nur Recht, wenn an der persischen Front weitgehend Ruhe herrschte.
Hat das alles irgendetwas mit Pazifismus zu tun? Ich vermute: nein. Es ist schlicht und ergreifend Realpolitik, und als sich die Vorzeichen änderten, griffen die Sassaniden unter Kavad I 502 auch schon wieder an. Da ging es - wie zuvor - ums Geld.
Post festum:
Der endgültige Schlag erfolgte in den ersten 3 Jahrzehnten des 7. Jh, als sowohl die Sassaniden als auch die Byzantiner untergingen (letztere nur fast). Der lachende Dritte waren die Araber, die nun als Großmacht die Region kontrollierten. Ab dann herrschte lange Zeit "Frieden" (bis auf ein paar Überfälle), auch wenn der Prophet keine Bergpredigt gehalten hatte.