Venedig und der Levantehandel/Venedig als Diffusor von Orientalismen

El Quijote

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Orientalismen* sind im Mittelalter und der Frühen Neuzeit über vier Wege nach Europa gekommen:
  1. die iberische Halbinsel (PI)
  2. die Appeninhalbinsel
  3. das Osmanische Reich
  4. rückkehrende Kreuzfahrer
  5. das Russische Reich
Bei den meisten Orientalismen handelt es sich um Arabismen, andere Worte kommen aber auch aus dem Indischen, Persischen und anderen Sprachen, sind über das Arabische oder Türkische in europäische Sprachen vermittelt worden.

Die meisten Orientalismen sind wohl über die PI nach Europa gekommen, ein erklecklicher Teil auch über Italien. Weitere durch den Kontakt vor allem des Balkans mit dem Osmanischen Reich oder des Russischen Imperiums mit dem islamischen Raum (Osmanisches Reich, Persien). Rückkehrende Kreuzfahrer haben auch ein paar Orientalismen mitgebracht.

Ein Beispiel für einen über das Osmanische in die Balkansprachen eingegangenen Orientalismus (ein arabisches Wort) ist čorba bzw. ciorba - eine zitronensäuregewürzte Suppe mit Fleisch und Gemüse. Das Wort ist weiter bis ins Russische getragen worden (Чо́рба, über Moldawien?).

serbokroat. čorba/rumän. ciorba < türk. çorba < arab. شُّرْبَةُ (šurba(tun))​

Manche Worte sind mehrfach aus dem Arabischen in europäische Sprachen entlehnt worden, etwa
  • دَار السِّكَّة - dār as-sikka > ceca/zecca
  • دار الصناعة - dār aṣ-ṣinā‛a > darséna/atarazana, arsenali
  • مَخْزَن - maḫzan / Pl. مَخَازِن‎ maḫāzin > almacén/armazem, magazzino
  • σάκχαρον > سكر - sukkar > azúcar, zucchero
  • قطن - quṭn > cottone, algodón/algodão
  • نارنج - nāranǧ > laranja, naranja, arancia > orange (im Arabischen nur die Pommeranze, die Süßorange heißt im südlichen und östlichen Mittelmeerraum nach Portugal, die Bitterorange stammt aus Indien und ist über die Araber nach Europa gekommen, die Süßorange aus China und ist über Portugal aus China nach Europa gekommen)
  • فُنْدُق - funduq > alhóndiga/alfândega, fondaco/fontega
Auf der PI sind mehrere Worte mehrfach entlehnt worden, so z.B. aus باذنجان - bāḏinǧānah > port./span. berinjela/berenjena arag. alberchena. Das aragonesische alberchena ist Grundlage des frz. aubergine, das so auch ins Deutsche enlehnt wurde.

In Italien lief das alles noch ein wenig anders ab. Während auf der iberischen Halbinsel der islamisch-arabischsprachige Herrschaftsbereich immer zusammenhängend war (gleichwohl es im christlich-romanischsprachigen Bereich die morerías gab, in denen auch bis ins 15. oder 16. Jhdt. Arabisch gesprochen wurde (später vergaßen die Muslime das Arabische als Alltagssprache, es gibt da interessante Dokumente (Aljamiado) die romanischsprachig sind, aber in arabischen Lettern).

Die arabische Präsenz in Italien dauerte wesentlich kürzer, als auf der PI, auch wenn nach der normannischen Eroberung Siziliens Muslime weiterhin dort lebten und in der Stauferzeit auch militärisch noch eine Rolle spielten.
Venedig war nie arabisch beherrscht. Aber aufgrund des wichtigen Levantehandels und das Venedig Handelsdependencen in der arabischen Welt hatte (etwa in Aleppo oder Alexandria) war das Arabische eine wichtige Sprache, die venezianische Händler sprechen konnten. Ob radebrechend oder fluent wird vom individuellen Talent sowie Werdegang abhängig gewesen sein.

Wichtige Arabismen im Venezianischen finden wir im Palazzo della Zecca, bei den Arsenale, den Magazzini del Sale oder beim Fondaco dei Tedeschi.

Der Palazzo della Zecca ist die Staatliche Münze der Republik Venedig gewesen. Bis heute ist in Italien das Istituto Poligrafico e Zecca dello Stato S.p.A. (Staatliche Druckerei und Münzstätte) für die Münzprägung verantwortlich. Eine Zecchina war eine venezianische Goldmünze. Das arabische sikka bedeutet sowohl 'Münze' als auch den 'Münzprägestempel'. (Vgl. span. ceca)

Die Arsenale waren die Werften. Arsenal kommt vom arabischen dār aṣ-ṣinā‘ah und bedeuet in etwa 'Werkstatt', wird aber hauptsächlich für 'Werft', 'Trockendock' verwendet. (Das spanische dársena wird teilweise für Haltebuchten von Bussen in größeren Busterminals verwendet oder für die Parkpositionen von Flugzeugen an Airport-Terminals, das spanische atarazana für Werft)

Die Magazzini del Sale (Veneto: Magazeni de'l Sal): die Salzlager. Für Venedig war Salz wichtig, die nach venezianischem Vorbild funktionierende dalamtische Republik von Ragusa (Dubrovnik) bestritt ein Drittel ihres Staatshaushalts mit Salz. Arabisch maḫzan, Pl. maḫāzin. Es ist das Warenlager.
Entwicklungen:
Magazin = dt. Zeitschrift
Magazin = dt. Patronentrommel im Revolver
Magazin/Mahazin = Geschäft im Russischen und Ukrainischen
almacén/armazem - 'Lager' im Spanischen und Portugiesischen

Der Fondaco dei Tedeschi (tw. Fontega) war die Unterkunft/das Warenlager der Deutschen, wobei das auch Polen und Tschechen umfasste. Von arab. funduq, im MA eine Karawanserei, heute ein Hotel. Die Karawanserei war gewissermaßen Unterkunft der Händler, aber auch Warenlager. Genau das war auch der Fondaco dei Tedeschi. Es gab nur für die Tedeschi in Venedig eine solche Einrichtung, nicht für andere Nationen, weil die Venezianer vor allem auf das erzgebirgisch-böhmische Silber scharf waren, welches sie als Handelsware mit der Levante benutzten, aus der sie Luxusgüter (Gewürze, Seide etc.) bezogen. Sie wollten daher mit dem Zwang für "Deutsche", dort ihre Waren zu lagern und zu übernachten die Handelsströme vor allem des Silbers kanalisieren.
Im Spanischen und Protugiesischen ist alhóndiga bzw. alfândega das 'Warenlager'.


*der Begriff des Orient ist umstritten, ebenso der der Orientalistik, bzw. des Orientalismus. Die Kritik reicht von 'unscharf' bis 'eurozentrisch'.
 
Marzipan ist zwar keine Orientalisme aber bestehend aus Mandel, der nicht überall wächst und dem Sugar, Sucre سكر - sukkar > azúcar, zucchero hat es wohl mit dem Handel des Orient oder vieleher mit dem Handel in Anadlusien zu tun .
Denn die in Italien in die Defensive geratenen Mauren ,die schließlich Sizilien verlassen haben ,hinterließen vermutlich auch kulinarisches, die Mandelpaste.

" Anlässlich eines Festessens für Pabst Clemens V. im Jahr 1308 wurden zwei Bäume mit echt wirkenden Äpfeln, Trauben und Feigen aus Marzipan behängt. Mit dem Erfolg, den die Früchte bei den Festgästen hatten, begann die traditionelle Produktion der Frutti di Martorana.

Die Bezeichnung Frutta Martorana geht zurück auf das Kloster La Martorano in Palermo, das Ende des 12. Jahrhunderts von Eloisia Martorana gegründet wurde. "
Das ursprüngliche Wort für Marzipan /Frutta Martorana war "Pasta Reale" ;nimmt man an das durch Handel/Verhandlungen/Treffen von Unterhändler der Könige des nördlichen Teil der Insel mit den Weziren der Mauren im südlichen Teil auch mal Geschenke in Form von Gebäck dageboten wurde ,wäre der Weg des Marzpans viel früher zu erklärn ,denn "die letzte muslimische Stadt auf der Insel fiel 1091"

"Der etymologische Ursprung könnte sich vom lateinischen "Marzio panis" ableiten, was so viel wie Märzbrot bedeutet. Die Etymologie ist jedoch unklar; So leitet sich das italienische Wort von den lateinischen Wörtern "massa" (wiederum vom griechischen Μάζα "Maza") für Gebäck und "Pan", was Brot bedeutet, ab, was besonders im provenzalischen Massapan, dem portugiesischen maçapão (wobei "C" eine alternative Form für das Phonem "ss" ist) und dem altspanischen Marzipan – der Übergang von "ss" zu "z" bei lateinischen Wörtern war im Altspanischen üblich und das "r" tauchte später auf. Der Name wurde im Deutschen zu Marzipan und kehrte dann nach Italien zurück, wo er den ursprünglichen Namen "königliche Paste" verdrängte. "(Wikicheck)

Bevor es also veganes Schnitzel/Steak/Hackbällchen...oder die Werbebranche künstliche Früchte abblichtete gab es schon im Mittelalter "FakeFrüchte".
 
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Marzipan ist zwar keine Orientalisme aber bestehend aus Mandel, der nicht überall wächst und dem Sugar, Sucre سكر - sukkar > azúcar, zucchero hat es wohl mit dem Handel des Orient oder vieleher mit dem Handel in Anadlusien zu tun .
Marzipan lässt sich auch mit Honig herstellen und Zucker ist mehrfach entlehnt worden. Also al-Andalus muss nicht der Verbreitungsweg sein und zumindest theoretisch muss Marzipan nicht einmal erst im Mittelalter erfunden worden sein, mögliche Zutaten und notwendige Techniken waren vorhanden.

" Anlässlich eines Festessens für Pabst Clemens V. im Jahr 1308 wurden zwei Bäume mit echt wirkenden Äpfeln, Trauben und Feigen aus Marzipan behängt. Mit dem Erfolg, den die Früchte bei den Festgästen hatten, begann die traditionelle Produktion der Frutti di Martorana.
Die ital. Wikipedia erzählt dieselbe Geschichte, nur ohne den Papst zu spezifizieren und spricht von einer „bekannten Überlieferung“ (nota tradizione). Für mich liest sich das wie die Andeutung, dass es sich um eine urban legend handelt. Die deutsche Wiki nennt zwar einen konkreten Papst, was zunächst einmal die Geschichte konkretisiert - Clemens V. - aber ausgerechnet der dürfte kaum nach Palermo gekommen sein. Und beide Male gibt es keinerlei Literatur- oder gar Quellenangabe.

"Der etymologische Ursprung könnte sich vom lateinischen "Marzio panis" ableiten, was so viel wie Märzbrot bedeutet. Die Etymologie ist jedoch unklar; So leitet sich das italienische Wort von den lateinischen Wörtern "massa" (wiederum vom griechischen Μάζα "Maza") für Gebäck und "Pan", was Brot bedeutet, ab, was besonders im provenzalischen Massapan, dem portugiesischen maçapão (wobei "C" eine alternative Form für das Phonem "ss" ist) und dem altspanischen Marzipan – der Übergang von "ss" zu "z" bei lateinischen Wörtern war im Altspanischen üblich und das "r" tauchte später auf. Der Name wurde im Deutschen zu Marzipan und kehrte dann nach Italien zurück, wo er den ursprünglichen Namen "königliche Paste" verdrängte. "(Wikicheck)
Arabisches -s- und -ṣ- wird im Spanischen zu -z- (/θ/), lateinisches -s- zum apikoalveolaren /ś/. Da irrt der Wikiautor.


Hier standen von einer gesperrten Person (ein hermaphroditischer Vielfachaccount) noch einige Angaben zu Arabismen im Italienischen, ich habe vor der Sperrung nur kurz überflogen und daher ist mir nur eine angebliche Etymologie erinnerlich. Es wurde behauptet, dass maṭbaḫ (das arabische Wort für Küche) das Etymon des italienischen Worts für Krippe (mangiatoia) darstelle. Ob beabsichtigt oder nicht: das war natürlich Quatsch. In mangiatoia steckt natürlich das italienische mangiare (‚essen‘), von lat. manducare, ‚kauen‘
 
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Marzipan ist zwar keine Orientalisme aber bestehend aus Mandel, der nicht überall wächst und dem Sugar, Sucre سكر - sukkar > azúcar, zucchero hat es wohl mit dem Handel des Orient oder vieleher mit dem Handel in Anadlusien zu tun .
Das ist doch kein Argument (ich weiß, dass "Argument" stammt nicht von dir).
Zur Herstellung von Sekt benötigt man Wein, der auch nicht überall wächst, sowie "Sugar, Sucre سكر - sukkar > azúcar, zucchero" - das heißt aber noch lange nicht, dass der Sekt seinen Ursprung im Orienthandel haben muss.
 
Es wurde behauptet, dass maṭbaḫ (das arabische Wort für Küche) das Etymon des italienischen Worts für Krippe (mangiatoia) darstelle. Ob beabsichtigt oder nicht: das war natürlich Quatsch. In mangiatoia steckt natürlich das italienische mangiare (‚essen‘), von lat. manducare, ‚kauen‘

Dass die englische Krippe (manger) aussieht wie das französische Wort für 'essen' (manger), ist ebenfalls kein Zufall.

Hier standen von einer gesperrten Person (ein hermaphroditischer Vielfachaccount) noch einige Angaben zu Arabismen im Italienischen, ich habe vor der Sperrung nur kurz überflogen und daher ist mir nur eine angebliche Etymologie erinnerlich.
Das war nicht der einzige Blödsinn. Die arabische 'Laterne' (فانوس) stammt garantiert nicht aus dem Italienischen, sondern aus dem Griechischen phānós (φανός), darauf geht (mittelbar) natürlich auch das italienische Wort zurück (und das deutsche Fanal).
Zum Piano hat @dekumatland in einem mittlerweile umgezogenen Beitrag geantwortet...
 
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