Pigar

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Hallo zusammen,
die Debatte um die Geburtsstätte Walthers von der Vogelweide beschäftigt die Forschung ja schon seit Generationen. Neben den bekannten Thesen (Franken, Niederösterreich etc.) gibt es im Lajener Ried (Südtirol) eine besonders dichte Indizienkette, die ich gerne zur Diskussion stellen möchte.
Neuere Zusammenfassungen der archäologischen und archivalischen Befunde zeichnen ein sehr konkretes Bild einer hochmittelalterlichen Jagdkultur vor Ort:
  • Topographie der Vogelweiden: Im Ried wurden fünf mittelalterliche Vogeltennen und drei Vogelhütten lokalisiert. Diese Anlagen waren im 12. Jahrhundert keine bäuerlichen Bauten, sondern klare Symbole adeliger Jagdprivilegien (Beizjagd).
  • Der Unterfinserhof: Ein ehemaliger Edelhof mit romanischen Fundamenten (Mauerdicken bis zu 2,20 m) und einem für bäuerliche Verhältnisse außergewöhnlichen, 16 Meter tiefen, in den Fels gehauenen Brunnen.
  • Urkundliche Belege: Eine Urkunde von 1151 nennt einen „Waltherus de Gredena“ als Waffengefährten des Ritters Heinrich von Layen. Da das Ried damals oft zu Gröden gezählt wurde, liegt hier eine personelle Spur nahe, die zeitlich exakt eine Generation vor dem Minnesänger ansetzt.
Mich würde eure Einschätzung dazu interessieren: Wie gewichtet ihr solche flurnamengestützten und archäologischen Indizien im Vergleich zur rein literaturwissenschaftlichen Interpretation seiner Lieder?
Ich habe dazu auch eine grafische Aufarbeitung der Standorte und historischen Rekonstruktionen erstellt, die die Dichte dieser „Vogelweiden“ auf engstem Raum zeigt.
Freue mich auf einen spannenden Austausch!

Artikel zum Thema
 
Die Neuigkeit für mich ist der archäologische Nachweis von den Baulichkeiten, die zur Beizjagd gehörten und dass man das "Vogelweide" nannte.

Adel mit Jagdsport war doch überall zu finden: muss es da nicht im Mittelalter zahlreiche Vogelweiden gegeben haben? Wenn ja, dann verstehe ich nicht, warum eine regionale Häufung von solchen (evtl wegen günstigen Gelände) eine Besonderheit und Anlass für eine Namensgebung sein soll. Dass ein dort urkundlich belegter Walter von Gröden zu finden ist, macht diesen in meinen Augen nicht verdächtig, der Vater des Minnesängers zu sein (mater semper certa erst) also da sehe ich den Zusammenhang nicht.

...die Illustrationen sind für meinen Geschmack entbehrlich, wirken auf mich wie KI-Kitsch.

Aber insgesamt finde ich deine Darstellung sehr gelungen und informativ! Das hatte ich auch schon Sommers im anderen Faden mitgeteilt.
 
Die Neuigkeit für mich ist der archäologische Nachweis von den Baulichkeiten, die zur Beizjagd gehörten und dass man das "Vogelweide" nannte.

Adel mit Jagdsport war doch überall zu finden: muss es da nicht im Mittelalter zahlreiche Vogelweiden gegeben haben?

Ja hat es.

"Vogelweiden, auch mit einem Vogelweidhof, also dem Anwesen des Besitzers und Betreibers der Vogelweide, sind vielerorts zu finden und leben in Flur- oder Straßennamen weiter, so in einem Ortsteil von Wels mit einem Vogelweiderplatz, einer Vogelweiderstraße in Salzburg Stadt und dem Vogelweidplatz in Wien nahe der Wiener Stadthalle. Im niederösterreichischen Waldviertel ist im Urbar der Herrschaft Rappottenstein von 1556 ein Vogelweidhof im Gebiet der Gemeinde Schönbach angeführt.

Allerdings gibt es nur eine einzige Vogelweide, die unmittelbar an ein Dorf namens Walthers grenzt. Diese Ortswüstung zwischen Allentsteig und Zwettl liefert für die Walther-Forschung eine Reihe von Indizien, dass Walther von der Vogelweide hier seine frühen Lebensjahre verbracht hat."​

Eine "Vogelweide" gibt es übrigens auch in Hamburg...
 
Vielen Dank euch beiden für die durchdachten Rückmeldungen — genau solche Diskussionen sind es, die eine These schärfer machen.


Zu @dekumatland:

Du hast vollkommen recht, dass Vogelweiden im Mittelalter weit verbreitet waren — das ist kein Gegenargument gegen Lajen, sondern ein methodischer Ausgangspunkt, den die Forschung längst anerkannt hat. Was den Lajener Befund von anderen unterscheidet, ist nicht das bloße Vorhandensein einer Vogelweide, sondern die ungewöhnliche Häufung auf engstem Raum: fünf dokumentierte Vogeltennen, drei Vogelhütten, mehrere Flurnamen („auf der Waid" u.a.), ein archäologisch außergewöhnlicher Hof mit einem 16 Meter tief in den Fels gehauenen Brunnen — und das alles in direkter Nachbarschaft zu einem urkundlich belegten Ministerialengeschlecht. Keine dieser Einzelheiten beweist für sich genommen etwas. Ihre Verdichtung auf einem so kleinen Gebiet ist jedoch das eigentliche Argument.

Hinzu kommt ein geographisches Argument, das meines Erachtens zu wenig Beachtung findet: Das Lajener Ried liegt unmittelbar an der zentralen Durchzugsachse des mittelalterlichen Reiches. Wer vom nördlichen Reich nach Italien zog — Kaiser, Könige, Bischöfe, Kreuzfahrer — zog über den Brenner, und der Weg führte durch das Eisacktal an Lajen vorbei. Das war keine abstrakte Möglichkeit, sondern gelebte Realität: Friedrich Barbarossa etwa zog mehrfach über den Brenner nach Italien, zuletzt 1189 zum Dritten Kreuzzug — wenige Jahre bevor Walther von der Vogelweide als Dichter erstmals fassbar wird. Und der Kreuzzug Kaiser Friedrichs II. von 1227/28, an dem Walther selbst mit seiner „Palinodie" propagandistisch beteiligt war, führte ebenfalls über diese Route. Eine Vogelweide an dieser Stelle war daher keine beliebige lokale Einrichtung, sondern lag buchstäblich am Puls des hochmittelalterlichen Verkehrs — an einem Weg, den die Mächtigen des Reiches kannten und regelmäßig nutzten. Es ist daher nicht abwegig anzunehmen, dass diese Vogelweide im Lajener Ried überregionale Bekanntheit besaß — und dass ein Dichter, der seinen Namen von ihr ableitete, damit an einem der meistbefahrenen Wege des Reiches verortet war. Das erklärt auch, warum der Name „von der Vogelweide" ohne weiteren geographischen Zusatz offenbar verstanden wurde — er war nicht erklärungsbedürftig.

Den Einwand mit dem „Waltherus de Gredena" nehme ich ausdrücklich ernst. Mein Artikel formuliert das bewusst als Möglichkeit, nicht als Beweis — die methodische Grenze zwischen Indiz und Nachweis wird dabei hoffentlich nicht verwischt. Dass hier keine direkte Personenidentität mit dem Dichter behauptet wird, ist ein zentraler Punkt.

Was die Illustrationen betrifft: Du hast recht, sie sind KI-generiert, erkennbar am Zeichen rechts unten. Das hätte ich von Anfang an kennzeichnen sollen. Es gibt schlicht keine historischen Abbildungen dieser Örtlichkeiten, und die Bilder sollen nur die Atmosphäre verdeutlichen, keinen dokumentarischen Anspruch erheben. Der Hinweis ist berechtigt und ich danke dir dafür.


Zu @Sepiola:

Der Hinweis auf die Vogelweide bei Allentsteig/Zwettl und den benachbarten Ortsnamen „Walthers" ist ein bekannter und ernst zu nehmender Befund — er stützt die niederösterreichische Herkunftsthese, die von namhaften Forschern wie Schönbach, Burdach und Wilmanns vertreten wurde. Konrad Burdach selbst hat jedoch darauf hingewiesen, dass „Heimat und Geburtsland nicht notwendig zusammenzufallen brauchen" — Walthers starkes Heimatgefühl für Wien und den Wiener Hof ist unbestritten, sagt aber über seinen Geburtsort noch nichts Abschließendes aus.

Ein Ortsname in der Nähe ist ein interessantes Indiz, aber eben nur das. Was Lajen gegenüber Niederösterreich, Böhmen oder der Schweiz zusätzlich vorweisen kann, ist eine urkundlich fassbare Feudalstruktur aus der richtigen Zeit — mit einer belegten Ministerialenfamilie, Beziehungen zum Hochstift Brixen und zum Stift Neustift, und einem Hof, dessen Standesverhältnisse mit denen eines kleinen Ritters und Ministerialen vereinbar sind. Genau das hat Oswald Redlich als entscheidendes Kriterium formuliert.

Ich behaupte nicht, die Frage sei gelöst. Sie ist es seit Jahrhunderten nicht. Aber die Indizienkette im Lajener Ried ist dichter, als sie in der breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen wird — das zu zeigen war das Ziel des Beitrags.
 
Es ist daher nicht abwegig anzunehmen, dass diese Vogelweide im Lajener Ried überregionale Bekanntheit besaß — und dass ein Dichter, der seinen Namen von ihr ableitete, damit an einem der meistbefahrenen Wege des Reiches verortet war.
Hätte sich diese überregionale Bekanntheit - falls es diese überhaupt gab - nicht in Quellen niederschlagen müssen? Du stellst deinen Fund (ein paar Vogelweiden unweit einer Verkehrsader) als so immens prominent dar, (spaßig formuliert) als hätten sich dort alle Nase lang Könige, Kaiser, Kurfürsten etc getroffen - das war wohl nicht der Fall, und Ritter Heinrich von Layen war wohl keiner der "Großen".

Allgemein bekannt in höfischer Zeit waren wohl die vielen Vogelweiden als Statussymbole des Adels, d.h. die Wahl des Namens kann problemlos auf "Vogelweide" (als abstrakten Begriff) beziehen, drückt damit die Nähe zur höfischen Welt aus und wird allgemein verstanden. Es muss also nicht eine spezielle Vogelweide sein.

Was die Illustrationen betrifft: Du hast recht, sie sind KI-generiert, erkennbar am Zeichen rechts unten. Das hätte ich von Anfang an kennzeichnen sollen. Es gibt schlicht keine historischen Abbildungen dieser Örtlichkeiten, und die Bilder sollen nur die Atmosphäre verdeutlichen, keinen dokumentarischen Anspruch erheben. Der Hinweis ist berechtigt und ich danke dir dafür.
ob gekennzeichnet oder nicht ändert an der (fehlenden!) Qualität dieser Illustrationen nichts: sie sind furchtbar kitschig. Ganz besonders schlimm (lächerlich geradezu) ist das mit der Urkunde... und falsch obendrein: bei solchen Anlässen wurden keine Waffen (Schwert und Schild hat der Rittersmann dabei) getragen. Du hast so viel Mühe in deine lesenswerte Arbeit gesteckt, bitte mach das nicht mit scheußlich-lächerlichen quasi-Auenland-Kitschbildchen kaputt!
 
Keine dieser Einzelheiten beweist für sich genommen etwas. Ihre Verdichtung auf einem so kleinen Gebiet ist jedoch das eigentliche Argument.
Vielleicht kennt sich ja jemand besser mit Methodik aus, aber ist das nicht ein Problem? Ich meine 3x0 ist Null. Aus einer Reihe schwacher Indizien wird doch kein Beweis, oder?Wnn ich jetzt drei Prämissen habe, die nicht zur Schlussfolgerung führen, dann ist die Anzahl der Prämissen doch egal. Es folgt nicht.

Was den Lajener Befund von anderen unterscheidet, ist nicht das bloße Vorhandensein einer Vogelweide, sondern die ungewöhnliche Häufung auf engstem Raum:
Mir ist immer noch nicht klar, warum eine Häufung von "Vogelweiden" in einem Gebiet mehr auf den Geburtsort von von der Vogelweide hinweisen sollte als nur eine. Ganz naiv würde ich sogar sagen: Wenn Von der Vogelweide aus einem Ort stammte, wo es viele "Vogelweiden" gab, hieße er Von den Vogelweiden. Das funktioniert wohl aber nicht so einfach. Trotzdem sehe ich nicht, warum ein Ort mit einer Vogelweide weniger wahrscheinlich als Geburtsort gelten soll, als ein Ort mit einer "Häufung". Wenn ich Dir jetzt sage, ich wohne in der Goethestraße, dann heißt dass noch lange nicht, dass ich aus dem Gebiet mit den meisten Goethestraßen komme.

Müsste man nicht statt auf die Häufung, auf die Häufigkeit von Vogelweiden schauen? Wenn es nur eine Vogelweide in ganz Europa gegeben hätte, dann wäre das echt überzeugend, dass er mit dem Ort was zu tun hatte. Die gab es (siehe oben) häufiger und sind zur Eingrenzung daher nur bedingt nützlich.

Ein Ortsname in der Nähe ist ein interessantes Indiz, aber eben nur das. Was Lajen gegenüber Niederösterreich, Böhmen oder der Schweiz zusätzlich vorweisen kann, ist eine urkundlich fassbare Feudalstruktur aus der richtigen Zeit
Bedeutet das, dass es für ganz Niederösterreich, Böhmen und in der Schweiz keine urkundlich fassbare Feudalstruktur gab? Stimmt das?

Urkundliche Belege: Eine Urkunde von 1151 nennt einen „Waltherus de Gredena“ als Waffengefährten des Ritters Heinrich von Layen. Da das Ried damals oft zu Gröden gezählt wurde, liegt hier eine personelle Spur nahe, die zeitlich exakt eine Generation vor dem Minnesänger ansetzt.

Da habe ich mir ja den Kopf drüber zerbrochen. Du deutest doch an, dass es sich um Walters Vater handelte, oder? Mir fällt keine andere personelle Spur ein. Aber selbst wenn immer gälte, der Vater gibt seinem Sohn den eigenen Namen, dann gibt es doch mehrere Söhne, die nicht alle denselben Namen tragen können. Es ist völlig offen, ob Walters Vater auch Walter hieß oder ganz anders. Da kann man doch nichts drauf bauen?

PS
Ich frage mich, ob man den Herkunftsort über Walthers Sprache und Schreibweise eingrenzen konnte. Da gab es doch regionale Unterschiede.
 
Zu @Traklson:
Danke für diese methodisch präzisen Einwände — das ist genau die Art von Kritik, die eine Diskussion weiterbringt.

Zum 3×0-Argument:
Du hast logisch recht: Aus einer Reihe schwacher Indizien wird kein Beweis. Aber das Argument funktioniert nur, wenn die einzelnen Indizien tatsächlich wertlos wären — das ist hier nicht der Fall. Es geht nicht um eine bloße Häufung beliebiger Zufälle, sondern um inhaltlich zusammenhängende Befunde, die sich gegenseitig stützen: Eine urkundlich belegte Ministerialenfamilie in unmittelbarer Nähe einer dokumentierten Vogelweide, zur richtigen Zeit, mit passender Feudalstruktur, mit Flurnamen, die die Funktion bis heute bezeugen, und mit baulichen Überresten, die auf einen Herrensitz hinweisen. Das ist kumulativ anders zu bewerten als drei unabhängige Zufälle. In der Geschichtswissenschaft ist Indizienkettenargumentation ein anerkanntes Verfahren — sie beweist nichts, aber sie erhöht die Wahrscheinlichkeit einer Hypothese. Mehr wird hier auch nicht behauptet.

Zur Häufung vs. Häufigkeit:
Das ist ein feiner, aber wichtiger Unterschied — und du hast ihn korrekt benannt. Ich präzisiere daher gerne: Das Argument ist nicht, dass viele Vogelweiden an einem Ort automatisch auf den Dichter hinweisen. Das Argument ist, dass die Kombination aus dokumentierter Vogelweide-Infrastruktur und einem urkundlich belegten Waltherus als Ministeriale an demselben Ort und zur richtigen Zeit eine Konstellation ergibt, die sich bisher nirgendwo sonst in dieser Verdichtung nachweisen lässt. Dein Goethestraßen-Vergleich ist treffend — aber stell dir vor, in dieser Straße lebte nachweislich ein Schriftsteller namens Goethe, zur richtigen Zeit, in einem Haus mit passendem sozialen Stand. Dann wird die Straße plötzlich doch relevant.

Zur Feudalstruktur in Niederösterreich, Böhmen und der Schweiz:
Hier hast du mich zu ungenau formulieren lassen — danke für den Einwand. Natürlich gab es überall Feudalstrukturen. Was ich hätte sagen sollen: Es gibt bisher für keine der anderen Kandidatenregionen eine Urkunde, die einen Waltherus als Ministeriale in direkter räumlicher Nähe einer dokumentierten Vogelweide belegt. Das ist der entscheidende Punkt — nicht die Feudalstruktur an sich, sondern ihre Verbindung mit einem urkundlich fassbaren Waltherus am richtigen Ort.

Zum Waltherus de Gredena als Vater:
Du hast recht, dass das eine Annahme ist, kein Beweis. Ich deute eine generationelle Verbindung an — das ist eine Hypothese, keine gesicherte Aussage. Dass der Vater eines Minnesängers denselben Namen getragen haben muss, ist natürlich nicht zwingend. Was die Urkunde leistet, ist lediglich: Sie belegt einen Mann namens Waltherus, im richtigen sozialen Stand, im richtigen geographischen Raum, etwa eine Generation vor dem Dichter. Mehr nicht — aber das ist immerhin mehr als anderswo vorliegt.

Zur Sprache:

Das ist eine faire Frage — und die Antwort ist ernüchternd: Die Forschung hat sich intensiv damit beschäftigt, Walthers Herkunft über sprachliche Merkmale einzugrenzen, und ist dabei weitgehend gescheitert. Walthers Dichtersprache ist so stark an der höfischen Kunstsprache des Mittelhochdeutschen orientiert, dass mundartliche Spuren kaum greifbar sind. Was an vermeintlichen „Austriazismen" identifiziert wurde, hat sich in der Forschung des 20. Jahrhunderts als nicht belastbar erwiesen. Das ist kein Argument gegen Lajen — aber auch kein Argument dafür. Die Sprache hilft uns hier leider nicht weiter.
 
Mir ist immer noch nicht klar, warum eine Häufung von "Vogelweiden" in einem Gebiet mehr auf den Geburtsort von von der Vogelweide hinweisen sollte als nur eine. Ganz naiv würde ich sogar sagen: Wenn Von der Vogelweide aus einem Ort stammte, wo es viele "Vogelweiden" gab, hieße er Von den Vogelweiden. Das funktioniert wohl aber nicht so einfach. Trotzdem sehe ich nicht, warum ein Ort mit einer Vogelweide weniger wahrscheinlich als Geburtsort gelten soll, als ein Ort mit einer "Häufung". Wenn ich Dir jetzt sage, ich wohne in der Goethestraße, dann heißt dass noch lange nicht, dass ich aus dem Gebiet mit den meisten Goethestraßen komme.
Ich würde ähnlich argumentieren wie du. Allerdings trotzdem anders: Wenn in einer Gegend die Vogelweiden sich statistisch häufen, ist das ein ungünstiges Unterscheidungsmerkmal. Daher ist doch eher anzunehmen, dass Walther eher aus einer Gegend kam, wo es genau eine Vogelweide gab.
 
zur Häufung als Besonderheit:
Eine urkundlich belegte Ministerialenfamilie in unmittelbarer Nähe einer dokumentierten Vogelweide, zur richtigen Zeit, mit passender Feudalstruktur, mit Flurnamen, die die Funktion bis heute bezeugen, und mit baulichen Überresten, die auf einen Herrensitz hinweisen. Das ist kumulativ anders zu bewerten als drei unabhängige Zufälle.
Um wirklich einschätzen zu können, ob die von dir ermittelte Vogelweiden"kumulation" so herausragend ist, dass man ihr - obwohl von ihr kein expliziter Name (wie name einer Burg u.ä.) und auch keine Schriftquelle (Besitzurkunde etc) überliefert ist - so viel Wahrscheinlichkeit zumisst, wie du es versuchst, müsste man genügend quellengestützte Vergleichsmöglichkeiten haben. Wie sieht es bei den bekannten anderen Vogelweiden aus? Die können doch ebenfalls nicht weit von Adels/Ministerialensitzen gelegen sein (weite Anreise zur Beizjagd ist sehr unwahrscheinlich), und diese wiederum - da oftmals auch militärisch relevant - waren oft genug in der Nähe zu strategisch relevanten Wegenetzen.

zu Ministerialen und einem eventuellen Vater Walters:
Es gibt bisher für keine der anderen Kandidatenregionen eine Urkunde, die einen Waltherus als Ministeriale in direkter räumlicher Nähe einer dokumentierten Vogelweide belegt.
Ich deute eine generationelle Verbindung an — das ist eine Hypothese, keine gesicherte Aussage. Dass der Vater eines Minnesängers denselben Namen getragen haben muss, ist natürlich nicht zwingend. Was die Urkunde leistet, ist lediglich: Sie belegt einen Mann namens Waltherus, im richtigen sozialen Stand, im richtigen geographischen Raum, etwa eine Generation vor dem Dichter. Mehr nicht — aber das ist immerhin mehr als anderswo vorliegt.
wenn ich deine Darstellung richtig verstehe:
- der eigentliche höhere Ministeriale, quasi Chef, ist der Ritter von Layen, den du in Beziehung zur Vogelweiden"Kumulation" setzt
- einer seiner Dienstmannen/Kriegsmannen, also niederer (halbfreier?) ist Walther von Gröden
- dieser Walther ist ca. 17 Jahre, bevor der Minnesänger erst zur Welt kommt, "im besten Mannesalter"
- wie wahrscheinlich ist es angesichts der Lebensumstände/Lebenserwartung von Kriegsleuten, dass dieser die 17 Jahre und mehr überlebt hat?
Ein plausibler Bezug zum Minnesänger ist da nicht zu sehen, ja eigentlich auch kein Indiz.
 
Noch kurz eine Ergänzung:
Der Vogelweidplatz in Wien bei der Stadthalle hat nichts mit einer Vogelweide zu tun, er ist nach Walther von der Vogelweide benannt. (Nicht zufällig gibt es in der nächsten Nachbarschaft eine Reuenthalgasse und in der Nähe einen Tannhäuserplatz.)
___________________

Was Walther betrifft - war er tatsächlich ein Ministeriale oder einer Ministeralienfamilie. Soweit es sich beurteilen lässt, ergibt sich für mich, dass wir das nicht wissen. Wenn Walther allerdings ein Ministeriale gewesen wäre, hätte er doch einen Herrn gehabt. Allerdings hat es den Eindruck, dass er, bis er das Lehen vom Kaiser bekam, was ihm viel bedeutet haben dürfte, dass er zu keinem bestimmten Herrn gehörte bzw. dass er stets für die tätig war, an deren Hof er gerade weilte. Ist das nicht ein Hinweis dafür, dass er selbst jedenfalls kein Ministeriale war.

Die Vogelweide kann den Herkunftsort meinen, aber vielleicht war es auch nur ein fiktiver, symbolischer Herkunftsort, mit dem Walther davon ablenkte, dass er keine entsprechende Herkunft zu bieten hatte. (Auch bei Neithart von Reuenthal könnte es sich um einen fiktiven, symbolischen Herkunftsort handeln.)
 
Die Vogelweide kann den Herkunftsort meinen, aber vielleicht war es auch nur ein fiktiver, symbolischer Herkunftsort, mit dem Walther davon ablenkte, dass er keine entsprechende Herkunft zu bieten hatte. (Auch bei Neithart von Reuenthal könnte es sich um einen fiktiven, symbolischen Herkunftsort handeln.)
Ich habe mir unter Walthers Namen immer den Künstlernamen des fahrenden Sängers vorgestellt. Als adliger Herkunftsname erscheint er recht ungewöhnlich. Sein Lehen hat er auch erst spät erhalten: "Ich hân mîn lêhen".
 
Die Vogelweide kann den Herkunftsort meinen, aber vielleicht war es auch nur ein fiktiver, symbolischer Herkunftsort, mit dem Walther davon ablenkte, dass er keine entsprechende Herkunft zu bieten hatte.
Das ist eine plausible Überlegung. Vogelweide ist wie Burg, Furt, Insel, Pfalz/Palatium etc ein übergeordneter Begriff, keine genaue Ortsangabe und auch kein Eigenname eines Adelshauses.
 
Die Vogelweide kann den Herkunftsort meinen, aber vielleicht war es auch nur ein fiktiver, symbolischer Herkunftsort, mit dem Walther davon ablenkte, dass er keine entsprechende Herkunft zu bieten hatte. (Auch bei Neithart von Reuenthal könnte es sich um einen fiktiven, symbolischen Herkunftsort handeln.)

Ich habe mir unter Walthers Namen immer den Künstlernamen des fahrenden Sängers vorgestellt. Als adliger Herkunftsname erscheint er recht ungewöhnlich. Sein Lehen hat er auch erst spät erhalten: "Ich hân mîn lêhen".


siehe auch: Biographische Daten (Walther von der Vogelweide) – MediaeWiki, das Mediävistik-Wiki

Zum anderen könnte es sich auch um einen Künstlernamen handeln, den er sich selbst gegeben hat oder den er von anderen zugesprochen bekam [Scholz: S.8-9]. Der Ausspruch „den man ê von der Vogelweide nande“(Z) und dass Gottfried von Straßburg ihn als „nahtegalen“ beschrieb [Scholz: S.8f.], spricht eher für einen Beinamen Walthers.​



Ganz besonders schlimm (lächerlich geradezu) ist das mit der Urkunde... und falsch obendrein: bei solchen Anlässen wurden keine Waffen (Schwert und Schild hat der Rittersmann dabei) getragen.
Und der Geistliche hat sich auch nicht zur Ausfertigung der Urkunde ein Messgewand angelegt.
 
Das ist eine plausible Überlegung. Vogelweide ist wie Burg, Furt, Insel, Pfalz/Palatium etc ein übergeordneter Begriff, keine genaue Ortsangabe und auch kein Eigenname eines Adelshauses.
Hinzu kommt dass mit "Vogelweide" nicht zwingend ein Ort gemeint sein muss, der mit dem Fang, dem Training und / oder der Jagd mit Falken in Verbindung steht. Man hat im Mittelalter auch andere Vögel gefangen. Singvögel für bürgerliche Haushalte oder für den Verzehr bestimmte Widvögel wurden im Spätemittelalter auch mit Netzen und Leimruten gefangen. Als Flurname muss die "Vogelweide" also nicht in jedem Fall auf die Beize hinweisen.
Die Indizien, dass es sich bei der "Vogelweide" Walthers um einen Künstlernamen und nicht um einen Flurnamen handelt sind m.M. gerade so gut - oder gerade so schlecht. In Walthers Lied "unter der Linde" schläft Walther mit seiner Minnedame zwar nicht direkt auf einer "Vogelweide" sondern lediglich "auf der Heide" resp. "vor dem Wald in einem Tal", wobei der einzige Zeuge des Beischlafs ein "kleines Vögelchen" ist. Man kann somit aus dem Lied "Unter der Linde" / "Tandarandei", so meine ich, durchaus einen Künstlernamen "Vogelweide" ableiten, ohne sich allzusehr verbiegen zu müssen. Hinzu kommt, das Walther von seinem Kollegen Gottfried von Strassburg als "Nachtigall" bezeichnet wird - aber mehr als ein Indiz ist das natürlich auch nicht.
 
Die Argumente klingen plausibel: "von der Vogelweide" ist kein Name der eindeutig nur einen einzigen bestimmten Ort bezeichnet.

Im Gegenteil, eine Vogelweide oder Vogelsang gab es in jedem Dorf.

Viel schwerer wiegt, dass gerade in einem höfischen Umfeld der Beiname "von der Vogelweide" geradezu eine Bezeichnung für Besitzlosigkeit ist, eben weil es nicht die eindeutige Bindung an einen eindeutig benannten Ort bedeutet.

Das wird damals nicht abwertend für den Sänger gemeint gewesen sein, denn man "gab ihm einen Namen", nahm in auf in den höfischen Kontext.

Nachtrag noch zu "Weidbruck": Hier kann auch ein Bezug zur Färberwaid und zu den für das Färben erforderlichen Waidbecken oder -gruben vorliegen, die ja im Auenlehm angelegt und ständig nassgehalten wurden. Also eher "Waidbruck".
 
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