Deutschlands Ruhm um 1600

Dieses Thema im Forum "Zeitalter der Glaubensspaltung (1517 - 1648)" wurde erstellt von jschmidt, 9. Juli 2008.

  1. hyokkose

    hyokkose Gast


    Von welchem Volk gilt das denn nicht? Mir ist noch keines begegnet, das ungern oder gar nicht gefeiert hätte.
     
  2. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    ...
    Das beweist mal wieder dass Kulturgeschichte, wenn auch ungemein spannend, doch leicht zu Verallgemeinerungen neigen lässt.:fs:
     
  3. Rurik

    Rurik Aktives Mitglied


    Aber nicht in dieser speziellen, lautstarken Weise. Vielleicht deswegen auch diese schreckliche Blechmusik. Humtata gibt es ja heute noch. Jetzt mal das Oktoberfest als Beispiel genommen. Wo gibt es im Mittelmeerraum vergleichbares?
     
  4. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Wenn es Dir um Blechblasmusik geht: Guča in Serbien.
     
  5. Rurik

    Rurik Aktives Mitglied

    Trompeten im Wettbewerb mal ausgeklammert.
     
  6. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Und in Süditalien? Ich erinnere mich an eine Doku aus dem 20.Jh. in welcher beklagt wurde, wie die Blaskapellen zur Zeit (glaube in den 1970ern) die Prozessionen veränderten.

    Grundsätzlich hat das natürlich kaum noch mit dem eigentlichen Thema zu tun.
    Früher waren auch in Deutschland die Feste viel draußen. Ich denke da an Tanzböden an Sonntagen unter freiem Himmel, wobei neben dem Tanzen auch dem Biere gefrönt wurde. Das hat eigentlich schon eine lange Tradition in Deutschland. Aber das Zusammenspiel von Kirmes, sonntäglichen Festlichkeiten und Alkoholkonsum ist eigentlich genauso in ganz Westeuropa in der Zeit um 1600 verbreitet gewesen wie auch innerhalb des Heiligen Römischen Reiches. Dass man in manchen deutschen Regionen eher dem Bier als dem Wein zusprach spielt für mich kaum eine Rolle.



    Wie gesagt, ich bleibe bei meiner These.
     
    Zuletzt bearbeitet: 31. Juli 2008
  7. Rurik

    Rurik Aktives Mitglied

    Mir fällt da noch eine gute deutsche Sitte aus dem 16. Jahrhundert ein. Den Katzenkönig küren. Dafür wurde eine Katze an einen Pfahl genagelt und welchem jungen Burschen es gelang, ihr die Gurgel durchzubeißen, der war eben jener Katzenkönig. Oder man fing sich zwei Blinde, setzte sie in ein Gatter zusammen mit Schweinen und gab ihnen Knüppel... heute undenkbar aber damals Publikumsmagnet.
    Das folgende ist jetzt eher nicht historisch, aber ist der Ballermann (wenn auch nicht geografisch) nicht typisch deutsch?
     
  8. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Ähnliches gab es auch in Holland. Schau Dir mal gerade die holländischen Alten Meister des 17.Jh. mit Jahrmarktsansichten wie Teniers, Brueghel etc. an. Bei den Franzosen fallen mir leider nur Künstler der Genremalerei des 18.Jh. ein, welche die Kirmesbräuche veranschaulichen, Jeaurat z.B..
     
  9. Rurik

    Rurik Aktives Mitglied

    Ein witzig gemeinter Einwand: Der niederländische Liedermacher Herman van Veen sagte mal, Deutsch wäre nur schlechtes Niederländisch.
    Vielleicht verhält es sich mit den Sitten der Länder ähnlich(?).

     
  10. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    In England waren bis ins 19. Jahrhundert Hundekämpfe überaus beliebt. Auf einen Bären oder einen Stier hetzte man Hunde, und der sich am längsten verbiss, wurde zum Sieger erklärt. Oder man ließ Hunde als vierbeinige Gladiatoren gegeneinander kämpfen. Ein Symbol Großbritanniens, der Bulldog verdankte seine Entstehung diesem Volkssport. In Jack Londons Roman The White Fang wird ein Hundekampf aus der Sicht eines Hundes beschrieben. Der Fighting Wolf" des zwielichtigen Beauty Smith zerlegt alles, was man ihm entgegenstellt, Hunde, Wölfe und Luchse, bis ein Konkurent die erste Bulldogge nach Dawson bringt.
     
  11. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Und auch die Engländer waren durchaus für ihre Trinkfreudigkeit bekannt, nicht nur Henry VIII., der trank und aß. Übermäßiger Alkoholkonsum hatte sich meines Wissens auch in den Traditionals sowohl Englands als auch Irlands und Schottlands niedergeschlagen.

    Leider kenne ich mich mit deutscher Folklore dieser Zeit nicht so aus. Aber da dürfte es doch auch durchaus ziemlich interessante Quellen geben. Englische Trinklieder hingegen fallen mir vielleicht eher ein.
     
  12. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Dass "Events" mit Alkohol amalgamiert sind, wird tatsächlich überall so gewesen sein. Besagter Petersen legt freilich Wert auf die Feststellung, dass eben auch andere Lebensbereiche erfasst wurden, etwa Rechtsakte: Die Bauern
    behielten die uralte germanische Sitte, Verträge, Stiftungen und Verbindungen bei dem Trunke zu schließen, standhaft bei. Bei jedem Handel oder Kaufe ward schon im 13ten Jahrhundert ein besonderes Maaß Getränke ausbedungen, der Weinkauf (Vinicopium nummi bibales) genannt, welches die Verträger und Zeugen zur Bestätigung der Handlung mit einander tranken. In den ächten Trinkländern herrschte der Brauch dabei, dass die Kanne voll Bier oder Wein offen auf dem Tische stand, aus welcher man dann der Reihe nach schöpfte. Wer es aber versah und der Kanne zuthat, mußte zur Strafe die halbe Kanne (und vermuthlich in einem Athem) austrinken, dabei dann alle Stimmen erklangen: Weinkauf, Weinkauf!
    Dazu passt, dass die dörflichen Gerichtsbarkeit "meistens in dem Kruge gehalten" wurde; "im Braunschweigisch-Lüneburgischen war der Kellerverwalter oft der oberste Richter".
     
  13. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied


    Einen gewissen Ruf der Trinkfreudigkeit hatten und haben auch die Iren. Alkoholismus ist recht weit verbreitet, und es ist nicht ganz ungefährlich, dort nachts zu fahren. In Irland war, zumindest in früheren Zeiten die Polizei und Ordnungsämter sehr großzügig, da man, wenn man als Ire in seinem Wohnzimmer, sprich dem nächsten Pub, etwas trinken wollte, 5-10 Meilen fahren musste. Leute, die keinen Führerschein (mehr) hatten, klebten sich einfach ein L für Learner auf und fuhren drei Jahre damit herum. Hatten sie das dann ein paar Jahre so getrieben, stellten sie die Führerscheinbehörden vor Tatsachen und bekamen dann meist tatsächlich eine Fahrerlaubnis.

    Es wird sehr viel in Irland getrunken, meist Bier, mit ein paar Lagen Whiskey dazwischen, wobei Alkohol in der Republik Irland sehr teuer ist, fast wie in Skandinavien. Komasaufen und alleine zu trinken, ist in Irland unter den Farmern eher verpönt. Gegen 22.00 oder 22.30 wird die Sperrstunde verkündet, die sich allerdings um mindestens eine halbe Stunde verschiebt, denn zuerst muss die irische Nationalhymnne gesungen werden. Dann wird sich förmlich verabschiedet und die große Masse fährt nach Hause, während der harte Kern dann in kleiner Runde weiterfeiert und trinkt
     
  14. Tekker

    Tekker Gast

    Ja, die Iren, erinnert mich an schöne Zeiten. Zu ergänzen wäre noch, daß in diesen Runden auch musiziert wird, ein herrliches Erlebnis. Derartiges kenne ich von deutschen "Trinkgesellschaften" nicht, wie sah das eigentlich um 1600 aus?
     
  15. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied


    Ein beliebter Trinkgefährte von Peter I., ein gewisser Lord Carmathen erfreute sich Peters besonderer Gunst. Die beiden besuchten in London ein Pub so häufig, dass es seinen Namen in "The Czar of Russia" änderte. Dabei fädelten die beiden ein Geschäft ein, wobei der Tabakkonsum in Russland unbegrenzt legalisiert und die Briten die Tabakregie für ganz Russland erhielten, wofür natürlich eine Summe fällig war.

    Auch die Ausländer in Peters Gefolge waren ungemein trinkfest, so war Lefort dafür bekannt, dass er immer wußte was er tat. Der Unterschied bestand eigentlich weniger in der Qualität, als in der Trinkkultur. In Westeuropa wurde im Rahmen von Banketten und Soireen getrunken, während sich in Russland Herrenabende großer Beliebtheit erfreuten, bei dem es eine Blamage gewesen wäre, wenn nicht am Ende alle teilnehmer auf den Brustwarzen krochen. Peter wollte das gerne ändern, hatte aber bis ins hohe Alter ein faible für seine "Saufsynode". Auf einer Reise schrieb er der späteren Regentin Katharina: "ich weiß nicht was wir tun sollen, wir haben nur noch eine Flasche Wodga." Sein Sohn Alexei, der seinem Vater so wenig glich, war ihm in dieser Beziehung durchaus ähnlich. Später behauptete er, Menschikow habe in zum Trinker gemacht.
     
  16. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Wow........
    Onkel Toni war Ire, und als solcher noch mit über 90 für eine Flasche Bourbon am Tag gut.
    Insbesondere die irischen Begräbnisse müssen solene Sauferein gewesen sein. Und die Iren in den USA gehen zu allen irischen Begräbnissen.
    Und die auf schwäbisch abgehaltenen Gardinenpredigten haben den Onkel Toni nicht gekratzt.
     
  17. Rurik

    Rurik Aktives Mitglied

    Demnach kann man eine Nord-Süd-Grenze bei Saufgelagen ziehen(?).
    Peter I. hatte gerade in seiner Jugend viele deutsche Saufkumpane aus der Moskauer Vorstadt. Mit ein Grund, weshalb er das Deutsche schätzte.
     
  18. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Womit wir wieder fast bei der ersten Seite des Threads wären.:fs:
     
  19. Themistokles

    Themistokles Aktives Mitglied

    Kleiner Einwurf: Dieser Roman ist vielen Mitgliedern vielleicht eher unter dem deutschen Titel "Wolfsblut" bekannt.

    Weitermachen.
     
  20. Rurik

    Rurik Aktives Mitglied

    Eigentlich wollte ich nicht behaupten, dass jetzt z.B. die Romanen unbedingt weniger trinken, als die Germanen. Die Trinkgewohnheiten sind sicher anders. Der eine hält seinen Pegel, der andere ist exzessiv.
    Das ist jetzt nicht unbedingt historisch, aber man kann ja den Faden zurück spinnen. Ich habe mal eine Reportage über Urlaub in Griechenland gesehen. Dort wurde gefragt, welche Urlauber angenehm und welche unangenehm sind. Als unangenehm wurden sofort die Engländer und Deutschen genannt, wobei man den Engländern noch einen Hang zur Gewalttätigkeit vorwarf. Da gibt es dann ja auch noch den dämlichen Krieg der Handtücher zwischen Deutschen und Briten. Das verstehen die anderen nicht. Wenn man dann zu solchen Aktionen auch noch durch lautes Absingen von Stimmungsliedern auffällt und ständig am Meckern ist, dann kommt der Vorwurf der Trunkenheit nur noch als abschließendes Tüpfelchen hinzu. Dann würfelt man alles zusammen und sagt sich, die Saufen und deswegen sind die so Sch… drauf.
    Ich denke mal, da hat sich von der Mentalität in den vierhundert Jahren so viel nicht geändert. Und alles hat auch seine Vor- und Nachteile.
     

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