Die ersten Amerikaner

Dieses Thema im Forum "Frühzeit des Menschen" wurde erstellt von Klaus, 23. November 2009.

  1. Lukullus

    Lukullus Aktives Mitglied


    “...
    das nächste Tal kann noch grüner sein
    und dahinter glänzt Gold im Sonnenschein
    vielleicht ist das endlich dein El Dorado.
    ...“
    (gleichfalls Udo: Desperado) ;)

    “Tal“ durch Bucht, Strand oder wie auch immer attraktiv geartete Küstenstreifen ersetzt sowie den Fokus auf “Sonnenschein“ statt “Gold“ gelenkt, erachte ich neolithischen Ausbreitungsmustern entlehnte 1-3 km/a für sehr niedrig angesetzt. Sollten entlang der Pazifikküste Boote zum Einsatz gekommen sein, erscheint mir ein Durchschnittswert von 10 km/a plausibler, inkl. je nach Attraktivitätsgrad des Entdeckten deutlicher Ausschläge hin zum längeren Verweilen oder zügiger Durchreise.

    Die leidige Krux postglazialen Meerespiegelanstiegs, man möchte gar nicht wissen was alles nur noch Fische & Co. zu sehen bekommen, spült natürlich mächtig viele Lücken ein.
     
  2. Lukullus

    Lukullus Aktives Mitglied

    Was mich hinsichtlich von Indizien bezüglich einer evtl. erst mal den Küsten folgenden Besiedlung Amerikas gerade etwas überrascht, ist das scheinbare Fehlen von Harpunenfunden die in die Zeit der wahrscheinlichsten Einwanderung ab ca. 18.000 BP via Beringia datieren. Älter als ca. 7.500 BP scheint es da (für Nordamerika) nichts zu geben (L'Anse Amour).

    Für Europa sind Harpunen ab ca. 20.000 BP recht gut belegt, mit z.B. sehr beeindruckenden Ausprägungen während des Magdalénien IV-VI, das zeitlich mit etlichen der bislang sicher datierten Fundstellen jenseits des Teichs korrespondiert*. Genutzt auch fernab der Küsten, vermutlich nicht nur für Fischfang sondern bspw. auch auf Flüsse durchschwimmende (verlangsamte) Säuger wie Ren.

    Für Binnengewässer in Ostasien (Nordchina u. Mongolei) sollen Harpunen ab 17.000 BP belegt sein. Für Südostasien sogar schon ab 35.000 BP (Matja Kuru/Timor).

    Meeresspiegelanstieg greift hier wie dort - Harpunen entlang Amerikas Küsten komplett abgesoffen und der Archäologie nurmehr im ganz besonderen Glücksfall zugänglich erscheint erst mal sehr unwahrscheinlich.
    Gegen Beringia spricht aus meiner Sicht so gut wie nichts mehr. Bezüglich einer ersten Ausbreitung primär entlang der Küsten scheint mir ein Jahrtausende währendes Fehlen von Harpunen jedoch ein kleiner Stolperstein zu sein - was sich andererseits allerdings bestens mit Steinzeit verträgt, bzw. dann haben sich die ersten Amerikaner wohl doch erst mal der ländlichen Megafauna zugewandt. :D

    Aber vielleicht waren ja meine simplen Stichworte “älteste Harpune ...“ beim googeln nicht mit ausreichend griffigen Zähnen versehen... :grübel:

    * NEIN, hiermit soll niemand den Robbenjägern des Solutréen nachgeschickt werden! ;)
     
    Zuletzt bearbeitet: 28. Mai 2017
  3. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter


    Ein Zwischenruf aus der PNAS dieser Woche: eine (Beringia-)"Bridge too far"?

    http://www.pnas.org/content/114/22/5554.full.pdf

    Is theory about peopling of the Americas a bridge too far?
    Some argue that humans flourished for thousands of years on a fertile intercontinental land bridge until melting glaciers opened the route to the Americas. But major gaps in the evidence remain.
     
  4. zaphodB.

    zaphodB. Premiummitglied

    Eher Habanero-Megatherium-Rippchen , gefüllter Mastodonrüssel und Pferdesteaks in Cranberrysosse- aber auf jeden Fall war es theoretisch möglich beide Amerikas lässig mit Sack und Pack und Kind und Kegel innerhalb einer Generation zu durchwandern, auch als der Kontinent noch weglos war,
     
  5. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Zusammenfassung des Standes, Küstenmigrations-Hypothese per Schiffchen, der zugrunde liegende Science-Artikel leider aber derzeit hinter paywall:

    Anthropologist group suggests first humans to the Americas arrived via the kelp highway


    Weitere Presse, z. B.

    Did America’s First Immigrants Travel By Land Or Sea? Scientists Weigh In


    Abstract:
    For much of the 20th century, most archaeologists believed humans first colonized the Americas ∼13,500 years ago via an overland route that crossed Beringia and followed a long and narrow, mostly ice-free corridor to the vast plains of central North America. There, Clovis people and their descendants hunted large game and spread rapidly through the New World. Twentieth-century discoveries of distinctive Clovis artifacts throughout North America, some associated with mammoth or mastodon kill sites, supported this “Clovis-first” model. North America's coastlines and their rich marine, estuarine, riverine, and terrestrial ecosystems were peripheral to the story of how and when the Americas were first settled by humans. Recent work along the Pacific coastlines of North and South America has revealed that these environments were settled early and continuously provided a rich diversity of subsistence options and technological resources for New World hunter-gatherers.
     
  6. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

  7. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Dazu die beiden November-Publikationen aus der Science:

    Finding the first Americans
    Cordilleran Ice Sheet mass loss preceded climate reversals near the Pleistocene Termination

    Und passend dazu eine mtDNA-Studie, die den Nachweis beabsichtigt, dass der "Eingang" nach Südamerika jedenfalls nach der populationsgenetischen Rekonstruktion der Wanderungsbewegungen zur vorlaufenden Besiedlung Nord- und Mittelamerikas "passt".

    Wenn dies zutreffend ist, würde das erneut der Hypothese vorlaufenden oder gleichzeitigen "transpazifischen" Besiedlung mit dem "bypass" der südpazifischen Inseln widersprechen. Das Problem ist hier, mit der Nord-Süd-Besiedlung-Hypothese die frühen südamerikanischen archäologischen Nachweise zu erklären. In den letzten Jahren wurde auch immer wieder mal eine transatlantische Afrika-Route in die Debatte geworfen, für die aber wiederum jeder genetische Nachweis fehlt.

    Open access in der Molecular Biology and Evolution vom 31.10.2017
    Paleo-Indian Entry into South America According to Mitogenomes | Molecular Biology and Evolution | Oxford Academic
     
    Zuletzt bearbeitet: 10. November 2017
  8. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Passend zu Thanksgiving fasst eine Autorin im Forbes-Magazin nochmal die Diskussionen zur Herkunft der Hühner-DNA zusammen, die zwar vorkolumbianisch datiert wird, aber nichts mit den ersten prehistorischen Besiedlungswellen zu tun hat. Diese Vermischung wurde auch hier schon im Forum in Zusammenhang mit einem hypothetischen südpazifischen Besiedlungsweg vor 5000 BP diskutiert. Der Artikel verlinkt auch die dazu aktuellen Aufsätze in PNAS und PLOS.one.

    Ancient DNA Explains How Chickens Got To The Americas
     
  9. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

  10. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter


    Die Kontroverse um diese Studie, die das erste Auftreten von Hominiden anhand von Spuren an Knochen datieren will, hält an.

    Nun wird wieder massive Kritik an der Methodik und den Ergebnissen geübt:
    Critics attack study that rewrote human arrival in Americas

    die konträre Publikation, noch nicht freigeschaltet:
    Contesting early archaeology in California
     
  11. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

  12. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Carolus gefällt das.
  13. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    hier noch ein Bericht dazu auf Deutsch: Eiszeitliche Spuren: Fußabdrücke deuten auf Seeweg nach Amerika
     
  14. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Die Presse: Vom "Seeweg nach Amerika" ist eigentlich keine Rede, sondern von der Besiedlung dieses Teils der kanadischen Küste (höchstwahrscheinlich mit Nutzung von Booten).

    Conclusion:

    During subsurface testing directed toward uncovering late Pleistocene archaeological deposits, human footprints were discovered beneath active beach deposits in front of the Meay Channel I archaeology site (EjTa-4). Further investigation, through careful excavation, revealed a total of 29 human tracks in an area measuring 4 x 2 metres. It is likely that many more tracks exist in the surrounding and unexcavated sediments. Based on the length and width of these features, they appear to have been left by a minimum of three people, including one juvenile. Many more footprints were present but could not be accurately discerned or measured as a result of over-trampling. Preserved wood found on the track surface and pressed into the bottom of the tracks is identified as Pinus contorta. Radiocarbon ages on the wood sampled from the track surface and the bottom of the track impressions consistently date between 13,317 and 12,633 cal BP. The footprints found at EjTa-4 add to the growing body of evidence that humans inhabited the Pacific coast of Canada during late Pleistocene times.


    EDIT1
    und jetzt KÖNNTE gleich die ganze menschliche (amerikanische?) "Migrationsgeschichte" umgeschrieben werden:
    13,000-Year-Old Footprints Uncovered In Canada, Could Rewrite Human Migration History

    EDIT2
    Trumps Lieblingsplattform zitiert und wittert einen "early entrance" (vielleicht eine frühe Invasion über Beringia aus Korea?). Bei 13000 BP wäre man dafür nach derzeitig hM wohl zu spät dran, und Nordamerika wäre schon vorher "besetzt" worden.
    Oldest human footprints in North America suggest 'early entrance' into the Americas
     
    Zuletzt bearbeitet: 29. März 2018
  15. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Nach den Fussstapfen nun die Speerspitzen:

    ein Artikel von Smith/Goebel in der aktuellen PNAS vermutet nun wegen der Herstellungstechniken ausgedehnte "Netzwerke" u.a. entlang der Patifikküste.

    Daraus wird eine Tendenz zur "Küstentheorie" in der Migration abgeleitet, und in Frage gestellt, ob die aktuellen genaueren Datierungen für die eisfreien Korridore aus Beringia tatsächlich massgeblich sind, oder Eisbarrieren vielmehr umfahren wurden.

    Aufsatz (hinter paywall):
    Origins and spread of fluted-point technology in the Canadian Ice-Free Corridor and eastern Beringia

    Presse, zB
    Spear points prove early inhabitants liked to travel

    Pressebericht der TAMU:
    Spear Point Study offers new Explanation Of How Early Humans Settled North America
     
  16. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Die Frage der Route (-> Beringia) wird in letzter Zeit kaum noch gestellt, höchstens in Feinheiten wie Beringia-Standstill oder nicht.

    Dafür wendet sich nun eine neue Studie dem bottleneck/"Genetischen Flaschenhals" zu und versucht mittels Rückrechnung die Frage zu beantworten, wieviele Bewohner eigentlich Beringia passiert (oder die Küstenpassage genommen) haben müssten, und als Urpopulation die Ankunft in Amerika geschafft haben könnten/müssten:

    250! (zweihundertfünfzig)

    Presse:
    DNA sequences suggest 250 people made up original Native American founding population

    Publikation der Uni Kansas aus der Genetics and Molecular Biology:
    How strong was the bottleneck associated to the peopling of the Americas? New insights from multilocus sequence data
     
  17. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Nun eine neue Studie aus der ScienceAdvances, die eine weitere zeitlich passende, eisfreie Küstenroute für die Migration untersucht (neben der bisher angenommenen eisfreien Inlandsroute zwischen zwei Gletscherformationen:

    download im open access:
    Deglaciation of the Pacific coastal corridor directly preceded the human colonization of the Americas

    ~ DeepL-Abstrakt
    Route und Zeitpunkt der frühen menschlichen Migration nach Amerika sind seit Jahrzehnten umstritten. Jüngste paläogenetische Analysen deuten darauf hin, dass die erste Kolonisation von Beringia bereits vor 16.000 Jahren (ka) über einen deglaziierten Korridor entlang der Nordpazifikküste stattfand. Die Durchführbarkeit einer solchen Migration hängt jedoch vom Ausmaß des westlichen Kordillereisschildes (CIS) und den verfügbaren Ressourcen entlang der hypothetischen Küstenroute während dieses Zeitraums ab. Wir datieren den Höhepunkt der maximalen GUS-Bedingungen im Südosten Alaskas, einer potentiellen Engpassregion für menschliche Migration, auf ~20 bis 17 ka vor mit kosmogener 10Be Expositionsdatierung und 14C Datierung von Knochen aus einer Eisüberlaufhöhle. Wir zeigen auch, dass produktive marine und terrestrische Ökosysteme fast unmittelbar nach der Deglaziation entstanden sind. Wir kommen zu dem Schluss, dass ein offener und ökologisch tragfähiger Weg durch den Südosten Alaskas nach 17 ka zur Verfügung stand, der von den frühen Menschen bei der Kolonisierung Amerikas durchquert worden sein könnte.

    The route and timing of early human migration to the Americas have been a contentious topic for decades. Recent paleogenetic analyses suggest that the initial colonization from Beringia took place as early as 16 thousand years (ka) ago via a deglaciated corridor along the North Pacific coast. However, the feasibility of such a migration depends on the extent of the western Cordilleran Ice Sheet (CIS) and the available resources along the hypothesized coastal route during this timeframe. We date the culmination of maximum CIS conditions in southeastern Alaska, a potential bottleneck region for human migration, to ~20 to 17 ka ago with cosmogenic 10Be exposure dating and 14C dating of bones from an ice-overrun cave. We also show that productive marine and terrestrial ecosystems were established almost immediately following deglaciation. We conclude that CIS retreat ensured that an open and ecologically viable pathway through southeastern Alaska was available after 17 ka ago, which may have been traversed by early humans as they colonized the Americas. 6FD0D304-0DA7-482D-9EEE-FE336EB77C02.jpeg


    Meldung aus der NYT:
    Boulder-Size Clues to How Humans Settled the Americas
     
  18. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Was natürlich damit offen bleibt, ist die Frage, ob es sich hier um die "2. Welle" (oder 3. etc) handelt.

    Archäologisch ist eine frühere Datierung von Funden in Südamerika (und auch Nordamerika) umstritten, die - bei Bestätigung - eine erste frühere Welle vor dem glazialen Maximum erfordern. Diese frühere Welle ist aber populationsgenetisch bislang nicht nachgezeichnet bzw. belegt. Das könnte an genetischen "Ähnlichkeiten" liegen, am Aussterben, usw usf.
     
  19. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

  20. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Muspilli gefällt das.

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