Foltermethoden im Mittelalter und früher Neuzeit

Dieses Thema im Forum "Die Inquisition" wurde erstellt von Simonn, 24. Juni 2007.

  1. Simonn

    Simonn Neues Mitglied


    Hallo zusammen,
    kennt jemand einen Link zu Foltermethoden in dieser Zeit, nicht nur zur Hexenverfolgung? Wär sehr nett, weil ich brauch das für ein Referat. Und über die Suchfunktion habe ich nichts gefunden.
    VG Simonn
     
  2. Mercy

    Mercy unvergessen

  3. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied


    Dazu auch noch ein paar Literaturtipps, vielleicht bekommst du dann "sehr gut": Richard van Dülmen "Theater des Schreckens".

    Van Dülmen sollte jedenfalls sehr hilfreich sein, er geht eingehend auf die Strafrituale und Foltermethoden ein.

    Ein Klassiker ist auch Gustav Radbruch/ Heinrich Gwinner "Geschichte des Verbrechens". Interessant für die frühe Neuzeit sind auch Michel Foucault "Überwachen und strafen- Die Geburt des Gefängnisses", Uwe Danker "Räuberbanden im Alten Reich um 1700, Kathrin Lange "Gesellschaft und Kriminalität" und last but not least ein Autor den ich sehr schätze: Martin Lange "Räuber und Gauner ganz privat".
     
  4. Kassia

    Kassia Neues Mitglied

    Darf ich noch eine Anekdote zum besten geben?
    EIner meiner Profs in Berlin bot einst ein Seminar zum Theam "Folter im MA" an. Mit Übung!!
    Allerdings konnte hinterher niemand mehr sagen, worin diese Übung bestand....:still::yes:

    LG
     
  5. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Die Folter als ein legitimes Mittel der Wahrheitsfindung, so wie sie sich in der Constitutio Criminalis Carolina, der peinlichen Halsgerichtsordnung Kaiser Karl V. präsentiert, erscheint natürlich aus moderner Sicht als etwas Schreckliches, oder sollte es zumindest. Doch die Carolina hat eigentlich zu Unrecht einen so schlechten Ruf. Immerhin war sie in den deutschen Ländern in immer wieder modernisierter Form bis ins 19. Jahrhundert gültig, bis sie in den französischen Satellitenstaaten durch den Code penal ersetzt wurde.


    Kennzeichnend für den Inquisitionsprozeß, war eine eng begrenzte Beweisführung. Ein Täter konnte nur durch zwei Tatzeugen oder durch ein Geständnis überführt werden. Eine freie, auf Indizien basierende Beweisführung wie im modernen Strafrecht war nicht möglich. Eingeschränkt war allerdings auch die Verteidigung. Einem mittellosen Angeklagten wurde allerdings häufig ein Verteidiger gestellt. Der konnte weder eigene Zeugen befragen, noch Akteneinsicht im laufenden Verfahren nehmen, noch durfte er mit seinem Mandanten ungestört sprechen. Die Verteidigung war nur in interpretatorischer Hinsicht möglich. Dennoch gab es Anwälte, die so geschickt und spitzfindig argumentierten, daß es ihnen gelang ihre Mandanten freizupauken. Die mußten dann in der Regel Urfehde schwören, daß sie sich nicht rächen würden und im Grunde auch zugeben, daß ihr eigenes Verhalten Grund genug für Haft und eventuell Folter war.

    Bei der Folter galt es immer zu bedenken, daß der Delinquent redete, und zwar keinen Unsinn und auf keinen Fall an den Folgen sterben durfte. Der Delinquent mußte in einem Stück auf dem Schafott ankommen. Er sollte dazu auch in der richtigen psychischen Verfassung sein, sprich, er sollte ein "reuiger Sünder" sein, der seine Tat bei der Exekution öffentlich bereute. Die Exekution stellte den Rechtsfrieden wieder her, die frühmoderne Justiz brauchte das "Fest der Matern", das "Theater des Schreckens" es gab keinen Anspruch, den Täter zu bessern. Auch keine Polizei, und die Gefängnisse waren eigentlich bis ins 19. Jahrhundert vor allem Untersuchungsgefängnisse. Die Strafen mußten grausam sein, sonst hätten sie keinen Sinn gehabt. Die Resozialisation des Delinquenten bestand im Grunde darin, daß er als "reuiger Sünder" exekutiert, aber auch wieder in die Gemeinschaft aufgenommen wird, gegen die er sich vergangen hat.

    Bei der Folter war im Prinzip auch durchaus ein Schutz des Delinquenten eingeplant. Die Anwendung der Folter, die dazu verwendeten Instrumente und Gerätschaften waren oft standardisiert und an Regeln gebunden. Es durfte die Folter nicht beliebig oft angewendet werden. Im Malleus Maleficarum, dem Hexenhammer der Dominikaner Heinrich Institoris und Jacob Sprenger, empfehlen die Verfasser, die Folter einfach als Unterbrechung zu betrachten, um sie so beliebig oft zu wiederholen. Über die Folter wurde im 17. und frühen 18. Jahrhundert von den namhaftesten Juristen diskutiert. Neben prominenten Gegnern wie Friedrich von Spee und Christian Thomasius hatte sie auch namhafte Fürsprecher wie den bedeutenden Juristen Jean Bodin.


    Die weitaus meisten Rechtsfälle, in denen Folter angewandt wurden, waren allerdings nicht Hexenprozesse, denn die waren weitaus seltener, als es sich die meisten Leute heutzutage vorstellen, sondern gewöhnliche Fälle von Eigentumskriminalität, Räuber, Diebe, Brandstifter.

    Ein prominenter Bandit war Nickel List, der 1699 die "Güldene Tafel" einen Reliquienschrein raubte. Von ihm war bekannt, daß er in seinem Haus Foltergeräte hatte, die er an sich selbst ausprobierte, um auch ja nicht zu reden, wenn es ernst werden sollte. Ein Kollege von ihm soll sich durch Einnahme von Opium geschützt haben.

    Wie formlos die Folter aber auch ablaufen konnte, zeigt das Verfahren gegen einen dieser Räuber: Der wurde in die Folterkammer geführt und fragte den Henker noch, "wieviele Gradi Torturae man hier habe" darauf antwortete ihm der Henker: "Man schere sich hier nicht um Gradi, sondern fahre solange fort, bis Inculpat gestehe". (Zitiert nach Uwe Danker Räuberbanden im Alten Reich um 1700).

    Nicht als Folter zählte die Prügelstrafe, und Richter hatten die Möglichkeit, eine bestimmte Anzahl von Stock- oder Peitschenhieben auszuteilen, und wer achtete schon darauf, daß diese Zahl nicht überschritten wurde. Noch um 1810 gab es nicht wenige Angeklagte, die halb tot geschlagen wurden.

    Der Mainzer Jakobiner Georg Rebmann berichtet von einem Gauner, der um nicht zu Tode geprügelt zu werden, ein Vergehen eingestand, daß er nicht begangen hatte. Zu seinem Glück kam es noch rechtzeitig heraus, und er wurde, zum Krüppel geschlagen nach Mainz ausgeliefert.
     
  6. Roxie-Hart

    Roxie-Hart Neues Mitglied

    Es war doch aber auch so, dass die Anwendung von Folter in Verhörungsprotokollen festgehalten werden musste. Ob man es dann auch tat, ist eine andere Geschichte...
     
  7. timotheus

    timotheus Neues Mitglied

    Zwar verstehe ich bei diesen Einwand - besonders, was den zweiten Satz betrifft - nicht ganz, was Du uns damit sagen willst, aber zumindest wurde immerhin doch so viel dokumentiert, daß wir zu unserem heutigen Kenntnisstand, den man übrigens sehr gut in dem von Mercy verlinkten Text nachlesen kann (weswegen ich auch noch einmal gern darauf verweise), gelangen konnten.
     
  8. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Grundsätzlich wurde die Anwendung der Folter, auch von Stock- oder Peitschenhieben im Protokoll akribisch vermerkt, das mußte sogar geschehen. Ob dann die Anwendung bestimmter Gerätschaften auch immer nach einer bestimmten Form erfolgte und damit für hartgesottene Gauner auch vorhersehbarer und damit berechenbarer war, ist eine ganz andere Frage. Da wo sie im 18. und frühen 19. Jahrhundert noch legal Anwendung fand, wurde sie allerdings auch nicht mehr mit der dämonischen Härte wie im 16. und 17. Jahrhundert durchgeführt.

    Dadurch waren die Untersuchungsbeamten gezwungen, eine verfeinertere, psychologisch ausgefeilte Verhörstrategie zu entwickeln. Den Banditen Hoyum Moyses, der wegen des Einbruchs in eine Tressenfabrik angeklagt war, konnte selbst die Folter nicht zum Sprechen bringen. Die Untersuchungsbeamten drohten ihm daraufhin, daß ihm selbst kein Haar mehr gekrümmt werde, man aber seine Geliebte jeden Tag vor seinen Augen auspeitschen werde. Er brach daraufhin völlig zusammen, und wurde zum Belastungszeugen der Anklage, was ihn allerdings nicht vor dem Schafott retten konnte.
     
  9. timotheus

    timotheus Neues Mitglied

    Die durchaus richtigen Verweise auf die Constitutio Criminalis Carolina von 1532 und nachfolgende Verordnungen sind jedoch - wie anhand der Jahreszahlen ersichtlich wird - allesamt neuzeitlich und gehören nicht mehr ins ursprünglich ebenfalls angefragte Mittelalter.

    Ich erlaube mir deswegen auf Basis des von Mercy bereits verlinkten Textes einen Rückgriff um einige Jahrhunderte...

    Aus Wilhelm Volkert "Adel bis Zunft: Ein Lexikon des Mittelalters" - C.H. Beck, München 1991:
    Aussagen zum Hintergrund der Zeit dieser schriftlichen Aufzeichnungen treffen Gerd Althoff und Hermann Kamp in Gerd Althoff, Hans-Werner Goetz, Ernst Schubert "Menschen im Schatten der Kathedrale: Neuigkeiten aus dem Mittelalter" - Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1998:
    Wollte diese Textstellen noch dazu ergänzt haben...
     
    Zuletzt bearbeitet: 24. August 2007
  10. Bernhard

    Bernhard Neues Mitglied

    Wenn ich mal einen alten Thread aufwärmen darf:

    Ich suche Informationen darüber, ob Kitzeln und das berühmte Salzlecken an den Füssen durch Ziegen tatsächlich als Foltermethode eingesetzt worden ist. Es gibt im Simplicissimus eine entsprechende Stelle, aber einen Schelmenroman als historische Quelle zu nehmen ist so eine Sache. Andere Quellen sind mir nicht bekannt.

    Gern werde ich in den Büchern, die im Thread bereits angegeben sind, mal auf die Suche gehen - aber vielleicht ist jemandem diese Frage auch schon einmal begegnet? Oder wo, in welchem Nachschlagewerk, würdet Ihr konkret einsteigen, um an Informationen zu dieser Frage zu kommen?
     
  11. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Hier haben wir darüber diskutiert: http://www.geschichtsforum.de/f72/kitzeln-der-geschichte-23072/
     
  12. Rurik

    Rurik Aktives Mitglied

    Ich habe auch schon vom Kitzeln als sarkastisches Synonym für die Folter gelesen. Kann also sein, dass dieses Kitzeln später falsch interpretiert wurde.
     
  13. Nergal

    Nergal Neues Mitglied

    Ich kann hier das Buch "Die Leibes- und Todesstrafen. Ursprung. Geschichte. Methoden" von Rudolf Quanter
    erschienen als Neuauflage bei Voltmedia (eigentlich aus dem Jahr 1901) sehr interessantes und Ausführliches Werk über Todesstrafen, verstümmelnde und nichtverstümmelnde Leibesstrafen.
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 5. März 2010
  14. timotheus

    timotheus Neues Mitglied

    Einige Anmerkungen dazu...

    Zunächst zum Thema:
    1. Das empfohlene Buch ist von 1901 - wie Du selbst auch schreibst -; seitdem hat sich in der historischen Forschung - gerade auch auf diesem Gebiet - einiges getan.
    2. Leib- und/oder Todesstrafen (wie übrigens auch Verstümmelungen) gehören zum Kontext des Strafenvollzuges bzw. sogar der Hinrichtungen, Folter gehört - wie aus den bisherigen Beiträgen und Verlinkungen auch deutlich wurde - zum Kontext des Gerichtsverfahrens, genauer gesagt zum Punkt der Wahrheitsfindung über die Erlangung des Geständnisses als wichtigstes Beweismittel. Da ist also durchaus zu differenzieren...

    Und jetzt allgemein:
    Wo ein Buch günstig zu erwerben ist oder nicht, kann recherchiert werden; hier Ware anzupreisen, erfüllt den Tatbestand der Werbung. Ich darf doch sehr darum bitten, die hiesigen Regeln zu beachten (der entsprechende Passus im Beitrag wurde deswegen gelöscht).
     
  15. Caro1

    Caro1 Neues Mitglied

    Zum Ziegenlecken ist nur zu sagen, dass die Folter hier nicht im Lecken als Kitzeln bestand, denn die Ziegenzunge ist ziemlich rau, sondern nur "erfolgreich" war, wenn das Lecken über längere Zeit, auch Stunden andauerte, weil es zu regelrechten Wunden (Abschürfungen, Ablösungen) kam, in die zusätzlich noch Salz gestreut wurde.
     
    Zuletzt bearbeitet: 5. März 2010
  16. Lili

    Lili Neues Mitglied

    Wo hast du das denn her? Wie willst du denn Ziegen dazu bringen, jemanden stundenlang die Füße abzulecken? (Wiederkäuer i.A. lecken gerne Salz, ergo müsste das Salz schon vorher drauf) Und mal ganz nebenbei, so rauh ist eine Ziegenzunge nun wirklich nicht, ganz im Gegenteil. Lass dich mal von ner Kuh ablecken, dann weißt du, was eine rauhe Zunge ist... Aber selbst die ist nicht rauh genug dass stundenlanges Lecken - sofern du ein Tier überhaupt dazu kriegst, genau das zu tun - zu Wunden führen würde. Viel gewichtiger dürfte da eher das Auslaugen der Haut durch die ständige Feuchtigkeit sein, aber das bekommt man auch leichter hin.
     
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  17. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Ich hab das auf dieser Seite gefunden:

    die dunkle zeit - das mittelalter - strafrecht im mittelalter

    Und bei Wiki (ich nehme jetzt mal an Caro hat das von dort) steht dies:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Kitzeln

    Eine genauere Quellenangabe habe beide Seiten nicht.
     
    Zuletzt bearbeitet: 5. März 2010
  18. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Schau mal hier:
    ->Außer bei Grimmelshausen ist diese Foltermethode, im Unterschied zu dem von ihm ebenfalls beschriebenen Schwedentrunk, nicht sicher bezeugt, sondern könnte auch seiner Phantasie entsprungen sein. Es gibt jedoch im Mittelalterlichen Kriminalmuseum Rothenburg ein Bild zur Darstellung von Ehrenstrafen, was in einem Detail der Geschichte ähnelt."
    Kitzeln – Wikipedia
     
  19. Caro1

    Caro1 Neues Mitglied

  20. Mercy

    Mercy unvergessen

    Aber Vorsicht:
    Was hat es mit diesen Folterstühlen auf sich? Aus welcher Zeit stammen diese Stühle? Wie und wann sind sie in die Museen gelangt? Bereits Wilhelm Funk hat mit Blick auf die sogenannte Nürnberger Folterkammer "Zweifel an der Echtheit" zahlreicher Folterwerkzeuge formuliert.[20] An anderer Stelle hat er darauf hingewiesen, "daß gerade das 19. Jahrhundert in großer Zahl Folter- und Strafdenkmäler mehr oder weniger gut gefälscht hat." Auch die in Franken ausgestellten Stühlen seien "wahrscheinlich Fälschungen oder Kopien".[21] Diese These hat erst in den letzten Jahren wieder Eingang in die rechtsgeschichtliche Literatur gefunden.

    ZEITENBLICKE - Online-Journal für die Geschichtswissenschaften
     

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