Handelsmarine der DDR - Einstellungsvoraussetzungen für Seeleute

Dieses Thema im Forum "BRD | DDR" wurde erstellt von El Quijote, 25. April 2015.

  1. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter


    Hallo zusammen,

    auch die DDR besaß ja eine Handelsmarine. Die fuhr zwar, außer in Notsituationen, nicht jeden Hafen der Welt an, aber es war zumindest unvermeidbar, dass auch Häfen im "feindlich-kapitalistischen Ausland" angesteuert wurden. Selbst Hamburg war manchmal ein angesteuerter Hafen und wenn ich das richtig weiß, fuhren manche Angehörige der DDR-Marine manchmal von Hamburg aus per Zug nach Hause und wieder zurück. Was waren also, neben den normalen seemännischen Kriterien Einstellungsvoraussetzungen, um bei der DDR-Handelsmarine Seemann zu werden? Man wollte ja tunlichst Republikflucht vermeiden. Man stelle sich auch vor, ein ganzes Schiff wäre übergelaufen, wie in der Fiktion bei Tom Clancy (Jagd auf Roter Oktober)...

    Weiß da jemand mehr? Köbis17?
     
    Zuletzt bearbeitet: 25. April 2015
  2. Köbis17

    Köbis17 Gesperrt


    Gute Frage. Zu den idologisch-politischen Voraussetzungen für Reisen in das KA in der Handelsmarine kann ich dir so erstmal nichts beitragen.

    Aber insgesamt habe ich das Gefühl, daß du die Einsatzbereiche der DDR Handelsmarine stark unterschätzt, vor allem beim Anlaufen von Häfen im KA. Schon allein die Ostseefähren, die z.B von Rostock Richtung Schweden unterwegs waren, taten Liniendienst.
    Ich habe ein paar Daten zur Handelsmarine, die als Quelle der DDR Marinekalender, vielleicht etwas ideologisch verfälscht sein können, aber auch die Handelsmarine nicht als zu klein darstellen.
    Werften der DDR bauten alle modernen Schiffsklassen von Handelsschiffen, die erfolgreich auf allen Meeren führen, seien es Tanker, oder Stückgutfrachter, Ro-Ro-Schiffe oder Containerfrachter.

    Schiffbau in der DDR ? Wikipedia
     
  3. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter


    Wenn du meinst, ich unterschätze die Handelsmarine (im Folgenden HM), dann missverstehst du mich, glaube ich. Ich wundere mich eher, wie man dem Problem der Republikflucht durch Angehörige der HM entgegengewirkt haben mag, gerade weil diese ja regelmäßig Häfen im KA anlief. Mussten Seeleute also z.B. Parteimitglieder sein? Gab es eine Überprüfung ihrer Loyalität zur DDR? Musste man beispielsweise Familie haben, welche wenigstens in der Mehrheit der Fälle eine emotionale Bindung garantierte, die eine Republikflucht unwahrscheinlicher machte?
     
    Zuletzt bearbeitet: 25. April 2015
  4. Köbis17

    Köbis17 Gesperrt

    Die Problematik der Republikflucht betraf ja nicht nur die Handelsmarine. So konnten alle DDR Bürger, die durch Beruf oder sonstigen Ereignissen Kontakt zum KA hatten, Republikflucht begehen.
    Als Sicherung der Personen, die ins KA Reisen durften waren sicherlich solche Punkte, wie die ideologische Gesinnung wichtig, Mitgliedschaft der SED sicherlich auch von Vorteil oder nach Möglichkeit keine Verwandtschaft im KA. Was auch die RF verhindern konnte, war z.B. eine Familie, die als Druckmittel der Stasie verwendet wurde.
    Letztlich konnten nicht alle Leute als 100% eingestuft werden, vor allem wenn es doch größere Zahlen von Bürgern war, wie z.B. bei der Handelsmarine, die so ziemlich alle wichtigen Seehäfen auf der Welt anliefen, auch im KA.
     
  5. Köbis17

    Köbis17 Gesperrt

  6. Köbis17

    Köbis17 Gesperrt

    Noch ein Nachtrag, allerdings für die Volksmarine, so hatte die SED eine führende Rolle bei dieser Militäreinheit in Form der Politabteilung, von Flottillen - und Brigadestäbe, der Offiziershochschule, Flottenschule und der Schiffstammabteilung.
    Seinen Ausdruck fand das in der SED-Mitgliedschaft aller Berufs- und einiger Zeitsoldaten, den Organisationsstrukturen von Parteigrund- und Gruppenorganisation auf jedem Schiff bzw. Boot, in den Stäben und militärischen Einheiten ab Kompanieebene. Die führende Rolle der SED widerspiegelte sich in der politischen-ideologischen Bildung und Erziehung aller Soldaten vom Matrosen bis zum Kapitän zur See, in parteipolitischen Unterweisungen der Kommandeure vom Wachoffizier bis zum Flottenchef, der achtsamen Fürsorge der Partei zur Einhaltung der sozialistischen Moral und Ethik.

    Neben der SED und spielte auch das MfS eine wichtige Rolle innerhalb der Marineabteilungen. Mitte der 80iger Jahre führte die MfS-Abteilung in der Volksmarine schätzungsweise 1.300 bis 1.400 IMs. Danach hatte ein hauptamtlicher MfS Mitarbeiter in einer Flottille 20 - 25 IMs zu führen. In Abhängigkeit des Personalbedarfes auf einem Schiff und seiner Zweckbestimmung gab es auf jeden Fahrzeug etwa 1 - 4 IMs. Die neben ihrer Dienstfunktion an Bord im Auftrag des MfS konspirativ agierten Aufpasser waren weder dem Kommandanten noch den Bordoffizieren bekannt.
    Schwerpunkte in der Tätigkeit der MfS innerhalb der Volksmarine bildete der " Kampf gegen die Fahnenflucht und ungesetzliche Grenzübertritte" auf See oder an Land.

    Quelle: Gegner wider Willen - Konfrontation von Volksmarine und Bundesmarine auf See von Ingo Pfeiffer

    Link zu Fluchtversuchen aus der Volksmarine: Volksmarine ? Wikipedia

    Ob diese Zahlen jetzt auf die Handelsmarine zu übertragen sind, kann ich nicht beurteilen, aber die politische Struktur durch absoluten ideologischen Gehorsam und der Überwachung durch das MfS der Besatzungsmitglieder auf den Schiffen, wird identisch sein.

    Noch ein interessantes Dokument:
    http://www.bstu.bund.de/DE/InDerReg...sse/r_av_abt_hafen.pdf?__blob=publicationFile

    Unter Struktur der - Bezirksverwaltung (BV) Rostock - Aktenverzeichnis - 06.02 Schifffahrt und Flottenbereich gibt es einen Einblick in die Arbeit des MfS in der Handelsmarine.
     
    Zuletzt bearbeitet: 26. April 2015
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  7. Köbis17

    Köbis17 Gesperrt

    Zuletzt bearbeitet: 27. April 2015
  8. muheijo

    muheijo Aktives Mitglied

    Ist da wirklich was dran, an den Zugfahrten? Ich sehe eigentlich nicht die Notwændigkeit, dies zu tun bzw. zu erlauben oder gar anzuordnen.

    Wenn man davon mal absieht, ist es eigentlich gar nicht so einfach, ein Schiff zu verlassen, besonders, wenn es sich um grosse Pøtte handelt. Die Gangway (so man sie ueberhaupt permanent braucht) læsst sich doch ganz gut kontrollieren.
    Da muesste schon eine Gruppe koordiniert handeln, fuer Einzelne bliebe nur der sprichwørtliche Sprung in's kalte Wasser.

    Gruss, muheijo
     
  9. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Sind die Seeleute der Handelsmarine da anders behandelt worden, als die Beschäftigten in anderen Kombinaten oder VEBs mit "Auslandskontakt", im nicht-RGW?

    Zahlreiche Betriebe, auch zB außerhalb der AHBs, hatten schon von der Produktion weg einzelne Westkontakte, und schickten auch Mitarbeiter. In einem mir bekannten Fall zB nach Großbritannien, aber auch Spanien etc.

    Dort scheint mir das Verfahren der individuellen Auslese (auch Blick auf Familienbindung etc.) üblich gewesen zu sein.
     
  10. Köbis17

    Köbis17 Gesperrt

    Ich denke je nach Fahr - oder Linienplan können an diversen Häfen auf die Besatzungen ausgetauscht werden und dabei kann nicht immer ein Hafen im RGW Gebiet genutzt werden.

    Hier mal ein Beispiel Linienplan aus Ende 1980 für Containertransporte der DSR:

    I. Flottenbereich Asien/Amerika
    1.Liniendienst Ferner Osten

    Monatliche Abfahrten als Semicontainerdienst von Rostock, Hamburg, Bremerhaven, Rotterdam und Antwerpen nach Honkong, Kobe, Yokohama und Bangkok
    2.Liniendienst Südostasien
    Monatliche Abfahrten als Semicontainerdienst von Rostock, Hamburg, Bremerhaven, Rotterdam und Antwerpen nach Penang, Port Kelang, Singapore
    .
    .
    .
    Der Liniendienst geht weiter in den Gruppen 3.China/KDVR, 4.Vietnam, 5.Indien/Pakistan usw. bis 11. Kuba/Mexiko.


    II. Flottenbereich Mittelmeer/Afrika
    1. Vollcontainerdienst Mittelmeer
    Wöchentliche Abfahrten von Hamburg, Rotterdam, Antwerben nach Limassol, Lattakia, Beirut und Mersin.
    Monatliche Abfahrten ab Wismar und zwei mal monatliche wird Alexandria bedient.
    .
    .
    .
    Der Liniendienst geht weiter in den Gruppen 2. Konventionelle Liniendienst Mittelmeer, 3.Liniendiesnt DDR -Syrien usw. bis 11. Liniendienst Westafrika.


    III. Flottenbereich Spezial- und Küstenschiffahrt
    1. Liniendienst Rostock-Helsinki/Kotka

    Gemeinschaftsdienst mit der finninschen Reederei „Finncarriers“. Beide Reedereien betreiben gemeinsam das Ro/Ro Schiff Aschberg der DSR und bieten wöchentliche Abfahrten von den genannten Häfen.
    .
    .
    .
    Der Liniendienst geht weiter in den Gruppen 2. Liniendienst Rostock – Westfinnland usw. bis 7. Liniendienst Rostock – Kings Lyn/Ipswich


    Quelle: Chronik unserer Handelsflotte / H. Wenzel – Marinekalender der DDR 1982
     
  11. Köbis17

    Köbis17 Gesperrt

    Das kann ich Dir nicht beantworten, aber anhand der Größe der Aktivitäten des MfS würde ich behaupten, dass wenn auch immer ein enger Kontakt von Beschäftigen der DDR zum KA stattfand, auch hier schonmal die Familie und das Umfeld durchleuchtet wurden. In der Regel waren die Familie und die Verwandtschaftsgrade mit oder ohne Verbindung zum KA ausschlaggebend.
    Allerdings vermute ich, daß mit dem immer Komplexer werdenden Außenhandel es schwierig wurde, auch entsprechendes Fachpersonal nur daran festzumachen.
     
  12. Ralf.M

    Ralf.M Aktives Mitglied

    Habe da auch nur wenige Informationen.

    Das Kombinat wo ich tätig war, hatte keinen NSW Export.
    Export nur in die UdSSR. Wir bauten dort Wohnungen im Zusammenhang der Erdgastrasse.

    Wer ins NSW durfte musste m.W. auch NSW – Kader sein.

    Hatte mal Kontakt mit so einen. Er war sehr verschwiegen. Er wollte nicht auffallen und ggf. dann den Job verlieren. Ich meine aber, die waren alle sehr verschwiegen.

    Einmal, den 80igern, gabs in meinen Tätigkeitsbereich eine Situation wo ich eigentlich als Verantwortlicher hätte fahren müssen.
    Mir war aber von vorherein klar, ich wäre bestimmt der letzte gewesen den man hätte fahren lassen.

    Wir kauften von Liebherr Betonmischfahrzeuge (Tatra Fahrgestell - CSSR) und eine Betonmischanlage.
    Der AH hing da natürlich dazwischen. Bei Beratungen durften wir nur dabei sein, wenn es um technische Parameter ging. Rechnungen gingen über den AH (wir zahlten an den AH mit Devisen und der AH beglich gegenüber den AN die Rechnungen).

    Bei den Mischfahrzeugen war alles klar, aber die Anlage wollten wir vorher in Betrieb sehen.
    Eine stand in Westberlin.
    Der dann fahren durfte war NSW Kader.
    Er war irgendwann mal eingestuft worden und hatte auch diverse Lehrgänge die sich periodisch wiederholten – über diese sprach er allerdings nie – besucht.
     
    Zuletzt bearbeitet: 27. April 2015
  13. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Was ist denn AH? :confused:

    und AN? :confused:
    und NSW?

    "m. W." kann ich noch aufschlüsseln...

    Immer dieser Aküfi!
     
  14. Ralf.M

    Ralf.M Aktives Mitglied

    Entschuldige, sitzt aber irgendwie in einen noch drin.
    Wir haben aber auch viele Abkürzungen nach der Wende aus den alten Bundesländern kennengelernt.

    AH = Außenhandel der DDR.
    NSW = Nicht sozialistisches Wirtschaftsgebiet.
    AN = Auftragnehmer
     
    Zuletzt bearbeitet: 27. April 2015
  15. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Ralf: vielen Dank für die Ergänzungen zu den NSW-Kontakten.

    Von den NSW-Kadern habe ich noch nicht gehört, in meinen mir bekannten Fällen waren auch Techniker ausgereist, Messen, Vertrieb, Kunden, Montage etc. Klar gingen die eigentlichen Abwicklungen, Kontrakte und finanziell, über die entsprechenden Außenhandelsbetriebe (AHBs).

    Waren diese "NSW-Kader" in der Auswahl mit denen bei der Handelsmarine (Familie, keine politische "Auffälligkeit", etc.) vergleichbar, oder gehörte da mehr dazu?
     
  16. Köbis17

    Köbis17 Gesperrt

    Noch ne Ergeänzung, NSW war der formelle Begriff bzw. Abkürzung, mir ist der KA als "kapitalistisches Ausland" bekannter ...
     
  17. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Genau.

    NSW wurde zB in den Schriftwechseln oder zB auch in der Rechnungslegung (zB die offiziellen Formblätter für die Bilanzen, GuVs, Fondsnachweise, Planungen, Materialwirtschaft, technische Besonderheiten usw.) verwendet.
     
  18. Ralf.M

    Ralf.M Aktives Mitglied

    Da muss ich auch passen.
    Genaues ist mir da auch nicht bekannt.
    Mir hätte sich auch nie einer anvertraut und ich kam für so etwas nie in Frage.
    Für vieles ja, aber nicht für so etwas.
     
    Zuletzt bearbeitet: 27. April 2015
  19. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Der Ökonom könnte jetzt fragen, inwieweit solche "Regularien" eigentlich auch die Exportmöglichkeiten erschwert oder verhindert hat, weil die Aktivitäten und die Auswahl der Leute aus den Betrieben heraus so praktiziert wurde.
     
  20. Köbis17

    Köbis17 Gesperrt

    Also ich habe bei der Recherche um die im Thema genannte Problematik gelesen, daß gerade die wichtigen Positionen der Reedereien bei der Planung des Außenhandels bzw. Exports/Imports über die Seewege, durch total unwissende SED Fehlbesetzungen dem wahren betrieblichen Verantwortlichen nach wirtschaftlichen Aspekten die Tränen in die Augen trieb.
     

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