'Hitler wusste nichts vom Holocaust'

Dieses Thema im Forum "Das Dritte Reich" wurde erstellt von Assa, 14. Mai 2011.



  1. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Dann solltet du mal in eine Bibliothek. Dort gibt es ganz viel seriöses. Man muss nur wissen welche Autoren. Wenn du wirklich interesse hast an seriöser Literatur, kannst du auch unsere Buchtipps anschauen.

    Es ist eben nicht alles auf dem Netz zu finden.


    Hier noch ein Link zu Irving: http://www.zukunft-braucht-erinneru...alismus-und-antisemitismus-nach-1945/119.html
     
    Zuletzt bearbeitet: 16. Mai 2011
  2. Pitti

    Pitti Gesperrt

    Ja, die Dresdener Bombardements sind ein beliebtes Thema rechtsextremer Hohlbirnen, die die Opferzahl gern verzehnfachen. Man dachte sich, durch die Forschungsarbeit einer Historikerkommission die Diskussion beenden zu können, ahnte aber nicht, dass Neonazis wissenschaftliche Ergebnisse nicht akzeptieren, die ihren Dogmen widersprechen.

    Danke für den Tip. ;)
     
  3. Pitti

    Pitti Gesperrt

    Das ist sehr schade, denn Bücher in Form von Computerdateien haben den Vorteil, dass man darin nach Suchbegriffen suchen kann.

    Als Bücher im Papierformat habe ich zum Thema nur "Der NS-Staat" von Kershaw und die Memoiren des Rudolf Höß.
     
    Zuletzt bearbeitet: 16. Mai 2011
  4. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Normalerweise haben anspruchvolle Biographien und Sachbücher ein Stichwort- und Literaturverzeichnis. Aber vielleicht bin ich einfach zu altmodisch, dass ich Bücher lieber im Regal habe und auch in die Hand nehmen kann.
     
  5. Klaus

    Klaus Neues Mitglied

    Es ist in meinen Augen absurd zu glauben, dass Hitler nichts vom Holocaust gewusst hätte.

    Andererseits hat es tatsächlich den Anschein, dass er nichts davon wissen wollte, dass mit den Todeslagern nichts zu tun haben wollte, dass er sie verdrängt hat.

    Ich hatte hier schon mal die Frage gestellt, ob der NS-Staat vielleicht eine Kleptokratie gewesen sei, dass also die Motivation vieler Täter von Eigenintersse vorangetrieben wurde, etwa, um sich zu bereichern oder um irgendwelchen perversen Ego-Tripps nachzugehen.

    Worauf ich hinaus will ist : Gab es vielleicht einen Anteil an unkontrollierter Eigendynamik, die sich aus der Kombination eines "schwachen" Diktators in Verbindung mit egoistischen Triebkräften an der Basis aufschaukelte ?
     
  6. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Es gehörte wahrscheinlich zu Hitlers Charakter, unangenehme Dinge und Tatsachen einfach nicht wahrhaben zu wollen. So brachte er es zeitlebens nicht fertig, eine ausgebombte deutsche Stadt zu besuchen, da schickte er Göring oder Goebbels vor, bevorzugte lieber seine Berghofidylle fernab der Wirklichkeit.
    Die zahlreichen aufwendig gebauten "Führerhauptquartiere" nutzte er nur ganz selten einmal.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Führerhauptquartier
     
    Zuletzt bearbeitet: 16. Mai 2011
  7. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Du musst dich in diese Zeit zurückversetzten. Hitler hat ganz sicher davon gewusst. Wie schon gesagt, Christopher Browning sagte mal: "Wenn man wissen will was Hitler dachte, muss man sehen was Himmler tat".

    Und wie auch schon gesagt, es gibt Briefe an den Führer, die ihn von den Judenverfolungen berichten und dort kommt klar zum Ausdruck, das der Briefschreiber wirklich meinte Hitler wisse nicht was vor sich ging.

    Das glaube ich wiederum nicht.


    Wie meinst du denn das genau?
     
  8. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Ein durchaus gutes Buch zu diesem Thema. Allerdings bietet er eine breite Darstellung rivalisierender Interpretationen zu Hitler, aber sicherlich kein Hinweis, dass Hitler das System der Vernichtung verborgen geblieben wäre. Eine geradezu absurde These basierend auf der These des "schwachen Diktators"

    Und die These vom schwachen Diktator ist auch im Rahmen des Buch von Kershaw über Hitler im Rahmen seiner Darstellungen widersprochen worden.

    Grundsätzlich bemißt sich die Frage, ob er schwach oder stark gewesen sei an der Diskussion über ein Ideal, das sich an dem Aufgabenprofil klassischen deutscher Staatsmännern bzw. Kanzler verflichtet fühlte. Betrachtet man jedoch die Regierungstätigkeit von Hitler über die Zeit seiner Tätigkeit dann stößt man sehr schnell auf die Auflösung der klassischen Mechanismen der ursprünglichen Regierungstätigkeit noch in der Weimarer Republik.

    Es bleibt ein Staat, dessen Institutionen rivalisierend im Machtgefüge des NS-System eingebettet waren und durch die teils zufällige Nähe zu Hitler ihre Vorstellungen durchsetzen konnten. Aber keinem rationalen gesamtgesellschaftlich orientierten Planungsprozess folgte, sondern primär als Steuerungsorgan zur Kriegsvorbereitung und -führung diente.

    Wie konterproduktiv dieses gesmate System war kann man anschaulich, aber auch sicherlich subjektiv, im Buch von Speer nachlesen.

    Der Sklavenstaat. Meine Auseinandersetzungen mit der SS: Amazon.de: Albert Speer: Bücher

    Vor diesem Hintergrund war es für Hitler eine Rolle als Kanzler und sogenannter, selbsternannter "Führer", die primär seinen kriegerischen Ambitionen bzw. Stilisierung als "charismatischer Schlachtenlenker" diente und weniger der klassischen Tätigkeit als Organisator bürokratischer Herrschaftsausübung im Sinne von M. Weber.
     
  9. Pitti

    Pitti Gesperrt

    Das ist die Sichtweise der Funktionalisten unter den NS-Forschern: Methoden der Geschichtswissenschaft (Nationalsozialismus) ? HaGalil Lexikon
     
    Zuletzt bearbeitet: 16. Mai 2011
  10. Pitti

    Pitti Gesperrt

    Ich gehe nicht davon aus, dass jemand ernsthaft meint, Hitler habe vom Holocaust nichts gewußt. Ihn mögen die schrecklichen Einzelheiten nicht interessiert haben, vielleicht verdrängte er es auch, aber er wußte davon. Hitler hat sich im Gegensatz zu Himmler, der sich Vergasungen und Erschießungen hat vorführen lassen, nicht um die Vernichtungslager gekümmert. Ob er die Berichte der Einsatzgruppen, den Korherr-Bericht usw. überhaupt gelesen hat? Es kann durchaus sein, dass er auch das vermied.
     
  11. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Das er davon wusste, davon gehen wir hier ja auch aus. Ob und wie er es aufnahm, das ist Spekulation und gehört nicht in die Geschichtswissenschaft.

    Das ist Spekulation. Wir wissen, dass Hitler nie in einem Vernichtungslager oder einen Konzentrationslager war. Das heisst aber nicht, dass er sich nicht darum gekümmert hat oder die Berichte gelesen hat. Das wissen wir nicht.
    Es gibt keine Quellen dazu. Oder hast du hier Quellen, die deine Aussagen belegen?
     
  12. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    MOD-Hinweis: Die Diskussion hat inzwischen den vorgesehenen Umfang für den Frage-/Antwort-Bereich erheblich überschritten.

    Daher wird das Thema in das betreffende Fachforum verschoben.
     
  13. Repo

    Repo Neues Mitglied


    Der Hinweis bei Gerstein, von den Bronzeplatten usw. ist nicht belegt.
     
  14. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Habe gerade beim Gersteinbericht nachgeschaut (danke dir für diesen Hinweis, den habe ich jetzt vergessen). Da steht folgendes:

    Hier kann man weiterlesen:

    NS-Archiv : Dokumente zum Nationalsozialismus : Der Gerstein-Bericht

    Diese Aussage belegt, dass Hitler informiert war und durchaus seine Ansichten weiter gab.
     
    Zuletzt bearbeitet: 16. Mai 2011
  15. Pitti

    Pitti Gesperrt

    Ja, natürlich ist es Spekulation. Ich bin zwar Amateur, aber ich denke auch in der Geschichtswissenschaft sind Vermutungen erlaubt, wenn man sie nicht zu Tatsachen erklärt. :winke:
     
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  16. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Es geht wohl weniger um erlaubt, als vielmehr um die Basis von Vermutungen.


    Bzgl. Hitlers Kenntnis von den Massenmorden (s.o. #71 den Hinweis -> das ist kein Einsatzgruppenbericht, sondern eine aggregierte Berichterstattung von Himmler an Hitler) sollte allerdings den Spekulationen etwas Substanz beigemischt werden. Für Vermutungen "ins Blaue" ist das ein zu sensibles Thema.:winke:


    Immerhin scheint der Hinweis auf den Bericht einiges Interesse gefunden zu haben, wie auch die Hinweise auf Hitlers Einflussnahme auf die wesentlichen innen- und außenpolitischen Entscheidungen (der Wille zum Krieg ist oben bereits angesprochen worden). Richtig ist, dass man hier immer wieder überraschende Querverbindungen auffindet, so jüngst zu seiner Verwicklung in den Österreich-Putsch 1934 (zeitlich quer zur Beseitigung Röhms und der Entmachtung der SA). Der zitierte neue IfZ-Beitrag stützt sich dabei auf das Goebbels-Tagebuch, der personelle Querverbindungen aufriss, die bislang nicht beachtet worden sind. Dieses Ereignis, bei dem bislang auch der "schwache Diktator" vermutet wurde, stellt sich nun anders dar. Auf dieser Basis wird dann die Vermutung geäußert, dass Hitler nicht nur Kenntnis hatte, sondern die Aktion angeordnet haben müsse. Gegen Spekulationen, wenn sie eine solche Basis haben, ist sicher nichts einzuwenden.

    Eine andere Vermutung: Himmler hielt sich bis zum 4.10.1941 im Osten auf, ordnete ua. Giftmaßnahmen an und griff in die Abläufe und Aufträge der Einsatzgruppen mit ihrem Massenmord ein. Am 5.10.1941 - Sonntagabend - lief er direkt zurRückkehr bei Hitler auf, dabei sprach Himmler ausweislich der Gesprächsprotokolle die Beseitigung von 80-90% der Bevölkerung von Kiew an. Angesichts dieser Themenpalette und der Aktualität, insbesondere der landweiten weiteren Verschärfung der Massenmorde, soll er die Tätigkeiten der Einsatzgruppen verschwiegen und bei Hitler nicht angesprochen haben, dann aber regelmäßige Ergebnisberichte abgeschickt haben? Das gegenüber dem Mann, der in den letzten Wochen die Liquidation von Moskau und Petersburg inkl. Bevölkerung angeordnet hat? Da bewegt man sich - sofern einige Kenntnis zu diesen Vorgängen insgesamt besteht - bei einer Verneinung einer solchen Themen-Ansprache wohl eher im Rahmen von Verschwörungstheorien.

    (Quelle: Dienstkalender Heinrich Himmler, Einträge 4.10. und 5.10.1941, S. 225).

    Bei Barth, Goebbels und die Juden, 2003, ist zu finden:

    "Weitgehende Einigkeit besteht in der Forschung hinsichtlich einer bestimmenden Funktion Hitlers [Anm: Vernichtung der Juden, s. g. "Endlösung"], eine unmittelbare Beteiligung Goebbels [Anm: an diesem Entschluss, in der Forschung auf August/September 1941 datiert] ist mit hoher Wahrscheinlichkeit auszuschließen" (S. 190).

    Die Bekanntgabe der Entscheidung Hitlers zur vollständigen Vernichtung ist ggü. den "strategischen Kreisen" vermutlich auf den 12.12.1941 zu datieren, kurz nach der Kriegserklärung an die USA und der sowjetischen Gegenoffensive vor Moskau. Auch hier sind Querverbindungen wichtig, ua. der Eintrag in den Dienstkalender H.H.: Besprechung Himmler-Hitler und der Eintrag: "Judenfrage.als Partisanen auszurotten", S. 294]. Der Termin ist für Hitler bestätigt, Reichs- und Gauleiter wurden am 13.12., ebenso wie Goebbels, informiert (siehe auch den dortigen Tagebucheintrag). Der ebenfalls teilnehmende Frank reiste am 14.12. wieder ab, und verkündete in seiner Arbeitssitzung am 16.12. im GG nach dem Zusammentreffen mit Hitler:

    "Mit den Juden, das will ich ganz offen sagen, muss so oder so Schluss gemacht werden. [folgt: Bezug auf Hitler-Rede zur Judenvernichtung in einem Weltkrieg 1939] .. Ich weiß, es wird an vielen Maßnahmen, die jetzt im Reich gegenüber den Juden getroffen werden, Kritik geübt. Aufruf zur Härte ... Ich werde den Juden gegenüber grundsätzlich nur von der Erwartung ausgehen, dass sie verschwinden, sie müssen weg. Ich habe Verhandlungen zu dem Zwecke angeknüpft, dass sie nach dem Osten abgeschoben werden. Im Januar findet über diese Frage eine große Besprechung in Berlin statt, zu der ich Herrn Dr. Bühler entsenden werde. Diese Besprechung soll im RSHA mit Heydrich gehalten werden. ... Aber was soll mit den Juden geschehen? Glauben Sie, man wird sie im Ostland in Siedlungsdörfern unterbringen? Man hat uns in Berlin gesagt: Weshalb macht man diese Scherereien. Wir können im Ostland und im Reichskommissariat auch nicht mit ihnen anfangen, liquidiert sie selber. Meine Herren, ich muss sie bitten, sich gegen alle Mitleidserwägungen zu wappnen: Wir müssen die Juden vernichten, wo immer wir sie treffen. .. anders ... Man kann bisherige Anschauungen nicht auf solche gigantische einmalige Ereignisse übertragen. Jedenfalls müssen wir aber einen Weg finden, der zum Ziele führt, und ich mache mir darüber meine Gedanken. ... Diese 3,5 Mio. Juden (im GG) können wir nicht erschießen, wir können sie nicht vergiften, werden aber trotzdem Eingriffe vornehmen können, die irgendwie zu einem Vernichtungserfolg führen, und zwar in Zusammenhang mit den vom Reich her zu besprechenden großen Maßnahmen."

    Quelle: Das Diensttagebuch des deutschen Generalgouverneurs in Polen 1939-45, Eintrag 16.12.1941, S. 457.

    Solche Querverbindungen als Kontext der Zitate sind zu beachten, wenn man begründete Vermutungen äußern möchte. Hier kann die Vermutung wohl nicht anders lauten, als dass Hitler die Vernichtung gegenüber den dafür wichtigen Personenkreis kommuniziert hat.

    Kontextfreie Spekulationen abseits der Fachliteratur, auf Basis von links und Zitatfetzen im www, würde ich als unseriös ansehen.;)
     
    Zuletzt bearbeitet: 16. Mai 2011
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  17. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Die oben zitierten Bücher von Burrin und Fleming sind nur Beispiele, die sich genau mit der Thematik beschäftigen.

    Oben ist von einem Diskutanten bereits auf die Funktion Himmlers hingewiesen worden (um Hitlers Kenntnis und Ziele quellenseitig zu erschließen). Ich habe daran den engen zeitlichen Zusammenhang angehängt.

    Es lohnt aber auch, zum Thema die aktuelle Himmler-Biographie von Longerich anzuschauen, der ebenfalls auf das zumindest offizielle tatsächliche Schwanken in der Behandlung der Juden im Dritten Reich durch Hitler hinweist. Die ominösen Auswanderungsideen zitiert er noch für den August 1941, bezogen auf Hitler. Welche Ernsthaftigkeit diesen Ideen beimessen ist, bzw. ob diese Ideen in den verschiedenen beteiligten Hierarchien (nach der beabsichtigten oder fraglichen Durchführung) ähnlich den späteren Todesmärschen nicht Vernichtungsabsichten gleichkommen, sei mal dahingestellt. Nimmt man das Beispiel Frankreich, so begannen die Erfassungen früher, und SD/SS/OKW-Kontakte belegen das Warten auf die "Gesamtlösung" und "evt. vom RSHA kommender Befehle" am 10.6.1941, vor dem Angriff auf die SU.

    Wenn man sowohl die Unterschiede in den bereits laufenden Massenmorden als auch die Vorbereitungen, und unterschiedliche Behandlungsweise in den übrigen besetzten Gebieten betrachtet, dann zeigt sich, dass weder (-> Longerich) ein Poilitikwechsel noch eine Grundsatzentscheidung im Dezember 1941 gefallen ist: es handelt sich vielmehr vorher um das Warten von RSHA/Himmler auf die Aufforderung Hitlers, eine weitere Beschleunigung des in Gang kommenden Massenmordes an den Juden vorzunehmen. Im Dezember 1941 ließ sich Himmler (die Vernichtungslager waren bereits teilweise im Bau) die Praxis und ihre Verschärfung "durch die höchste Autorität im Staate lediglich noch einmal bestätigen" (Longerich, S. 571).

    Übrigens: noch am 30.11.1941 machte Himmler Jeckeln zur Sau, weil das Telegramm "Judentransport aus Berlin.Keine Liquidierung" nicht beachtet worden war: das Telegramm hatte Jeckeln zu spät, nach den Massenerschießungen in Riga erreicht. Worauf wartete Himmler hier wohl, indem er die unterschiedslosen Liquidierungen aufschob, wenn nicht auf die offizielle Freigabe durch seinen Chef? Jeckeln verteidigte sich mit dem Hinweis, Befehle missverstanden zu haben: die aus dem Reichsgebiet deportierten Juden sollten im Gegensatz zu denen in den "Zielgebieten" noch nicht massenweise ermordert werden (Longerich, S. 568). Jeckeln hatte der offiziellen Regelung 10 Tage vorgegriffen. Auf die Idee dieser perfiden Differenzierung war er offensichtlich nicht gekommen.

    Als dann die Wannseekonferenz stattfand, war die Linie Wochen zuvor festgelegt - und offiziell in der obersten NS-Hierarchie und im Umfeld der Gauleiter im Dezember 1941 bekanntgegeben.
     
  18. Pitti

    Pitti Gesperrt

    Bloß von welchem Chef? Oder wartete er auf die Beschlüsse nach der Wannseekonferenz? Wie gestaltete sich die Aufgabenverteilung der "Architekten" des Holocaust?

    Göring erteilte Heydrich den Befehl, die "Endlösung der Judenfrage", wie es im Nazi-Jargon hieß, organisatorisch durchzuplanen. In dem Schreiben an Heydrich war von Auswanderung oder Evakuierung die Rede. Mit Evakuierung könnte durchaus schon Deportation plus Massenmord gemeint gewesen sein. Doch letztlich war es Himmler, der den Holocaust durchführte. Göring und Heydrich traten danach, was Massenmorde in den Vernichtungslagern betrifft, nicht mehr in Erscheinung.

    Die Aussage: "Der Führer hat die physische Vernichtung der Juden befohlen", kam einmal von Heydrich an Eichmann gerichtet, und ein weiteres Mal sagte Himmer dies zu Höß. Man kann nicht ausschließen, dass beide die Wahrheit sagten, aber ebenso können sie sich das auch aus den Fingern gesaugt haben (bzw. Heydrich hatte es von Himmer, der dessen Vorgesetzter war).

    Silesia, Du scheinst vom Fach zu sein. Hast Du nicht mal Lust, ein paar Jahre lang in russischen Archiven zu wühlen, um Licht ins Dunkel zu bringen? ;)
     
  19. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Wenn Du Dich ein wenig mit der SS, dem RSHA und Himmler beschäftigst: er hatte nur einen.:winke:

    Ich bitte Dich, Himmler wartete höchstens auf einen, nicht auf einen nachrangigen Arbeitskreis. Das war 3. bis 10. Reihe. Da wurde nichts beschlossen, sondern organisatorisch in Form gegossen für die bürokratischen Nachebenen und Umsetzungsfragen.

    Die Interpretation von Görings "Initiative" ist wiederum eine Frage des Kontextes. Der Mann war zu dem Zeitpunkt auf dem absteigenden Ast, siehe Göring-Biographie (Alfred Kube: Pour le mérite und Hakenkreuz- Hermann Göring im Dritten Reich, Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte 24). -> Aktionismus und rausch- und jagdfreie Momente, verlorenes Terrain bei Hitler im Sinne der Wirtschaftslenkung zurückzugewinnen. Das Schreiben würde ich in die gleiche Kategorie wie die "Versorgungszusage" von Stalingrad einordnen --> Punktesammeln bei Hitler

    Heydrich trat das Schicksal in Form von Hitler und Neurath dazwischen:
    23.9.1941 Telefonanruf Hitler bei von Neurath und sofortige Einbestellung ins FHQ. Neue scharfe Maßnahmen werden für das Protektorat Böhmen und Mähren verlangt: IMT, XVII, S. 23
    27.9.1941 Heydrich vertritt von Neurath in Böhmen+Mähren
    Damit hatte er mit der "Beschleunigung" im engeren Zusammenhang nichts mehr zu tun (abgesehen von seinen "Vorarbeiten" bzgl. Einsatzgruppen in Russland). Heydrich ist auf einen rüstungsrelevanten Posten versetzt worden (mglw. entsorgt auf Initiative seines Chefs Himmler)
     
    Zuletzt bearbeitet: 16. Mai 2011
  20. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Das ist leider noch immer eine weitverbeiterter Irrtum. An der Wannseekonferenz wurde der Holocaust nicht beschlossen, die Vernichtung lief da schon. Bei der Konferenz, waren erstens nicht die Leute anwesend, die dies beschliessen konnten und zweitens ging es um orgisatorische Probleme und dann noch drittes es gab beschwerden aus dem Osten.

    Im Detail:

    Situation 1941/42

    Bis in die fünfziger Jahre herrschte die Meinung vor, dass an dieser Konferenz der Beschluss gefasst wurde, die europäischen Juden zu ermorden. Diese Auffassung ist aber falsch, wie die neuere Forschung heute weiss. Der Mord an den europäischen Juden begann schon vor der Wannsee-Konferenz.

    Entstehungsgeschichte der „Endlösung“

    Mordaktionen im besetzten Russland. Vor dem Angriff auf die Sowjetunion wurden vier Einsatzgruppen aufgestellt. Auftrag: Ermordung sowjetischer Funktionäre und Ermordung der in Russland lebenden Juden.

    22.6.1941 Operation Barbarossa

    Polen
    Oktober und November 1941 wurden zwei kleine Vernichtungslager errichtet. Tötung durch Motorabgasen.
    Im KZ Belzec wurden Gaskammern errichtet. Vernichtungslager für die Juden der Distrikte Lublin und Lemburg

    Chelmno, umgebaute Lastwagen Erster Einsatz 8.12.1941

    Und in Auschwitz wurden ab dem 3.9. erste Versuche mit Zyklon B unternommen, an russischen Kriegsgefangenen

    Diese Beispiele aus der Sowjetunion und Polen zeigen deutlich, dass eine Entscheidung im Hinblick auf den Massenmord zumindest an sowjetischen Juden bereits 1941 gefallen sein muss.

    Dann der Blick auf die Teilnehmer der Konferenz: Dieses Gremium konnte keine solchen Entscheidungen treffen. Die ranghöchsten anwesenden Vertreter der zivilen Behörden waren auf der Ebene der Staatssekretäre anzusiedeln, die der SD und SS waren Chef der Hauptämter. Wäre an dieser Konferenz tatsächlich der Entscheid zur Endlösung der Judenfrage gefällt worden, dann hätte Hitler als Reichskanzler, die Minister und Himmler als Reichsführer-SS und Chef der deutschen Polizei anwesend sein müssen.

    Die Frage lautet also: Wenn der Massenmord bereits ausgeführt wurde, was geschah dann am 20. Januar 1942 am Grossen Wannsee?

    Herbst 1941

    Hitler und Himmler stellen die Weichen zur Deportation der Juden aus den europäischen Machtbereich.

    Sept. 1941
    Juden aus dem Grossdeutschen Reich und der Tschechoslowakei sollten nach Osten deportiert werden. Frankreich gab die Zusage, dass sobald es die Transportkapazitäten zuliessen, die franz. Juden deportiert werden.

    Okt. 1941

    Zusage Hitlers an die slowakische Staatsführung den Transport zu übernehmen.

    15.101941 Deportationen der deutschen, luxemburgischen, österreichischen und tschechischen Juden.
    Ziele waren Lodz, Minsk, Kaunas, Riga und für die tschechischen Juden liess Heydrich ein Ghetto in Theresienstadt einrichten.

    Betroffen waren zwischen dem 15.Oktober 1941 bis Januar 1942 52 000 Menschen, mehrere Tausend wurden bereits vor Beginn der Konferenz ermordet.

    Probleme:
    Aus der Sicht der Täter gab es in dieser Zeit massive Behinderungen bei der Definition, Registrierung und finanzieller Ausbeutung der Opfer, Einsammlung, Verschleppung und Einquartierung.


    Die Deportationen vom November und Dezember 1941 nach Minsk, Kowno und Riga brachten für die Planer unvorhersehbare Schwierigkeiten:

    - Der Generalkommissar für Weissruthenien Wilhelm Kube beschwerte sich nach einem Inspektionsbesuch im Minsker Ghetto, dass sich unter den Mitte November aus Berlin, Bremen, Brünn, Düsseldorf, Frankfurt und Hamburg verschleppten Juden auch Personen befanden, die im Ersten Weltkrieg für Deutschland gekämpft hatten oder deren Verwandte in der Wehrmacht waren. Hier waren bei der Organisation der Transporte durch die örtlichen Gestapo stellen fälschlicherweise Personen deportiert worden, die nach den Richtlinien des RSHA zunächst verschont werden sollten. Aber nicht nur in den Zielorten erhoben sich solche Proteste, auch in den Heimatstädten der Verschleppten versuchten die Arbeitsämter, Rüstungsinspektionen und nicht zuletzt die Betriebe, die Arbeitsjuden von der Liste streichen zu lassen.

    - Die Deportationen nach Kowno war eine Improvisation weil das eigentliche Ziel Riga noch keinen Platz hatte. Die knapp 5 000 Verschleppten aus Berlin, Breslau, Frankfurt/Main, München und Wien wurden am 25. und am 29. November 1941 von den Einsatzkommando 3 in der Festungsgräben des Forts IX in Kowno erschossen. In der Stadt Riga schliesslich befand sich bereits ein Ghetto mit ca. 30 000 lettischen Juden, die am 30. Nov. und am 8. Dez, nur deshalb in den Wäldern um Riga erschossen wurden, um die ankommenden Transporte Platz zu machen. Ein Transport von etwa 1000 Menschen aus Berlin kam genau zu diesem Zeitpunkt in Riga an und auch diese Juden wurden gleich erschossen. Hier muss man davon ausgehen, dass die Erschiessungen nicht zentral geregelt wurden. Denn es gibt eine Telefonnotiz von Himmler vom selben Tag darauf steht: Berliner Juden nicht liquidieren. Auch wurden die Erschiessungen in Riga von der Bevölkerung wahrgenommen worden. Und es gab Proteste.

    Diese Schwierigkeiten waren der entscheidende Grund für die Sitzung am Wannsee. Denn zwischen den Planungen in Berlin und den Realitäten an Ort bestanden grosse Diskrepanzen.

    Quellen nebend dem Protokoll.

    Folgende Seiten :

    Haus der Wannsee-Konferenz
    Zukunft braucht Erinnerung

    Und diese Bücher:

    Katalog zur Ausstellung:
    Berlin 2006, ISBN 3-9808517-4-5
    (Druckhaus Jütte-Messedruck Leipzig).

    Die Entfesselung der Endlösung

    Hannah Arendt
    Eichmann in Jerusalem
    Ein Bericht von der Banalität des Bösen
    __________________
     
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