Inwieweit spielt das Osmanische Reich ein Rolle in dem Jugoslawien-Krieg

Dieses Thema im Forum "Das Osmanische Reich" wurde erstellt von Seldschuk, 11. Juli 2005.

  1. Saint-Just

    Saint-Just Neues Mitglied


    Bei den Wahlen und Abstimmungen fällt eines auf: es gab zwar in jeder der Teilrepublik Mehrparteienwahlen, nicht aber auf Bundesebene. Dadurch entstand (gerade in der Situation Osteuropas 1990) eine unhaltbare zwitterhafte Situation: nach dem neuen Wahlrecht gebildete Parlamente und gewählte Präsidenten in den Republiken, eine nach altem Wahlrecht gebildete Exekutive auf Bundesebene.

    Grund dafür war der gescheiterte Parteitag des BdKJ im Januar 1990 (nota bene: die eigentliche Macht lag in Jugoslawien wie in Osteuropa üblich nicht bei der Regierung, sondern der Partei)- der serbisch-slowenische Gegensatz zwang zur "Vertagung"- de facto das Ende der Partei. Auf dem Parteitag sollte u.a. eine neue politische Struktur für Jugoslawien beschlossen werden. Effekt: Mehrparteienwahlen in den Republiken, aber nicht im Bund.

    Der serbisch-slowenische Gegensatz (Der krotische Nationalismus spielt in diesem Zeitraum noch keine wesentliche Rolle) ergab sich aus dem nationalistischen Zündeln Milosevic´ im Süden und dem slowenischen Wohlstandschauvinismus im Norden (Jugoslawien hatte ein Art Länderfinanzausgleich. Slowenien- die slowenische Regierung- wollte als reichstes Land nichts mehr einzahlen. Milosevic suchte nach einer Möglichkeit, die Macht des Parteiapparats in Serbien zu erhalten. Der Effekt war in beiden Republiken wachsende nationalistische Propaganda.)

    Weiterhin ist zu bedenken: jeder Austritt einer Republik aus Jugoslawien musste das serbische Element im restlichen Jugoslawien verstärken. D.h. mit dem Austritt Sloweniens kam eine Eigendynamik in Gang: bei den Republiken Kroatien, Bosnien und Makedonien und in diesen Republiken. Der Zerfall, einmal in Gang gekommen, wurde zum Selbstläufer.
    Die Volksabstimmungen haben den Sezessionsprozess nicht eingeleitet, sondern längst erfolgte fait accompli- die ohnehin kaum mehr rückgängig zu machen waren- nur nachträglich abgesegnet.

    Beispiel Slowenien: Abspaltung der slowenischen KP vom BdKJ (Jan. 1990), Streichung des Begriffs "sozialistisch" aus dem Staatnamen (Anf. März.), Souveränitätserklärung (2.7.)- d.h. eigene slowenische Außen-, Wirtschafts-, Rechts- und Informationspolitik (in der Substanz also bereits Unabhängigkeit). Alle Bundesgesetze werden für ungültig erklärt (Ende Sept.). Und erst danach, am 23. Dezember, findet eine Volksabstimmung statt. (Analog, etwas verzögert, in Kroatien).

    Da Kroatien sich dem slowenischen Kurs bald anschloss, war Jugoslawien schnell in einem Zustand, der einen Austrit attraktiv erscheinen ließ. Nur: dieser miserable Endzustand war Folge ebenjener Nationalisten, der sich als dessen Lösung präsentierten*. Brandstifter und vorgebliches Löschkommando in einem! Dabei waren Milosevic und Tudjman Gegner- einerseits; andererseits war ihr Verhalten aber durchaus komplementär, zwei Seiten einer Medaille.**

    [/quote=Scarlett]Denn den Minderheiten blieb ja noch eine legitime Möglichkeit, sich politisch gegen etwaige Teilungen zu Wehr zu setzen, dies ist nicht geschehen, weder in Kroatien, noch in Bosnien. Einer der Anführer des serbischen Aufstandes, Milan Babic, beschuldigte Milosevic, das serbische Volk in den Krieg getrieben zu haben.
    Man hat die Serben dort unter Einsatz massivster Medienpropaganda gegen ihre Nachbarn aufgehetzt, was letztlich bitter gerächt hat.[/quote]

    Aber umgekehrt lässt sich genauso sagen, Kroatien hatte legitime Möglichkeiten, seinen Standpunkt innerhalb Jugoslawien zu vertreten, ohne es zum Bruch kommen zu lassen. Natürlich waren die Kroaten eine Minderheit in Jugoslawien- ebenso wie die Serben in Kroatien. Wenn man aus diesem Status ein Sezessionsrecht ableitet, dann ebenso für die Serben. (Der Verweis auf Milosevic ist natürlich vorzüglich geeignet, von den eigenen Fehlentscheidungen abzulenken. U.a. bei einem serbisch-bosnischen Politiker, der damit seine eigene Verantwortung relativiert(e)).

    Die nationale Verhetzung durch Medien ist genau das, wovon ich ausgehe (aber eben nicht nur bei den Serben), und was eindeutig gegen einen "naturwüchsigen" Nationalismus, gegen eine spontane "freie" Entscheidung der jugoslawischen Völker spricht. Entscheidend ist hier die Rolle von Multiplikatoren (Intellektuelle, Politiker, Küsntler, Journalisten usw.)- Menschen können nur eine Wahl zwischen dem treffen, was ihnen geboten wird, wovon sie Kenntnis haben.

    *natürlich bestreitet kein Mensch die Wirtschaftskrise, die vorher bestand.
    ** siehe etwa die Absprache zwischen Milosevic und Tudjman über eine Aufteilung Bosniens im April 1991, s. "Guardian" 30.6.1993 oder seine Ansichten in "Nationalism in Contemporary Europe" 1981
     
  2. Jack_Walsh

    Jack_Walsh Neues Mitglied

    Sie waren eigentlich beide Staatsvolk. Sowohl die Kroatien in Jugoslawien, als auch die Serben in Kroatien. Ich denke gerade dieser kleine aber feine Unterschied, machte den grossen Knall aus.
     
  3. Gandolf

    Gandolf Neues Mitglied


    Warum scheiterte der Parteitag (Jan. 1990)?

    Milosevic hatte die Zusammensetzung des Parteitages manipuliert nach dem gleichen Muster wie er bereits zuvor die Zusammensetzung des Staatspräsdiums manipuliert hatte (vgl. www.geschichtsforum.de/showpost.php?p=222958&postcount=4). Der serbisch-montenegrinische Block stellte auf dem Parteitag die Hälfte der Stimmen und schmetterte alle slowenische Reformvorschläge ab. Milosevic demonstrierte auf diese Weise, dass Serbien und Montenegro innerhalb Jugoslawiens die strukturelle Dominanz erreicht hatten. Die Slowenen waren verständlicherweise nicht bereit, sich mit diesem Ergebnis abzufinden. Konsequenterweise verliessen sie den Parteitag.
    Die von Dir beschriebene Dynamik lässt sich am Beispiel des Staatspräsidiums verdeutlichen: nach Titos Verfassung (70er Jahre) konnten Serbien und Montenegro 2 Stimmen im achtköpfigen Staatspräsidum beanspruchen. Infolge von Milosevics Manipulationen (Kosovo und Vojvodina) beanspruchten Serbien und Montenegro 1989/1990 4 von 8 Stimmen (!). Bei einem Austritt Sloweniens wäre diese Dominanz zur Hegemonie geworden: 4 von 7 Stimmen (!). Das war für die anderen Republiken Kroatien, Bosnien-Herzegowina und Mazedonien unzumutbar.
    Nachdem Milosevic infolge seiner Manipulationen für Serbien und Montenegro 4 von 8 Stimmen des Staatspräsidums beanspruchte, gab es diese Möglichkeit - fair betrachtet - nicht mehr. Milosevic hatte durch seine Manipulationen die anderen Völker Jugolsawiens in die Enge getrieben und diese wiederum wehrten sich mit ihrem Austritt aus der Föderation. Hätten sie sich etwa freiwillig einer strukturellen Dominanz von Serbien/Montenegro unterwerfen sollen?
    Die "Wahl", die Milosevic 1989 den Slowenen, Kroaten, Bosniern und Mazedoniern 1990 ließ, bestand darin, sich entweder mit der serbischen Dominanz in der jugoslawischen Föderation abzufinden (was für diese freilich unzumutbar war) oder sich von der Föderation abzuwenden.
     
  4. Scarlett

    Scarlett Neues Mitglied

    Mit dem Zerfall der BKJ war dies auch obsolet.
    Ein Konsens über die Zukunft Jugoslawiens war da bereits nicht mehr zu erwarten.

    Das finde ich zu kurz greifend, denn Slowenien war nicht nur in ökonomischer Hinsicht eine Musterrepublik, sondern auch in demokratischen Bestrebungen, während es diesbezüglich in Serbien wenig Fortschritt gab.

    Die verfassungswidrige Aufhebung des automen Status der Vojvodina waren bereits eindeutige Schritte zu einer serbischen Dominanz, das ist doch an den anderen Republiken nicht spurlos vorrübergegangen. ;)

    Beachte bei diesen Gegenüberstellungen auch, daß die ökonomische Krise auch zur Systemkrise wurde, den die herkömmlichen Mittel griffen nun bei einer Krisenbeseitigung nicht mehr, was das politische System natürlich auch in Zweifel geraten lies.
    Hier und gerade hier, stehen sich Slowenien und Kroatien einerseits und Serbien andererseits fast diametral gegenüber, denn diesbezügliche Fortschritte in den ersten beiden Republiken standen das Fehlen ebensolcher in Serbien entgegen.

     
  5. Scarlett

    Scarlett Neues Mitglied

    Du vergißt eines, Jack.. Zum Zeitpunkt der Anerkennung waren bereits Kampfhandlungen in Slowenien erfolgt, in Kroatien neigte sich ein sehr brutaler Krieg dem Ende zu (ich verweise auf die völlige Zerstörung Vukovars, den dort begannenen Verbrechen..) - eine Rückbesinnung auf einen jugoslawischen Gesamtstaat ist hier meines Erachtens sehr utopisch.

    Dafür gab es zu diesem Zeitpunkt bereits zuviel Hass.
     
  6. Scarlett

    Scarlett Neues Mitglied

    mai 1990..

    woher die kroaten im einzelnen die waffen hatten, kannich dir auch nicht so genau sagen, ich weiß aber, das ein teil der entsprechenden gelder aus der kroatischen diaspora kam.

    so ist es.

    meiner ansicht nach existierte ein funktionierender bundesstaat spätestens 1989 nicht mehr.

    genau den meine ich! ;) ein sehr mutiger mann, wie ich finde.

    die unabhängigkeitserklärungen sloweniens und kroatiens gingen vor allem auf die zuvor abgehaltenen wahlen zurück, wenn denn deine ansicht zuträfe, daß die eu diesbezüglich druck ausgeübt hätte, dann verwundert es mich doch, daß mit dem abkommen von brioni (juli 91) die beiden staaten dazu "gebacht" wurden, ihre unabhängigkeitserklärungen (für drei monate) zu suspendieren.

    im ggteil einige europäische staaten haben sich bis in den dezember 91 geweigert, slowenien und kroatien eine unabhängigkeit zu "gewähren" - die letzten beiden bis zum 15./16.12.1991

    ich kann deine ansicht gut nachvollziehen. ich persönlich glaube schon, daß jugoslawien auseinandergefallen wäre, vorwiegend wegen politischen, ökonomischen und sozialen defiziten dieses widersprüchlichen landes.

    die explosion an gewalt, die mit den kriegen einzug hielt, ist aber sich den einzelnen akteuren zuzuschreiben, allerdings würde ich hier nur ungern etwa tudjman mit milosevic gleichsetzen.. obgleich tudjman natürlich nur ein begrenztes interesse an einem jugoslawischen staat hatte.

    ich würde bei den europäern angesichts ihre "gleichgültigkeit" und vor allem unfähigkeit, adäquat auf die konflikte zu reagieren, noch zu einem weit härteren urteil kommen.
     
  7. Seldschuk

    Seldschuk Neues Mitglied

    Wäre dann hocherfreut im Jahre 2028 wieder über dieses Thema mit euch diskutieren zu können.

    Dann bin ich auch im Ruhestand und habe die Zeit dafür. :still:
     
  8. Waterpolo

    Waterpolo Neues Mitglied

    Ich lese gerade das Buch Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert von Marie-Janine Calic. Um die Diskussion wieder anzuregen, würde ich gerne eine Passage aus diesem Buch zitieren, die sich unter dem Kapitel Völker, Nationen und Identitäten finden lässt:

    Was machte den Islam zu dieser Zeit so interessant und attraktiv? War es wirklich ein Identitätsproblem von dem unter anderem im Buch die Rede ist? Das die dort lebenden Menschen nur die Sprache intuitiv miteinander verband?

    Im Buch ist nur die Rede davon, dass es sich hier hauptsächlich um Gebiete gehandelt hat, wo sich die Religion nicht sonderlich groß durchsetzen konnte. Woran lag das? Wieso war die Religion in diesem Fall dort nicht stark vertreten?

    Beispielsituation: Hätte der Islam - im Falle einer starken Ausprägung des serbisch-orthodoxen Glaubens - trotzdem geschafft die Mehrheit der Bevölkerung - die in den jeweiligen Gebieten gelebt hat - zum Übertreten zum Islam zu bringen? Es wäre für die dort lebenden Menschen eine Notsituation gewesen. Doch mit einer Religion - oder sogar besser gesagt, einer Identität (die wahrscheinlich nur aus der Sprache bestand) - wäre hier sicherlich anders verfahren worden
     
    Zuletzt bearbeitet: 3. März 2015
  9. Dion

    Dion Aktives Mitglied

    Das hast Du bereits aus dem Buch zitiert:

    „Nichtmuslime waren mit geringeren Aufstiegschancen, höherer Steuerlast und rechtlicher Diskriminierung zum Beispiel beim Grundbesitz konfrontiert.“

    Der Islam der frühen Neuzeit war weitaus toleranter als z.B. das damalige Christentum – nach Sarajevo kam eine große Zahl der aus Spanien vertriebenen Juden, wo sie freudig aufgenommen worden waren, weil viele von ihnen gebildet waren.

    Auch katholischen und orthodoxen Christen konnten in Bosnien ungestört weiter Christen sein. Sie mussten nur eine extra Kopfsteuer bezahlen und konnten keine höheren Ämter in Bosnien übernehmen. Wer mit diesem Status nicht zufrieden war, konvertierte zum Islam. Das ist überall so üblich – siehe getaufte Juden in Deutschland des 19. Jahrhunderts.


    Die Sprache verbindet die Menschen über die religiösen und ethnischen Besonderheiten hinweg. Dem ist überall auf der Welt so, also auch in Bosnien.


    Die Türken waren nur in größeren Verwaltungszentren präsent, d.h. auf dem Land blieben die Menschen weiter unter sich: Die Herrschaft hat sich zwar geändert, aber das Leben selbst nicht. Und natürlich auch die Sprache nicht. Alles blieb beim Alten, so auch die Religion.

    Und weil die westlichen und südlichen Teilen Bosniens meistens von Rom aus christianisiert worden waren, und die östlichen meistens von Konstantinopel aus, gab es diesen einmaligen Gemisch von Religionen: In den Städten überwogen Muslime, auf dem Land entweder die katholischen oder orthodoxen Christen. Alle lebten friedlich mit- oder nebeneinander – bis zum II. Weltkrieg, und dann noch mal in Titos Jugoslawien, da allerdings nur unter Druck, weil man sich mit dem, was im II. Weltkrieg geschah, nicht auseinander setzen durfte.

    Und sobald dieser Druck nachließ, erstarkten die zentrifugalen Kräfte, jeweils unterstützt von den „geistigen“ Brüdern in Kroatien, Serbien oder islamischen Staaten. Das Ergebnis ist bekannt: Bosnien und Herzegowina - ein Staat von EU- und USA-Gnaden, den keine der 3 ethnischen Gruppen, die sich vor allem durch ihre Religion definieren, richtig will.
     
  10. Waterpolo

    Waterpolo Neues Mitglied

    In welcher Hinsicht war diese toleranter? Das Christentum gab ebenfalls Normen, Werte und gewisse religiöse Praktiken vor. Speziell die serbisch-orthodoxe Kirche, die einige Unterschiede zum Christentum oder Katholizismus vorweist.

    Wenn es wenige Chancen zum vernünftigen Leben ohne des islamischen Glaubens gab, wieso sollte die Toleranz dann deutlich besser gewesen sein, wenn das Konvertieren in die islamische Religion indirekt erzwungen wurde? Am Ende war es doch nur ein verführerisches Geben und Nehmen. Wie konnten die Osmanen den "neuen" islamischen Menschen vertrauen?
     
  11. steffen04

    steffen04 Gesperrt



    Der Koran macht einen unblutigen Umgang mit Ungläubigen ausdrücklich möglich:

    Sure 9, Vers 29:

    „Kämpft gegen diejenigen, die nicht an Gott und den jüngsten Tag glauben und nicht verbieten, was Gott und sein Gesandter verboten haben, und nicht der wahren Religion angehören – von denen, die die Schrift erhalten haben – (kämpft gegen sie), bis sie kleinlaut aus der Hand Tribut entrichten! (ḥattā yuʾtū l-ǧizyata ʿan yadin wa-hum ṣāġirūn)“


    Die Angehörigen der Buchreligionen Christen- und Judentum werden also nur solange bekämpft, bis sie sich unterwerfen und Tribute zahlen.

    Die Steuer nennt sich Dschizya. Sie wird auch heute noch erhoben, aktuell im IS.

    Eine Möglichkeit für moslemische Abweichler sich von einer wie auch immer definierten Rechtgläubigkeit durch Steuern freizukaufen ist im Koran dagegen nicht vorgesehen.
     
  12. Dion

    Dion Aktives Mitglied

    Es gab damals eben keinen Zwang zum Konvertieren – gäbe es den, Bosnien wäre nach 400 Jahren osmanischer Herrschaft voll islamisch geworden. Jedenfalls durfte im Osmanischen Reich jeder seine Religion behalten, das z.B. im Gegensatz zum damaligen Spanien – Zitat aus Wikipedia:

    [FONT=&quot]Auf das Ende der Reconquista folgte eine Verfolgung religiöser Minderheiten. Die „Katholischen Könige“ Isabella I. von Kastilien und Ferdinand II. von Aragón wollten keine Nichtkatholiken mehr in ihrem Machtbereich dulden. Moslems und Juden wurden genötigt, sich taufen zu lassen. 1478 wurde die Spanische Inquisition eingerichtet, um nur äußerlich konvertierte „Ungläubige“, die insgeheim ihren früheren Glauben praktizierten, aufzuspüren und zu bestrafen. Am 31. März 1492 erließen Isabella I. und Ferdinand II. das Alhambra-Edikt, wonach alle nicht zwangstaufwilligen der 300.000 Juden die Iberische Halbinsel zu verlassen hatten (Sephardim). 1609 ließ Philipp III. sogar die Moriscos vertreiben, Nachfahren von zum Christentum übergetretenen Mauren.[/FONT]
     
  13. hatl

    hatl Premiummitglied

    Ein paar Anmerkungen zum Thema, nicht mehr ist beabsichtigt.

    Zunächst springen Unterschiede zwischen Islam und Christentum ins Auge.
    Der Islam ist jünger und Mohammed bezieht sich auf das ältere Juden- und Christentum in dem Sinn, dass er sich als der Prophet sieht, durch den sich der Gott der Juden und Christen den Arabern endlich offenbart.
    „Muhammad meinte nicht, eine neue Religion zu gründen, sondern wollte vielmehr den Arabern, die noch nie einen Propheten hatten, den alten Glauben an einen Gott offenbaren.“ [1] Seite 16
    „Der Koran betont ausdrücklich, „In der Religion gibt es keinen Zwang“, und fordert Muslime auf, den Glauben der Juden und Christen zu achten, die der Koran als ahl al-kitab bezeichnet, was wörtlich übersetzt „Leute der Schrift“ bezeichnet aber exakter mit „Völker einer früheren Offenbarung“ übersetzt werden sollte:“ [1] Seite 23.
    Hier folgt eine Zitierung von Sure 29:46 ("Und streitet mit den Leuten der Schrift nie anders als auf eine möglichst gute Art..)

    Mohammed ist kaum hundert Jahre tot und ein Weltreich, vielleicht das größte dieser Zeit, ist entstanden.
    Wenn wir bei den Anfängen mit dieser raschen Entwicklung bleiben, dann kann man hier bereits eine Besonderheit sehen oder vermuten: „Die Christen wurden zusammen mit den Zoroastrien und Juden sogenannte Dhimmis oder geschützte Völker, deren Glaubensfreiheit durch Entrichtung der Dschiizia verbürgt war. Dies war anfänglich eine reine Kopfsteuer jedoch bald in eine Ablösezahlung für Militärdienst umgewandelt wurde“ [2] Seite 21.
    Auch stellt Runciman [2] es so dar, dass Christen zu dieser Zeit, in den frisch eroberten Gebieten der Araber, geneigt waren diese Herrschaft zu begrüßen, da diese durch diese eine größere Freiheit empfanden.
    Hier findet man auch das Milet, oder Millet: „Eine jede Sekte wurde als Milet behandelt, will sagen als eine halbautome Gemeinschaft innerhalb des Staates, eine jede unter ihrem religiösen Führer, der gegenüber der Regierung des Kalifen für ihr gutes Betragen verantwortlich war.“ (gleiche Quelle, gleiche Seite)

    Springen wir in die neueste Zeit, so bleiben diese Grundmuster erkennbar.
    Das Osmanische Reich am Vorabend des Ersten Weltkriegs ist auf dem Balkan immer noch nach dem Millet-System organisiert,
    und findet sich hier in einer alten Tradition die sich nicht mehr mit dem sehr viel neueren Nationalismus vereinbaren lässt.
    Es gibt eine weitere Parallele.
    Die islamische räumliche Expansion, auch durch das Osmanische Reich, setzte wohl die Fähigkeit voraus, glaubensübergreifen zu sein.
    In der ersten Hälfte des 19. Jhds. sind 60% der Bewohner des Osmanischen Reichs Muslime, jedoch die herrschende Ethnie selbst eine Minderheit. „At the beginning of the nineteenth century .. Muslims were an absolute majority , accountig for about 60% of the population; …
    but the Turks themselves were an absolute minority ..
    [3] Seite 27
    In der Hauptstadt Istambul beträgt 1885 der Anteil der Bevölkerung muslimischen Glaubens ca. 44%
    [4] Seite 67


    [1] Karen Armstrong: Kleine Geschichte des Islam
    [2] Steven Runciman: Geschichte der Kreuzzüge
    [3] Orlando Figes: Crimea
    [4] Sean McMeekin: Berlin-Baghdad Express
     
  14. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Was heiß hier "nur"?

    Die Kopfsteuer (Dschizya) machte die christliche Bevölkerung zu Menschen zweiter Klasse. Wer im Staat, in der Administration oder im Heer etwas werden wollte, musste zum Islam konvertieren. Es gibt nur sehr wenige Ausnahmen, wo Christen entscheidende Stellen im osmanischen Staat besetzten.

    Insofern gab es in der Regel keinen Zwang zur Konversion, aber doch einen Druck für alle, die im Gerichtssaal und im Staat die gleichen Rechte wie Muslime genießen wollten.

    Die Vertreibung der Muslime aus Spanien in der frühen Neuzeit ist in dieser radikalen Form sicher eine Ausnahme. Man muss hier den Gegensatz des muslimischen und christlichen Bevölkerungsteils in Spanien in Rechnung stellen, der über Jahrhunderte währte, und sowohl erbitterte Kämpfe als auch friedlichen Ausgleich kannte. Das führte dann zusammen mit fundamentalistischen Strömungen in der katholischen Kirche Spaniens zu den bekannten Vertreibungen.

    Weniger bekannt ist in diesem Zusammenhang das rassistische Konzept des "Limpieza de sangre" (Reinheit des Blutes), das spanische Altchristen von den konvertierten muslimischen und jüdischen "Neuchristen" abgrenzen sollte. Limpieza de sangre ? Wikipedia
    Derartige Maßnahmen oder Überlegungen waren dem Islam fremd, der ganz im Gegenteil zahlreiche Ethnien und Völker unter dem Dach des Islam zu integrieren wusste.
     
    Zuletzt bearbeitet: 6. März 2015
  15. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Für die islamische wie für die christliche Orthodoxie gilt gleichermaßen, dass ein Glaube nicht erzwungen werden kann. Wobei das in erster Linie den Beitritt zur Religion meint, weniger die Renegation.

    Den offiziellen Glaubenslehren beider Religionen zufolge, zumindest was ihre Hauptströmungen angeht, muss der Beitritt freiwillig erfolgen und die ethnische Herkunft der Gläubigen spielt keine Rolle. In der Praxis sah das oftmals anders aus. Viele der Revolten, die die islamische Geschichte erlebt hat, waren dem Umstand geschuldet, dass sich Nichtaraber als Muslime zweiter Klasse behandelt sahen.
     
  16. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Wenn ich das richtig verstanden habe, bemaß sich die Höhe der Dschizya und auch das lokale Ausmaß der Autonomität, an der Bereitschaft militärische Dienste zu leisten. Zoki hat es in einem anderen Thread einmal angesprochen.

    Ich denke, die Vertreibung/Vernichtung Andersgläubiger, bzw. religiöser Minderheiten zieht sich durch die Geschichte vieler europäischer Staaten: Angefangen von den Judenpogromen im Rheinland während der Kreuzzüge, die Katharrer, "cuius regio, eius religio", über Hugenotten und Exulanten bis hin zu religiösen Minderheiten, die ihr Glück lieber in Übersee suchten. Daher halte ich die Vertreibung der Juden und Moslems aus Spanien nicht für eine Ausnahme.
     
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  17. Zoki55

    Zoki55 Aktives Mitglied

    Stimmt in Bosnien gab es die Dschizya überhaupt nicht. Bis Mitte des 19. Jahrhundert hatten die Christen den Status als Wallachen und dann gab es im gesamten Osmanischen Reich keine Kopfsteuer.
     
  18. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    da stellt sich natürlich die Frage, ob letztere jeweils akute Gründe für diese Sichtweise hatten.
     
  19. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

    Vertreibungen Andersgläubiger hat es eigentlich in fast allen Europäischen Ländern gegeben. Die Vertreibung der Juden aus Spanien ist zwar die bekannteste weil sie auch am konsequentesten durchgeführt wurde, aber auch in Frankreich (1306 und 1394), England (1290 bis 1655), Portugal (1497), Teilen des HRR (1496 Herzogtum Österreich) und vielen Städten Italiens (Bologna 1171) gab es zu verschiedenen Zeitpunkten Erlasse und Gesetze durch die Juden zur Konversion oder Vertreibung gezwungen wurden.

    Auf Sizilien wurden unter Friedrich II. zwischen 1224 und 1239 zwischen 20.000 und 30.000 Muslime deportiert, die Reste der ehemals Islamischen Gesellschaft dort, die bereits 1091 unter christliche Herrschaft gerieten.

    Erst nach der Aufklärung wurde es in Europa mehr oder wenig normal, religiöse Minderheiten zu haben und diese nicht zu zwangsassimilieren. Die Mehrheit der Islamischen Länder hatten dagegen bis in die Neuzeit religiöse Minderheiten.
     
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  20. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Die Juden als religiöse Minderheiten stellte schon Karl der Große als Kammerknechte unter seinen Schutz und daran nielten im Prinzip auch mittelalterliche und neuzeitliche Herrscher fest. Während des 1. Kreuzzuges waren die Bischöfe von Worms und Speyer nicht dazu in der Lage, und während der Reformation empfahlen Martin Luther und Martin Bucer jüdische Gemeinden aufzulösen, Synagogen und heilige Schriften zu vernichten und die Juden "im Schweiße des Angesichts" (zwangs)arbeiten zu lassen. Philipp von Hessen" hielt sich nicht an diese Ratschläge und gestattete Juden die Ansiedlung in Hessen, die sich Schutzbriefe leisten konnten. Der Schutz der Obrigkeiten, schützte aber nicht gegen die Obrigkeiten selbst und auch die Toleranz aufgeklärter Monarchen hielt sich in Grenzen, mochte auch friedrich von Preußen jeden "nach seiner Facon selig werden lassen, Joseph II. die Protestanten und die russischen Zaren die Religion westeuropäischer Einwanderer dulden. Eine generelle Religionsfreiheit und die Gleichberechtigung aller Religionen wurde vielerorts erst Ende des 19. Jhds erreicht. Die meisten zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstandenen Nationalstaaten versuchten nicht nur ethnische, sondern auch religiöse Homogenität herzustellen, viele Moscheen wurden nach den Balkankriegen geschlossen, in Kirchen umgewandelt und es waren die schon die Balkankriege von zahlreichen ethnischen Säuberungen geprägt, die sich nach dem ersten Weltkrieg fortsetzten. Muslime aus Thrakien und Christen in Anatolien wurden in den 20er Jahren zwangsumgesiedelt. Israel hat seit den 1990ern eine hohe Anzahl von jüdischen Einwanderern und Flüchtlingen aus der Konkursmasse der Sowjetunion aufgenommen, die in den Nachfolgestaaten unter antisemitischen Repressionen litten.
     

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