Ist Africa Spanien?

Dieses Thema im Forum "Die Franken" wurde erstellt von El Quijote, 6. April 2017.

  1. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter


    Widukind von Corvey berichtet für das Jahr 973, dass Otto I. 973, wohl in Merseburg, Botschafter aus Afrika empfing:

    ...et proximum pascha loco celebri Quidilingaburg celebraturus; ubi diversarum gentium multitudo conveniens,.... Manens autem ibi decem et septem non amplius diebus, descendit inde, ascensionem Domini apud Mesburg celebraturus. […] Post susceptos ab Africa legatos eum regio honore et munere visitantes secum fecit manere.

    (...und das nächste Ostern verbrachte er an dem gefeierten Ort Quedlinburg, wo einer Menge von Leuten aus den unterschiedlichen Leuten zusammengekommen war.... Er blieb dort aber nur 17 kurze Tage und stieg dann von dort herab, Christi Himmelfahrt bei Merseburg zu feiern. Nachdem er Boten aus Africa empfangen hatte, die ihm königliche Ehre [erwiesen] und Geschenke [brachten], befahl er, dass sie bei ihm blieben.)

    Helmuth G. Walther argumentierte 1985, dass diese Gesandtschaft nicht aus Afrika kam – meist wird angenommen, dass sie vom Gründer Kairos, dem Fāṭimiden-Kalifen al-Muʿizz kamen – sondern aus Córdoba. Spanien kommt als geographischer Begriff bei Widukind nur einmal vor, nämlich im ersten Buch, wo es um die Grenzen des karolingischen Reiches, einschließlich der Marca Hispanica geht:

    Huic erant fratres Karolus et Hluthowicus. Karolo Aequitaniae et Wascanorum cessere regiones, terminum habens
    ab occidente Barcillonam Hispaniae urbem, ab aquilone Brittannicum mare et ad meridiem iuga Alpium, ad orientem vero Masam fluvium.

    Theoretisch könnte Walther also Recht haben, nämlich das Widukind entweder nicht so genau wusste, wo die Gesandtschaft herkam bzw. dass er das maurische Spanien und das christliche Spanien unterschied in Africa und Hispania. Eines seiner Argumente ist, dass Raoul/Rodolfus Glaber Afrika und Andalusien* ständig verwechselt, die afrikanischen Fāṭiimiden versetzt er nach Andalusien, andalusische Piraten und andalusisch-nordspanische Konflikte macht er zu afrikanisch-nordspanischen Konflikten.

    Was meint ihr?

    *gemeint ist immer al-Andalus, nicht die heutige Autonomie Andalucía
     
    Zuletzt bearbeitet: 6. April 2017
  2. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Daraus, dass ein anderer Autor etwas verwechselt, kann man nicht auf Widukind schließen. Wer in der Geometrie aufgepasst hatte, zu der damals die Geographie gehörte, wusste, dass mit Europa und Afrika Kontinente gemeint waren und Spanien in Europa lag. Die Annahme einer Verwechslung bei Widukind erscheint mir als zu künstlich.
     
  3. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter


    Nun... wusste Widukind, dass das Kalifat von Córdoba auf der iberischen Halbinsel lag? Dass das ein Teil Europas war? War Africa vielleicht ein pars pro toto für die islamische Welt aus der Sicht des ostwestfälischen Hillbillys?
     
  4. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    E war kein Hillbilly, sondern ein hoher Adliger, der sein Leben in Bildungszentren verbrachte, von denen damals übrigens gleich mehrere in Ostwestfalen lagen.

    Aus seinen Schriften ergibt sich kein Defizit. Er benennt ja auch ganz korrekt Barcelona als Grenze im Westen und als spanische Stadt. Wir haben also keinerlei Hinweis, dass der auch sonst mit geographischen Angaben eher sparsame Widukind die Gesandtschaft falsch zuordnete.
     
  5. Gangflow

    Gangflow Aktives Mitglied

    Nach Wikipedia waren die Spanier zu Ostern in Quedlinburg:

    Das Osterfest am 23. März 973 in Quedlinburg zeigte den Kaiser auf dem Höhepunkt seiner Macht und die europäische Dimension seiner Herrschaft. In Quedlinburg empfing er Gesandte aus Dänemark, Polen und Ungarn, aber auch aus Byzanz, Unteritalien und Rom, ja selbst aus Spanien. Für die Bitttage und Christi Himmelfahrt gelangte Otto über Merseburg nach Pfalz Memleben.

    RI II,1 n. 567a, Otto I., 973 mai 1, Mersiburg : Regesta Imperii

    Empfang einer Gesandtschaft aus Afrika. Widukind III, 75, entweder der Fatimiden (Dümmler Otto I. 509), vielleicht aber des chalifen von Cordova (vgl. no 190b), da der spanische Jude Ibrahîm-ibn-Jacub berichtet, dass er in Merseburg Otto I. sprach (c. 7) und ebenda bulgarische Gesandte traf (Geschichtschr. der deutschen Vorzeit X. Jahrh., 6 2, 142 c. 9); er (ib. p. XV) und der Spanier Tartûšî (G. Jacob Ein spanischer Berichterstatter aus dem 10. Jahrh. p. 10) dürften Mitglieder dieser Gesandtschaft gewesen sein.

    Wenn der Jude Ibrahîm-ibn-Jacub an Himmelfahrt (1.5.973) Otto I. in Merseburg sprach, muß die Gesandtschaft ihn von Merseburg nach Memleben begleitet haben. Man war da sicher 4-5 Tage unterwegs und Otto I. starb kurz darauf am 7.5.973 in Memleben.
     
  6. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Vielleicht gab es noch einen anderen, nicht geografischen Europa-Begriff des Frühmittelalters. Der einzige Hinweis darauf ist "Pater Europae", ein Beiname Karls des Großen. (Es wäre allerdings zu prüfen, welche Relevanz das geflügelte Wort aus dem Paderborner Epos im Frühmittelalter wirklich hatte.)

    Das karolingische Europa besteht nur aus Gallien, Germanien und Italien - mehr nicht. Und wenn das heidnische Spanien nicht Europa (synonym "christliches Abendland") sein kann, muss es vielleicht Afrika werden.
     
  7. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Auf der anderen Seite war natürlich Isidor von Sevilla mit seinen Etymologien der nach der Bibel verbreitetste Autor im mittelalterlichen Europa. Auf ihn gehen die TO-Karten zurück, also die Mappamundi des MAs.
     

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