Kalter Krieg und nukleare Strategie

Dieses Thema im Forum "Blockbildung und Kalter Krieg" wurde erstellt von hatl, 2. Februar 2016.



  1. Matze007

    Matze007 Aktives Mitglied

    Der Raum, den die ICBMs aber durchqueren ist begrenzt auf praktikable Flugbahnen, das macht die ballistischen Raketen ja zu solchen. Und sie lassen sich sehr gut mit Radar erfassen. Hält man obendrein mit einen eigenen Nuklearsprengkopf drauf, sind die Chancen recht gut ein gehärtetes Ziel verteidigen zu können.
    Aber Du hast durchaus recht, natürlich sind ballistische Raketen eine harte Nuss, erkennbar daran dass China Methoden erprobt um mit konventionellen ballistischen Raketen Ziele wie US-Träger ausschalten zu können. Die Abwehr gegen andere Anti-Schiffs-Raketen (Marschflugkörper) ist sehr stark geworden.
     
    1 Person gefällt das.
  2. hatl

    hatl Premiummitglied

    Ich würd mal sagen, das relativiert nicht das Verhältnis der Raumgröße grundsätzlich, da die gleiche Einschränkung auch für Bomberflotten gilt. Auch die haben nur wenige praktikable Flugbahnen.

    Sie sind aber nicht, im Gegensatz zur ICBM, an mathematisch exakte Bahnen gebunden. Man könnte also sagen, dass die sieben Zehnerpotenzen der verlgeichbaren Raumgröße übertrieben sind und ich kann Deiner Argumentation folgen.
    Aber ein paar Zehnerpotenzen mehr sind es auch dann.
    Führt man sich vor Augen, dass ein Flugzeug einen Start- und Landeplatz mit großer Struktur benötigt, während eine Rakete eine solche Einschränkung nicht kennt, ja sogar von einem Uboot abgefeuert werden kann, dann vergrößern sich die Räume wieder in mathematischen Potenzen.

    Daher meinte ich auch vorher: Ich denke man kann sich das überhaupt nicht vorstellen ohne in (Zehner-) Potenzen zu denken. (was sich in mehreren Aspekten ausdrückt)
    Sozusagen in logarithmischen Skalen und nicht mehr in linearen.
    Das stellt mE einen wirklich neuen Aspekt der jüngsten Geschichte in das Zentrum der Geschehnisse.

    Grüße hatl
     
  3. Matze007

    Matze007 Aktives Mitglied

    Auf jeden Fall gilt: Der Aufwand zur Abwehr von ICBMs ist ungleich viel höher als der, welche ins Ziel zu bringen. Die enorme Geschwindigkeit der Raketen und die relativ preiswerte Realisierung von Gegenmaßnahmen (Täuschkörper) machen eine erfolgreiche Abwehr eines groß angelegten Angriffs bis auf Weiteres unkalkulierbar bis utopisch.

    Eine der möglichen Schlussolgerungen angesichts der immer noch getätigten Investitionen und dem Ausstieg aus dem ABM-Vertrag ist aber gerade deshalb beunruhigend:
    Eine Abwehr, die nur noch mit dem nach einem Erstschlag verbleibenden Restpotential des Gegners klar kommen kann (und soll) ist natürlich Bestandteil eines Angriffsszenarios.

    Möglicherweise handelt es sich dabei um die Fortsetzung der Reagan-Politik mit dem Ziel, die Rivalen nervös zu machen und ihnen ein Wettrüsten aufzuzwingen. Vielleicht denken Militärs da aber auch einfacher und sagen sich "so oder so, nice to have, und bevor die anderen uns zuvor kommen...".

    Innenpolitisch fehlt bei solchen Waffensystemen das kritische Korrektiv, da man den Leuten schlecht verkaufen kann dass ihre Sicherheit davon abhängt dass sie angreifbar bleiben.
     
  4. steffen04

    steffen04 Gesperrt

  5. Matze007

    Matze007 Aktives Mitglied

    Die hatten Modellhäuser mit allem drum und dran aufgebaut - gut möglich, dass das Bild Schaufensterpuppen zeigt.


    Was anderes:
    Der russisch-chinesische Konflikt 1969 eskalierte nach Ansicht dieses Autors aus einem einfachen Grund nicht.
    https://warisboring.com/the-soviet-...started-world-war-iii-2f83f275426c#.808ovj4dw

    Das chinesische nukleare Arsenal stellte aufgrund unzureichender Trägersysteme zu dieser Zeit noch keine Bedrohung für die Sowjets dar. Dennoch hatte der Konflikt in dieser Dreierkonstellation etwas von einem mexikanischen Duell.
     
  6. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Von Bruce Blair wird das Verfahren erklärt, wie der US-Präsident im Fall eines atomaren Konflikts agiert. In der Vergangeheit während des "Kalten Krieges" was das Verfahren nicht grundsätzlich anders.

    Ganz interessant ist die Darstellung des Vorgangs der Freigabe von A-Waffen, jenseits von seinen anderen politischen Einschätzungen.

    Man sollte es gelesen haben, um zu wissen, was Eskalationen zukünftig bedeuten können.

    Zur Entscheidungskompetenz sagt Blair unter anderem:
    "Es gibt niemanden, der seine Entscheidung verhindern kann. Niemanden, der ein Veto einlegen kann. Übrigens auch nicht der Verteidigungsminister, wie manche glauben"

    Es stellt sich mehr denn je die Frage, ob eine einzelne Person über den Einsatz entscheiden darf. Bedauerlicherweise gab es nie eine weltweite Diskussion über das Entscheidungsmonopol beispielsweise in den USA, wobei in Russland respektive der UdSSR es nicht grundsätzlich anders geregelt sein dürfte.

    Donald Trump: Das Problem mit den Nuklear-Codes - SPIEGEL ONLINE
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. Januar 2017
  7. hatl

    hatl Premiummitglied

    China hat nie ein vergleichbar großes Nuklearpotential aufgebaut wie die zwei nuklearen Hauptgegenspieler.
    Noch heute liegt es m.W. unter Frankreich.
    China hat sich die Bombe verschafft und nur wenige davon gebaut.
     
  8. Matze007

    Matze007 Aktives Mitglied

    Das ist eine andere Geschichte.
    100 ICBMs machen unangreifbar, auch wenn der andere 5000 hat.
    Wenn man aber seine Sprengköpfe überhaupt nicht ins Ziel bringen kann, nützen sie nichts. Das war die Ausgangslage des o.g. Konfikts.
     
  9. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Weder den War Scare in Peking noch die offene Kampagne der Volksarmee noch die mit Kalkül lancierten "Anfragen" Moskaus in Washington gibt Aufschluss über die Einschätzung und den Eskalationsplan in Moskau.

    Belege gibt es für die harte, aber begrenzte konventionelle sowjetische Reaktion auf die Grenzkonflikte.
     
  10. Matze007

    Matze007 Aktives Mitglied

    Gibt es eigentlich eine Erklärung für das ebenso gewaltige wie teure Arsenal ICBMs, welches dagegen die SU und die USA angeschafft haben ? Die Stückzahlen erscheinen mir absurd hoch. Einer von beiden hätte sich ja, wie China, zurückhalten und das Geld anderweitig investieren können.
     
  11. hatl

    hatl Premiummitglied

    Gute Frage.
    Ich hab die Erklärung noch nicht gefunden.

    Grüße hatl
     
  12. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Die Antwort ist wohl relativ komplex und liegt in der Art und der Dynamik des Wettrüstens begründet.

    1. Den Beginn und die Dynamik in das atomare Wettrüsten einzusteigen in den 60er Jahren
    2. Die erste Hochphase des nuklearen Rüstung in den 70er Jahren
    3. Die zweite Hochphase der nuklearen Rüstung in den 80 Jahren.

    Und es sind 4 Aspekte, die eine Rolle spielen:
    - die Vorstellungen von einer ausreichenden Erstschlagskapazität und die Fähigkeit einer gesicherten Zweitschlagkapazität
    - die technische Entwicklung der Trägersysteme und der der Sprengköpfe
    - die Dynamik zwischen den außenpolitischen Ambitionen und der Annahme, dass sich nukleare Potentiale in eine Hegemonie "ummünzen" lassen
    - die Eigendynamik der jeweiligen militärisch-industriellen Komplexe in Ost und West und ihr "Statusdenken" nach innen (Rivalität der Waffengattungen) und nach Außen als Repräsentant einer Weltmacht. Nicht zuletzt natürlich auch wirtschaftliche Interessen.

    Mit der Ausweitung des Konflikts zwischen der USA und der UdSSR in den 50er Jahren ging die Notwendigkeit für die USA einher im Rahmen der "Massiven Vergeltung" ein ausreichendes Drohpotential gegenüber einem konventionellen / atomaren Angriff durch den WP aufzubauen.

    Ein paar Thesen dazu. Dieses quantitative und qualitative Probleme, eine ausreichende Anzahl an Zielen in der UdSSR zu zerstören und eine entsprechende gesicherte "Eindringtiefe" für die Waffenträger zu besitzen, wurde zunächst in den USA dem "SAC" übertragen. Und der wesentliche Träge für A-Waffen war zunächst das Flugzeug. Ähnliches gilt für die UdSSR.

    Der Übergang vom Flugzeug auf die Rakete erhöhte zunächst die Wahrscheinlichkeit der "gesicherten Eindringtiefe", aber da die ersten ICBM lediglich mit einem Sprengkopf ausgerüstet waren, ergab es sich, entsprechend der Zielplanung die notwendige Anzahl an ICBM bereitzustellen.

    Aus dieser Phase resultierte ein m.E. das – konservative - Denken in der Zielplanung, das noch den Vorstellungen des Bombenkriegs des WW2 verhaftet war. Und suggerierte, dass durch einen Atomkrieg ein rationales Ziel zu erreichen sei. Eine Fiktion, die die aktuelle Zielplanung der USA – vgl. Link zum Spiegelinterview – noch immer nicht aufgegeben hat und ähnlichen politischen Unsinn bzw. Irrsinn wird man wohl auch für Russland annehmen dürfen.

    In der zweiten Phase, der zunehmenden Nutzung von MIRV-Technologie für die ICBM konnte die Anzahl der potentiellen Ziele deutlich erhöht werden, weil man aufgrund der nicht vorhandenen Bereitschaft, die MAD aufzugeben, eine sinnfreie Erhöhung der zur Verfügung stehenden Kapazität Ziele atomar zu zerstören, im optimalen Fall. Falls nicht durch einen erfolgreichen Erstschlag ein Großteil der verbunkerten ICBM zerstört worden wäre. Und dann das Potential der atomaren U-Boote und ihrer SLBM herangezogen hätte werden müssen, um MAD durchzuführen.

    In der dritten Phase, mit der technischen Innovation von „MARV“ und der Drohung durch „SDI“ blieb für die UdSSR der Zwang erhalten, die Anzahl der Atomwaffen und der darin enthaltenen „MARV“s möglichst hoch zu halten, um der Gefahr einer erfolgreichen Abwehr eines „Erstschlags“ oder eines „Zweitschlags“ entgegen zu wirken.

    Insofern war bis in die achtziger Jahre der Rüstungswettlauf zwischen der „Angriffstechnologie“ und der „Abwehrtechnologie“ ein massiver Treiber, allerdings vor dem Hintergrund einer antiquierten militärischen Zielplanung.

    In den 70 Jahren kam aus der Sicht der UdSSR die außenpolitische Vorstellung zum Tragen, auf der Basis der nuklearen Überlegenheit in Europa eine Form der „friedlichen Hegemonie“ beanspruchen zu können. Diese Überlegungen waren in die Verhandlungen der „KSZE“ bzw. der „MBFR“ eingebettet. (vgl. z.B. 2)

    Es zeigte sich jedoch, dass die simplen Zeiten der „Kanonenboot-Diplomatie“ vorbei waren und beispielsweise ein Brandt oder ein Palme unterliefen das klassische Denken in militärischen Großmachtkategorien und das entwertete beispielsweise für die UdSSR die Möglichkeit einer „plumpen“ militärischen Drohung, sei sie konventioneller oder atomarer Natur, in Richtung West-Europa.

    Parallel hatte diese Veränderung bei Nixon zu der Schlußfolgerung geführt, dass die geostrategischen Konflikte, auch die ideologischen divergierenden Sichten, der Supermächte auf die nicht-atomare Ebene verschoben wurden und die Seite langsame geostrategische Positionsgewinne verbuchen kann, deren Potentiale breiter ausgelegt sind für die Konfrontation (1, S. 750).

    Diese Entwicklung führte dazu, dass Europa im Rahmen der Nachrüstungsdebatte „Entkoppelt“ wurde, indem das atomare Bedrohungspotential diversifiziert wurde und gleichzeitig setzte sich der Trend fort und tritt als ein konsequentes „Downsizing“ von A-Waffen in Erscheinung. Bis hin zur Vorstellung, man könne mit A-Waffen „gezielt“, im konventionellen und taktischen Sinne, Ziele auf dem Gefechtsfeld bzw. Führungsstrukturen angreifen.

    Gleichzeitig bleibt auf der obersten Ebene ein relatives Patt bestehen, da beide Seiten als Ultima Ratio ihre politischen Optionen durch den finalen Overkill ad absurdum führen wollen.

    Die Frage, warum sich die atomaren Potentiale auf einem absurdem Niveau bewegen, verweist dann wohl auf die Immunität von sicherheitspolitischen Vorstellungen, die sich einem rationalen politischen Diskurs entziehen. Es würde wohl einer weltweiten Friedenbewegung bedürfen, ähnlich wie die der „Nachrüstungsdebatte“, um die atomaren Potentiale auf ein rationales Niveau zu reduzieren. Sprich, sie komplett weltweit zu ächten und dann zu vernichten.

    1.Kissinger, Henry (1994): Diplomacy. New York: Simon & Schuster.
    2.Wettig, Gerhard (1975): Frieden und Sicherheit in Europa. Probleme der KSZE und der MBFR. Stuttgart: Seewald.
     
    Zuletzt bearbeitet: 24. Januar 2017
  13. hatl

    hatl Premiummitglied

    thane, zunächst nur kurz,
    ich würde sagen das ist die russische Kurve.
    Die amerikanische ist zehn Jahre zeitversetzt voraus.
    http://blog.nuclearsecrecy.com/wp-content/uploads/2016/05/Total-US-stockpile-megatonnage.jpg (Wellerstein)
    Es ist ja verblüffend, dass die US "Megatonage" ihren Höchststand bereits in den 50ern erreicht.
    Während der Kuba-Krise war das US-Potential gigantisch im Vergleich zu dem der SU.

    Die Megatonage selber zeigt indes nur einen Teil des Spiels, der andere Aspekt ist die Zahl der "warheads". Auch hier ist der Zeitversatz bemerkenswert.
     
  14. hatl

    hatl Premiummitglied

    Danke Thane für Deine sehr lesenswerte und zutreffende Zusammenfassung.
    Aber schlau bin ich noch nicht geworden.

    Nun hatte das große China sicher auch sicherheitspolitische Vorstellung, nahm aber wenig teil. Es blieb eine Mini-Atommacht.
    Denn die Fähigkeit mit einem Schlag 30 Großstädte des Gegners zu vernichten, sollte doch in den allermeisten Fällen außenpolitischer Konflikte genügen um denselben abzuschrecken.
    Und wie Du sagst, eine andere Auffassung ist ja absurd.
    Churchill nennt benennt die Folgen einer nuklearen Hochrüstung bereits in der ersten Hälfte der 50er ein „Wackeln der Trümmer“..

    Zur Dynamik des Wettrüstens ein Gedanke:
    Die USA erreichen bereits in den 50ern das Maximum der Sprengkraft. Das ist ganz erstaunlich.
    Denn 20 Gigatonnen TNT-Äquivalent sind mehr als eine Million Hiroshimas bezogen auf die Energiefreisetzung.
    Wird diese von nur einem Punkt (geometrischem Zentrum) aus, zu Wirkung gebracht, dann wächst die damit einhergehende Zerstörung nicht linear, sondern stark nachlassend.
    The Energy from a Nuclear Weapon | Effects of Nuclear Weapons | atomicarchive.com

    Daher ist die Zahl der nuklearen Sprengköpfe ein anderer wichtiger Index. Auch hier ist die SU stark zeitversetzt. http://climate.envsci.rutgers.edu/pdf/WiresClimateChangeNW.pdf (Figure2) ....und schließlich richtig stark dabei.
    Insofern würde ich eine „Dynamik des Wettrüstens“ in dem Sinne relativieren wollen, als eine der beiden Mächte weit voraus eilte.
    Aber gut, was sind schon 10 oder 20 Jahre, in einer sich verdichtenden Zeit.
     
  15. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Die Größe der Sprengköpfe wurde doch durch zwei Aspekte determiniert:

    1. Im Rahmen der massiven Vergeltung waren ganze Landstriche bzw. Großstädte zu vernichten, damit die Drohung ausreichend realistisch war.

    Dieses gilt natürlich in hohem Maße für die Phase der luftgestützten strategischen Vergeltung. Nicht zuletzt weil unklar war, wie groß die Verlustquote an strategischen Bombers sein würde.

    2. Wichtiger ist der Zusammenhang zwischen der geringen Treffergenauigkeit von luft und raketengestützten A-Waffen. Die einsetzende Verbunkerung erzwang eine ausreichende Sicherheit, dass nach einem atomaren Erstschlag auch die entsprechenden Bunker für Flugzeuge bzw. für die ICBM zerstört werden.

    3. Mit zunehmender Präzision reduziert sich das Gewicht der A-Sprengköpfe, da mit einer geringeren Abweichung das Ziel bzw. Silo getroffen werden kann.

    Die "Figure 2" ist m.E. irreführend, da sie taktische und strategische A-Waffen nicht klar trennt und so zu irreführenden Ergebnissen für diese Betrachtung führt.

    Im SIPRI-Yearbook 1975 (S. 423) werden die Zahlen für "Nuclear Warheads on US and Soviet missiles and bombers für 1972 und 1974 benannt.

    Die USA verfügen in 72 über 6550 und in 74 über 7998 A-Sprengköpfe für strategische Waffen. Die Zahlen für die UdSSR liegen bei 2251 bzw. 2563.

    Insofern war der Wettlauf bzw. das Wettrüsten bei A-Waffen sehr einseitig und die UdSSR hatte außer bei der Größe der Sprengköpfe wenig Vorteile.

    China kann man aus einer Reihe von Gründen außen vor lassen, u.a. aufgrund der mangelnden technischen und finanziellen Möglichkeiten und da es zumindest in der Anfangsphase des KK noch durch die UdSSR geschützt wurde.
     
  16. hatl

    hatl Premiummitglied

    thane,

    ich würde nicht sagen, dass Figure 2 irreführend ist, sondern der Interpretation bedarf, wie andere Zahlenverhältnisse auch. :winke:
    Aber ich denk, ich versteh schon was Du meinst.

    Was die Determinierung der Größe der Sprengköpfe (wenn man mit der "Größe" die Sprengkraft meint) angeht, gibt es noch einen weiteren interessanten Aspekt:
    Den der Physik. Und der ist unausweichlich.
    Nur kurz, wie ich es versteh und hoffentlich nicht damit langweile:

    Die Energieentladung einer (Atom)Bombe breitet sich im dreidimensionalen Raum aus, die damit einhergehende Zerstörung hingegen auf der zweidimensionalen Fläche.
    Die bewirkte Zerstörung ist demnach (nur!) proportional zu Sprengkraft hoch 2/3.
    Nennen wir das mal eine technische Kenngröße. (EMT)
    Als Zahlenbeispiel Zar-Bombe und nukleare Artillerie:
    Die Zar-Bombe hat eine Sprengkraft von 50 Mt, unsere große Kanone ca. 20 kt pro Geschoss.
    Daraus ergibt sich ein Verhältnis der Sprengkraft von 2500:1.
    Die Zerstörungskraft der Zar-Bombe ist aber nicht um das 2500-fache höher, sondern nur um das 185-fache. Das sind 185 Schuss.
    Und so eine klassische 2Mt Wasserstoffbombe gibt auch nur 22 Hiroschima-Bomben her, obwohl sie hundertmal so stark ist.

    Das verkompliziert die Zahlenvergleiche zusätzlich, vergrößert aber den Einfluss der kleineren „warheads“ erheblich.
    (Ich muss auch sagen, dass ich den bisher unterschätzt habe.)
     
    1 Person gefällt das.
  17. Solwac

    Solwac Aktives Mitglied

    Die reine Zerstörungskraft einer Bombe gibt nur eine Teilantwort bei der Frage der Größe der Arsenals. Denn die großen Bomben sollten auch Bunker sprengen können um die Ziele auszuschalten.

    Wenn eine abschreckende Zweitschlagfähigkeit erreicht werden soll, dann braucht es aberwitzige Überkapazitäten, denn rein rechnerisch fällt ein sehr großer Teil der eigenen Waffen dem Erstschlag zum Opfer. Die Bestimmung dieses Faktor ist an viele annahmen gekoppelt und um sicher zu gehen braucht es mehr Bomben. Die Angst vor einem "zu wenig" wurde gut vermittelt und deshalb haben USA und UdSSR sich ein Wettrüsten geliefert.

    China war nie Teil dieses Wettrennens und konnte daher mit der Abschreckung überhaupt Kernwaffen zu haben schon einen ausreichenden Machtzuwachs feiern.
     
    1 Person gefällt das.
  18. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Das verweist auf die generelle Haltung gegenüber Krieg und der Nutzung der Mittel um 1945. Am Ende des WW2 war die vorherrschende Meinung bei den west-Alliierten - verinfacht - durch folgende Vorstellungen geprägt:
    - Eine machiavellistische, bei der das „gerechte“ und „gute“ Ziel den Einsatz aller Waffen rechtfertigte, zumal dadurch amerikanische bzw. britische Leben geschützt werden (es gab noch eine gemeinsame strategische Planung)

    - Eine ambivalente Haltung, die in der atomaren Bombardierung einerseits keine neue moralische Qualität sahen, die den Einsatz verbietet. Und gleichzeitig der Respekt vor den Toten (Frauen und Kinder etc.) des Abwurfs der A-Waffen vorhanden war, der eine weitere Bombardierung als nicht wünschenswert erscheinen ließe. Diese ambivalente Sicht drückt sich auch in den unterschiedlichen Äußerungen von Truman aus, der entweder den Einsatz verteidigte oder vor einer Steigerung des Einsatzes von A-Waffen warnte (was auch pragmatisch war, da es keine mehr gab) (Curatola, Pos. 262)

    - Der Krieg war vorüber und man wollte schnellstmöglichst Demobilisieren und die Gesellschaft auf die friedliche Produktion umstellen und mußte und wollte die Streitkräfte reduzieren und dennoch die Expansion der UdSSR eindämmen

    Ausgehend von den Überlegungen von Churchill zur Dominanz der strategischen Lufkriegsführung gingen die US-Planer des A-Waffenkrieges von einem kurzen – 2 bis 3 Monate – Krieg aus, der im wesentlichen mit ca. 300 Langstreckenbombern geführt werden würde (Curatola, Pos. 361). Man ging dabei von einem „first-strike“ aus, der auf die präventive Nutzung von A-Waffen abzielte. Die Zielplanung orientierte sich dabei an den konventionellen Planungen des Bombenkriegs aus dem 2. WW und A-Waffen wurde als größe Bomben verstanden.

    Dabei betonen beispielsweise Borgiasz, Borowski und neu auch Curatola, dass die politischen und militärischen Ziele mit den realen Möglichkeiten des SAC nicht übereinstimmten und lange Zeit als „Bluff“ bzw. „hollow threat“ anzusehen war, und dieses Gap zwischen Anspruch und Wirklichkeit wurde erst langsam Anfang der fünfziger Jahre ansatzweise geschlossen.

    Die Situation wandelte sich in anderer Hinsicht jedoch vom Kriegsende bis zum Ende der fünfziger Jahre drastisch. Die enormen Zuwächse im BSP der industriealisierten Staaten stärkten die jeweiligen Nationalstaaten. Mit der Zunahme der Bevölkerung und dem Ausbau der industriellen Kapazität veränderte sich auch die Zielplanung, da eine glaubwürdige Abschreckung auch ein entsprechendes glaubwürdiges Vernichtungspotential in der Zielplanung berücksichtigen mußte.

    Die Vorstellung eines „Killing a nation“ durch einen präventiven A-Waffenkrieg , das Ende der 40er Jahre die strategischen Ideen des SAC dominierte, mußte an diese veränderte Struktur der industriealisierten Länder, wie der UdSSR, angepaßt werden. So schrieben Kaku und Axelrod: „The number of Soviet Targets to be destroyed grew from 20 cities in December 1945 to 200 cities in 1949 and to 3261 total targets in 1957.“ (Kaku & Axelrod, S. VI)

    Es gab dabei eine hohe Zustimmung in der US-Bevölkerung, wie Trachtenberg (1990) es anhand von Umfragewerten deutlich macht. Das Führen eines Krieges mit A-Waffen wurde von mehr als zwei Drittel der Bevölkerung als notwendig erachtet, um die Position der USA zu sichern und eine weitere Expansion der UdSSR einzudämmen.

    Die Entwicklung der H-Waffen änderte die Einschätzung der Führbarkeit von atomaren Kriegen und Brodie, den Trachtenberg zitiert als Kronzeugen (1991, S. 261) schlußfolgert: „Strategy hits a Dead End“.

    Und langsam änderte sich auch die Sicht auf die Führbarkeit der Kriege in der US-Öffentlichkeit und die Eigendynamik der Eskalationsspirale zwischen der Fähigkeit zum Erschlag und der Verhinderung des Zweitschlags und der gesicherten Zweitschlagskapazität entkoppelte sich von der Zustimmung der öffentlichen Meinung zunehmend.

    In der Zwischenzeit gab es mehr als genug kritische Stimmen in den USA und in Europa, die wie Mills, den Autoren bei Lindemann oder den wichtigen Studien von C.F.v.Weizsäcker und Afheldt, die Absurdität eines Krieges mit A-Waffen und noch stärker mit H-Waffen hervorgehoben haben.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Horst_Afheldt

    Das Anwachsen der Größe der Sprengköpfe, der Rüstungswettlauf im Rahmen des „Missile-Gaps“, die immer höhere Trefferpräzision der Sprengköpfe und die Diversifizierung der Struktur A-Waffenträger (Langstreckenbomber, ICBM, CM, SLBM etc.) führten im Rahmen von SALT UND Start zu ähnlichen nuklearen Streitkräften in den USA und der UdSSR (vgl. z.B. Lübkemeier) .

    Diese Angleichung war unter der Perspektive des „defensiven Realisten“ eine begrüßenswerte Stabilisierung von MAD auf höher Ebene. Andererseits sorgten die Ideen der Realisierung von preemtive-Phantasien durch die Idelogie der“offensiven Realisten“ für die Destabilisierung auf den unterschiedlichen Ebenen der Rüstungsspirale, wie beispielsweise durch SDI bzw. durch die Entkoppelung von Europa im Rahmen der Einführung von Mittelstreckenraketen.

    Ich wollte mit dieser Darstellung noch die Periodisierung aus einem der vorherigen Beiträge untermauern und darstellen wie die Zielplanung der USA aus der „Not“ der Demobilisierung geboren wurde und im Rahmen der Eigendynamik eines präventiven Erstschlags und der gesicherten Zweitschlagkapazität die Zahl der A-Waffen hat ansteigen lassen.

    Wichtige Datenbanken zur strategischen Rüstung bzw. Institute
    Institute for Defence and Disarmament Studies
    Institute for Defense & Disarmament Studies

    Stockholm International Peace Institute (SIPRI)
    https://www.sipri.org/

    Die „Kriegsplanungen“ für den atomaren Krieg bis 1955
    Eine kurze Übersicht von Ross auch zum erweiterten 15. bändigen Werk

    https://books.google.de/books?id=SeeNAQAAQBAJ&printsec=frontcover&hl=de&source=gbs_ge_summary_r&cad=0#v=onepage&q&f=false

    US- Kriegsplanungen: 1945 bis ca 1950 /
    - Pincher
    - Broiler
    - Halfmoon
    - Offtackle

    Beitrag von Gentile: „ Planning for Preventive War, 1945–1950“ 1. Plan „Pincher“)
    http://www.comw.org/qdr/fulltext/00gentile.pdf

    Weiterführung in „Operation dropshot“: US-Kriegsplanung gegen die UdSSR ca. 1957

    https://en.wikipedia.org/wiki/Operation_Dropshot http://www.allworldwars.com/Dropshot%20-%20American%20Plan%20for%20War%20with%20the%20Soviet%20Union%201957.html#RelativeCombatPower

    Pläne des Pentagon zur Kriegsführung
    https://books.google.de/books?id=yOP2v_vy2GIC&printsec=frontcover&hl=de&source=gbs_ge_summary_r&cad=0#v=onepage&q&f=false


    Literatur:
    Borgiasz, William S. (1996): The Strategic Air Command. Evolution and consolidation of nuclear forces, 1945-1955. Westport, Conn.: Praeger.
    Borowski, Harry R. (1982): A hollow threat. Strategic air power and containment before Korea. Westport, Conn.: Greenwood Press
    Brodie, Bernard (1955): Stratgy hits a dead end. Harper`s Magazin, (October 1955), S. 33-37
    Curatola, John M. (2016): Bigger bombs for a brighter tomorrow. The Strategic Air Command and American war plans at the dawn of the atomic age, 1945-1950. Jefferson, North Carolina: McFarland & Company, Inc., Publishers.
    Jacobsen, Carl G. (Hg.) (1990): Strategic power. USA/USSR. [1st publ.]. Basingstoke, London: Macmillan.
    Kaku, Michio; Axelrod, Daniel (1987): To win a nuclear war. The Pentagon's secret war plans. Montréal: Black Rose Books.
    Lindemann, Helmut (Hg.) (1965): Ist der Krieg noch zu retten? Eine Anthologie militärpolitischer Meinungen. Idee und Bilanz Golo Mann. Frankfurt am Main: Fischer Bücherei.
    Lübkemeier, Eckhard (2000): Nukleare Rüstung und Rüstungskontrolle. In: Wichard Woyke (Hg.): Handwörterbuch Internationale Politik. 8., aktualisierte Aufl., Lizenzausg. Bonn: Bundeszentrale für Politische Bildung, S. 347–354.
    Mills, C.Wright (1963): Politik ohne Verantwortung. Eine Analyse. München: Kindler.
    Ross, Steven T. (1996): American war plans, 1945-1950. London, Portland, Or.: Frank Cass.
    Ross, Steven T.; Rosenberg, David Alan (1989): America's plans for war against the Soviet Union, 1945-1950. A 15-volume set, reproducing in facsimile 98 plans and studies created by the Joint Chiefs of Staff. 15 Bände. New York: Garland Publishing Inc (America's plans for war against the Soviet Union, 1945-1950).
    Trachtenberg, Mark (1990): American Thinking on Nuclear War. In: Carl G. Jacobsen (Hg.): Strategic power. USA/USSR. [1st publ.]. Basingstoke, London: Macmillan, S. 355–369.
    Trachtenberg, Marc (1991): History and strategy. Princeton, NJ: Princeton Univ. Press (Princeton studies in international history and politics).
    Weizsäcker, Carl Friedrich von (1981): Der bedrohte Friede. Politische Aufsätze 1945-1981. München, Wien: Carl Hanser Verlag.

    Siehe auch hier
    http://www.geschichtsforum.de/f71/kalter-krieg-37389/#post567477
     
    Zuletzt bearbeitet: 6. Februar 2017
  19. hatl

    hatl Premiummitglied

    Und auch auf einen, vergleichsweise zum technischen Fortschritt, zeitlich trägeren Übergang der allgemeinen Wahrnehmung.
     
  20. Matze007

    Matze007 Aktives Mitglied

    Wie wirkte sich denn die erste sowjetische A-Bombe auf die US-amerikanische Sicht aus ? Wie überraschend kam das ?
     

Diese Seite empfehlen