Osiris-Mythos

Dieses Thema im Forum "Das Alte Ägypten" wurde erstellt von lilolung, 24. Februar 2015.

  1. lilolung

    lilolung Mitglied


    liebe alle :winke:

    ich befasse mich derzeit mit dem osiris-mythos, bin jedoch etwas verwirrt und hoffe auf hilfe :weinen:

    soweit ich das verstehe:

    - Der Gott Osiris war König von Ägypten
    - Nach seinem gewaltsamen Tod durch seinen Bruder Seth kam laut assmann der tod in die welt und konfrontiert die götter mit einem großen problem? welches denn?
    - er kommt in die unterwelt und musste sich der seelenwägung unterziehen
    - Er wurde gott der unterwelt? warum? gabs nicht schon einen? oder begann diese jenseitsvorstellung erst damit?
    - und die letzte frage: die fresserin, welche nach der seelenwägung evtl. das herz frisst gilt auch als personifizierung eines höllentores, für die verdammten. frisst sie dann nur das herz oder alles?

    danke für hilfe:winke:
     
  2. Konfuzius

    Konfuzius Mitglied

    Zu deiner ersten Frage: Ich denke mal, mit "Götter" ist hier nicht die allgemeine Götterwelt gemeint,oder? Wenn dem so ist, denke ich, dass von Isis, der Gemahlin von Osiris ein Geliebter gegangen ist, genau wie von Nephthys, die ja auch eine "Affäre" mit ihm hatte. Anubis musste ohne Vater aufwachsen, was für ein kleines Kind ja auch nicht unbedingt gut ist. So könnte ich es mir jedenfalls denken.
    2. Er wurde Gott der Unterwelt, da er den Tot besiegt hatte, er wurde ja einbalsamiert, und, da bin ich mir jetzt nicht sicher, aber ich glaube, dass durch das Natron dem Körper alle Flüssigkeit entzogen wird, und er dadurch nicht verfault. Da bin ich mir jetzt nicht sicher. Jedenfalls wurde sein Körper einbalsamiert, und er konnte den Tot überlisten.
    3. Meinst du mit dem letzten Punkt, dass Anubis das Herz vor dem Totengericht entnimmt, und in eine Waagschale mit dem Gegengewicht einer Feder legt?
    Etwas anderes ist mir hier leider nicht geläufig.
    Ich hoffe trotzdem, dass ich helfen konnte :)
     
  3. lilolung

    lilolung Mitglied


    hallo konfuzius :winke:

    danke für deine antwort!

    zum 1. punkt: laut assmann der tod in die welt und konfrontiert die götter mit einem großen problem. darauf geht er aber nicht näher ein. er meint, mit dem tod des osiris durch seth, kommt der tod auf die welt. ich deute es jetzt so, dass es vorher keinen tod gab? aber für mich nicht verständlich.

    zum 2. punkt: super, war wohl zu einfach, als dass ich darauf gekommen bin :pfeif: mein schlauch, auf dem ich stehe, ist wohl allzuoftmals ziemlich dick.

    zum 3. punkt, dieser hat sich nun schon geklärt: die fresserin frisst das herz und dadurch wird der Verurteilte symbolisch in die Hölle verbannt. Dadurch symbolisiert sie auch personifizierte höllentor.

    zum 1. punkt müsste ich dann nochmals andere quellen heranziehen.
     
  4. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    Die Herrschaft über Ägypten war immer eine Herrschaft über ein Doppelreich, über Unter- und Oberägypten, symbolisiert durch die pharaonische Doppelkrone Pschent. Horus steht zunächst für das separate Unter- und Seth für das separate Oberägypten. Durch Horus´ Sieg über Seth wird Horus zum Herrschergott über beide Reiche (= das geeinte Ägypten) und Seth zum Herrscher des Outbacks (Wüste). Der mythische Kampf zwischen beiden um die Nachfolge des osirischen Königtums hat ganz profane Gründe: Die Pharaonen brauchten eine Legitimation für eine patrilineare Erbfolge, denn ursprünglich fiel das Erbe eines Mannes nicht an seinen Sohn, sondern an seinen Bruder, weil dieser das Erb-Vorrecht hatte. Man benötigte, um das pharaonische Amt an einem Bruder vorbei auf einen Sohn übertragen zu können, also eine neue Legitimation, d.h. einen Mythos, der den neuen Erbfolgemodus theologisch absegnete. Der Konflikt zwischen dem alten Modus und dem neuen Modus wird durch Seth (Bruder des Toten) und Horus (Sohn des Toten) ausgetragen. Mit Horus siegt der neue Erbfolgemodus, d.h. der Pharao hat nun das Recht, sein Amt an seinen Sohn weiterzugeben.

    Das ist sicher die tiefere Ursache für die Erschaffung des Horus-Seth-Mythos. Alle anderen Deutungen, wie z.B. die von Assmann, sind zu psychologisch oder philosophisch. Mythen haben immer eine handfeste irdische Bezugsgröße, sie sind keine freischwebenden Phantasien.

    Osiris war ursprünglich ein chtonischer Fruchtbarkeits- und Vegetationsgott nicht anders als Dumuzi in Sumer. Wie alle Fruchtbarkeitsgötter unterliegt er in dieser Phase dem Tod, analog zur Vergänglichkeit der irdischen Vegetation, die im Herbst erstirbt und im Frühling wieder aufblüht. Ähnlich wie Dumuzi führte sein Weg ursprünglich periodisch ins Totenreich und nach einem halben Jahr wieder zurück ins Leben. Ab der 4. oder 5. Dynastie wird er ein regulärer Totengott, d.h. permanenter Gott über das Totenreich. Aber erst ab dem Mittleren Reich wird der Pharao mit ihm identifiziert, wenn er stirbt, d.h. der tote Pharao wird zu Osiris, während der neue Pharao mit Horus verschmilzt (siehe obigen Erbfolgemodus).

    Das Verhältnis von Isis zu Osiris entsprach ursprünglich sicher dem von Inanna zu Dumuzi. Beide Mythen haben starke Parallelen.

    Wie aber stieß Horus zur ursprünglichen Zweiheit Osiris-Isis?

    Als erster ägyptischer Gott erlangt der Falkengott Hor (= der Hohe, Ferne) eine überregionale Bedeutung. Welche Rolle er und sein Widersacher Seth im Kontext der vorgeschichtlichen Reichseinigungskämpfe spielen, ist in der Ägyptologie strittig; die wichtigsten Erklärungsansätze stammen von Kurt Sethe und Hermann Kees. Sethe hält Horus für den Hauptgott eines Delta-Reichs, das den mit dem Hauptgott Seth verbundenen Süden im Zuge der Reichseinigung unterworfen habe. Horus´ Verbindung mit dem unterägyptischen Gott Osiris sei, der Reichseinigung vorausgehend, dem Zusammenschluss zweier rivalisierender Delta-Reiche (mit den Zentren Behdet und Busiris) zu verdanken. Kees wiederum vermutet, dass beide, Horus und Seth, ursprünglich die Hauptgötter zweier rivalisierender Delta-Staaten waren, deren Streit mit der Einigung auf das Primat des Horus beigelegt wurde.

    Wie dem auch sei: Horus´ Sohnschaft zum Hauptgott von Busiris, dem Stier- und Fruchtbarkeitsgott Osiris, ist eine nachträgliche Konstruktion der Priesterschaft von Busiris. Im Bemühen, an der Macht des Horus teilzuhaben, gliedern ihn die Priester in ihren von Osiris und Isis dominierten Lokalkult ein. Ähnlich wie später in Heliopolis muss Horus in verwandtschaftliche Beziehung zu mindestens einem Lokalgott treten. Die Priester lösen das Problem, indem sie Horus als Sohn von Osiris und Isis interpretieren, der nach dem gewaltsamen Tod Osiris´, mythologisch der erste die geschichtliche Welt regierende Gott, dessen herrschaftliche Nachfolge antritt. Horus gewinnt dadurch neue Aspekte (Kind der Isis, Rächer seines ermordeten Vaters), die seine Beliebtheit im Volk und damit seine ideologische Verwertbarkeit durch das Königtum noch erheblich steigern.
     
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  5. lilolung

    lilolung Mitglied

    hallo chan,

    danke für deinen input :yes:

    wie siehst du das mit der verteufelung von seth? stimmst du dem zu? also ab dem neuen reich nicht nur bezogen auf den osiris-mythos, sondern das er auch herr der wüste (barbaren und ausland) war. ich versuche dort gerade einige gemeinsamkeiten zum teufel aufzutun und wäre für input dankbar. ich finde jedoch nichts darüber, wo er sich "aufhielt". unterwelt, himmel oder wüste?

    :winke:
     
  6. lilolung

    lilolung Mitglied

    Noch eine Frage:

    Was hat es mit dem zweiten Tod nach dem Totengericht auf sich?

    Wenn jemand in Ägypten durch das Totengericht in die Hölle kam, spricht Hornung von einem 2. endgültigen Tod durch Feuer. Ist dies vergleichbar mit dem Nichtssein? Dies verwirrt mich etwas, wenn auch davon die Rede ist, dass man in der ägyptischen Hölle in ewiger Verdammnis und Dunkelheit weiterexistieren muss?!
     
  7. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    Seth ist die vielleicht komplexeste und mit Sicherheit widersprüchlichste Figur in der ägyptischen Mythologie, du sprichst damit also ein Thema an, über das man ganze Kapitel schreiben könnte. Der Ausdruck "Verteufelung" ist im Kontext von Seth anachronistisch, weil er eine Figur auf diesen Gott projiziert, die erst viel später entstand und in ganz anderen Zusammenhängen steht. Dadurch wird das Bild dieses Gottes verzerrt. Dass Seth phasenweise gewisse Aspekte aufwies, die in der späteren Satansfigur enthalten sind, nämlich als Manifestation einer chaotischen Macht erscheint, welche die Harmonie der Welt bedroht, ist aber sicher richtig. Sein historischer Ursprung im Süden Ägyptens als Gott der Wüste hat eine solche Entwicklung natürlich begünstigt, da die Wüste als verderblicher Ort galt. Andererseits war er auch ein Gott der Oasen und damit ein positiv konnotierter Schutzgott.

    Vermutlich hat Seth als Wüstengott die Entwicklung des hebräischen Wüstengottes Jahwe stark beeinflusst oder sogar initiiert, d.h. Jahwe entstand als eine regionale Modifikation des Seth. Einer der Anhaltspunkte dafür ist der israelitische Mythos von der Herkunft des Jahwe-Propheten Moses aus Ägypten, möglicherweise zur Zeit von Sethos I., einem den Gott Seth verehrenden Pharao. Mit dem Thema Moses betreten wir aber ein sehr spekulatives Gelände.

    Ein stark positiver Aspekt des Seth zeigt sich in seiner Rolle in der Mythologie um den Sonnengott Re, wo er während der allnächtlichen Reise der Sonnenbarke durch die Unterwelt den Sonnengott vor den Angriffen der Monsterschlange Apophis schützt. Andere Götter wie Isis und Upuaut assistieren ihm dabei, wären aber ohne Seth nicht fähig, Aphophis aufzuhalten. Seth fungiert hier als Retter des Re und damit als Retter der Harmonie der Welt, da, wenn Re stürbe, die Sonne nicht mehr am Himmel erschiene, um der Welt Lebenskraft zu schenken. Dieser Mythos ist vermutlich bereits im Alten Reich entstanden und steht den Mythen um den negativen Seth an Bedeutung nicht nach. Man sollte die Gestalt des Seth also nicht auf die eines bösen Gegenspielers des Horus reduzieren.

    Als keimhafter Satan erscheint im Mythos um Seth als Retter des Sonnengottes die Apophis-Schlange, ebenso wie die als Schlangenmonster gezeichnete Figur der Urgöttin Tiamat im babylonischen Enuma-Elish-Mythos das Urmodell der bösen Leviathan-Schlange des Judentums und des bösen Drachens der christlichen Johannesoffenbarung. Auch Apophis war ursprünglich weiblich. Die Negativierung des Weiblichen in der altorientalischen Mythologie, die mit der "Verhurung" der ursprünglich positiven Göttin Ischtar im Gilgamesh-Epos einsetzte und sich durch die Negativierung von Tiamat und Apophis fortsetzte, um in der Negativierung und Entgöttlichung der jüdischen Eva (= vermenschlichte Fruchtbarkeitsgöttin) zu gipfeln, gehört zu den Tiefpunkten der Religionsgeschichte, deren Auswirkungen bis heute spürbar sind.

    Sicher würden die zur Hölle Verdammten das Nichtsein der ewigen Höllenqual mit Freude vorziehen. Allerdings ist dieses Nichtsein keine Option. Wer die Prüfung im osirianischen Gericht nicht besteht, d.h. wessen Herz schwerer wiegt als die Feder der Maat (Göttin der Weltordnung), dessen Herz wird vom Monster Ammit gefressen, worauf er oder sie in die Hölle stürzt, um auf ewig in Qualen zu leben. Diese wenig erbauliche Vorstellung war natürlich das Modell der späteren christlichen Höllenphantasien.
     
  8. lilolung

    lilolung Mitglied

    Okay, damit ich das richtig verstehe - Nach dem Totengericht und der Wägprüfung kam man entweder:

    - ins "Elysium"...dies entspricht somit einer Wiedergeburt und dem ewigen leben

    - oder man kam in die Hölle, starb einen zweiten Tod, wurde ewig gefoltert etc. Auch der Schatten und die Seele wurden gequält und das was als "zweiter Tod" verstanden werden: das es keine Hoffnung auf Elysium oder Begnadigung gab? oder Seele von Körper und Schatten getrennt war...also keine Körperintegrität?

    ich meine in irgendeiner form existieren die verdammten ja weiter, von daher kann ich das mit dem "zweiten tod" nicht deuten. :weinen:
     
  9. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Eine kühne Hypothese.
    Ich vermute, die Hebräer verehrten als nomadisches Hirtenvolk seit jeher Berg- und Wüstengötter, wie es bei Westsemiten wie z.B. den Amoritern allgemein üblich war. Dazu muss man nicht unbedingt Seth bemühen, den die Hebräer ohnehin erst spät kennenlernten.
     
  10. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Nur blöd, dass Unterägypten von Oberägypten unterworfen wurde, nicht umgekehrt.

    Welche Belege gibt es dafür?

    Auch eine kühne Hypothese.
     
  11. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    Sethe geht es im genannten Fall um den ersten von drei Versuchen einer Reichseinigung, und zwar vom Deltagebiet aus, wo zwei Reiche, jeweils unter der "Herrschaft" von Osiris und Horus stehend, verschmolzen seien und einen Angriff auf das südliche Oberägypten, unter "Seth" stehend, unternahmen. So sei Horus auch ein Gott des Südens geworden. Aber erst der dritte Einigungs-Versuch, diesmal vom bereits dem Horus angehängenden Oberägypten ausgehend, führte zur endgültigen Einigung.

    Diese Theorie ist umstritten, stammt aber von Kurt Sethe, einem der bekanntesten Ägyptologen überhaupt.

    Ich finde die Stelle in meinem Archiv gerade nicht, wo speziell darauf Bezug genommen wird. Es spricht aber ganz allgemein viel für diese These, wenn man davon ausgeht, dass Schlangengottheiten zunächst generell weiblich waren, da Schlange und Frau symbolisch miteinander assoziiert wurden. Die wichtigsten Schlangengottheiten in Ägypten waren allesamt weiblich (z.B. Wadjet, Uto, Renenutet, Amunet, Werethekau). Ein Schöpfungsmythos aus dem Alten Reich berichtet vom Ogdoad, einer das Chaos repräsentierenden ursprünglichen Achtheit aus vier Froschgöttern und vier Schlangengöttinnen, im Mythos die ersten Gottheiten überhaupt. Das ist einer von zahlreichen Belegen in der Religionsgeschichte für die Ursprünglichkeit der Assoziation von Frau/Göttin und Schlange. Der Mythos um den Chaos-Schlangengott Apophis ist deutlich jünger (Mittlereres Reich), kann also nicht als ursprüngliches Ideengut gelten, sondern muss schon einige Transformationen durchlaufen haben, darunter vermutlich auch einen gender change des Protagonisten.

    Es wäre jedenfalls religionswissenschaftlich naiv, anzunehmen, dass die Ägypter das Gender ihrer Gottheiten zum Zeitpunkt der "Erfindung" nach Lust und Laune bestimmten. Schlangengottheiten waren ursprünglich, aufgrund bestimmter transkulturell gültiger Assoziationen, weiblich und wurden erst in späteren Zeiten entweder ins Männliche transformiert oder neu als männlich ersonnen.

    Ich schrieb:

    ...um in der Negativierung und Entgöttlichung der jüdischen Eva (= vermenschlichte Fruchtbarkeitsgöttin) zu gipfeln.


    Was ist hier "kühn"? Dass "Eva" eine vermenschlichte Fruchtbarkeitsgöttin darstellt?

    Weißt du nicht, dass Eva in Gen 3,20 als "Mutter alles Lebendigen" bezeichnet wird, was formal und inhaltlich ein typisches Muttergöttin-Epitheton ist? Dass "Eva" kein hebräisches Wort ist, dass "hawwa" auf Aramäisch aber "Schlange" bedeutet und im Kontext der semitischen Erd- und Fruchtbarkeitsgöttin Hawwa stehen muss, dass Eva also ein Derivat dieser Vorstellungen ist, nur eben vom Göttlichen losgelöst und vermenschlicht und zudem erniedrigt als aus der Rippe Adams entstanden?

    Der Moses-Mythos quillt über von Anspielungen auf das Ägyptische. Es wäre wissenschaftlich fahrlässig, die vorhandenen Hinweise auf Verbindungen zwischen hebräischer und ägyptischer Theologie in den Wüstenwind zu schlagen. Für Details fehlt mir jetzt die Zeit, Borussia Dortmund hat Vorrang. Bis demnächst.
     
    Zuletzt bearbeitet: 3. März 2015
  12. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    "Tod" bedeutet auf religiösem Gebiet nicht Ende des Lebens, sondern Übergang in eine andere Existenzform.
     
  13. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Zu der Zeit gab es bei den nomadischen westsemitischen Stämmen längst jahrtausendealte Wüsten- und Berggötter. Seth brauchten die Hebräer nicht in ihrem Pantheon. Alles andere ist pure Spekulation.

    Die Verbindung von chtonischen Göttinnen der Fruchtbarkeit mit der Erde und Unterwelt ist uralt. Eine berühmte minoische Schlangengöttin ist diese hier: Minoische Religion ? Wikipedia
     
  14. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Mal abgesehen davon, dass auch die ältesten schriftlichen Darstellungen eine mehrtausendjährige nichtschriftliche Vorgeschichte haben, wo wir über die Mythen und Gottesvorstellung keinerlei valide Information haben, würde es mich interessieren, welche "transkulturell gültigen Assoziationen" das wohl sein sollen, die die Schlange an ein Geschlecht - welches ist ziemlich latte - binden?

    Naja, da steht:
    wa-yiqrā' hā-Ādām šem ištu ḥawwāh ki hiya hāyetāh em kol-āy
    Und (wa) der Mensch (hā-Ādām) rief (yiqrā') den Namen (šem) seiner (-tu) Frau (išāh) ḥawwāh, denn (ki) sie (hiya, Ketiv: hiw', für den Pentateuch typische defektive Schreibung des weiblichen Personalpronomens)erwies sich (hāyetāh) als Mutter (em) allen (kol) Lebens (āy).

    Dass in einem Schöpfungsmythos, in dem von den ersten beiden Menschen berichtet wird, die Frau als Mutter allen Lebens bezeichnet wird, ist eigentlich nicht weiter verwunderlich.

    Adam nannte sie jedenfalls nicht Aramäisch 'Schlange' (ḥawya') sondern ḥawwāh. Die Schlange im biblischen Text ist nāḥāš. Im Arabischen allerdings (u.a.) ḥayya und im Aramäischen ḥawya', das Leben ist im Arabischen ḥayyāt und im Aramäischen ḥayā'.
     
  15. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    Darüber habe ich mich im Mai letzten Jahres hier schon einmal verbreitet, ich zitiere das hier der Einfachheit halber. Eventuell werde ich die Argumentation in den nächsten Tagen noch ergänzen. Da es um die Interpretation nichtschriftlicher Symbolik geht, ist das Ganze, wie im Text auch vermerkt, als Hypothese zu verstehen, freilich als gut begründbare.

    Die Spirale gehört zu den weniger konsensträchtigen Zeichen; im Licht der vorherrschenden Weiblichkeitssymbolik kann man sie aber im Kontext des Weiblichen sehen, nicht unbedingt auf einer physiologischen Ebene, aber auf einer existentiellen: die Spirale als Symbol des Übergangs, des Werdens und Vergehens usw. Dafür spricht nicht nur - im besagten Gesamtrahmen -, dass das Weibliche als Sinnbild der Schöpfung und des Kreislaufes von Entstehen und Vergehen galt, sondern auch die Bedeutung der Schlange in späteren Religionen, woraus man legitime Rückschlüsse auf die Bedeutung der paläolithischen Schlangensymbolik ziehen kann.

    Für die symbolische Funktion der Spirale in der Höhlenkunst dürfte nämlich die Schlange der äußere Auslöser gewesen sein. Sie war in den späteren historischen Religionen fester Bestandteil vieler Götterkulte und in der Regel mit einer Göttin assoziiert. So war die sumerische Göttin des Todes und der Wiedergeburt, Ereshkigal, eine Schlangengöttin, die Liebesgöttin Innanna wurde gerne in Gesellschaft von Schlangen abgebildet, die anatolische Kybele war eine Schlangengöttin wie auch später die griechische Athene (entwickelt aus der minoischen Schlangen-Muttergöttin). Die altägyptische Hathor, die wichtigste ägyptische Göttin, wurde u.a. als Schlange dargestellt. Und die ägyptische Uräus-Schlange stand als Götterdeterminativ hieroglyphisch für... genau, für "Göttin".

    Der einzige relevante männliche Schlangengott ist der ägyptische Monstergott Apophis, der größte Feind des Sonnengottes Re. Ich halte diese Figur für eine Transformation einer ursprünglich weiblichen Muttergottheit, wie sie z.B. die babylonische Urmuttergöttin Tiamat verkörpert, die auf Rollsiegeln als Schlange gezeigt wird. Tiamat wurde im Zuge der Patriarchalisierung der babylonischen Religion zum negativen Gegenpol des guten Patriarchengottes Marduk umfunktioniert und dämonisiert. Den gleichen Mechanismus kann man für die Genese der Apophis-Schlange annehmen.

    Fazit:

    Die Spirale ist vermutlich ein weiblich konnotiertes Symbol des Übergangs bzw. des Werdens und Vergehens.
     
    Ein unlösbares Rätsel stellt die paläolithische Spiralform also nicht da, sofern die Interpretation im obigen Sinne mit dem theoretischen, aber gut begründbaren Gesamtrahmen sowie späteren historischen Phänomenen harmoniert.


    Es wäre sogar sehr verwunderlich, wenn man einen polytheistischen Kontext ausschlösse. "Mutter allen Lebens" impliziert tierisches und pflanzliches Leben, womit die jüdische Eva nichts zu tun hat, zumal diese Lebensformen in der Genesis schon vor der Menschenschöpfung "geschaffen" wurden. Was folgt daraus? Dass die Formel "Mutter allen Lebens" in gar keinem Zusammenhang mit der progenitorischen Kompetenz der Menschen-Eva steht, sondern ein klassisches Muttergöttin-Epitheton ist. Die altorientalischen Muttergöttinnen war Erd- und Naturgöttinnen, deren Schöpferkraft auch die Fruchtbarkeit von Fauna und Flora umfasste. Also ist die Formel "Mutter allen Lebens" ein Import aus polytheistischem Vorstellungsgut. In Anatolien hatte die Göttin Kybele die Funktion einer Mutter alles Lebendigen (im natürlichen Bereich), in Griechenland war es die Erdgöttin Gaia, in Mesopotamien Nammu und Ninhursanga und in Ägypten Nut, Hathor, Isis usw.

    Hawwa (= auch die hebräische Aussprache für Eva) ist semitisch für Schlange (und Leben), was zum einen wieder mal auf die Ursprünglichkeit der Assoziation von Frau/Göttin und Schlange hinweist und zum anderen auf die Assoziation von Eva/Hawwa und Erdgöttin (die im Alten Orient vornehmlich mit der Schlange assoziiert wurde).

    In The Oxford Encyclopedia of Women in World History, 222, (Autorin Bonnie G. Smith, Geschichtsprofessorin) heißt es:

    It is likely that Eve is related to earlier chthonic fertility goddesses of Mesopotamia. The word havva ist related to an Aramaic form of ´serpent´ (hivya), as in Hwt, the Phoenician goddess of the underworld who was worshipped in the form of a snake and called ´mother of all living´.


     
  16. Hulda

    Hulda Aktives Mitglied

    Das mag so sein...

    Ich bringe an dieser Stelle die eherne Schlange des Moses sowie den Äsculapstab ins Spiel... Hier geht es um die Symbolik des Rettens/Genesens. Somit erscheinen mir die Möglichkeiten der "Schlangendeutung" als ausgesprochen vielschichtig.
    Dabei gilt es auch zu bedenken, dass Schlangen eine reale alltägliche Bedrohung darstellten, der gegenüber z.B. die eherne Schlange des Moses eine Macht besessen haben soll.
     
    Zuletzt bearbeitet: 6. März 2015
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  17. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Wobei das mit der ehernen Schlange volksetymologisch begründet sein kann. Die Schlange ist im Hebräischen nāḥāš, bronzen/kupfern nāḥūš und nəḥūšāh ("scriptio plene") bzw. nəḥušāh ("scriptio defectiva") Bronze/Kupfer.

    @chan, deine Ausführungen reichen tief in die Semiotik hinein, ohne aber ein Verständnis der Semiotik. Zeichen/Seme sind kulturell festgelegt, nicht natürlich. Eine Schlange ist ein natürliches Wesen, das Symbol Schlange dagegen kann ganz unterschiedliche Dinge bedeuten: Erdverbundenheit, Gift/Gefahr..., den Regenbogen, Kälte, Hitze...
     
    Zuletzt bearbeitet: 7. März 2015
  18. Hulda

    Hulda Aktives Mitglied

    In Timna wurde immerhin eine Kupferschlange gefunden.
     
  19. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    Da berührst du ein Thema (Eherne Schlange), über das ich mich im Moment bedeckt halten möchte, da ich darüber einen englischsprachigen Essay für meine academia.edu-Seite vorbereite und mein Pulver hier nicht schon verschießen will. Ich werde, sobald das Teil am Start ist (in 2 oder 3 Wochen), hier darauf aufmerksam machen.

    Die Schlange des Äskulapstabs verkörpert die Göttin Hygieia, die Tochter des Äskulap. Ihre Heilkraft ist, im Zuge der Übernahme ägyptischer Götterattribute in die griechische Götterwelt, eine Adaption der Heilkraft der ägyptischen Muttergöttin Isis. Auch in der römischen Kultur wurde die Mischgottheit ´Isis-Hygieia´ verehrt, wie u.a. aus Isis-Hygieia-Statueten aus der Römerkolonie Savaria (heutiges Ungarn) zu ersehen ist. Ich hänge 2 Fotos an (Hygieia mit Schlange, Isis mit Schlangenunterleib).
     

    Anhänge:

    Zuletzt bearbeitet: 7. März 2015
  20. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Der äygptische Gott Shai (männlich, gerne als Hybrid zwischen Mann und Schlange dargestellt) ist dir wohl unbekannt? Aber auch Apophis?
     
    Zuletzt bearbeitet: 7. März 2015

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