Reste des Heidentums in der Folklore

Dieses Thema im Forum "Religionsgeschichte" wurde erstellt von Haerangil, 28. Dezember 2015.

  1. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter


    Gerade bei der angeblich altirischen Literatur haben wir eh das Problem, dass diese sich nicht selten als gar nicht so alt erweist sondern nicht selten über angelsächsische Vermittlung biblische und antike/spätantike Motive vermischt.
     
  2. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    Gelehrte wie R. T. France, G. A. Wells und aktuell Richard Carrier (2014) halten die Tacitus-Stelle für eine Interpolation.

    Eine Stelle bei Sueton (Kaiserbiografien 25,4), die gerne als Beleg für die Korrektheit von 15,44 genannt wird, bezieht sich auf römische Juden, die von einer Person ´angestiftet´ wurden, die der Verfasser ´Chrestos´ nennt. Bekanntlich ist ´Chrestos´ in der Antike ein äußerst viel verwendeter Begriff, es gibt also keinen zwingenden Grund, ihn auf Jesus zu beziehen. Die Formulierung ´impulsore (= Anstifter) chresto´ legt nahe, dass die Anstiftung von einer in Rom unmittelbar anwesenden Person ausging und nicht von einer räumlich und zeitlich fernen Person, die Jesus (falls historisch) zu fraglichen Zeitpunkt (etwa 49 CE) gewesen sein müsste. Die Formulierung alleine macht also die Annahme, dass sich die Sueton-Stelle auf Christen bezieht, schon fragwürdig.

    Dieses Argument hat zwar Gewicht, reicht es aber aus, um die Gegenargumente zu überwiegen? Kaum.

    Zudem ist eine hypothetische Rekonstruktion der Tacitus-Originalstelle denkbar, die nicht von Christen, sondern von Juden als Sündenböcken berichtete und von Christen später umgeschrieben wurde, wobei einige Stellen, die nicht christlich interpoliert wirken, darunter die von dir erwähnte, unangetastet blieben. Man kann dagegen natürlich einwenden, dass sich ein Interpolator die Mühe gemacht hätte, auch diese Stellen umzuformulieren. Ja, das hätte er vielleicht; vielleicht war´s er aber auch so zufrieden, entweder aus Unzulänglichkeit oder, im Gegenteil, aus Cleverness, d.h. er sah voraus, dass man späteren Skeptikern genau dieses Argument (wie von dir vorgetragen) entgegenhalten könnte.

    Wie auch immer...

    Dass Pilatus bei Tacitus nur ein Mal Erwähnung findet (in jener Passage), und zwar nur im Rückblick an einem chronologischen Punkt 25 Jahre nach seinem politischen Abgang, ist sehr seltsam. Dass es sich um die einzige Erwähnung handelt, zeigt seine (bekanntlich falsche angegebene) Titulatur, die, wenn sie in einer der verschollenen Passagen der Annalen vorher schon erwähnt worden wäre, in dieser Stelle nicht wiederholt würde. Warum also wird Pilatus nur im Kontext des Rombrandes erwähnt und nicht früher an einer Stelle, die unmittelbar mit seiner Amtszeit in Judäa zusammenhängt? Das kommt zu den anderen Ungereimtheiten betr.Annalen 15,44 hinzu.

    Diese sind u.a.:

    Die Taciteische Christenverfolgungspassage wird von keinem einzigen Kirchenvater erwähnt, auch nicht von Tertullian, der mit Tacitus´ Werk gut vertraut war.

    Clemens von Alexandria hat alle Erwähnungen von Christus und Christentum aufgelistet, die von paganen Autoren bis zum Beginn des 3. Jh. verfasst wurden. Tacitus war nicht darunter.

    Origenes hätte auf diese Stelle in seinem Disput mit Celsus vermutlich angespielt, wenn er sie gekannt hätte.

    Kein christlicher Autor vor dem 15. Jh. hat die Tacitus-Stelle jemals zitiert.
     
    Zuletzt bearbeitet: 21. Oktober 2016
  3. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied


    Um korrekt zu sein: Carrier (2014) hält nur eine einzige Zeile für eine Interpolation.

    Alles andere bleibt bei Carrier stehen. Tacitus schreibt also, Nero habe die "Chrestianer" verfolgt, eine berüchtigte jüdische Sekte, die sich von Judäa aus bis nach Rom verbreitet hätte.
    Die allereinfachste Erklärung für die "Chrestianer" und den "Chrestos" wäre nun, dass es sich um eine Verwechslung des griechischen Eta mit dem Jota handelt. Für eine solche Verwechslung gibt es ausreichend Zeugnisse, nicht nur beim Namen Christus/Chrestus. Dass die Verwechslung "Chrestus" statt "Christus" eine alltägliche Erscheinung war, ist allerdings auch aus Tertullian zu schließen:

    Sed et cum perperam "Chrestianus" pronuntiatur a vobis ---- nam nec nominis certa est notitia penes vos ----, de suavitate vel benignitate compositum est. Oditur itaque in hominibus innocuis etiam nomen innocuum. (Apologeticum III, 5)
    =
    Und auch, wenn er von euch falsch Chrestianus ausgesprochen wird -- denn selbst den Namen kennt ihr noch nicht einmal genau --, so schließt er den Begriff Milde und Güte in sich. (Apologeticum 3)


    Wenn man diese einfache Erklärung nicht akzeptieren möchte, muss man (wie Carrier) zwei berüchtigte jüdische Sekten anzunehmen. Die eine jüdische Sekte, die "Christianer", würde dann auf eine Person zurückgehen, die "Christos" genannt wird. Die andere jüdische Sekte, die "Chrestianer", würde dann auf eine Person zurückgehen, die "Chrestos" genannt wird. Die beiden hätten aber rein gar nichts miteinander zu tun.


    Das ist die Stelle in der Claudius-Biografie. Claudius habe die von "Chrestus" aufgestachelten Juden aus Rom vertrieben:
    Iudaeos impulsore Chresto assidue tumultuantis Roma expulit.
    https://la.wikisource.org/wiki/Vita_divi_Claudi

    Die Maßnahmen Neros gegen die "Christiani" erwähnt Sueton in der Nero-Biografie:
    afflicti suppliciis Christiani, genus hominum superstitionis novae ac maleficae
    https://la.wikisource.org/wiki/Vita_Neronis
     
  4. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Zuerst einmal danke für die Literaturverweise!

    Tacitus Annalen beschränken sich im Wesentlichen auf historische Ereignisse in der Weltstadt Rom und in Italien, Ereignisse in den Provinzen oder außerhalb werden eher am Rande berichtet, und Tacitus geht darauf nur ein, wenn es sich um kriegerische Handlungen gegen auswärtige Gegner oder gefährlich erscheinende Aufstandsbewegungen handelt, bei denen römische Legionen und Hilfstruppen in größeren Umfang involviert waren. Ein Erdbeben, bei dem immerhin eine der größten Städte und reichsten Kleinasiens Laodikeia, vernichtet wurde Tac, XIV, 27 ist Tacitus ein einziger Satz wert.

    Der Aufstand in Britannien unter Boudicca wird nur kurz, und die Königin der Ikener noch kürzer erwähnt, als sie ihr Leben durch Gift beendet Tac XIV, 37.

    Ein gewisser Pontius Fregellanus wurde 37 aus dem Senat ausgestoßen Tacitus erwähnt ihn mit einem Satz (Tac, VI, 48.) Pontius Pilatus stammte aus dem Ritterstand, eine erhaltene Inschrift weist ihn als Präfekt von Iudäa aus, er gehörte keiner alteingesessenen patrizischen Gens an, und hat auch keine der wirtschaftlich wichtigen Provinzen verwaltet. Aus anderen Quellen, (Josephus Flavius??) wissen wir, dass er von L. Vitellius, dem Statthalter von Syrien abgesetzt und nach Rom geschickt wurde, wo er vermutlich 39 durch Suizid starb. Vom Standpunkt eines senatorischen Aristokraten wie Tacitus war Pilatus ein Parvenu und ein Niemand, weshalb also sollte Tacitus über ihn ausführlich berichten?

    Die Annahme einer christlichen Interpolition oder absichtlichen Nicht-Interpolition, ist originell, keine Frage! Sie erscheint aber doch sehr um die Ecke gedacht und kommt nicht ohne mehrere Hilfsannahmen aus.

    Hier die fragliche Tacitus Passage im Original:

    "Ergo abolendo rumori Nero subdidit reos et quaesitissimis poenis affecit, quos per flagitia invisos vulgus Chrestianos apallabat. Auctor nominis eius Christus Tiberio imperitante per procuratorem Pontium Pilatum supplicio affectus erat; repressaque in praesens exiabilis superstitio rursum erumpebat, non modo Iudaeam, originem eius mali, sed per Urbem etiam, quo cuncta undique atrocia aut pudenda confluunt celebranturque.

    Um den Gerüchten ein Ende zu machen, schob Nero andere als Schuldige vor und verhängte die ausgesuchtesten Strafen gegen jene, die wegen ihrer Greuel verhasst, vom Volk Chrestianer genannt wurden. Der Mann von dem dieser Naqme herleitet, Christus, war unter der Herrschaft des Tiberius auf Veranlassung des Prokurators Pontius Pilatus hingerichtet worden. Für den Augenblick unterdrückt, brach dieser unheilvolle Aberglauben wieder hervor, nicht nur in Judäa, dem Ursprungsland dieses Übels, sondern auch in der Stadt, wo aus der ganzen Welt alle Greuel und Scheußlichkeiten zusammenströmen und gefeiert werden.
     
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  5. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    ...deinde indicio eorum multitudo ingens haud proinde in crimine incendii quam odio humani generis convicti sunt, et pereuntibus addita ludibria, ut ferarum tergis contecti laniatu canum interirent, aut crucibus affixi flammandique, ubi deficisset dies, in usum nocturni luminis urerentur. Hortos suos ei spetaculo Nero obtulerat et circense ludicrum edebat, habitu aurigae permixtus plebi vel curriculo insistens, unde quamquam adversus sontes et novissima exempla meritos miseratio oriebatur, tamquam non utilitate publica, sed in saevitiam unius absumerentur.

    ...So verhaftete man zunächst diejenigen, die ein Geständnis ablegten, dann wurde auf deren Anzeige eine ungeheure Menge schuldig gesprochen, nicht so sehr wegen des Verbrechens der Brandstiftung, als wegen Hass gegen das Menschengeschlecht (Misanthropia/Odium humani generis). Als sie in den Tod gingen, trieb man noch Spott mit ihnen, in der Weise, dass sie in die Felle wilder Tiere gehüllt, von Hunden zerfleischt wurden oder ans Kreuz geschlagen und zum Feuertod bestimmt, als nächtliche Beleuchtung verbrannt wurden, sobald sich der Tag neigte. Seinen Park hatte Nero für dieses Spektakel bereit gestellt und gab zugleich ein Circusspiel, bei dem er sich in der Kleidung eines Wagenlenkers unters Volk mischte oder auf seinen Rennwagen stellte. Daraus entwickelte sich Mitgefühl, wenngleich gegenüber Schuldigen , die die härtesten Strafen verdient hätten; denn man glaubte, dass sie nicht dem öffentlichen Interesse, sondern der Grausamkeit eines Einzelnen geopfert würden.

    Tacitus, Annales XV, 44-45
     
  6. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Das steht so in Flavius Josephus, Antiquitates XVIII.
    Hier gibt es eine ältere englische Übersetzung:
    The Antiquities of the Jews, by Flavius Josephus
    "But when this tumult was appeased, the Samaritan senate sent an embassy to Vitellius, a man that had been consul, and who was now president of Syria, and accused Pilate of the murder of those that were killed; for that they did not go to Tirathaba in order to revolt from the Romans, but to escape the violence of Pilate. So Vitellius sent Marcellus, a friend of his, to take care of the affairs of Judea, and ordered Pilate to go to Rome, to answer before the emperor to the accusations of the Jews. So Pilate, when he had tarried ten years in Judea, made haste to Rome, and this in obedience to the orders of Vitellius, which he durst not contradict; but before he could get to Rome Tiberius was dead."

    Das erzählt Eusebius, ca. 300 Jahre später, da würde ich eher eine Legende vermuten:
    https://www.unifr.ch/bkv/kapitel48-7.htm

    Pilatus wurde nach Rom geschickt, um sich vor Tiberius zu verantworten. Als er dort ankam, war Tiberius bereits gestorben. Der neue Kaiser Caligula erließ eine Amnestie; laufende Strafverfahren wurden eingestellt: (Sueton: "Pari popularitate damnatos relegatosque restituit; criminum, si quae residua ex priore tempore manebant, omnium gratiam fecit...")
     
  7. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Richard Thomas France?
    The Gospels As Historical Sources For Jesus,

    George Albert Wells?
    A Reply to J.P. Holding...

    In den verlinkten Texten spricht keiner der beiden Autoren von einer Interpolation bei Tacitus. Beide halten offenbar die komplette Tacitus-Stelle für original. Da geht es nur um die Frage, aus welchen Quellen Tacitus hier schöpft.
     
    Zuletzt bearbeitet: 22. Oktober 2016
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  8. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Da Du so gerne Rückschlüsse aus dem Schweigen anderer Quellen ziehst, verweise ich einfach einmal darauf, dass Flavius Iosephus in seinen "Jüdischen Altertümern" nichts davon schreibt, dass unter Nero in Rom die Juden als Brandstifter verfolgt worden seien.

    Wieso sollte sie nicht wiederholt werden?
    Im Gegenteil: Ein christlicher Interpolator hätte sich die Erwähnung des Titels sparen können, da Christen ohnehin hinlänglich bekannt war, wer Pilatus war. Einem heidnischen römischen Leser aber nicht, der hätte - zumal falls Pilatus von Tacitus nie zuvor erwähnt worden war, wofür es, wie Scorpio bereits treffend dargelegt hat, keinen Grund gab - keine Ahnung gehabt, wer dieser Pilatus war und wieso er Christus hinrichten lassen konnte.

    Die Neronische Christenverfolgung selbst hat er aber sehr wohl erwähnt: BKV Wieso sollte er ausdrücklich Tacitus (oder Sueton) nennen?
     
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  9. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    Mir fehlen leider Zeit und Konzentration, um auf die interessanten Antworten auf meinen letzten Beitrag einzugehen. Ich möchte an dieser Stelle nur ein Argument nachreichen: die Fragwürdigkeit der "gewaltigen Menge" (multitudo ingens) an ergriffenen Christen. Übersetzungsoptionen für "ingens" sind ´gewaltig, riesig, ungeheuer, außerordentlich´. Notabene: Es geht nicht um die Gesamtheit der römischen Christen, nein, es geht nur um die ergriffenen.

    Wie passt das mit dem Römerbrief zusammen? Dort stellt sich die römische Gemeinde so dar:

    Angesprochen wird also eine Handvoll von Hausgemeinschaften. Ob die römische Gemeinde darüber hinaus Mitglieder hatte, kann nur vermutet werden. Dennis Haugh schreibt in seiner Dissertation "Adressing Roman Jews: Paul´s View of the Law in the Letter to the Romans", S. 162 Fußnote:

    Wer diese Kalkulationen nachlesen möchte, kann dies in der PDF der Dissertation tun.

    Selbst wenn man Haughs Zahl verdoppelt, ist sie noch deutlich zu niedrig, um die Formulierung bei Tacitus auch nur im Ansatz zu rechtfertigen, zumal es dort nur um einen Teil der gesamten Gruppe geht.

    Egal also, was in den gewiss geistreichen Einwendungen gegen meinen Post an apologetischen Argumenten vorgetragen wird: Die Tacitus-Stelle ist mit viel zu vielen Ungereimtheiten belastet, um mich (und viele andere) wirklich zu überzeugen.
     
  10. tela

    tela Aktives Mitglied

    Es könnte auch einfach eine Übertreibung des Tacitus sein? Um Nero's Grausamkeit besonders herauszustellen.
    Ungereihmtheiten ist nichts wirklich ungewöhnliches in antiken Quellen. Und bei Tacitus vielleicht aufgrund seines Stils mit vielen Andeutungen noch weniger ungewöhnlich.
     
  11. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    "Könnte", klar. Es könnte aber auch ein mittelalterlicher christlicher Einschub sein. Von den ´Annalen´ existieren keine römische Originale, nur christliche Kopien. Das stellenweise Umschreiben von Originalen gehörte für mittelalterliche Kopisten zum Tagesgeschäft.

    Ich meine auch Ungereimtheiten in der Rezeptionsgeschichte, wie z.B. die schon erwähnte Tatsache, dass kein Kirchenvater jemals die Stelle zitiert hat.
     
  12. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Warum sollte ein Kirchenvater ausgerechnet eine Beschimpfung des Christentums zitieren?

    Warum sollte er überhaupt Tacitus' Bericht zitieren?
     
  13. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Tacitus ist der Vertreter der silbernen Latinität schlechthin, dazu hatte er noch einen äußerst eigenwilligen Stil. Das Mittellatein dagegen ist eher schlicht und gemahnt eher an romanische Sprachen als an die goldene und silberne Latiniät. Also abgesehen vom antichristlichen Inhalt der Stelle spricht auch philologisch wenig bis nichts für eine christliche Interpolation. Ich weiß nicht, warum das alle Jahre wieder wiederholt werden muss.
     
  14. tela

    tela Aktives Mitglied

    Könnte, klar.
    Was aber im Einzelfall zu beweisen wäre. Und sicher im besagten Fall auch bewiesen wäre, wenn es so wäre. Gibts einen solchen Nachweis?

    Ansonsten bin ich nie sonderlich von Argumenten überzeugt, dass genau die Stelle, die ich gerne haben will aber nicht das besagt, was ich gerne haben will, dann umgeschrieben worden sein soll.
    Hätten die das machen müssen? Warum hätten sie es machen sollen?

    Immerhin hat Ravenik ja Tertullian verlinkt, wo auf Nero's Handlungen verwiesen wurde. Ist das nichts wert, nur weil es kein direktes Tacitus-Zitat ist?
     
  15. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Tacitus galt schon seinen Zeitgenossen als sperrig. Seine Schriften wurden wenig rezipiert.
     
  16. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Interessant ist an diesem 'Argument' eigentlich nur, dass jetzt sogar ein Paulusbrief herhalten muss, um die taciteische Darstellung zu 'widerlegen'.

    Ansonsten kann man dem Brief bestenfalls entnehmen, dass die hier Genannten dem Schreiber persönlich bekannt sind. Wieviele Gemeindemitglieder dem Schreiber nicht bekannt waren, lässt sich daraus nicht erschließen.


    Hier wird von geschätzten Zahlen ausgegangen, die sich auf das 3. und 4. Jahrhundert beziehen. Und daraus wird dann auf Zahlen des 1. Jahrhunderts geschlossen. Solide Zahlen lassen sich daraus nicht gewinnen. Und schon gar nicht für eine einzelne Gemeinde.
     
  17. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Schon interessant, dass jetzt sogar der Römerbrief als Beweis herhalten muss, dass die Tacitus-Stelle zur Christenverfolgung gefälscht ist, obwohl Du den Römerbrief (wie alle frühchristlichen Schriften) normalerweise als Fälschung aus dem späten 2. Jhdt. verwirfst. Eine Fälschung soll also eine Fälschung widerlegen?

    Tacitus schreibt, dass die "Chrestianer" beim Volk verhasst gewesen wären. Hätte es tatsächlich in der ganzen Millionenmetropole Rom nur hundert Christen gegeben, wären sie - in einer Stadt, in der sich eine Vielzahl von Kulten tummelte - wohl kaum wahrgenommen worden.
    Im Übrigen umfasst die "multitudo ingens" die Zahl derer, die auf die Anzeige der zunächst Verhafteten hin verurteilt wurden. Es wäre kein weltgeschichtlich einmaliger Vorgang, wenn die zunächst Verhafteten auch diverse Unbeteiligte belastet hätten.
     
  18. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    ´Hellenistisch-jüdisch´ trifft es sicher, die Frage ist nur, wie man den hellenistischen Anteil definiert. Ich habe ihn hier schon öfters als mysterienkultisch bezeichnet (z.B. im Sinne des Dionysoskultes), was Sepiola vermutlich nicht im Sinn hat (ich weiß gerade nicht, wo er darüber geschrieben hat). Andere Arten der Hellenisierung (die Adaption der Logostheologie des Philon von Alexandria, eine selektive Adaption des Mittelplatonismus durch Justin und eine selektive Adaption des Neuplatonismus z.B. im Trinitätsdogma) gehörten nicht zum Urchristentum.

    Der jüdische Messianismus war Teil eines linearen Geschichtsbildes, das die Israeliten/Juden aus dem Zoroastrismus übernommen hatten, den sie im Babylonischen Exil kennenlernten. Der Zoroastrismus lehrte - im Kontrast zum statischen bzw. zyklischen Weltbild aller anderen Religionen - Geschichte als einen teleologischen Prozess, der mit einem Endsieg des Lichtgottes Ahura Mazda über seinen Widersacher Ahriman endet. Die jüdische Apokalyptik - und im Anschluss daran die Johannesoffenbarung - haben dieses Konzept übernommen und ihrem jeweiligen Glaubenshintergrund angepasst. Nicht nur die Teleologie, auch die Idee eines Satan entstammt dem Zoroastrismus (dort hat Ahriman die Rolle des ultimativen Widersachers). In den Mysterienkulten wurde Erlösung nicht politisch verstanden (wie im Judentum) oder kollektiv-spirituell (wie im Christentum), sondern individualistisch-spirituell, d.h. die individuelle Partizipation an der Kraft der jeweiligen Gottheit (Dionysos, Mithras, Isis usw.) und die damit erlangte - zumindest subjektive - Gewissheit der eigenen Unsterblichkeit war das kultische Endziel.

    Laut C.G. Jung werden Archetypen genetisch vererbt. Ich will die theoretische Möglichkeit dafür nicht bestreiten, sie ist aber spekulativ. Im Unterschied dazu sind Freuds Annahmen, zumindest in weiten Teilen, besser verifizierbar. Die entscheidende Frage, welchen Ursprung die Archetypen haben, hat Jung nur vage beantworten können:

    (Aus "Die Archetypen und das kollektive Unbewusste")

    Fazit: Die genetische Übertragung der Archetypen ist nicht verifizierbar und die Frage nach ihrer historischen Genese sogar für Jung selbst "unbeantwortbar". Eine solches psychologisches System erinnert doch stark an religiöse Dogmen, die man glauben kann oder auch nicht.

    Das Motiv als solches (Erlösung zur Unsterblichkeit durch Partizipation am Wesen eines Gottes) wurde glasklar 1 zu 1 übernommen und lediglich einem jüdischen Kontext angepasst.

    Paulus, 1 Kor 10:

    Das ist antiker Mysterienglaube par excellence, nicht anders als die das Eucharistieritual begründende Abendmahlszene, die als Teil eines ursprünglich szenisch aufgeführten Erlöserdramas eines Mysterienkultes interpretiert werden kann, das sich um die Passion eines Erlösergottes dreht. Die Motive der Eucharistie, der Gottessohnschaft, des Erlösers und der Taufe waren traditionelle Elemente antiker Kulte schon vor dem Christentum. Die Art, wie Jesus in der Abendmahlszene seine Jünger in das eucharistische Ritual einweiht, hat Parallelen in traditionellen Mysterienkulten, wo die Explikation des rituellen Aktes durch die jeweilige Gottheit geschieht.

    Der Identifizierung des Brotes mit dem "Leib Christi" entsprechen z.B. das Ritual in den Eleusinischen Mystererien, bei dem der Gott Dionysos in Form von Brot (= mit Dionysos identifizierte Frucht seiner Mutter Demeter) und Wein (= aus dem ursprünglichen Dionyoskult) oder ein noch stärkerer Rauschtrank von den Gläubigen verzehrt wird, die dadurch an seiner göttlichen Transformation teilhaben, und das Ritual im Attis-Kult, bei dem der Gott in Form von Brot verzehrt wird, ebenfalls mit dem Zweck der Partizipation am Göttlichen. Ebenso intendiert der Verzehr von Brot und Wein in den Riten des Mithraskultes eine Teilhabe an der göttlichen Kraft des Mithras, genauer: die Erlangung der Weisheit für das irdische Leben und der Unsterblichkeit für das jenseitige Leben. In genau diesem Sinn bezeichnet Ignatius von Antiochien die christliche Eucharistie als pharmakon athanasias, als Medizin für die Unsterblichkeit. (Wobei die Echtheit und frühe Datierung der Ignatiusbriefe keineswegs unumstritten ist).

    Was auch niemand behauptet hat. Fakt ist aber, dass bei Abzug aller synkretistischen Einflüsse aus dem Zoroastrismus, aus der kanaanitischen Religion, aus der ägyptischen Religion und der babylonischen Religion vom Judentum nur das übrig bleibt, was es ursprünglich vermutlich war: ein nomadischer Stammeskult um einen Wüstengott. Nicht einmal das lineare Geschichtsbild haben die Juden erfunden, sondern die Perser, siehe oben.
     
    Zuletzt bearbeitet: 27. Oktober 2016
  19. Haerangil

    Haerangil Aktives Mitglied

    Das ist interessant! Denn gerade für die Kelten wird eine Bedeutung von Winter- und Sommersonnenwende auch immer wieder bestritten... ich habe letztens die Behauptung gelesen die Gallier hätten zu Mittsommer den Dies Natalis des Jupiter-Taranis gefeiert... leider ohne Quellenangabe... weisst du evtl. genaueres darüber?
     
  20. Armer Konrad

    Armer Konrad Aktives Mitglied

    Das Narrenfest (auch Eselsfest) hat einen kirchlichen Ursprung (auch wenn im Mittelalter das Volk kräftig mitgemacht haben dürfte) und ist, als Fest der Subdiakone, älter als seine Erwähnung im 12. Jahrhundert - unter etwas anderer Bezeichnung. Auf dem Konzil von Toledo 633 wurde jedenfalls das "festum hypodiaconorum" verboten - der Vorläufer des Narrenfestes. Bereits Augustinus soll es kritisiert haben (ich finde im Moment allerdings die Stelle dazu nicht). Jedenfalls, sollte tatsächlich bereits Augustinus gegen dieses "Fest der Dummen", wie es auch genannt wurde, hergezogen sein, verringert sich der zeitliche Abstand zu den Saturnalien doch erheblich.

    In einigen Regionen wurde das Narrenfest in den letzten 12 Tagen des Jahres gefeiert (in anderen allerdings erst um Epifania), die Saturnalien laut wiki zuletzt von 17. bis zum 30. Dez. Insofern wäre dies immerhin ein Indiz.
     
    Zuletzt bearbeitet: 4. November 2016

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