Christen auf Seiten der Muslime!

Epic

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Hallo, hatten im Mittelalter Christen keine Gewissensbisse auf Seiten der Muslime gegen ihre Glaubensbrüder zu kämpfen! Keine Angst vom Papst exkommuniziert zu werden! In Misskredit gegenüber benachbarter Christlicher Völker/Reiche zu geraten!
War für die jeweiligen Christlichen Herrscher das Vasallen-Dasein wichtiger als ihre Religion?
 
Hallo, hatten im Mittelalter Christen keine Gewissensbisse auf Seiten der Muslime gegen ihre Glaubensbrüder zu kämpfen! Keine Angst vom Papst exkommuniziert zu werden! In Misskredit gegenüber benachbarter Christlicher Völker/Reiche zu geraten!
War für die jeweiligen Christlichen Herrscher das Vasallen-Dasein wichtiger als ihre Religion?

Konflikte kriegerisch auseinanderzusetzen war im Mittelalter ziemlich normal. Zeitweise sogar so normal, dass die Kirche versuchte, dem ganzen mit Hilfe der pax et tregua Dei Herr zu werden. Da kämpften Christen gegen Christen.
In Nordafrika und Vorderasien sah es nicht viel anders aus: Da kämpfte Muslime gegen Muslime.
Orte wo Christen und Muslime Seit an Seit gegen ihre jeweiligen "Glaubensbrüder" kämpften, dafür kommen ja in erster Linie Italien und die iberische Halbinsel in Frage.

Bis weit ins 11. Jahrhundert wurden die Konflikte auf der iberischen Halbinsel nicht unbedingt als religiöse Konflikte aufgefasst, sondern als territoriale Konflikte, wo man Interessen hatte. So unterstützte etwa Sancho II. von Kastilien, noch als Prinz, al-Muqtadir von Zaragoza (ara. Saraqusṭa < Caesarea Augusta) gegen seinen Halbonkel Ramiro I. von Aragón (Ramiros Vater und Sanchos (II.) Großvater, Sancho III. von Aragón hatte sein Reich unter vier seiner fünf Söhne aufgeteilt, die er alle, die dre legitimen, sowie den illegtimen Sancho zu Königen erhob, Herzötümer zu Königreichen aufwertete).
Ramiro hatte Gradus (heute Graus) angegriffen, dass zum Kleinkönigreich von Zaragoza gehörte, dass aus dem Zusammenbruch des Kalifats von Córdoba hervorgegangen war. Vermutlich war Rodrigo Díaz (el Cid Campeador) dabei an Sanchos Seite.
Ramiro starb in Graus. Sein Sohn hieß - benannt nach demselben Großvater - genauso wie sein Cousin, der sich auf al-Muqtadirs Seite geschlagen hatte: Sancho (I. von Aragon, Vater: Ramiro I. von Aragón). Und auch ein weiterer Cousin hieß so: Sancho (IV. von Navarra, Vater: García III. von Navarra). Bald danach kam es zum Krieg der drei Sanchos, wo Aragon und Navarra (mit den Königen Sancho I. und Sancho IV.) gegen den gemeinsamen Cousin (und mittlerweile König) Sancho II. von Kastilien (Vater: Fernando I.) kämpften. Sancho, der aus diesem Krieg genauso siegreich hevorging, wie aus dem Krieg gegen seine beiden Brüder (Alfonso von León und García von Galicien) wurde dann irgendwann ermordet und sein Bruder Alfonso (VI.) beerbte ihn. Hier kommt wieder Ruy Díaz ins Spiel (el Cid Campeador), denn der muss aufgrund höfischer Intrigen (und laut der literarischen Überlieferung auch, weil er sich mit Alfonso wegen des Mordes an Sancho II. angelegt hat, er soll dem König den Treueeid nur unter der Bedingung geleistet haben, dass dieser in der Kirche der Heiligen Gadea beeidete, dass er mit dem Mord an Sancho nichts zu tun habe) Kastilien-León verlassen und verdingt sich nun als Söldner bzw. führt eine Truppe von "Freischärlern" an.
Vermutlich kannte er aus den Tagen von Graus noch Yūsuf b. Aḥmad b. Hūd al-Muʾtaman, den Sohn von al-Muqtadir und kämpft für diesen gegen den Grafen von Barcelona, der seinerseits mit dem Bruder al-Muʾtamans, dem König von Ilerda/Lérida ʿImād ad-Dawla Mundir verbündet war.
Da sind wir zeitlich ganz kurz vor den Kreuzzügen. Erst 1086 - 1085 hatte Alfonso Toledo (arab. Ṭulayṭula < Toletum) erobert und dessen König als König über Valencia (Balansiyya < Valentia) eingesetzt - bekommt das Ganze eine religiösen Impetus. Bereits vor 1085 soll Alfonso VI., der sich in lateinischen Quellen als Imperator totius Hispaniae (Beherrscher des gesamten Spaniens) bezeichnen lässt (in Arabischen wird das wiedergegeben als al-Imbaraṭūr dī-l-Millatayn (Imperator beider Religionen)), mit seinem Pferd bis zum Bauch in die Straße von Gibraltar hineingeritten sein. Wohlgemerkt: Zu diesem Zeitpunkt war noch die südliche Häfte der iberischen Halbinsel islamisches Territorium und Alfonso beherrschte nur knapp 2/3 des christlichen Territoriums. Es wird sich auch um eine Wanderlegende handeln, denn über den Eroberer des al-Maġrib al-aqṣā - des entferntestens Westens, also der heute marokkanischen Atlantikküste, wird dasselbe erzählt. Der wahre Kern an dieser Erzählung ist aber, dass die Klienkönigreiche so schwach waren, dass Alfonso Burgen errichten und besetzen konnte, von denen aus seine Ritter das Umland und den handel bedrohten und somit die Herrschaften zwangen, Tribute abzuführen.
Um diese Tribute (in er spanischen Geschichtswissenschaft parias) bezahlen zu können, brauchten die Herrscher Einnahmen., die sie aus Steuern generierten. Im Islam gibt es (für Muslime) traditionellerweise nur eine Steuer, die Almosensteuer, und diese Almosensteuer (hier taucht auch ieder der biblische Zehnte auf) ist eben nicht für den Herrscher bestimmt, sondern eine Solidaritätsabgabe mit den Bedürftigen, die vom Herrscher lediglich verwaltet und verteilt wird. Also erhoben die Herrscher der Kleinkönigreiche Steuern, die von der Bevölkerung und den Rechtsgelehrten als unislamisch wahrgenommen wurden.
1086 kommen erstmals die Almoraviden auf die iberische Halbinsel und diese besetzen den Hafen von Algeciras (< al-Ǧazīra), der eigentlich zu Sevilla gehört. Problem: Die Kleinkönige haben die Almoraviden zu Hilfe gerufen. 1086 schlagen diese also außerhalb von Badajoz eine Schlacht gegen Alfonso und besiegen ihn, Alfonso muss vom Schlachtfeld fliehen. Aber: Seine Burgen in al-Andalus bleiben intakt, die Almoravoden hinterlassen eine Garnison in Algeciras, kehren aber wieder in den Maġrib zurück. 1088 oder 89 (in älteren Darstellungen wird von 1089 ausgegangen, in jüngeren von 1088) kommen sie erneut, um Alfonso zu bekämpfen, diesmal geht es um die Burg von Aledo, sie weichen dann aber vor der heranrückenden Armee von Alfonso zurück. 1090 kommen sie erneut auf die iberische Halbinsel, diesmal gerufen von den Rechtsgelehrten, welche die Herrscher der Kleinkönigreiche anklagen, mit den Christen gemeinsame Sache zu machen, unislamische Steuern zu erheben und den Christen das Geld geben etc. Erst jetzt geht es nicht mehr um die Ausnutzung der Schwäche des Gegners um Territorium zu gewinnen, sondern um Religion.
Im 13 Jhdt. - 1212 hat es eine große Schlacht im Norden des heutigen Andalusien gegeben, die Schlacht von Las Navas de Tolosa - fallen die Städte am Guadalquivir (al-Wādī-l-kabīr < Baetis) reihenweise in die Hände der Christen und in Granada macht sich ein gewisser Muḥammad ibn Yūsuf ibn Naṣr Ibn al-Aḥmar 1232 zum König: Muḥammad I. von Granada. 1248 wird Sevilla von den Truppen Ferdinands des Heiligen (III.) belagert und schließlich erobert. Mit dabei im Lager Ferdinands des Heiligen: Ibn al-Aḥmar, der König von Granada. Und was passiert, als er aus dem Feldzug nach Granada zurückkehrt? Die Bevölkerung Granadas bejubelt ihn als Sieger und Ibn al-Aḥmar gibt sich bescheiden: Wa lā ġaliba illa Allāh - es gibt keinen Sieger, außer Allah. Fortan - so zumindest der Narrativ - führte die Dynastie diesen Wahlspruch als Wappen (man darf aber wohl annehmen, dass es eine Form der Inszenierung war) und der Spruch ist hunderte, wenn nicht tausende Male in der Alhambra zu finden. Oft auch in kleinen, schildförmigen Kartuschen, so dass man annehmen kann, dass die Naṣrīden wohl hier die christliche Sitte des Wappenführens übernommen haben (zumal die schildförmige Kartusche aussieht, wie ein europäisches Wappenschild und nicht wie die Doppelschilde, mit welchen maurische Krieger assoziiert sind).

Religion spielte meistens eine untergeordnete Rolle.
 
Apropos Misskredit und Las Navas de Tolosa 1212.
Alfonso VIII. hatte 1195 die Schlacht von Alarcos krachend gegen die Almohaden verloren. Die Almohaden kann man durchaus als hochmittelalterliche Ǧihādisten bezeichnen. In den Jahren danach lag er im Clinch mit den Königreichen von Aragón und Navarra (kennen wir doch irgendwo her) und beschließt dann zusammen mit Rodrigo Jiménez de Rada (seines Zeichens Erzbischof von Toledo und Historiograph), gegen die Almohaden vorzugehen. Um in dieser Zeit aber nicht für die Nachbarn im Norden - die lieben Cousins - angreifbar zu sein, wendet er sich an den Papst, damit aus dem Feldzug ein schnöder Feldzug, sondern ein offizieller Kreuzzug wird. Kreuzzug? Das ist interessant für die europäische Ritterschaft und sowohl die Cousins, mit denen man eben noch im Clinch lag, wie auch weitere Fürsten vor allem aus Frankreich aber selbst der Herzog von Kärnten schließen sich dem Kreuzzug an. Was machen aber die Franzosen, kaum, dass sie südlich des Ebro sind? Zum Entsetzen der Spanier und des Organisators dieses Kreuzzugs, Erzbischof Rodrigo, fangen die Franzosen an, in den nordspanischen Städten die Bewohner der Maurenviertel anzugreifen. Nachbarn, Untertanen, Steuerzahler, ggf. Freunde. Das bringt aus Sicht der christlichen Spanier die Franzosen in Misskredit.
Zum Helden der Schlacht wird Sancho (VII.) von Navarra, der mit seinen Reitern die Elite des almohadischen Heeres, die Männer die nicht weglaufen können (sie ketten sich an, um gar nicht erst in Versuchung wegzulaufen zu geraten) niederreitet - bis heute sind die Ketten das Wappen Navarras und somit Teil des spanischen Staatswappens, aber interessanter ist Pedro II. von Aragón. Dieser Pedro el Católico stirbt nämlich im Jahr darauf, 1213 bei einer Schlacht in Südfrankreich. Gegen ein Kreuzfahrerheer, dass gegen die Katharer ausgezogen ist. Problem: Der Adel von Navarra und Aragón ist mit dem Adel vom Nordhang der Pyrenäen aufs allengste verwandt und verschwägert. Das ist quasi der Pool, aus dem sich die Thronfolger die heiratsfähigen Gemahlinnen auswählen. Pere el Catòlic 1212 Teilnehmer an einem erfolgreichen Kreuzzug ist nur ein Jahr später Teilnehmer einer Abwehrschlecht gegen einen Albingenserkreuzzug.
 
Hallo und recht herzlichen Dank für Geschichtsunterricht!
Um es etwas besser zu veranschaulichen:
z.B. haben auf der Seite der Osmanen serbische Truppen gegen französisch ungarische Truppen bei der Schlacht von Nikopolis gekämpft und hatten maßgeblichen Anteil am Ausgang der Schlacht zugunsten des Osmanischen Reiches!
 
Allerdings war Serbien zu dieser Zeit osmanischer Vasall, seine Teilnahme also nicht freiwillig.

In der Folgezeit lavierten verschiedene serbische Teilherrscher zwischen den Osmanen und Ungarn als den regionalen Hegemonialmächten des Balkans herum. Welche Seite sie unterstützten (oder unterstützen mussten), hatte wenig mit Religion zu tun, sondern mit den Machtverhältnissen, den eigenen Möglichkeiten und den eigenen Ambitionen.
 
haben auf der Seite der Osmanen serbische Truppen gegen französisch ungarische Truppen bei der Schlacht von Nikopolis gekämpft und hatten maßgeblichen Anteil am Ausgang der Schlacht zugunsten des Osmanischen Reiches!
Naja, wie bereits geschrieben gibt es bei der Wahl der Kriegspartei ja viele Kriterien, nicht nur die Religion.


Wikipedia listet folgende mögliche Motive für Krieg:

Dass da christliche und nicht-christliche Parteien zusammen gegen eine christliche Partei zusammentun, ist nicht ungewöhnlich.
Da könnte ich jetzt auch ein Beispiel nennen: Afrika-französische Truppen in WWI und während der Ruhrbesetzung,
 
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Auch hinsichtlich internationalen Partnerschaften ist die Religion nur ein Kriterium von vielen.

@Epic Es liest sich ein wenig so, als seiest Du sehr religiös.

Und als könntest du dir konfessionsübergreifende Bündnisse kaum vorstellen, weil für dich persönlich Religion Kriterium Nummer 1 ist.
 
Ja, für Krieg! Aber nicht religiös motivierte Partnerschaften! Siehe Eingangsfrage!

Abgesehen davon, das davon in der Eingangsfrage nichts steht, welche Form "religiös motivierter Partnerschaften" sollte es im Mittelalter gegeben haben?

In der Neuzeit kann man sicherlich im Bezug auf Projekte die auf die Schaffung konfessionsübergreifender Landeskirchen hinausliefen (Beispiel: Kirchenunion von Brest Union von Brest – Wikipedia ) davon sprechen, dass zumindest überkonfessionell versucht wurde Zusammenarbeit von eigentlich entgegengesetzten religiösen Strömungen irgendwie in die Reihe zu bringen.

Aber ich wüsste beim besten Willen nicht, wo es so etwas und dann noch tatsächlich religionsübergreifend im Mittelalter jemals gegeben haben sollte.

Wenn du jemandem der im Mittelalter lebte, den Begriff "religiös motivierte Partnerschaft" an den Kopf geworfen hättest, hätte der wahrscheinlich angenommen, dass du irgendwas über Klöster und Ordensgeistlichkeit erzählen wolltest.
 
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