Bornholm: Sonnensteine??? (spätes Spätneolithikum, frühes Endneolithikum)

El Quijote

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Ende Januar titelte National Goegraphic: Rätsel um die Sonnensteine von Bornholm gelöst Rätsel um die Sonnensteine von Bornholm gelöst
Der Untertitel ist dann nicht mehr ganz so sicher:

Vor 4.900 Jahren haben Menschen auf der dänischen Insel hunderte Steine mit Sonnenmotiven geopfert. Der Grund dafür könnte laut einer Studie ein Vulkanausbruch gewesen sein.​
Es heißt dann im Text:

Vor etwa 4.900 Jahren brach in Nordeuropa ein Vulkan aus, der so viel Asche und Nebel stiftende Aerosole in die Atmosphäre katapultierte, dass Sonnenstrahlen in der nördlichen Hemisphäre für eine ganze Zeit kaum bis zur Erde durchdringen konnten. Die Folge: schlechte Ernteerträge der Bauern und die Angst unter den Menschen, die Sonne könne sie verlassen haben.​
Eine aktuelle Studie hat nun gezeigt, wie die jungsteinzeitlichen Menschen mit dieser Angst umgingen. Auf der dänischen Insel Bornholm erstellten sie hunderte sogenannter Sonnensteine – Schieferplatten mit detailreichen Gravuren der Sonne –, die sie vermutlich der Erde opferten, um die Sonne zurückzuholen.​
Entdeckt wurden die Sonnensteine [...] bereits in den Jahren 2013 und 2018 [...] in der archäologischen Stätte Vasagård im Süden Bornholms insgesamt 614 dieser Artefakte. Neben Sonnen sind auf ihnen auch geometrische Darstellungen von Feldern und Nutzpflanzen eingraviert.​
[...]​
Die Wissenschaftler*innen datierten die Steine zunächst auf das Jahr 2910 v. Chr. und suchten dann nach Ereignissen, die die Menschen zu dieser Zeit umgetrieben haben könnten. Schnell kam ihnen die Idee eines Vulkanausbruchs – [...] In Eisbohrkernen aus Grönland fanden die Forschenden Nachweise für eine massive Eruption um das Jahr 2910 v. Chr. Im Eis war Schwefel erhalten – ein Zeichen für einen besonders starken Vulkanausbruch.​
„Wir wissen seit langem, dass die Sonne für die frühen landwirtschaftlichen Kulturen, die wir in Nordeuropa kennen, im Mittelpunkt stand“, sagt Iversen. „Wenn die Sonne aufgrund von Nebel in der Stratosphäre für längere Zeit quasi verschwunden wäre, wäre das für sie äußerst beängstigend gewesen.“​
Ich denke, hier im Text versteckt sich ein Fehler: Die Wissenschaftler sollen die "Sonnensteine" - dazu später mehr! - auf das Jahr 2910 v. Chr. datiert haben und just in diesem Jahr finden sie in Eisbohrkernen den Nachweis für einen größeren Vulkanausbruch. Es dürfte tatsächlich eher umgekehrt gewesen sein: Zunächst war wahrscheinlich der Vulkanausbruch, der aufgrund der Eisbohrkerne mit einer gewissen Schwankung datiert werden kann, datiert und dann hat man die Opferung der sogenannten "Sonnensteine", deren Datierung wohl allenfalls ungefähr aber sicher nicht jahrgenau festzulegen ist. Es sollte mich zumindest sehr wundern, wenn die "Sonnensteine" jahrgenau hätten datiert werden können.

Zudem haben wir natürlich keine schriftliche Überlieferung, was apodiktische Aussagen darüber, was die Menschen tatsächlich dachten, eh nicht zulässt.

Kommen wir nun zu den Steinen selbst:

Da sind zunächst einmal die Steine mit Parzellen(?) (A) bzw. Getreide und Ochsenpflug (B):

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Dann aber auch die "Sonnensteine", um die es in dem Artikel in der Hauptsache geht:

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Und hier habe ich Zweifel: Sonnensteine? Ich sehe keine Sonne, ich sehe Spinnennetze.
Schlussfolgerung: Wenn es keine Sonnen sind, sondern Spinnennetze, dann ist die ganze Reaktion-auf-Vulkan-Ausbruch-Theorie falsch und die Datierung der Steine auf 2910 v. Chr. obsolet.

Was meint ihr?
 
Zuletzt bearbeitet:
Moin

So "bräsig" werden die Menschen damals sicherlich nicht gewesen sein, eine Sonne so abzubilden!
Oder kennt nach aus der Archäologie solche gesicherten Sonnenbilder?

Normalerweise sollten die Strahlen doch auch schon damals eher spitz zulaufen und nicht umgekehrt!?
 
So "bräsig" werden die Menschen damals sicherlich nicht gewesen sein, eine Sonne so abzubilden!
Oder kennt nach aus der Archäologie solche gesicherten Sonnenbilder?

Normalerweise sollten die Strahlen doch auch schon damals eher spitz zulaufen und nicht umgekehrt!?
Ob die vermeintlichen Strahlen sich verjüngen oder verbreitern ist noch mein geringstes Problem mit der Sonneninterpretation. Für mich sind das Spinnennetze. So würde ich Spinnennetze zeichnen (rechts wäre das, was ich würde zeichnen wollen und links das, was dabei heraus käme ;) )
 
Für mich sind das Spinnennetze
ich kann mi keinen Grund vorstellen, weshalb diese "Urskandinavier" Spinnennetze dargestellt haben sollen - die Spinne als "heiliges" Tier (Totem) ? Gab es das irgendwo? Oder war die Spinne (wie heute allgemein) überwiegend als eklig konnotiert?

Dann ins Blaue hinein: erst in den letzten Jahren ist die Wespen/Tigerspinne (eine Radnetzspinne) infolge Klimaerwärmung ebenso wie Zecken weit nach Norden ausgebreitet, also auch in den skandinavischen Raum -- weiß man, ob Kreuzspinnen etc damals im Norden ausgebreitet waren?
 
Radnetzspinnen gibt es - abgesehen von Arktis und Antarktis - weltweit. Ich wüsste nicht, warum das im ausgehenden Spätneolithkum/beginnenden Endneolithikum anders gewesen sein sollte.
 
Um es vorweg zu nehmen: ich sehe auch ein Spinnennetz und wahrscheinlich sieht auch der Chefarchäologe in Bornholm ein Spinnennetz, denn er ging schon 2018 auf die Suche nach anderen Spinnennetzsymbolen und fand dabei eins in einer mittelalterlichen Kirche in Frankreich. Es sei eine mögliche Darstellung des Himmels oder des "Raums zwischen Leben und Tod". Das scheint mir etwas weit hergeholt.

Im Valcamonica gibt es Felsritzungen aus dieser Zeit (2900-2500 v. Chr.), bei denen die Sonne neben einem Linienmuster abgebildet ist, was möglicherweise ein Nebel vor der Sonne ausdrücken und im Zusammenhang mit einem Vulkanausbruch stehen könnte.


C01A9397_Stele-Bagnolo-2-1.jpg
 
Dann ins Blaue hinein: erst in den letzten Jahren ist die Wespen/Tigerspinne (eine Radnetzspinne) infolge Klimaerwärmung ebenso wie Zecken weit nach Norden ausgebreitet, also auch in den skandinavischen Raum -- weiß man, ob Kreuzspinnen etc damals im Norden ausgebreitet waren?
Die bei uns sehr häufige Gartenkreuzspinne, Araneus diadematus, ebenfalls ein Radnetzspinne, deren Netze den Darstellungen auf den Steinen recht ähnlich sehen, ist heute in fast allen schwedischen Provinzen heimisch, auch wenn die Nachweise etwa ab Mittelschweden nach Norden hin weniger werden, was aber auch daran liegen kann, dass dort weniger Menschen wohnen, die sie beobachten können:


Bornholm liegt etwa auf der Höhe der Südspitze Schwedens. Ich denke, es gibt keinen Grund anzunehmen, dass es während des Neolithikums dort keine Kreuzspinnen gab.
 
Zuletzt bearbeitet:
ich kann mi keinen Grund vorstellen, weshalb diese "Urskandinavier" Spinnennetze dargestellt haben sollen - die Spinne als "heiliges" Tier (Totem) ? Gab es das irgendwo? Oder war die Spinne (wie heute allgemein) überwiegend als eklig konnotiert?
Es könnte auch sein, dass Spinnen in der damaligen Mythologie eine antagonistische Rolle gespielt haben, ähnlich wie die Schlange in der Bibel bei der Vertreibung aus dem Paradies oder wie die Midgardschlange in der germanischen Mythologie.

Es könnte auch sein, das Spinnennetze für einen Wandel der Jahreszeiten standen. Spinnennetze sind im Spätsommer und Herbst am auffälligsten, insbesondere, wenn sie morgens mit Tau benetzt sind.

Siehe auch unseren Altweibersommer.


Spinnennetze könnten also das Ende des Sommers oder den Beginn des Herbstes symbolisieren.
 
Ich bin noch auf etwas anderes gekommen. Da die ersten beiden beschriebenen Steine mit Landwirtschaft zu tun haben, habe ich mich gefragt,
ob auf den sogenannten Sonnensteinen möglicherweise Symbole für die Textilherstellung sein könnte. es gibt zum Beispiel die Sprang genannte textile Handarbeitstechnik, mit der Haarnetze gewebt wurden. Aus der Bronzezeit stammt ein Fund eines Haarnetzes aus Wolle aus einem Baumsarg, das eine 50-60jährige Frau trug. Borum Eshøj – Wikipedia . Die Webtechnik selbst ist einfach, es reicht als Webrahmen ein z.B. u-förmig gebogener Ast: das hat mich an die runden Webrahmen erinnert, die es heute (meist für Kinder) gibt. Hier unten eine Rekonstruktion eines Haarnetzes aus dem Grab von Skrydstrup. Gezeigt im Museum Haderslev, Dänemark (Quelle wikipedia).
Haarnetzrekonstruktion_Skrydstrup.jpg
 
Noch eine weitere Möglichkeit: das Rad war in der keltischen Mythologie eng mit dem "Himmels - und Donnergott" Taranis verknüpft, und wird oft als Sonnensymbol gedeutet. Platte C vom Kessel von Gundestrup zeigt eine Göttergestalt mit einem vielspeichigen halben Rad. Ob ein Rad möglicherweise schonin der Bronzezeit mit der Sonnensymbolik verknüpft war (Sonnenwagen, Sonnenlauf etc). - da wisst ihr sicher mehr....
da fiel mir doch selbst noch der Sonnenwagen von Trundholm ein... Sonnenwagen von Trundholm – Wikipedia
Screenshot 2025-02-22 at 10-01-12 Falkenstein__Gundestrup-Kessel__2004.pdf.png
 
Ich bin im Nachhinein doch ratlos. Zur Radsymbolik passen einfach nicht die kreisförmigen Zeichnungen, die die Assoziation Spinnennetz erklären.
16 - 17 Speichen sind noch technisch nachvollziehbar, siehe das Bild vom Gundestrup-Kessel, passsend wäre die Radnabe in der Mitte - aber die "Spiralen" müssen eine Bedeutung haben. Und die Radsymbolik der nordischen Vorzeit ist eine andere, ich habe mir jetzt einige andere Funde zum Vergleich angesehen, das Sybol ist ein vierspeichiges Rad, ein Radkreuz, das in Felsenritzungen und auch als bronzene Anhänger für die nordische Bronzezeit nachgewiesen ist . Siehe unten, Feslenritzungen an der Asnæs Kirke, Seeland/DK aus der Bronzezeit. Die Radiale Grundstruktur findet sich jedoch auch bei Kultgegenständen der Urnenfelderkultur wie den Goldhüten, denen eine Kalenderfunktion zugesprochen wird. Dafür sind meinem Eindruck nach die oben abgebildeten Zeichnungen nicht gedacht. Die ersten Räder können Baumscheiben gewesen sein (Wachstumsringe) - dann machen jedoch die Speichen der Zeichnungen keinen Sinn. Die gab es zu dieser Zeit noch nicht, das älteste gefundene europäische Bronzerad (vierspeichig) wird in Hallstatt B datiert. Die Speichenräder sind daher wahrscheinlich erst im 2.Jahrtausend BC in Europa entwickelt oder aus dem Nahen Osten adaptiert worden.
Screenshot 2025-02-23 at 09-08-24 Asnaes(04)Sten med hjulkors - Radkreuz – Wikipedia.png
 
Spinnennetze könnten also das Ende des Sommers oder den Beginn des Herbstes symbolisieren.
@Nikias darüber habe ich gegrübelt, denn Altweibersommer (Spinnennetze) zusammen mit Sommerende/Herbstbeginn könnte symbolisch in Richtung Erntedank aufgefasst werden:
Erntedankfest – Wikipedia daraus:
Erntedankfeste gab es schon in vorchristlicher Zeit. Vergleichbare Riten sind aus Nordeuropa, Israel, Griechenland oder aus dem Römischen Reich bekannt.
...leider wird nichts zu den vorchristlichen nordeuropäischen Riten gesagt... (woher will man die ohne Schriftzeugnisse kennen?)

Dennoch kommt mir die Idee Spinnennetze symbolisch für Sommerende/Herbstbeginn und damit Ernte zu "modern" vor, mir schwirrt da Rilkes assoziationsreicher Herbsttag durch den Sinn:
Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Allerdings wird/wurde die Ernte allerorts mit Ernteopfern gefeiert, die weitaus deutlicher mit dem ernten bzw geerntetem (also dem Ertrag) zu tun haben wie arrangierte Früchte, Weinfässer etc - die gar nicht nahrhaften Spinnennetze tauchen da eigentlich nicht auf.
 
Faszinierend. Es liegt vielleicht am Blick, ich erkenne verschieden gegeneinander verschobene Baumringe. Ja, klar erinnert das auch an Spinnennetze, aber das jährliche Wachstum von Bäumen kannte man zu allen Zeiten.
Die Petroglyphenkomplexe aus Valcamonica sind super, auch online ist der Auftritt der Forschungen sehenswert.
Womit ich die Musenfreunde nicht vom Gedichte zitieren abbringen möchte.
 
Ja, klar erinnert das auch an Spinnennetze, aber das jährliche Wachstum von Bäumen kannte man zu allen Zeiten.
Ist denn bekannt, seit wann man Jahresringe im Holz und ihre Bedeutung kennt? Und welche magisch-rituelle Bedeutung könnten sie haben? Wachstum, Prosperität? ...hm... eine Blume, ein Pilz, ein Apfel oder Kohlkopf wachsen deutlich schneller.
 
Ich denke, das die Bedeutung der Jahresringe sicherlich schon im Neolithikum bekannt gewesen ist. Holz war und ist ein wichtiges Material zur Produktion von Dingen des täglichen Lebens. Für mich erscheint es nicht logisch das der Zusammenhang nicht erkannt worden sein sollte. Denn gerade bei der Verarbeitung von Holz ist es wichtig die Jahresringe zu berücksichtigen. Zudem müßte man es ja auch beim schlagen der unterschiedlich dicken Bäume gleicher Art bemerken.
 
@Mittelalterlager das ist eine plausible Überlegung, nur frage ich mich, warum der Aufwand betrieben wurde (wenn es Jahresringe oder Spinnennetze sein sollen), das eigens in Stein geritzt zu verewigen?
Beides macht zumindest auf mich nicht den Eindruck, irgendwie religiös-rituell symbolisch besonders ergiebig zu sein: wie schon zum denkbaren Kontext Herbst/Ernte gesagt, gab und gibt es ergiebigere Symbole.
 
Warum und ob es Jahresringe sind, keine Ahnung.
Hier war nur die Frage nach der Kenntnis der Bedeutung der Jahresringe, die ich zumindest für mich selbst mit ja beantworten kann. Die habe ich schon als kleines Kind bei uns im Wald entdeckt ohne vorheriges Wissen darüber.

Bei den "Spinnennetzen" frage ich mich dann aber, wenn es Baumringe sein sollten, wieso die "falsch" dargestellt sind.

Ich traue den Menschen damals genauso einen Realitätssinn wie den heutigen Menschen zu, sprich eine realistische (wenn auch in stilisierter Form)
Darstellung.
 
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