Und wir sollten nie vergessen, wann sich das Ganze abspielte. Die Römer hatten gerade unter größten Mühen, sehr hohen Verlusten und mit Einsatz von bis zu 15 Legionen den Pannonischen Aufstand niedergeschlagen (Teutoburgium in Pannonien!).
Da dürfte auch in der Berichterstattung einiges durcheinandergelaufen sein.
Forenkollege Stilicho formuliert hier gewissermaßen die These - und ich meine nicht zum ersten Mal -, dass die Schlacht im Teutoburger Wald gar nicht im Ems-Weser-Dreieck stattgefunden habe, sondern in Pannonien. Die Schlacht im Teutoburger Wald wäre damit gar nicht die clades Variana, sondern Tacitus (der ja als einziger den Teutoburgiensis Saltus nennt) hätte zwei Schlachten durcheinander geworfen. Denn ein/en Ort/Römerlager Teutoburgium haben wir in verschiedenen Quellen erwähnt:
Klaudios Ptolemaios erwähnt Teutoburgium (Τευτοβούργιον) an der Donau. Das Itinerarium Antonini (Teutiburgio) und die Tabula Peutingeriana (Tittoburgo) kennen es auch:
In der Notitia Dignitatum haben wir ein Teutoborgium mehrfach erwähnt:
Sub dispositione viri spectabilis ducis provinciae Pannoniae secundae ripariensis et Saviae:
...
Cuneus equitum Dalmatarum, Teutiborgio.
...
Equites promoti, Teutibarcio.
...
Praefectus legionis sextae Herculeae, Teutiborgio.
Unter dem Befehl des vir spectabilis, des Befehlshabers (dux) der Provinz Pannonia secunda ripariensis et Savia (Uferpannonien):...
– eine Reiterabteilung der Dalmatae in Teutiborgium;
...
– die Equites promoti (~ ausgewählten Reiter) in Teutibarcium;
...
– der Präfekt der 6. Legion Herculia in Teutiborgium.
Ich unterstelle mal, dass Teutobarcium eine Variante von Teutoburgium ist.Das Legionslager Teutoburgium wird mit der Ortschaft Dalj (Erdut) identifiziert (was anhand des Itinerarium Antonini (IA) und der Tabula Peutingeriana (TP) ziemlich gesichert ist. Dort hat man ein Legionslager archäologisch nachgewiesen, das von der spät-tiberischen/früh-claudischen Zeit an belegt ist.
Daraus lassen sich nun sicher vier (oder mehr?) Thesen ableiten:
1.) die radikale These: Die Varusschlacht fand gar nicht im Weser-Ems-Dreieck statt, sondern an der Donau.
Diese These steht im Widerspruch zu den Quellen und kann getrost zurückgewiesen werden.
2.) die Vertauschungsthese: Tacitus hat zwei Ereignisse, die Varusschlacht und ein Ereignis aus dem pannonisch-dalmatischen Aufstand durcheinander gebracht. (das entspräche in etwa dem, wie ich @Stilicho verstehe)
3.) es ist purer Zufall: nach bekannten Quellenstand weder be- noch widerlegbar.
4.) kein Zufall, sondern Namensübertragung: das Lager Teutoburgium wurde nach dem Teutoburgiensis saltus benannt.
Gegen These 4 (Namensübertragungsthese) spricht: Die Legionen XVII - XIX wuden nicht wieder aufgestellt. Der Teutoburgiensis Saltus war nicht nur ein Ort militärischer Schmach, sondern geradezu ein unheilbeladener Erinnerungsort. Ein neues Römerlager nach diesem Schauplatz zu benennen, hätte unter einer solchen Vorstellung bedeutet, das Schicksal der Varuslegionen gewissermaßen auf die neue Garnison zu übertragen: Der Name selbst wäre zum schlechten Omen geworden und hätte eine erneute Niederlage geradezu vorweggenommen. Schließlich baute man Vetera nach seiner Zerstörung durch die Bataver auch nicht wieder am alten Ort auf, sondern verlagerte es. Auch hier wird in der wissenschaftlichen Literatur angenommen, dass man kein Unglück heraufbeschwören wollte - anhand von Quellen belegt ist das freilich nicht.Umgekehrt könnte für These 4 sprechen, dass man mit der Evozierung des Teutoburg-Namens bewusst die Gefährlichkeit der Iazygen betonen wollte und dass die hier stationierten Einheiten besonders auf der Hut sein mussten.
Ich finde letzteres Argument selbst zwar nicht völlig abwegig, aber deutlich schwächer, als das Argument, dass ich gegen These 4 formuliert habe.