@Reinecke
vielen Dank für diesen ausführlichen und inhaltlich starken Einwand!
Es braucht dir absolut nicht leidzutun – ganz im Gegenteil.
Genau für diesen sachlichen Widerstand und Tiefgang bin ich hier. Lass uns das gerne mal konstruktiv aufdröseln.
Nur kurz vorweg zur Einordnung, damit das nicht falsch rüberkommt
Das Ganze ist absolut kein Glaubensbekenntnis. Mein persönliches Weltbild tendiert, wenn überhaupt, eher in Richtung der Freimaurerei (der "Allmächtige" eher als großer universeller Baumeister denn als theistisch-eingreifende Entität).
Dass es eine Allmacht (mit welchem Namen auch immer) gibt, ist hier lediglich die philosophische Grundannahme. Ohne dieses Postulat würde dieses klassische Paradoxon (Allmacht vs. Stein) ja gar nicht erst existieren.
Zu deinem freundlichen Rat am Ende, mich nicht auf "populärwissenschaftliche Parolen" zu verlassen.
Ich nehme das sportlich, zumal du ja selbst fairerweise schreibst, dass du kein Physiker bist und – wie du im ersten Absatz erwähnst – die philosophische Gedankenarbeit dahinter für dich schwer zu greifen ist.
Letzteres habe ich mir in fast 50 Jahren auch "nur" im Selbststudium angelesen.
Bei der Physik darf ich dich aber beruhigen: Als Dipl. Ing. Ing. und Handwerksmeister ist angewandte Physik mein tägliches Brot. Egal ob komplexe Bauchemie, Hydrologie, Thermodynamik bei Verbrennungsmotoren, Strömungsmechanik oder hochkomplexe Gebäudestatik – ich rechne und arbeite seit Jahrzehnten mit den mathematischen und physikalischen Grundlagen dahinter.
Wenn ich das hier in einem Forum auf lesbare Schlagworte herunterbreche, mag das auf den ersten Blick populärwissenschaftlich verkürzt wirken, aber das Fundament darunter ist massiv.
Eben weil dir laut eigener Aussage der philosophische Bezug in der These etwas fehlt, verstehst du vielleicht nicht ganz, warum die Physik hier überhaupt mit der Theologie in Konflikt gerät oder geraten ist.
Deshalb lassen ich die populärwissenschaftliche Ebene jetzt mal hinter mir und gehe in die Tiefe.
1. Quanten, Beobachter & Katzen
Du hast völlig recht!
Rein physikalisch betrachtet ist der Detektor (der Versuchsaufbau) der "Beobachter", der die Wechselwirkung auslöst und die Wellenfunktion kollabieren lässt.
Aber der philosophische Kern des Paradoxons ist ein anderer.
Wir betrachten hier das theologische Problem von Bewusstsein und freiem Willen.
Wie Carl Sagan so treffend formulierte
"Wir sind eine Möglichkeit des Kosmos, sich selbst zu erkennen."
Sprich, die tote Materie braucht das Bewusstsein, um den Kasten überhaupt öffnen und "Bedeutung" messen zu können.
Gibt es da anderweitige historische Belege?
Gemäß der Kopenhagener Deutung (Niels Bohr, Werner Heisenberg, Max Born) ist der Zustand für unser Universum nicht definiert – es ist eine Überlagerung von Wahrscheinlichkeiten.
Erst die Interaktion mit dem System (Heisenbergs Unschärferelation.
Die Beobachtung selbst / das Nachschauen verändert das System und zwar erst zu diesem Zeitpunkt, da wir es quasi erweitern zwingt die Realität in die Gegenwart.
Vor diesem "Öffnen der Kiste" nach einem Zustand zu fragen, ist physikalisch sinnlos – genau wie Stephen Hawkings berühmter Vergleich, dass die Frage, was "vor dem Urknall" war, genauso unsinnig ist wie die Frage: "Was liegt südlich des Südpols?"
Wie Hawkings Südpol aussieht, das ginge hier nun sehr tief in diese Materie.
Die Schlussfolgerung.
Wenn eine "Allmacht" den Stein hebt (also in die Welt eingreift), wird sie zwingend zu genau diesem Detektor. Sie zwingt das System zum Kollaps und vernichtet die Unbestimmtheit, den freien Willen der Welt.
2. Thermodynamik, Gravitation und das abgeschlossene System
Hier machst du es dir aus meiner Sicht physikalisch etwas zu einfach. Deine These, die Hauptsätze seien "nicht allgemeingültig" und würden die Gravitation "praktisch nicht" berücksichtigen, ist ein Irrtum.
Der englische Astrophysiker Arthur Eddington bezeichnete den 2. Hauptsatz der Thermodynamik einmal sinngemäß als das "höchste metaphysische Gesetz des gesamten Universums".
Sowie "Wenn deine Theorie gegen den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik verstößt, kann ich dir keine Hoffnung machen; sie wird in tiefster Demütigung kollabieren."
Es gibt in der Physik kein "praktisch nicht".
Du hast völlig recht, dass sich interstellare Gasnebel durch Gravitation zu Sternen zusammenballen, zu einer lokalen Ordnung.
Nur um diese lokale Ordnung zu schaffen, strahlt der kollabierende Nebel/Stern gigantische Mengen Energie in Form von Wärme ins All ab.
Die Entropie des Gesamtsystems (unseres Universums als das ultimative abgeschlossene System) steigt dabei unaufhaltsam weiter.
Die Thermodynamik versagt im Großen keineswegs, sie skaliert nur.
Siehe Bekenstein-Hawking-Entropie bei Schwarzen Löchern - schwarze Löcher verdampfen mit der Zeit.
Falls ich das als Metapher auf die Historie anwende.
Eine Zivilisation oder ein Imperium (lokale Ordnung) kann sich formen, aber sie erkauft sich das immer durch globale Entropie-Zunahme durch z.B. Ressourcenverbrauch, Kriege, Energiedissipation.
Dein Einwand war wirklich anregend, aber deine Schlussfolgerung, die Grundlagen seien hier nicht verstanden oder anwendbar, greift für mein Ingenieursverständnis deutlich zu kurz.
Das Paradoxon entsteht ja gerade erst in der Schnittmenge, wenn man die harte Physik (die nach Lehrmeinung absolut allgemeingültig ist) über die philosophische Theologie (die Allmacht) legt.
Wir können diese physikalischen Prinzipien gerne weiter in die Tiefe diskutieren – ich habe da großen Spaß dran!
Und bei den philosophischen Grundlagen lerne ich immer gerne etwas Neues dazu, auch wenn es durch eine richtig gute Widerlegung passiert.
Mir geht es nicht darum "Gott" zu beweisen oder nicht!
Oder ob es "gut oder böse" / gerecht oder ungerecht ist oder war!
Die Frage für mich ist, gibt es außer den vor genannten historischen hauptsächlich geschichtlich geistes-, aber auch naturwissenschaftlichen Quellen weitere, welche sich mit dieser Argumentation Thema beschäftigt haben. Egal ob diese widerlegen oder stützen.
Oder auch einen Hinweis auf ein unvoreingenommenes Forum (außer Theologie) wo ich das nachfragen könnte. Physik ist in meinen Augen auch voreingenommen und hat in dem historischen geisteswissenschaftlichen Bereich den ich hier anschneide eher auch keine Kompetenz.
Vielleicht kennt ja jemand hier aus dem Forum dahingehend etwas mit entsprechender Expertise und Qualität.
Ansonsten möchte ich mich ausdrücklich entschuldigen.
Hier das Forum hat ja noch andere für mich sehr interessante Themen zu bieten. Unverfänglichere.
Mit freundlichen Grüßen
Lutz
@Eumolp
Du berufst dich auf das erste Buch was ich je und nicht nur einmal gelesen habe
"Also versucht er es gar nicht und gleicht seine Allmacht mit seinem Allwissen ab."
Deine persönliche Meinung/Schlussfolgerung!
Genesis (1. Buch Mose) Kapitel 1, Verse 26 und 27
Gensesis 1 Vers 26
"Und Gott sprach; Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über ..."
(Kleine Anmerkung ... im weiteren wird dort nicht das Weltall aufgezählt)
Genesis 1 Vers 27
"Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn, und schuf sie als Mann und Frau."
Ergo:
Sofern es Gott gibt, ist der auch dumm! Ein menschlicher Begriff.
Was ist schlimm an einem dummen Gott?
Das er den Menschen geschaffen hat?
Auch Menschen tuen dumme / wahrscheinlich unmögliche Dinge ... und haben wieder allen Erwartungen tatsächlich manchmal im positiven / negativen Erfolg damit.
Das "Imago Dei", die Gottesbildlichkeit.
Welche in der christlichen Theologie selten als physische (!!) Ähnlichkeit verstanden (Gott hat ja keine Hände oder Füße), sondern als Ausstattung mit Bewusstsein, Vernunft und freiem Willen verstanden wird.
Und falls der Mensch als Einziger im "System" diesen "göttlichen Funken" des freien Willens besitzen sollte, wäre er in der physikalischen Quantenmethaper exakt der bewusste Beobachter, welcher den Kasten öffnet. Und nachschaut.