Die Römer in Mittelhessen ¹

Gabriele Rasbach sieht in Hedemünden auch kein kein Römerlager.

Archäologische Spuren einer Kultpraxis: Deponierungen im Mittelgebirgsraum, Ein grenzübergreifender Überblick 2022/ S. 255-282
Ich habe den Artikel von Frau Ransbach nicht gelesen, was ja die Grundvoraussetzung für einen Einwand ist.
Aber das was Klaus Gote geschrieben hatte:

"mehrere Münzen: Nemausus-Asse bzw. -Dupondien (Nemausus Serie I, ca. 16 - 8 v. Chr.), z. T. gegengestempelt, ein silberner Quinar (republikanisch, ca. 90 - 80 v. Chr.), spätrepublikanische bis augusteische Denare, mehrere keltische Kleinerze (u.a. Aduatuker). Dazu eine unbekannte Anzahl römischer Münzen (Raubgrabungsfunde, verschleppt), angeblich Nemausus-Dupondien und republikanische Denare, eventuell als Depotfund entdeckt.
ca. 1500 römische Eisenobjekte, darunter Pilumreste, eine Gladiusklinge, ein Dolch, Tüllenlanzenspitzen (Form hasta und jaculum), Katapult-Geschossbolzen (massiv vierkantig, mit Tülle), Lanzenschuhe, Zeltheringe, Ledermesser, Sensen, Sicheln, Baubeschläge, Pfrieme und Durchschläge, Wagenteile und Anschirrungszubehör, sonstige Werkzeuge und Beschläge, Nägel, Kettenteile (mit 8-förmigen Gliedern), über 600 Sandalennägel.
Phallusamulett, Aucissafibel, steinerne Drehmühlen, Buntmetall- und Bleiobjekte."
  • Das klingt nun nicht im geringsten nach einem nicht-römischen Depot.
  • Und ja, sowohl die Drusus-zeitlichen Lager als auch und erst recht die Versorgungslager können einen von der üblichen Spielkartenform abweichenden Grundriss haben.
 
@Stilicho geben die denn in ihren Umrissen Anlass dazu, sie für römischen Ursprungs zu halten?

Das meine ich gar nicht. Aber zum Beispiel die Anlage Heunstein bei Dillenburg wird ins Spät-Latene datiert. Vielleicht also zeitgleich mit Dünsberg?
Auch mit Waldgirmes oder Reimershausen?? Zuletzt gründlich untersucht wurde das ganze meines Wissens .vorm Krieg...

Wäre ja interessant, mehr über die einheimische Besiedlung um die Zeitenwende zu wissen.
 
Auf dem Döttenbichl hat man auch über 200 Schuhnägel, Waffen und andere Sachen gefunden. Das alleine reicht nicht aus.


Eindeutige römische Lager in Hedemünden befanden sich auf dem heutigen Gewerbegebiet (6 nachgewiesene Spitzgräben! siehe Publikation Grote 2012). Vielleicht kam es in Hedemünden ja wie auf dem Döttenbichl ebenfalls zu einem Gefecht?. Einige Spitzen von Lanzen und Messern staken senkrecht in der Erde(!) oder wurden unter Steinplatten deponiert. Haargenau wie am Döttenbichl. Das ist kein Zufall m.E.
 
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Auf dem Döttenbichl hat man auch über 200 Schuhnägel, Waffen und andere Sachen gefunden. Das alleine reicht nicht aus.
  • Mehrfache Wallanlagen an strategisch günstiger Stelle an einem Flussübergang. Das ist nicht der Ort wo man eine germanische Befestigung der Zeitenwende erwartet. Ausnahme wäre vielleicht Marbods Befestigung im heutigen Tschechien.
  • Ein germanische Opferstelle mit Innenbebauung, das wäre ein Novum.
  • Auch ein Novum wäre die Deponierung römischer kleiner Gebrauchskeramik.
  • Bei senkrecht im Boden steckenden Messern ist ein germanischer Ritus möglich. War dies nicht auch in einer der germanischen Siedlungen am westfälischen Hellweg der Fall?

Also, ohne eine renommierte Archäologin kritisieren zu wollen, ist das sehr gegen den Strich gebürstet.

"Im Nordostabschnitt wurde unter dem Wallkern eine zweite eiserne Pionieraxt (Dolabra) geborgen, eine dritte im südlichen Wall; eine vierte Dolabra wurde im Nordabschnitt beim Wegebau schon 1883 im Wallkern gefunden (publiziert u. abgebildet im Atlas vor- u. frühgesch. Befestigungen, Schuchhardt 1916). Ebenfalls von der Wallbasis stammt eine eiserne Schaufelhacke."

  • Gerade die Deponierung einer Dolabra in Wall und Graben ist doch römischer Brauch!

"2006 - 2008 Freilegung des Südtores, mehrerer steingesetzter Gebäudereste, Gruben, Herde und Backöfen."
  • "Steingesetzte Gebäudereste" - das ist zur Zeitenwende weder für germanische Siedlungen noch für Opferstätten zu erwarten.
 
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Warum schaut man sich die zahlreichen "Fliehburgen", die größtenteils von Pfarrern und Dorfschullehrern (no offense intended) untersucht wurden, nicht mal etwas gründlicher an?

Ist eigentlich wegen des atypischen Grundriss Hedemünden eine sehr seltene Ausnahme, oder gibt es deutlich mehr solche im Grundriss eher frühmittelalterlich erscheinenden Römerlager?

Zu Hedemünden gibt es vielleicht eine Doublette:


 
Nun gut, ich bin begeistert von den archäologischen Funden in Hessen. Aber: Die Überlegungen hierzu sind schon sehr alt.


Ich finde es eigentlich sehr schade, dass auch nach der Entdeckung von Waldgirmes und Dorlar wenig weiter reichende Folgerungen gemacht wurden. Oder habe ich sie nur nicht mitbekommen?

  • Warum ist die Schiffbarkeit der Lahn in der Latènezeit nicht vorher archäologisches Thema gewesen?
  • Warum sind alle von dem Fund der großen keltischen Hafenanlage in Aschaffenburg überrascht?
  • Warum ist die latènezeitliche Besiedelung des rechts- wie linksseitigen Rheinischen Schiefergebirges nicht primär unter wirtschaftsgeographischen Gesichtspunkten diskutiert worden? Ist das nicht ein überraschend homogener Wirtschaftsraum?
  • Und warum sollte das nicht für die römische Expansion in Germanien nicht motivierend gewesen sein, in einer schon erschlossenen Landschaft?
Natürlich werden @El Quijote, @Sepiola, @Biturigos und @Ravenik, die viel mehr archäologische und historische Lektüre hinter sich haben, ganz gelassen kontern: "Steht doch alles da, muss man nur lesen..."

Lieber @Pardela_cenicienta , soweit ich mich erinnere ist die Schiffbarkeit der Lahn Thema bei der Ausgrabung Waldgirmes gewesen.
Die Fundamente der Augustusstatue bestanden aus Muschelkalk aus Lothringen (um Norroy-les-Pont-à-Mousson/Dép. Meurthe-et-Moselle). "Waldgirmes. Eine augusteische Stadtgründung im Lahntal", Armin Becker und Gabriele Rasbach, 2001

Auch die Bronzestatuen sind sehr wahrscheinlich in einem Stück auf dem Flussweg transportiert worden (alleine der Pferdekopf wiegt 14 kg).
Gabriele Rasbach schlägt die Buntmetallwerkstatt des Doppellegionslagers von Mainz als Herstellungsort der Statuen vor.
"Bronzene Reiterstatuen aus der augusteischen Stadtgründung von Waldgirmes – ein herausragender Neufund frühkaiserzeitlicher Großplastik",2014

Auch im Zusammenhang mit der Ausgrabung der cäsarischen Marschlager bei Limburg-Eschhofen wird von Angela Kreuz die Versorgungslogistik diskutiert, und dabei auch die Schiffbarkeit der Lahn. Eine hypothetische Route Cäsars verlief von Lahnstein, der Mündung der Lahn bis Bad Ems, und von dort über die Hochebene des südlichen Westerwalds auf dem historisch belegten Halfterweg. Angela Kreuz bezieht sich in der Diskussion der Schiffbarkeit auf Bremer, 2003, "Zur Nutzbarkeit der Lahn zwischen Marburg und der Mündung in den Rhein als Wasserweg in der Frühen Römischen Kaiserzeit", Unpubl. Studie im Auftrag des Landesamt für Denkmalpflege Hessen, Abt. Hessenarchäologie."

Bremer geht von einer Schiffbarkeit der Lahn mit größeren römischen Prahmen (20-34 m Länge, Kapazität von 15-80 t) nur für die ersten 12 Kilometer von der Mündung in den Rhein aus. Der folgende Lahnabschnitt wurden von Einbäumen, Nachen, und Lastkähnen von ca. 11 m Länge und 1,7 m Breite befahren. Vor dem Ausbau der Lahn im 16.Jahrhundert verkehrten die historisch bekannten Lastkähne nur auf der unteren Lahn bis Diez (d.h. bis zum Eingang des Limburger Beckens), und hatten ein Ladungsvolumen von 5 t. Zwei solche Flachboote konnten den Tagesbedarf für 7000 römische Soldaten transportieren (A.Kreuz geht von 6.370 kg Getreide und Hülsenfrüchten/pro Tag aus). Eine weitere Schiffbarkeit, wahrscheinlich nicht ganzjährig, ist bis Waldgirmes/Dünsberg sehr stark anzunehmen. Bremer geht davon aus, dass die einheimische Bevölkerung den Verkehrsweg Lahn auch in vorgeschichtlicher Zeit durch regelmäßige Arbeiten, wie die Beseitigung von Hindernissen, sowie Anlegen und Unterhalt von Treidelpfaden pflegte. Im steilen Lahnabschnitt zwischen Bad Ems und Diez ist ein Überwechseln beim Treideln (50 Wechsel) erforderlich, Bremer schildert als weitere Probleme Sand- und Kiesbänke, zerklüftete Felsenpartien, an denen sich Stromschnellen bildeten, und Geröllschüttungen in das Fahrwasser bei starken Niederschlägen durch die zufließenden Bäche.

Weitere Schiffbarkeit der Lahn bis Marburg? Dazu finde ich im Artikel von Frau Kreuz nichts, der Titel der Studie von E. Bremer lässt jedoch vermuten, dass er sich damit beschäftigt hat.
Aus Sonderband 4 hessenarchäologie, Archäologie am Greifenberg bei Limburg, 2020, Seite 240, A.Kreuz: Überlegungen zur Versorgung der Soldaten in römischen Marschlagern, S.240
 
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Vielen Dank für Deinen Beitrag und die aufwendige Recherche dazu!
Ich habe die ganze Lahn mit dem Fahrrad befahren, das ist also ganz bequem am Ufer eines heutzutage kanalisierten Flusses. Trotzdem war meinem begleitenden Bruder auf dem damals nur mit Flusskieseln gepflasterten Treidelpfad vor Diez der Fahrradrahmen zerbrochen.

So oder so hat die Lahn z.B. bei Weilburg Stromschnellen und Gefällestrecken. Kein idealer Fluss.

Zur Provenienz des Pferdestatue von Waldgirmes gibt es eine klare stilistische Verwandtschaft zu einer spätrepublikanischen Figurengruppe:
  • Ich glaube ganz sicher nicht dass die Statuen von Waldgirmes im Legionslager in Mainz hergestellt wurden!
  • Eine italische Provenienz, die Herstellung in einer technisch und künstlerisch hochspezialisierten Werkstatt ist anzunehmen.
  • Eine metallurgische Analyse und Isotopenanalyse des Buntmetalls der Statuen mit der jetzt verfeinerten Methodik würde weiteren Aufschluss geben.
Ein militärischer Aufmarsch des Drusus wie des Germanicus über die Lahn hätte ungleich höheren logistischen Aufwand als über die Lippe bedeutet.

  • Aber: Es kam darauf an, jede Strecke über Land bis zum Erreichen von Diemel, Eder oder Fulda (und auch die ist laut Kanuwanderführern tückisch!) so kurz wie möglich zu machen.
  • Dennoch standen den römischen Truppen nur begrenzte Zeit und sehr begrenztes Personal für einen Ausbau der Infrastruktur zur Verfügung.
 
Auch im Zusammenhang mit der Ausgrabung der cäsarischen Marschlager bei Limburg-Eschhofen wird von Angela Kreuz die Versorgungslogistik diskutiert, und dabei auch die Schiffbarkeit der Lahn. Eine hypothetische Route Cäsars verlief von Lahnstein, der Mündung der Lahn bis Bad Ems, und von dort über die Hochebene des südlichen Westerwalds auf dem historisch belegten Halfterweg. Angela Kreuz bezieht sich in der Diskussion der Schiffbarkeit auf Bremer, 2003, "Zur Nutzbarkeit der Lahn zwischen Marburg und der Mündung in den Rhein als Wasserweg in der Frühen Römischen Kaiserzeit", Unpubl. Studie im Auftrag des Landesamt für Denkmalpflege Hessen, Abt. Hessenarchäologie."

Bremer geht von einer Schiffbarkeit der Lahn mit größeren römischen Prahmen (20-34 m Länge, Kapazität von 15-80 t) nur für die ersten 12 Kilometer von der Mündung in den Rhein aus. Der folgende Lahnabschnitt wurden von Einbäumen, Nachen, und Lastkähnen von ca. 11 m Länge und 1,7 m Breite befahren. Vor dem Ausbau der Lahn im 16.Jahrhundert verkehrten die historisch bekannten Lastkähne nur auf der unteren Lahn bis Diez (d.h. bis zum Eingang des Limburger Beckens), und hatten ein Ladungsvolumen von 5 t.
Nachtrag: Im Internet gefunden, die Schiffbarkeit der Lahn bis Diez und der versuchte Ausbau im 16.Jahrhundert:
"In den Jahren 1593 bis 1599 fand die erste Schiffbarmachung der Lahn auf Befehl Graf Johann VI. des Älteren von Nassau-Dillenburg (1559 bis 1606) statt. Damit wollte Johann seine an der Lahn gelegenen Ländereien infrastrukturell besser an den Rhein anbinden, um Waren nach Holland zu verkaufen. In einem im Jahre 1594 geschlossenen Vertrag sollte ein Leinpfad auf dem rechten Lahnufer von der Mündung bis Diez errichtet sowie große Steine und Sandbänke im Flussbett entfernt werden. Der Ausbau erfolgte nicht vollständig, da nach Abschluss der Maßnahmen noch an circa 50 Stellen der Leinpfad die Uferseite wechselte, was das Ziehen der Schiffe entlang des Flusses erschwerte. Die Maßnahmen führten dazu, dass die Lademenge pro Schiff mehr als verdoppelt werden konnte. Vor den Maßnahmen konnte ein Schiff zwei Fuder Wein sowie 40 Malter Korn laden, nach dem Ausbau des Flusses waren es acht Fuder Wein und 100 Malter Korn. Mit dem Ende des 16. Jahrhunderts beginnenden Abbau des Lahnmarmors und seiner Verwendung in den Kirchen und Schlössern entlang des Rheins und der Mosel dürfte die Lahn auch für den Transport dieses Werksteins genutzt worden sein. Nachgewiesen ist ein Hafen in Balduinstein vom dem aus die Steinmetze Strahl ihre Werkstücke verschifften." (Website des Landschaftsverbands Rheinland) Fuder = ca. 955/ 960 l Fassmaß Mainz/Kurtrier, Malter = Getreideraummaß sehr unterschiedlich, der Nassauer Malter betrug 100 l (1 Hektoliter).

Bei Diez blockierte ein Wehr seit dem beginnenden 16.Jahrhundert die Lahn, um das Umladen der Schiffe zu erzwingen. Dann hat die Befahrbarkeit bis Diez (zit. bei A.Kreuz) wenig mit der Tiefe des Flussbetts und der Wassermenge zu tun. Auch wenn bei Diez die Aar einfließt, Aar (Lahn) – Wikipedia , drittlängster Nebenfluss der Lahn (nach Ohm und Dill).
 
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und ein kurioser Anblick auf der Werra in Hedemünden:
Bildschirmfoto 2026-07-05 um 13.38.06.png

aus Dr. Klaus Grote - Römerlager Hedemünden
 
Der altgediente Legionär im Hintergrund sagt gerade "Weißt Du noch, wie anstrengend das war, als Drusus und Germanicus der Meinung waren, die Lahn sei gut schiffbar?"

Ich hatte 2009 mal die Gelegenheit, als die Victoria bei uns in der Stadt war, auf dieser zu rudern. Wir waren ein bunt zusammengewürfelter Haufen Leute, und dennoch haben wir uns recht schnell zurechtgefunden und innerhalb weniger Minuten haben wir das Boot über den See hin und her gejagt.


  • Es war @El Quijote der einmal gesagt hatte, dass die Infrastrukur flussaufwärts eines Lagers oft auf die Versorgung ausgelegt war, also als Sammelstelle z.B. von Agrarprodukten tributpfichtiger oder verbündeter Stämme.
  • Im Falle von Germanicus Feldzug gegen Chatten und Marser ist die Sicherung der Verkehrsverbindung zu Land und Wasser ausdrücklich hervorgehoben, und die Abstellung von Truppenkontingenten hierfür. Das alles aber nur im Rahmen eines einzelnen Feldzugs, nicht dauerhaft.
  • Die rasche Übermittlung der Nachricht vom Sturz des Drusus und der Parforceritt des Tiberius setzen eine zumindest vorübergehend vorhandene Signal- und Infrastruktur voraus, und dies von Mainz bis in Richtung Saale, also auch entlang der Lahn.
 
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