500 Jahre Neu St. Peter

Dieses Thema im Forum "Kunstgeschichte" wurde erstellt von Rovere, 18. April 2006.

  1. Rovere

    Rovere Premiummitglied

    Am 18. April 1506 stieg Papst Julius II. della Rovere in eine tiefe Grube nahe den Fundamenten, die Nikolaus V. ein halbes Jahrhundert früher für eine Erweiterung und Sanierung der schwer desolaten alten Basilika gelegt hatte.

    Der Papst stieg mittels einer Leiter hinab um den Grundstein für den Neubau selbst zu legen und herabfallende Erde drohte ihn zu begraben (was der resolute Papst mit deftigen Worten zu kommentieren geruhte).

    Diese Grundsteinlegung ist Beginn einer der spannendsten Baugeschichten der abendländischen Kunst und Architektur. Geplant, verworfen und neu erdacht schaffen die bedeutendsten Künstler zweier, ja dreier Stilepochen diese Kirche. Und diesem Bau, der seinesgleichen sucht, gratuliere ich zu diesem Jubiläum.

    (Grazie, Pappa della Rovere:D)
     
  2. askan

    askan Neues Mitglied

    und dies war auch die indirekte Grundsteinlegung für die Lutherische Kirche, :pfeif:

    irgendein Anhaltinischer Mönch hatte etwas gegen den "Peterspfenning"
     
  3. Rovere

    Rovere Premiummitglied

    Jein:grübel:
    Ich kenn natürlich die Kausalitätskette die zwischen dem Neubau von St. Peter und dem Ausbruch der Reformation gelegt wurde und wird.

    Aber bei genauerem Hinschauen ergibt sich dass zur Zeit des Thesenanschlags gar nicht gebaut wurde. Nach dem Tod Julius II. stehen die 4 gewaltigen Kuppelpfeiler Bramantes und dann geschieht mal lange Zeit nix. Leo X. und Clemens VII. bauten beide nicht am neuen Dom. Erst Paul III. nimmt fast zeitgleich mit dem Beginn der Gegenreformation die Bautätigkeit wieder auf.
     
  4. Arcimboldo

    Arcimboldo Aktives Mitglied

    Es war wohl der allgemein gestiegene Finanzbedarf der Kurie insgesamt in Rom. Zur Erinnerung einige Preise der Ablaßbriefe ;
    ein Kirchenraub und Meineid 9 Dukaten
    ein begangener Mord kostete 8 Dukaten !

    Wenngleich Luther diesen Ablaß wie auch alle anderen schon vor der Veröffentlichung seiner Thesen mit Mißtrauen betrachtete, gab nicht er den Anstoß zum Aufbegehren.
    -----Es war der sogenannte Petersablaß, den Papst Julius II. im Jahre 1507 ausgerufen hatte, um den 1505 begonnenen Neubau des Petersdoms in Rom fertigstellen zu können. Den Vertrieb dieses Ablaß in Deutschland übertrug Papst Leo X. 1515 dem Hohenzollernprinzen Albrecht. Dieser wiederum war 1513 Bischof von Magdeburg und Administrator des Bistums Halberstadt und 1515 sogar Erzbischof von Mainz geworden. Für diese eigentlich unerlaubte Pfründenhäufung mußte er Gelder in Höhe von 29 000 Gulden an die Kurie in Rom zahlen. Dazu hatte er einen Kredit bei den reichen Fuggern in Augsburg aufgenommen. Aus den einzunehmenden Ablaßgeldern sollte die eine Hälfte nach Rom zum Bau von St. Peter weitergeleitet werden, und die andere Hälfte, über 36 000 Gulden, sollte der Kardinal zur Begleichung seiner Schulden bei den Fuggern behalten dürfen.......


    Man hatte ihn(Luther )verdächtigt, nichts anderes als ein Handlanger des Kurfürsten von Sachsen zu sein. Dieser hatte nämlich schon vor dem Thesenanschlag den Vertrieb des Petersablaß in seinen sächsischen Gebieten verboten. Sein politischer Konkurrent, der Erzbischof von Magdeburg, sollte seine wirtschaftliche Macht nicht noch mit gutem sächsischen Gelde vergrößern. Der Vorwurf des Opportunismus, der bis in die Gegenwart immer mal wieder auftaucht, ist Luther nicht zu machen, wenngleich außer Frage steht, daß sich gerade in der Ablaßfrage religiöse, wirtschaftliche, soziale und politische Verhältnisse und Interessen verbanden.......

    http://unterkunft.wittenberg.de/seiten/ablass.html
     
    Zuletzt bearbeitet: 18. April 2006
  5. Rovere

    Rovere Premiummitglied

    Nochmal: hmh:grübel:

    Man muss unglaublich aufpassen mit den großen Mythen der Geschichte - und dazu zählt mE der Kausalzusammenhang Neubau St. Peter - Ablass - Reformation.
    Doch wie du richtig schreibst war der Ablasshandel verpfändet, weitergegeben. Das macht ihn moralisch nicht besser, dennoch erscheint es mir vom Selbstverständnis der Renaissancepäpste deren Verhalten dadurch nachvollziehbarer.
    Diesen war es eigentlich egal was da die "Barbaren" nördlich der Alpen so treiben oder so ein Mönchlein in der hintersten Provinz zusammenschreibt. Papst Leo X., Sohn Lorenzo des Prächtigen, war zuerst italienischer Fürst und erst in zweiter Linie Oberhaupt der Kirche (mit deutlich weniger Macht als spätere Päpste).
    Diese Ignoranz und Schlamperei der Renaissancepäpste gegenüber ihrer eigentlichen Aufgabe der Kirchenleitung ist mehr verantwortlich für den Verfall ihres Ansehens als ihr Mäzenatentum.
    Und auch nicht die Tatsache der Existenz von Pfründen (oder sogar deren Häufung) hat die Leute schockiert, sondern die Schluderei damit (wie man am Beispiel Albrechts von Hohenzollern gut sehen kann).
    Diesen Pfründenpächtern ist eine "Bewertung von Vergehen" eingefallen, nicht Rom. Rom hat beide Augen zugedrückt und weggeschaut und aus dieser Verantworung kann man diese großen Kunstpäpsten nicht entlassen
     
    Zuletzt bearbeitet: 18. April 2006
  6. Arcimboldo

    Arcimboldo Aktives Mitglied

    und darin liegt viel Ironie der Kunst +Geschichte .:pfeif:
    Wir reißen vor Begeisterung unsere Augen auf für Kunstwerke, die u.a. dem "Augenzudrücken " deren Auftraggeber zu verdanken sind.
    Schon Papst Sixtus IV. (1471-1484) brauchte viel Geld für seine Söhne und Frauen, aber er ließ die Sixtinische Kappelle bauen ..... Gott sei Dank !
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 18. April 2006
  7. Rovere

    Rovere Premiummitglied

    Oh ja! Da stimm ich dir voll und ganz zu. Wie arm und farblos wäre die Welt....

    Sixtus IV. war zwar ein ebenso begandeter Nepotist wie Humanist, aber er hatte weder Maitressen noch Kinder (dafür hatte er seine Riario und Rovere-Neffen umso großzügig gefördert - noch heute strahlt der Palazzo della Cancellaria in seiner Frührenaissance-Architektur). Julius II. hingegen hatte Töchter.
    Aber so drunter und drüber wie bei den Borgias gings bei den della Roveres natürlich nicht zu:scheinheilig:
     
    Zuletzt bearbeitet: 18. April 2006
  8. Mercy

    Mercy unvergessen

    Ganz gewiss. Doch zuvor fand ein anderer Kampf zweier Giganten statt:
    Julius II. und Michelangelo. Wo fände ein solch monumentales Grabmal seinen angemessenen Ort, wenn nicht in St. Peter?

    Das aber fand hier nicht seinen Platz:
    .

    http://gutenberg.spiegel.de/gregorov/stadtrom/Druckversion_rom1422.htm
     
  9. Rovere

    Rovere Premiummitglied

    Was Gregorovius aber nicht erwähnt ist die Vorgeschichte zu Neu-St. Peter. Die alte Basilika war schon so kaputt, die 1200-jährigen Mauern fast einen Meter aus dem Lot, dass etwas getan werden musste. Und eine Umbaugeschichte gab es daher schon VOR dem 18. April 1506.

    Der wichtigste Papst war dabei Nikolaus V. der den großen Leon Battista Alberti mit der Erstellung eines Renovierungsprogramms für St. Peter beauftragte. Und bereits damals - 50 Jahre vor der Grundsteinlegung - wurde der spätere Um- bzw. Neubau vorgedacht, ja vorbereitet.
    Das gesamte Chorhaupt und Querschiff von Alt-St. Peter, dh. jener Raum der das Apostelgrab umgab, sollte ersetzt werden. Hinter der Apsis wurden Fundamente für einen, riesigen Chor gelegt, doch beim Fundamentieren blieb es. Nach dem Tod Nikolaus V. 1455 ruhten die Arbeiten wieder.

    Doch diese Fundamente waren es, die 50 Jahre später überhaupt die Idee zuliessen, einen Raum für das Grabmal Julius II. zu schaffen. Die Idee Albertis eines neuen Querschiffs und Chores sollte verwirklicht werden, doch Bramante präsentierte stattdessen Pläne für einen neuen Zentralbau und überzeugte damit den Papst.

    Das Grabmal wurde gestrichen und mit dem Bau begonnen. Auf den in den 1450er Jahren gelegten Fundamenten des Chores wurde jedenfalls weitergebaut und eigentlich könnte man daher die (Neu-)Baugeschicht von St. Peter um ein halbes Jahrhundert verlängern.
     
  10. Arcimboldo

    Arcimboldo Aktives Mitglied

    War es nicht auch so, daß Julius II. seine Begeisterung über sein zu schaffendes Grabmal abkühlte, als er alt-St. Peter "abreißen " ließ und daraufhin der maßlos enttäuschte Michelangelo nach Florenz abdampfte und deftige Briefe an den Papst abschickte. Michelangelo hatte ja immerhin schon in Carrara nach schönen Marmorblöcken Ausschau gehalten und hatte sowieso schon wegen des Grabauftrags einen anderen Auftrag ( Florenz ) verlassen .

    Der zentrale Altarpunkt über dem Petrusgrab kam sicherlich auch dem durchgesetzten Machtanspruch der röm.kath. Kirche entgegen , sichtbar die unmittelbare Kraftlinie der geist.Weltherrschaft nach Christus über Petrus und eben den Päpsten hervorzuheben.
     
  11. Rovere

    Rovere Premiummitglied

    Da streiten heute noch die Kunsthistoriker wie ernst dieser Auftrag überhaupt war. Etliche vertreten die Ansicht, dass sich bei der Planung um ein Prestigeprojekt handelte, an eine ernsthafte Umsetzung aber gar nicht gedacht wurde. Da gabs mehrere solche Projekte in dieser Zeit, man denke an diverse Triumphpforten-Architekturen für Kaiser Maximilian, die als Kupferstiche vervielfältigt wurden.
    Julius war die Auftragsstornierung anscheinend peinlich, Michelangelo wurde von ihm tagelang nicht empfangen.


    1506 war dieser Machtanspruch sicher mehr Geste als sonst was und aussagekräftiger in diversen Fresken-Aufträgen (man denke nur an die Schlüsselübergabe von Perugino in der Sixitna) ausgestaltet.

    Ob die berühmte Inschrift im Kuppeltambour "Tu es Petrus et super haec petram ecclesiam meam aedificabrur" (oder so ähnlich, mein Latein ist nur mehr bruchstückhaft) schon 1506 geplant war, kann ich nicht sagen.
    Als sie angebracht wurde war St. Peter bereits Symbol der katholischen Gegenreformation und des dadurch neu definierten päpstlichen Machtanspruch. Dieser neue Anspruch wird dann seinen glänzendsten Ausdruck im Berninischen Baldachin finden.
     

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