Ich habe hier eine Anekdote über Göring, in der auch gelacht wird, wo einem jedoch das Lachen im Hals steckenbleibt. Wenn Göring Humor hatte, dann konnte sich dieser auch sehr zynisch ausdrücken.
Während des Westfeldzugs kehrte Göring bei der Rückkehr vom Führerhauptquartier in Bad Münstereifel am 27. Mai 1940 im Gasthof "Waldfrieden" [passender Name] am Laacher See zum Kaffeetrinken ein. Anwesend waren auch die Pfarrer Zilliken und Schulz. Alle Gäste erhoben sich zum Hitlergruß, nur die zwei Pfarrer nicht.
Noch am Abend wurden die beiden von der Gestapo verhaftet, kamen ins Gefängnis, dann ins KZ Buchenwald, dann nach Sachsenhausen und schließlich nach Dachau (Pfarrerblock). Im KZ mussten sie auf eine Schiefertafel schreiben: "Jeder Deutsche ist verpflichtet, den Reichsmarschall Göring zu grüßen." Wie bei Sisyphos wurde danach der Text weggewischt und musste neu geschrieben werden.
Göring erzählte die Geschichte Hitler und berichtete auch, dass er befohlen habe, im KZ eine Stange mit einer Offiziersmütze aufzustellen, woran die beiden den Hitlergruß üben müssten. Darüber lachte Hitler und klopfte Göring auf die Schulter.
Beide Pfarrer haben die Zwangsarbeit im KZ nicht überlebt.
Hierzu:
Johannes Schulz (Geistlicher) – Wikipedia und
Josef Zilliken – Wikipedia
Ausführlich: A. Zutter, R. Elsigk, Weil er Göring nicht grüsste, 1995
An den Fall Schulz Zilliken/Schulz habe ich auch schon gedacht. Der Fall zeigt deutlich, dass Göring zwar erkannte, dass der Humor eine Art Notloch war, aus dem sich Ärger, Frust und Unzufriedenheit der Bevölkerung entladen konnte. Göring mochte auch erkennen, dass sich die Mächtigen irgendwo auch leicht lächerlich machen, wenn sie auf harmlosen Humor mit überzogener Repression reagierten, dass es aber Politiker populär macht, wenn sie das (innerhalb gewisser Grenzen) zulassen.
Göring gab nach außen den jovialen Mann des Volkes, er besaß genug Humor, dass er es zuließ, dass man Wotze über ihn machte, für die berühmte Claire Waldorf hatten ihre berühmten Couplets keine Folgen:
"Rechts Lametta, links Lametta,
und der Bauch wird immer fetter;
In den Lüften ist er Meester;
Hermann heest er."
Aber Görings Jovialität war Pose, er ließ Witze zu über seine Leibesfülle, über seine Lust an Orden und Uniformen, er erzählte zuweilen selbst Göring-Witze. Er ließ Humor zu, solange der Humor noch einigermaßen deckungsgleich war mit dem Image wie er sich selbst sah.
Er verstand aber überhaupt keinen Spaß, wenn er lächerlich gemacht wurde, wenn seine Korruption, seine Brutalität, seine Inkompetenz, seine Faulheit thematisiert und aufs Korn genommen wurde.
In dem Zuckmayer-Drama Des Teufels General feiert General Harras in Ottos Restaurant, anwesend ist auch der Reichsmarschall, der die Leutnants der Staffel Eilers dadurch begeistert, dass er selbst Göring-Witze erzählt.
Leutnant Writzky: Finde ich kolossal, dass er selbst das erzählt! Kennen Herr General den neuesten Göring Witz.
General Harras: Der hat neulich sogar die besten Göring-Witze prämiert. Aber wehe, es hat einer eine Pointe falsch betont, zuviel Applaus bekommen, schon war er an der Ostfront, aber ohne Pelzstiefel."
Die Anekdote, die Carl Zuckmayer hier zitiert, mag vielleicht nicht historisch genau sein, aber sie ist authentisch insofern, als sie Görings Charakter und "Humor" auf den Punkt bringt.
Er erkannte die Subversivität des Humors, er hatte genug Humor, um über einen Göring Witz zu lachen, er erkannte, dass es populär macht, so etwas in Grenzen zuzulassen, aber er wollte bestimmen, welcher Humor zulässig ist und welcher nicht.
Hihihaha über den jovialen Herrn Reichsmarschall- kein Problem, Claire Waldorf war eine weltbekannte Kabarettistin, ihr ließ er das durchgehen, aber sobald sein narzisstisches Ego getroffen wurde, sobald es um Frau Gemahlin, die "hohe Frau" ging, da war ganz schnell Schluss, und für den einen oder die andere war Endeim Gelände. Eine Schauspielerkollegin sagte malö über Emmy Sonnemann: "Ich kannte sie schon, da war sie noch nicht die "hohe Frau" und für ein paar Mark, eine Tasse Kaffee und eine Rolle zu haben." Sie wanderte ins KZ.
Man durfte vielleicht noch über den jovialen Dicken, den Reichsmarschall mit den vielen Orden lachen, aber wehe dem, der ihn lächerlich machte. Irgend jemand nannte Göring einen "jovialen Mordwanst", sobald es um Inkompetenz, Korruption, Görings Brutalität ging, da war ganz schnell Schluss mit lustig bei Göring.
Im Gegensatz zu dem Kaiser Vespasian, der auch noch Späße zuließ, die weit unter der Gürtellinie waren, der derbe Witze zuließ und auf einen groben Klotz einen groben Keil setzte, hatte Göring die Souveränität, die er so gerne nach außen vorschützte nicht. Er ließ ein bisschen hihihaha zu über, aber er wollte bestimmen, welche Witze zulässig waren, und sobald es um die dunkleren Seiten seiner Persönlichkeit, sobald es um seine Inkompetenz, seine Korruption, seine Brutalität ging, dann war Schluss mit lustig, dann schlug er gnadenlos zu.
Er sagte mal, er wolle einen Besen fressen oder Meier heißen, wenn ein einziges Flugzeug den deutschen Luftraum passieren kann. Es sind Leute hingerichtet worden, weil sie den Reichs-Meier, den Besen-Meier beleidigt hatten.
Göring hatte genug Gespür für Popularität, er hatte ein Gespür für die Subversität des Humors, aber zulassen wollte er nur staatstragenden Humor zulassen, ein bisschen hihihaha über den jovialen Reichsmarschall- das ließ er gerade noch, huldvoll lächelnd zu.
Sobald aber sein Ego berührt wurde, seine Inkompetenz, sein dekadenter Lebensstil, seine Korruption und Misswirtschaft, dann schlug er gnadenlos zu.