Aufarbeitung der Geschichte 1933 - 45 in den 50ern und 60ern

Dieses Thema im Forum "BRD | DDR" wurde erstellt von floxx78, 13. Juli 2008.

  1. Repo

    Repo Neues Mitglied


    Das ist sicher richtig.
    Was die Beurteilung für die Nachgeborenen auch nicht gerade erleichtert.
    Es gibt zur gleichen Zeit in Frankreich ein ähnliche Entwicklung, während dort zuvor ganz fürchterlich abgerechnet wurde.

    Vermutlich geht es tatsächlich nach solchen Regimen nicht anders.
     
  2. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Im Sinne von: "Schlimm (oder: Schwamm drüber), was da passiert ist, aber das Leben muss ja weitergehen!"? Natürlich nicht, denn in unserem Falle steht das vor dem Hintergrund von 50 Millionen Toten.

    Franco hatte 30 Jahre Zeit, diejenigen, die Sühne und Gerechtigkeit von ihm hätten fordern können, zu verfolgen, einzusperren und wegsterben zu sehen - ein bißchen anders war das bei uns schon. Wenn ich die Zeitungen richtig lese, bricht übrigens gerade der "Konsens" in Spanien wieder ein wenig auf, d. h. er wird "verletzt" durch Leute, die fragen, wer ihren Vater, Großvater o. ä. auf dem Gewissen hat. - Ist aber ein anderes Thema.

    Man kann die Hypothese (meine Formulierung!), der Übergang von einer Diktatur zu einer Demokratie gelinge am besten im Falle einer politischen Amnestie (oder einer kollektiven Amnesie?), natürlich ernsthaft diskutieren. - Ist aber auch ein anderes Thema.

    Das nehme ich als Gelegenheit, wieder zum Ausgangspunkt der Diskussion zurückzukehren, nämlich zu Silesias Hypothese von der "zügigen Aufarbeitung" bzw. zu den Historikern. Auch in Bezug auf diese ist die Frage der Parteizugehörigkeit - samt den "fließenden Übergängen"! - vor und nach 1945 ja durchaus interessant. Welche Daten gibt es dazu?
     
  3. floxx78

    floxx78 Aktives Mitglied

    Da verweise ich zum einen auf meinen Beitrag weiter oben. Zum anderen habe ich diesen Tagunsbericht gefunden:
    Von uns selber schweigen wir. Deutsche Historiker und Nationalsozialismus - H-Soz-u-Kult / Tagungsberichte

     
  4. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Prima!:winke: Die Tagung stand offenbar in der Nachfolge des "Showdowns" auf dem Historikertag 1998.

    Ich hake bei dem Passus in der Mitte ein, wo gefragt wird, was denn die Historiker von der Preisgabe an das NS-System hätte abhalten können. "Das immer wieder in der Debatte auftauchende Argument, daß die Wissenschaft nur gut und professionell genug sein muß, um gefeit zu sein, läuft ins Leere, denn [...] Professionalität und die Erfüllung technischer Qualitätsanforderungen sind unfähig, moralische Fragen zu beantworten, moralische Dilemmata aufzulösen."
    Und weiter unten: "Die verstrickten Historiker haben vielleicht - so das Argument - deswegen nach 1945 geschwiegen, weil der von einer stark moralischen Grundhaltung geprägte Diskurs den in die Verbrechen auf verschiedenste Weise Verstrickten nur drei Möglichkeiten ließ: Leugnen, beichten und Buße tun oder eben schweigen."

    Das bringt mich zwangsläufig zu der Frage zurück, was "Aufarbeitung" ist! Ist es das, was Hubatsch tut: Verfassen einer - qualitativ vielleicht sogar hochwertigen - militärhistorischen Abhandlung? Oder ist etwas anderes gemeint, was mit "moralischen Dilemmata" bzw. mit "beichten und Buße tun" konnotiert wird? Oder gibt es noch ganz andere Definitionen?
     
  5. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Alles richtig. Und ich habe da einst so absolut kein Verständnis gehabt.

    Das Problem ist aber auch die schiere Menge, die meist gar keine individuelle Schuld auf sich geladen hatten. Aber unschuldig waren sie eben auch nicht.
    Ich hatte einen Physiklehrer, nebenher noch ein bißchen Hobbyarchäologe, der meinte mal "das Wissen über diese Zeit wird mit meiner Generation ins Grab sinken" dort ist er schon lange, und zumindest mir ist er die Erläuterung seines Satzes schuldig geblieben.
    Ich habe es schon mal erwähnt, in den 60ern konnte man in einem Café einer Stadt des Südwestens den ehemaligen Ortsgruppenleiter mit einem ehem. Kommunisten und KZ-Häftling beim Binokeln (ein südd. Kartenspiel) sehen.
     
  6. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Jein. Gerade am Bsp. der Transición Española lässt sich sehr exemplarisch der Übergang von einer totalitären Diktatur zu einer demokratischen Grundordnung darstellen.
    Zu Amnes(t)ie: Nein, nicht Amnes(t)ie, sondern Vertagung oder andere Strategien (z.B. Versöhnungsgespräche und öffentliche Beichten wie in Rwanda). Das ist natürlich bei den besonders schweren Verbrechen quasi-unmöglich.

    Franco ist ja auch schon über 30 Jahre tot, die Mehrheit der Spanier heute steht hinter der Demokratie, da kann der Pacto de Borrón auch mal aufgegeben werden. Der vor einigen Jahren (2003?) verstorbene Romancier und Historiker Manuel Vázquez Montalbán meinte, die Transición Española sei noch immer nicht abgeschlossen. Vermutlich war der Pacto de Borrón, also der gesellschaftliche Konsens die Vergangenheit ruhen zu lassen, einer seiner Gründe für diese Einschätzung.
     
  7. Barbarossa

    Barbarossa Neues Mitglied

    Ich habe darüber mal nachgedacht und habe dabei einiges, was ich vor kurzem gehört oder gelesen habe, nochmal Revue passieren lassen. So sagte z. B. ein Franzose, der den Krieg noch selbst miterlebt hat im
    Fernsehen, (West-)Deutschland um 1955 herum war eigentlich immer noch Nazi-Deutschland - vom Denken der Normal-Bürger. Heute stand in einer Zeitung ein kurzer Artikel über Malene Dietrich, da hieß es, als sie 1960 zum ersten mal wieder in Deutschland auftrat (im Krieg unterstützte sie ja bekanntlich die Alliierten), wurde sie "angefeindet" (so wörtlich in der Zeitung). Meine Großeltern erzählten noch in 70er Jahren vom Krieg und wie das alles war.
    Ich glaube, das von uns festgestellte "Schweigen" nach dem Krieg und die fehlende Aufarbeitung in der Gesellschaft kam daher, weil sich die meisten (sicher längst nicht alle) Deutschen nicht als Befreite, sonden doch eher als Besiegte fühlten.
     
  8. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Das erinnert mich an den damaligen Bochum-Wattenscheider Vorsitzenden der Falken, der Rudi Dutschke und Johannes Raum 1968 zu einem Gespräch nach Wattenscheid eingeladen hatte. Der erzählte in einer Doku ('68 an Rhein, Ruhr und Weser) genau das: während er Deutschland als von den Allierten/"Amerikanern" befreit sah, sahen die älteren Verwandten sich als Besiegte an. http://www.geschichtsforum.de/f68/besiegt-oder-befreit-1018/
     
  9. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Kann mich gut daran erinnern!;) Das Problem ist ja virulent geblieben, siehe etwa die "Tumulte" um Richard von Weizsäckers Rede 1985 (Deutscher Bundestag: Weizsäcker Rede zum 8.Mai 1985), worin er den 8.5.45 als 'Tag der Befreiung' vom menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft bezeichnete - ein Begriff, der durch seine inflationäre Verwendung in der DDR "belastet" war. Auch Historiker (!!) haben sich in der Diskussion darüber exponiert.
     
  10. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Das war ja auch der Grund, dass die Politik der BRD lange Jahre von der "Opa-Generation" Adenauer, Heuss usw. geprägt wurde, es gab schlicht zuwenige, (die sich politisch engagieren wollten) die nicht auf die irgend eine oder andere Art und Weise belastet waren.

    Ein Grund dafür, dass die BRD noch der 60er eigentlich ziemlich "muffig" war, ich hoffe man versteht was ich meine. In manchen Bereichen klar rückschrittlicher wie Weimar oder wie der Nazi-Staat.
     
  11. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Das ist eine interessante These.

    Es könnte natürlich sein, dass sich die "befangenen" Historiker zunächst unproblematischen Themen zugewandt haben. Man greift sich demnach "harmlose" (so ja auch etwa der Spiegel zu "Weserübung") militärische Themen heraus.

    Aber auch dieser Bereich ist doch dem Berg an Themen vergleichbar, vor dem man auf den Trümmern des Dritten Reiches stand. Dabei wäre auch die schrittweise erfolgende Öffnung der Archive beachtenswert (siehe oben die umfangreichen Bemerkungen dazu bei Gemzell), die auch den Fortgang der Aufarbeitung bestimmt hat.

    Nicht nur die Politikgeschichte, auch die Militärgeschichte des Dritten Reiches wurde nur sehr langsam aufgearbeitet; ein sehr interessantes Beispiel dazu ist die Wahrnehmung der Schlacht von Kursk:
    Alfred Zins, Die Operation Zitadelle - die militärgeschichtliche Diskussion und Ihr Niederschlag im öffentlichen Bewusstsein als didaktisches Problem, 1986, Europä. Hochschulschriften III/317

    Zins bringt das auf den Punkt, dass die Bedeutung und Tragweite in den 50ern (in den 40ern sowieso) völlig unbekannt gewesen ist, und über derartige Geschehnisse höchstens in Landser-Heften oder tendenziös in Memoiren wie bei Manstein zu lesen war. Das fehlende Gewicht historischer Aufarbeitung führte eben auch zum Nachhall solcher Thesen wie von Manstein über ein angeblich mögliches "militärisches Patt" 1943 (wenn man ihn nur gelassen hätte :D )
     
  12. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

  13. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Mir scheint, ein Zitat beschreibt die bisherige und teilweise noch anhaltende Situation ausreichend.

    "Es gab, schrieb der Historiker Karl-Dietrich Erdmann, Zeiten im Kalten Krieg, da wurde "die Geschichte mit solcher Erbitterung in den ideologischen Kampf hineingezogen, dass ein gemeinsamer Boden für wissenschaftliche Kooperation oder gar Verständigung" nicht vorhanden war".

    Erstaunlich für mich persönlich ist, dass die "Betroffenen" mittlerweile fast alle tot sind und somit eigentlich die "subjektive Empfindlichkeit" von historischen Persönlichkeiten nicht mehr zu berücksichtigen ist.

    Aber offensichtlich ergibt sich ein historisches Bewußtsein, das "vererbt" wird und als ideologische links-rechts- Konfliktlinien weiterhin eine emotionslose und neutrale Bewertung verhindert.

    Das gilt bedauerlicherweise nicht nur für den Bereich des NS-Regimes, sondern ebenfalls für die Zeit der UdSSR.

    Die Ursache liegt m.E. an der "Mächtigkeit" von historisch gewachsenen "Freund-Feindbildern", die im Rahmen des politischen und teilweise auch wissenschaftlichen Diskurses permanent revitalisiert werden. So kann ein Theoretiker oder ein Buch leicht dikreditiert werden mit dem Hinweis, dass er "links" sei und von einer "linken Universität" kommen würde. Es muss dann auch gar nicht mehr erklärt werden, was inhaltlich problematisch sein könnte.

    Und solange diese Mechanismen funktionsfähig und in bestimmten Kontexten "hilfreich" (weil sie simplifizieren) sind, solange ergibt sich m.E. kein universelles gesellschaftliches Interesse an einer neutralen Diagnose von historischen Epochen. Leider!

    Erfreulich ist dagegen, dass es "aufgeklärte Inseln der Erkenntnis" gibt, die wenigstens ihre Subjektivität reflektieren und eine differenzierte, zweiseitige vorurteilsfreie Analyse anstreben.
     
  14. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

  15. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Kleines Update zu Chile: Angesichts des 44jähriges Jahrestages des Militärputsches in Chile (11. September 1973) will Regierungschefin Bachelet einen Gesetzentwurf ins chilenische Parlament einbringen, nach welchem bereits jetzt (und nicht erst 50 Jahre nach den jeweiligen Ereignissen) Folterprotokolle veröffentlicht werden können. Die Begründung für die 50-Jahrespflicht liegt wahrscheinlich in dem Abkommen zwischen der amtsmüden Putschregierung unter Pinochet und der damaligen exilierten Opposition, welche ein Amnestieabkommen beschlossen, um den Übergang von der Diktatur zur Demokratie (1990, allerdings blieb Pinochet bis 1998 militärischer Oberbefehlshaber und Senator auf Lebenszeit und war damit juristisch wie faktisch unangreifbar, solange bis er in England in Haft genommen wurde) möglich zu machen. Ex-Präsident Lagos begründete 2003 allerdings die Verlängerung der Archivsperre auf 30 Jahre mit den Persönlichkeitsrechten der Folteropfer. Was zunächst zynisch klingt, könnte durchaus einen realen Hintergrund haben. Lagos behauptete damals, dass sich ein weibliches Folteropfer an ihn gewandt habe, die 15jährig gefoltert und mehrfach auf verschiedene Art vergewaltigt wurde. Die Frau wollte nicht, dass ihre Kinder und Enkel von ihren Erlebnissen, insbesondere den Vergewaltigungen erführen.
     
  16. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Zwei neue Bände beschäftigen sich mit der Erinnerungskultur um die SS und die gezielten Versuche, die SS rückwirkend zu "Entschulden".

    https://www.sueddeutsche.de/politik/holocaust-ss-himmler-verbrecher-nazi-1.4351786

    Eichmüller, Andreas (2018): Die SS in der Bundesrepublik. Debatten und Diskurse über ehemalige SS-Angehörige 1949-1985. Berlin, Boston: De Gruyter Oldenbourg (Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Band 117).
    Schulte, Jan Erik; Wildt, Michael (Hg.) (2018): Die SS nach 1945. Entschuldungsnarrative, populäre Mythen, europäische Erinnerungsdiskurse. Göttingen: V & R unipress (Berichte und Studien / Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung e.V, Nr. 76).
     
  17. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    Ich sehe den Begriff oder das Konzept der "Erinnerungskultur" längst nicht so positiv wie viele andere. Es kann gegen dieses Konzept bzw. die Art und Weise, wie es praktiziert wird, einiges vorgebracht werden. In der Summe schadet es vielleicht mehr als es nützt. Zudem stellt sich die Frage, welchen Nutzen die “Erinnerungskultur” überhaupt haben soll, außer in der Phantasie ihrer Verfechter.

    (1)

    Natürlich ist gegen eine kontinuierliche geschichtliche Aufarbeitung der NS-Zeit überhaupt nichts einzuwenden. Die Frage ist nur, wie das geschieht: Sachlich oder fetischisiert? Soll heißen: Was steckt hinter den Bemühungen, die NS-Zeit und ihre herausragenden Persönlichkeiten immer und immer wieder in das Bewusstsein der Öffentlichkeit hineinzutrommeln? Ich schreibe bewusst "hineintrommeln", weil die Überflutung der deutschen TV-Programme mit NS-Dokumentationen dieses Wort durchaus rechtfertigtz. Kein Gesicht sieht man beim Zappen durch die Kanäle so häufig wie das von Adolf Hitler. Wer das leugnet, versteht nichts vom TV.

    Was folgt aus diesem statistischen Faktum? Dass Hitler die faszinierendste Persönlichkeit ist, die man der deutschen TV-Öffentlichkeit zu bieten hat. Einen anderen Schluss lässt diese traurige Statistik nicht zu. Hitler und sein TV-Antlitz sind ein Fetisch geworden, der wie alle Fetische zugleich fasziniert und abstößt. Man zeigt ihn ja nicht nur als schreienden Massenaufpeitscher, nein, meistens wirkt er auf den TV-Bildern nüchtern und souverän und auch humorvoll, ja sympathisch. Nicht zu vergessen die eine oder andere Doku über seine geliebte Eva Braun, die nette Blonde von nebenan, was Hitlers Sympathiewerte noch hochtreibt. Ihn als Menschen - und nicht als Monster - zu präsentieren im Verein mit der Dauerberieselung seiner TV-Präsenz, die ihn zum Stammgast in Millionen von deutschen Wohnzimmern macht, ist das Gegenteil dessen, was die Verfechter der "Erinnerungskultur" angeblich wollen, nämlich die NS-Zeit und ihre Protagonisten uneingeschränkt negativ im Bewusstsein der Öffentlichkeit zu verankern.

    Das obige ist nur auf Nicht-Nazis gemünzt. Um wieviel fataler ist der Effekt dieser Dauerberieselung aber auf die deutsche Nazi-Szene, aus der sich - darauf kann man Gift nehmen - die enthusiastischsten Konsumenten der zahlreichen NS-Dokus rekrutieren? Wie müssen die sich wohl ins Fäustchen lachen? Brauchen sie doch nicht umständlich danach zu recherchieren, was ihn die Verfechter der "Erinnerungskultur" bereitwillig und mundgerecht Tag für Tag und freihaus ins Wohnzimmer strahlen. Was für ein Service! Es ist, als sei der Begriff der "Erinnerungskultur" genau für dieses Publikum erfunden worden, denn bei ihm entfaltet er sein Potential am intensivsten, die Erinnerung an den Führer wird im Bewusstsein seiner Bewunderer dadurch systematisch "kultiviert", d.h. gehegt und genährt. Das widerspricht der Zielsetzung der Verfechter der EK, denen es offiziell um "Aufklärung" geht, die in ihrem Eifer aber nicht merken, dass sie faktisch weniger auf-klären als vielmehr ver-klären.

    Ich meine also, dass ein Nutzen der NS- und Hitler-TV-Dokus hauptsächlich für das rechtsextreme Publikum besteht: Es fühlt sich durch sie bestätigt, ernst genommen und gut informiert.

    (2)

    Ein anderer Vorwurf gegen die "Erinnerungskultur" ist, dass sie in Wirklichkeit eine Kultur des künstlichen Schuldgefühls ist. Das Argument ist bekannt, wird von den EK-Verfechtern aber beharrlich ignoriert, vielleicht, weil es ihnen tatsächlich auch darum geht. Die Dauerberieselung der Öffentlichkeit mit den Schandtaten der NS-Zeit hat jedenfalls, ob es den EK-Verfechtern nun klar ist oder nicht, den Effekt, dem deutschen Publikum ein Schuldgefühl einzuprägen, also das Gefühl einer kollektiven (Mit-)Schuld an den NS-Verbrechen einfach aus dem Grund, weil das Publikum deutsche Personalausweise hat. Das klingt vielleicht komisch, hat aber diese Konsequenz. Welchen Sinn soll das nun machen? Der rechtsextreme Anteil der deutschen Öffentlichkeit liegt optimistisch eingeschätzt bei max. 5 % und pessimistisch bei max. 10 %. Er fühlt sich, wie gesagt, durch die Produkte der EK nur positiv bestätigt. Die restlichen ca. 90 % haben mit der NS-Zeit und ihren Protagonisten nichts am Hut und waren schon altersbedingt nie in irgendwelche NS-Verbrechen verwickelt. Besonders krass ist der zeitliche Abstand bei der heutigen deutschen Schüler- und Studentengeneration, die mit der NS-Zeit überhaupt nichts gemeinsam hat außer dem obenerwähnten banalen Faktum, dass auf ihren Personalausweisen das Wort "Deutschland" steht. Und weil dieses Wort auf ihren Personalausweisen steht, stehen sie - aus Sicht der Verfechter der "Erinnerungskultur" - in der Pflicht, ein Schuldgefühl wegen Verbrechen zu entwickeln (zu "kultivieren"!), die Jahrzehnte vor ihrer Geburt aus Motiven begangen wurden, die dieser Generation völlig fremd sind und für sie - mit oder ohne "Erinnerungskultur" - auch niemals eine Versuchung sein werden, der sie erliegen könnten, einfach weil sich die kulturellen und geschichtlichen Rahmenbedingungen unendlich geändert haben.

    Auf diese Weise hat die "Erinnerungskultur" auch hier einen paradoxen Effekt: Es kultiviert ein nationales Identitätsempfinden, das bei vielen Menschen ansonsten weniger intensiv oder kaum oder gar nicht vorhanden wäre. Die Adressaten der "Erinnerungskultur" werden durch deren Bemühungen dazu gedrängt, ein viel schärferes (notabene: falsches) Bewusstsein dafür zu haben, dass sie "Deutsche" sind, als ohne solche Bemühungen. Die "Erinnerungskultur" steht damit im Widerspruch zu dem viel wichtigeren Ziel des gegenwärtigen Humanismus, den Schritt zum Kosmopolitismus zu machen, d.h. sich als Weltbürger zu definieren und zu empfinden. Wie aber kann ein Kosmopolit oder Weltbürger Schuldgefühle wegen seiner "Zugehörigkeit" zu einem Land empfinden, das für ihn nur ein Flecken auf dem Planeten ist, dem er sich in Wirklichkeit zugehörig fühlt?

    Die "Erinnerungskultur" setzt also, um ihre Wirkung entfalten zu können, nicht nur voraus, dass ihre Adressaten auf der Stufe der nationalen Selbstidentifikation stehengeblieben sind, sondern fördert dieses Stehenbleiben auch noch.

    (3)

    Das Argument der Verfechter der "Erinnerungskultur", immer wieder auf den Massenmord an der jüdischen Bevölkerung hinweisen zu müssen, um der Gefahr vorzubeugen, dass Ähnliches wieder geschieht, ist zwar sympathisch, aber sehr oberflächlich und unwissenschaftlich. De facto wird durch die "aufklärerische" Dauerberieselung das omnipräsente Bedürfnis der Menschen nach Feindbildern eher noch bestätigt und bestärkt als negiert und gemindert. Umfragen von 2018 ergeben einen Anteil von 9-10 % der Befragten mit klar antisemitischer Einstellung, wobei diejenigen von diesen 9-10 %, die einen NS-gemäßen Umgang mit den Juden favorisieren, sicher in der Minderheit sind, woraus folgt, dass das faktische Ausmaß des Antisemitismus-Problems in der BRD durchaus überschaubar ist und nicht im entferntesten Anlass zur Sorge gibt, ein Holocaust könnte sich in der BRD irgendwann einmal wiederholen. Woraus folgt, dass die Bemühungen der "Erinnerungskultur", dem deutschen Antisemitismus entgegenzuwirken, bei den Rechtsextremen sowieso auf taube Ohren stoßen und beim Rest der Bevölkerung Gefahr laufen, antisemitische Tendenzen, die ansonsten schlimmstenfalls latent wären, durch die Dauerberieselung mit "Information" über Judenhass zum Keimen zu bringen und dann, ja genau, zu "kultivieren", eben weil dadurch ein gewisses Bedürfnis der Menschen nach Feindbildern angesprochen, bedient und genährt wird, die diesen Menschen sonst gar nicht bekannt wären.
     
    Zuletzt bearbeitet: 1. April 2019
  18. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Meine folgende Aussage bezieht sich in erster Linie auf Satz 2, Satz 1 lasse ich unkommentiert.

    Satz 2 ist argumentativ gesehen - selbst wenn die Sachaussage aus Satz 1 stimmen sollte - ein unzulässiger "Einschüchterungs"versuch gegenüber potentiell Widersprechenden. (Die Anführungszeichen, um die harte Aussage meinerseits ein wenig aufzuweichen.) Das muss ich als Moderator einfach festhalten und das müsste ich selbst dann, wenn ich dir zu Satz 1 Recht gäbe, wobei ich mich zu der Sachaussage - wie gesagt - nicht äußere.
     
  19. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    @Chan: Da Du offensichtlich ein intimer Kenner sowohl kommunikationstheoretischer wie -soziologischer Studien bist, die das sicherlich alles belegen, was Du hier dem erstaunten Publikum ausbreitet, sollte es ja eigentlich kein Problem sein, die entsprechenden Ansätze zu benennen und deren empirischen Überprüfungen.

    Ähnliches gilt zum Thema "Erinnerungskultur", bei dem eine Vielzahl von Behauptungen in den Raum gestellt werden, die ich beispielsweise bei A. Assmann so nicht widerfinde. Vielmehr wird Erinnerungskultur im Kontext einer sinnvollen "Verarbeitung" von Ereignissen thematisiert, inklusive der Bedeutung des "Vergessens".

    Die Aussagen zur angeblichen Aufarbeitung der NS-Geschichte im Stile eines Fetisches ist natürlich schlichtweg Unsinn, da ein Popanz aufgebaut wird, der Bekämpft wird.

    Zunächst ist festzuhalten, dass gegen die NS-Apologie der Nachkriegsjahre, eine Vielzahl von Fakten zu Recht gerückt werden mußten (vgl. Rhein u.a). Bei keinem Thema hast Du auch nur ansatzweise eine Form von kritischer Kompetenz gezeigt.

    Rhein, Johannes; Schumacher, Julia; Wohl von Haselberg, Lea (Hg.) (2019): Schlechtes Gedächtnis? Kontrafaktische Darstellungen des Nationalsozialismus in alten und neuen Medien. Berlin: Neofelis Verlag.

    Vielmehr hat eine kritische Geschichtsforschung, die für "Aufarbeitung" zuständig ist und nicht TV-Sender!!!!, wichtige Studien erstellt. Das betrifft beispielsweise Publikationen wie "Das Amt" von Conze u.a. oder "Die Akte Rosenburg" von Görtemaker.

    Und zieht sich bis in Studien zu einzelnen Unternehmen, wie IG-Farben etc., und Personen, wie beispielsweise Werner Best etc., und ihre Verstrickungen in das NS-System. An diesen Punkten wurde Aufarbeitung betrieben. In Deutschland sogar deutlich substantieller wie beispielsweise in Österreich.

    So auf die Schnelle eine Antwort zu viel Behauptungen und wenig Belegen.
     
    silesia und ursi gefällt das.

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