Braunbuch

Traklson

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Hier soll alles Platz finden, was mit einem der Braunbücher zu tun hat.
Dabei spielen zwei Braunbücher eine große Rolle.

Braunbuch über Reichstagsbrand und Hitlerterror von 1933
Das im Pariser Exil erschienene Buch wurde vom kommunistischen VerlegerWilli Münzenberg herausgegeben Es stellte den Reichstagsbrand als NS-Inszenierung dar und dokumentierte die ersten Nazi-Verbrechen. Auch über die Konzentrationslager und den grausamen Lageralltagwurde schon berichtet.
"Das Braunbuch war ein großer publizistischer und propagandistischerErfolg."

https://www.fruehe-texte-holocaustliteratur.de/wiki/Braunbuch_%C3%BCber_Reichstagsbrand_und_Hitler-Terror_(1933)
Braunbuch über Reichstagsbrand und Hitlerterror : Free Download, Borrow, and Streaming : Internet Archive

Braunbuch: Kriegs- und Naziverbrecher in der Bundesrepublik. Staat, Wirtschaft, Armee, Verwaltung, Justiz, Wissenschaft von 1965

Das Buch wurde herausgegeben von Albert Norden Mitglied des Politbüros, ein enger Vertrauter Walter Ulbrichts, zuständig für Agitation und Propaganda im SED-Staat. Das Braunbuch gilt als erfolgreichste Propagandakampange der DDR. Fast 1.800 Wirtschaftsführer, Politiker, Generäle und Admiräle der Bundeswehr und leitende Beamte wurden in dem Braunbuch aufgelistet und ihre NS-Vergangenheit aufgedeckt. Die KI behauptet: "Historikerschätzen heute, dass die empirischen Angaben zu über 99% korrekt waren." Das Braunbuch war ein wichtiger Anstoß für die Aufarbeitungsdebatte in der Bundesrepublik.

http://www.kpd-ml.org/doc/partei/braunbuch.pdf
 
Meine persönliche Erfahrung mit dem Braunbuch

Bereits vor ca 25 Jahren bekam ich das Braunbuch in die Hand und habe meinen Großvater nachgeschlagen. Er war sowohl Staatsanwalt in der NS-Zeit als auch darauf in der Bundesrepublik. Und tatsächlich habe ich einen Eintrag gefunden.

Laut Braunbuch war mein Großvater Erster Staatsanwalt am Sondergericht in Wien. An der Richtigkeit der Angabe habe ich auch nie gezweifelt.

Im Zuge der Veröffentlichung der NSDAP-Mitgliederdatei online, habe ich nach langer Zeit erneut versucht zu meinem Großvater zu recherchieren. Dabei habe ich relativ leicht die Entnazifizierungsakte meines Großvater in den Archiven NRW gefunden. Auch über seine Tätigkeit beim Sondergericht wollte ich mehr erfahren. Ich war sehr froh festzustellen,dass an der Uni Wien gerade zu diesem Thema geforscht worden war.


Ich will mich also an die Autorin wenden, in der Hoffnung, dass ihr mein Großvater in den Akten untergekommen ist. Um genaue Angaben zu dem Zeitraum seiner Tätigkeit am Sondergericht geben zu können, betrachte ich seinen beruflichen Werdegang aus der Entnazifizierungsakte genauer. Zu meiner Überraschung wurde keine Tätigkeit am Sondergericht gelistet. Laut dieser Akte (Selbstangaben) war mein Großvater Erster Staatsanwalt an drei Orten in Polen.

Ich stelle also meine Anfrage an Frau Hackl-Schwind und frage nach meinem Großvater. Die Antwort kam prompt, sehr freundlich und hilfsbereit. (Wie schön, dass wir solche Forschende haben, die die Vergangenheit für uns aufarbeiten.)

Mein Großvater sei in ihren Forschungen nicht aufgetaucht. Das bedeute aber nicht, dass er nicht am Sondergericht war. "Ich kann in meinen Aufzeichnungen keine Hinweise darauf finden, dass ihr Großvater [XX] unter den Staatsanwälten war. Allerdings möchte ich
betonen, dass ich mich nicht um eine vollständige Aufstellung bemüht habe, mir ging es nur um einige Beispiele."

Ich bekam auch den Kontakt zum Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands (DÖW). Auch von dort eine prompte und hilfsbereite Antwort. In den vorliegenden Listen tauche mein Großvater nicht auf, aber:

Simon Wiesenthal hat nach einem Staatsanwalt mit dem Nachnamen und Geburtsdatum meines Großvaters gesucht, der am Sondergericht Wien gewesen sein soll. Der Vorname ist allerdings ein anderer.

Wir haben es also mit zwei Quellen zu tun, die sich widersprechen.
Zu der Angabe in der Entnazifizierungsakte: Mein erster Impuls war, dass Polen jett nicht viel besser klingt als das Sondergericht. Frau Hackl-Schwind hat meine Vermutung bestätigt. Es macht eigentlich keinen Sinn, die Tätigkeit in Polen, wo die NS-Justiz besonders drakonisch war, zuzugeben und eine Tätigkeit am Sondergericht zu verschweigen. Und es war sicher ein Risiko, für die Entnazifizierung falsche Angaben zu machen. Allerdings ist mir der Gedanke gekommen,dass Angaben aus Polen im Gegensatz zu welchen aus Wien von den West-Alliierten nicht überprüft werden konnten.

Zu der Angabe im Braunbuch: Es stellt sich die Frage, welche Quellen den Verfassern wohl überhaupt zur Verfügung standen. Sicher nicht sie Entnazifizierungsakte meines Großvaters oder anderes Material aus westdeutschen Archiven. Aber die Suche Wiesentals könnte den Verfassern bekannt gewesen sein. Und im Braunbucht steht noch ein weiterer Eintrag, der besagt, mein Großvater habe als Sachbearbeiter ein Todesurteil gegen zwei nach Deutschland verschleppte Griechen befürwortet. Eine Tätigkeit beim Justizministerium in Berlin gegen Kriegsende deckt sich wieder mit dem Werdegang aus der Akte. Das Interessante an der Angabe im Braunbuch ist, dass da kein Vorname steht wie bei anderen Personen. Man hatte also vermutlich die Info von Wiesental, eine Akte in Berlin und eine Tätigkeit in der BRD. Da die Vornamen nicht zusammenpassen, hat man auf die Angabe einfach verzichtet.

Meine Schwester möchte, wenn sie Zeit findet, die Personalakte vom Bundesarchiv anfordern. Da wäre dann definitiver Beweis. Ich denke aber, es ist sicher zu sagen, dass mein Großvater nicht am Sondergericht war, sondern in Polen. Er war also nicht zu Unrecht im Braunbuch. Sein Lebenslauf stellt eine der Kontinuitäten zwischen Nationalsozialismus und Bundesrepublik dar. Und der war mit dem Nationalsozialismus verstrickt. Aber im Braunbuch steht auch eine falsche Information.
 
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