Cassius Dio als Überlieferer älterer Quellen - seine Glaubwürdigkeit

Quellenkritik befasst sich mit der Überlieferung einer Quelle. Hier im Forum reduzieren wir Quellenkritik oft auf die Glaubwürdigkeit der Quellen, aber an und für sich ist Quellenkritik natürlich viel, viel mehr.
Es gibt sogar eine ganze Hilfswissenschaft, die sich mit Textvarianten (Kopierfehlern, lectio facilior/difficilior) und deren Beziehungen untereinander befasst: Die Stemmatologie. Und die weiß auch: Lectio difficilior potior - die schwierigere Lesung ist die bessere. Will heißen: Ein geglätteter, also leichter zu lesender Text ist wahrscheinlich weiter entfernt vom Archetyp oder gar Original (Archetyp ≠ Original) als ein schwieriger zu lesender Text, weil Kopisten die Neigung haben, die Texte zu vereinfachen.
Für Übersetzungen gilt: traduttore traditore. Der Übersetzer ist ein Verräter (am Text), weil er nie in der Lage sein wird, den Text aus der Originalsprache so in die Zielsprache zu übertragen, dass die Bedeutungen zu 100 % kongruent sind.
Das kann semantische Gründe haben, etwa weil ein Wort in der Originalsprache semantisch weiter oder enger gefasst ist, als in der Zielsprache, oder grammatikalische Gründe, weil z.B. die Originalsprache eine kompliziertere oder weniger komplizierte Grammatik hat, als die Zielsprache und somit (insbesondere in ersterem Fall) manche Dinge schon aus grammatischen Dingen gar nicht so darstellbar sind, als im Original. Deshalb arbeiten Historiker mit den Originaltexten bzw., sofern nicht zufälligerweise ein Original vorliegt (im Falle Thietmars von Merseburg haben wir den Autographen!) mit dem Archetypen, also einer Fassung, die dem Original nahe kommt.
Da brauchen Historiker und Altphilologen wirklich keine Nachhilfe, das ist Proseminarsstoff!
 
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