- Heiligt der Kriegszweck alle Kriegsmittel und alle Kriegshandlungen? Ist der Krieg also immer ein »totaler«?
So interpretiere ich das nicht.
- Wenn die Verrechtlichung absurd ist: Ist dann das gesamte »humanitäre Völkerrecht« (Haager Konventionen, Genfer Konventionen usw.) absurd?
Desgleichen. Aus Clausewitz' Sicht ist der Krieg zunächst einmal eine historische Tatsache, die sich ein Monarch oder Staat nutzbar machen kann.
Du zitierst im Folgenden:
»Finden wir also, daß gebildete Völker den Gefangenen nicht den Tod geben, Stadt und Land nicht zerstören, so ist es, weil sich die Intelligenz in ihre Kriegführung mehr mischt und ihnen wirksamere Mittel zur Anwendung der Gewalt gelehrt hat als diese rohen Äußerungen des Instinkts.«
- Sind Bildung/Intelligenz hier als »Bremsen« gedacht oder kommt hier eine reine Zweckmäßigkeitsüberlegung ins Spiel?
Ich kann daraus nicht entnehmen, dass Clausewitz rechtliche Grundsätze oder eine humanere Kriegsführung (durchaus kein Oxymoron) für "absurd" hält; im Gegenteil, schon aus der Wortwahl ("rohe Äußerungen des Instinkts")—aber auch aus seinem intellektuellen Anspruch (Lehrbuchcharakter)—scheint mir hervorzugehen, dass er ihnen zumindest nicht ablehnend gegenübersteht.
Meine Interpretation ist, dass Clausewitz es einfach nicht für seine Aufgabe hielt, sich mit dieser Frage überhaupt nachhaltig auseinanderzusetzen. Er betrachtete den Krieg aus der Froschperspektive des Soldaten, nicht aus der Vogelperspektive des Kriegsherrn—d.h. des Souveräns, der seinen Entschluss, einen Krieg vom Zaun zu brechen, nach damaligem Verständnis (nur) vor Gott rechtfertigen musste.
"Absurd" ist eine Verrechtlichung des Krieges aus dieser Mikroperspektive auf dieselbe Weise, wie es von der Warte der Chirurgie gesehen absurd wäre, ein Geschwür nicht zu entfernen, sondern weiter wuchern zu lassen. Erst aus der Makroperspektive können sich Argumente gegen den Eingriff ergeben, seien sie medizinisch (bspw. wenn er dem geschwächten Patienten mehr schaden als nutzen würde), seien sie ethisch (der Patient lehnt die Operation ab). In dieser Analogie ist 'Vom Kriege' als anatomisches Lehrbuch zu verstehen, nicht als ganzheitliches Curriculum für künftige Ärzte.
Aus dem Kontext der Zeit würde ich annehmen, dass ethische Fragen für Clausewitz eher in einen Fürstenspiegel gehörten.