Clausewitz – Ethik und Moral des Krieges

Lach, ja ,obwohl sich dieser Aphorismus auf mathematische Behauptungen bezieht, ist er leicht auf's taegliche Leben uebertragbar.
Etwas aehnliches finden wir am Ende von Richard Feynmans Buch 'QED: The Strange Theory of Light and Matter' :

paraphraphrasiert" "Egal wieviel Titel jemand traegt, egal wieviel Buecher jemand geschrieben hat, egal wieviel Auszeichnungen jemanden verliehen wurden, wenn sich seine Behauptung oder Theorie als falsch bewiesen hat, ist sie Schrott"
Oder so aehnlich. Habe das Buch nicht vor mir.
 
Nicht Dein Ernst oder?
Doch, ist mein Ernst.
Die Wissenschaft beginnt dort wo das Allgemeinwissen endet.

Das Allgemeinwissen in den USA z. B. ist, dass der Amerikanische Unabhängigkeitskrieg ein Freiheitskrieg gegen die britischen Unterdrücker war usw...
Es war aber ein Elitenwechsel organisiert von Sklavenhaltern, die Freiheit in ihrem Sinne verstanden.
Auf britischer Seite kämpften die "Negroes" und die Indianer. Denn ihre Freiheit war von den hehren Gründern nicht vorgesehen.

Hab mich mit einem befreundeten Paar aus Istanbul über den Namen ihrer Stadt unterhalten.
Als 1453 die Osmanen Konstantinopel eroberten blieb der Name der Stadt und hies nicht Istanbul. Lässt sich einfach nachweisen (Münzen, Dokumente) Das Allgemeinwissen aber war ein anderes. "Das haben wir auf der Schule anders gelernt."

Es gibt viele Beispiele und manchmal ändert sich das Allgemeinwissen auch zum Guten oder Schlechten.

Ein alter Mann im Krankenhaus, ich besuchte meinen Vater, hat kurz vor seinem Tod folgendes erzählt:
'Wir hatten auf unserem Bauernhof einen Russen.
Natürlich hab ich den für einen Untermenschen gehalten. Wir haben doch nichts anderes gelernt.'
Auch das war "Allgemeinwissen".

Man könnte wirklich endlos Beispiele für "Allgemeinwissen" nennen, das schlicht falsch ist.
 
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Wenn ich Dich frage, warum ist ein Regenbogen immer ein perfekter Halbbogen und leuchtet in allen Farben und wie entsteht er, dann koennen Du und ich keine gescheite Antwort darauf geben. Aber ein dementprechender Wissenschafler.

Jeder in DEU weiss, dass Preise staendig ansteigen. Das ist Allgemeinwissen.
 
Man muss Allgemeinwissen nicht belegen,
...darüber also regen sich einige tiefe Denker empört auf - das Satzzeichen (Komma) scheint diesen entgangen zu sein:
Man muss Allgemeinwissen nicht belegen, und auch bereits erbrachte Belege nicht andauernd wiederholen.
nachdem man sich wortreich über fünf Wörter vor dem Komma echauffiert hat, wie schaut es mit dem aus, was nach dem Komma folgt? Und muss man sich noch aufregen, wenn man den Satz als ganzes wahrnimmt?

...und wenn man dann nach dem Kontext schaut:
Man muss Allgemeinwissen nicht belegen, und auch bereits erbrachte Belege nicht andauernd wiederholen. Zum Allgemeinwissen könnte z.B. zählen, dass Russland bei den Verhandlungen zur NATO-Osterweiterung mit am Tisch saß und diese abnickte (NATO-Russland-Grundakte); dass Russland die freie Bündniswahl aller Staaten (und insbesondere der Ukraine) zweimal anerkannt hat; und dass Wladimir Putin zu Beginn seiner Präsidentschaft selbst den NATO-Beitritt Russlands anstrebte. Wodurch Propaganda von Wahrheit erkennbar wird.
stellt sich mir die Frage, worüber und wozu man sich da aufregt.

....statt aufregen, rege ich an, wieder zum Thema zurück zu finden.
 
Doch. Muss man.
Zumindest wenn man sich auf dieses beruft.
Denn das "Allgemeinwissen" ist ja nicht wissenschaftlich sondern notorisch unzuverlässig.

Ich wundere mich doch sehr über eine solche Aussage.
[Leitfaden für wissenschaftliche Arbeiten der Geschichtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Köln]

Sicher fragen Sie sich: Was muss ich denn alles belegen? Pauschal ist diese Frage schwer zu beantworten, aber die grundsätzliche Maßgabe lautet: Alles, was nicht unmittelbar Ihrem eigenen Kopf entstammt, braucht einen Nachweis. […] Eine häufig formulierte Ausnahme liegt darin, dass eindeutiges Allgemeinwissen (z. B. „Im Jahr 1789 begann die Französische Revolution“ oder „1933 fand die nationalsozialistische ‚Machtergreifung‘ statt“) nicht belegt werden muss, manchmal wird diese Regelung auch auf „Handbuchwissen“ aus Überblicksdarstellungen ausgeweitet. (Link)
Warum sollte das Jahr der Unterzeichnung der NATO-Russland-Grundakte nicht unter den Begriff des Allgemeinwissens fallen?

Und warum sollte es gerade jemandem mit Deinen Ansprüchen unmöglich sein, den Inhalt besagten Vertrags zu googeln? Warum sollte es Dir unmöglich sein, die Schlussfolgerung nachzuvollziehen, dass ein Land, das sich wahrhaftig betrogen fühlt, wohl kaum in eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem angeblichen Betrüger eintreten würde?

Nachdem Du nur gebetsmühlenartig wiederholst, Dir würden "Postulate" ohne Belege geliefert (den freundlichen Hinweis ignorierend, dass die Belege im Ukrainekrieg-Faden bereits zur Genüge zerredet wurden), lasse mich Dich fragen, was genau willst Du denn belegt haben? Denn ich werde mir nicht die Mühe machen, Belege für "Postulate" zu liefern, nur damit Du sie wieder ignorierst, wie schon in jenem Faden.

Übrigens wäre ich immer noch gespannt auf eine Erklärung Deinerseits, was es denn zur Sache täte, wenn Du Recht hättest. Welche Auswirkungen hätte es auf die ethische Bewertung der Geschehnisse?
 
.....statt aufregen, rege ich an, wieder zum Thema zurück zu finden.
Als derjenige, der das Thema gestellt hat, folge ich dieser Anregung natürlich gern.

In meiner letzten Wortmeldung (#19) hatte ich Kant zitiert (mit dessen für mich fragwürdiger These, dass Krieg eine Abhilfe sei gegen den »bloßen Handelsgeist«). Sinnvollerweise sollten wir aber hier fortsetzen:
[...] dass Clausewitz es überhaupt nicht als seine Aufgabe sah, über ethische Fragen zu sinnieren. Wenn er das Primat der Politik postuliert (was er ohnehin musste in einer Welt, in der Monarchen über Krieg und Frieden bestimmten), weist er der Politik auch die Verantwortung dafür zu, wie das Mittel des Krieges genutzt wird.
[...[
Es ist eine bloße Folge der Systematik seiner Betrachtungsweise, kein Werturteil, dass Clausewitz die Verrechtlichung und sittliche Einhegung des Krieges eine Absurdität nennt. Wenn der Krieg ein reines politisches Werkzeug ist, das darauf zielt, dem Gegner den eigenen Willen aufzuzwingen, dann verschiebt jedes "Bremsen" des Krieges den möglichen Eintritt dieses Ziels nach hinten.
Was bedeutet das?
  • Heiligt der Kriegszweck alle Kriegsmittel und alle Kriegshandlungen? Ist der Krieg also immer ein »totaler«?
  • Wenn die Verrechtlichung absurd ist: Ist dann das gesamte »humanitäre Völkerrecht« (Haager Konventionen, Genfer Konventionen usw.) absurd?
Im gleichen Kapital schreibt C. auch:
»Finden wir also, daß gebildete Völker den Gefangenen nicht den Tod geben, Stadt und Land nicht zerstören, so ist es, weil sich die Intelligenz in ihre Kriegführung mehr mischt und ihnen wirksamere Mittel zur Anwendung der Gewalt gelehrt hat als diese rohen Äußerungen des Instinkts.«​
  • Sind Bildung/Intelligenz hier als »Bremsen« gedacht oder kommt hier eine reine Zweckmäßigkeitsüberlegung ins Spiel?
 
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Sind Bildung/Intelligenz hier als »Bremsen« gedacht oder kommt hier eine reine Zweckmäßigkeitsüberlegung ins Spiel?
vielleicht beides?
An einem Primitivbeispiel: A hat viel Papiergeld in seiner Hütte gelagert und bewacht diese. B will aber A´s Moneten haben, und weil dieser sie nicht rausrückt, rückt B militärisch an. Mittels eines vehementen Brandbombenangriffs besiegt B den A und führt johlend auf den schwelenden Trümmern einen Siegestanz auf. Er hat gewonnen, aber gewonnen hat er nichts... Hätte B etwas mehr von "Bildung/Intelligenz" Gebrauch gemacht, hätte er mehr Chancen gehabt, aus seinem Sieg verwertbare Früchte zu ernten ;):cool:
 
Ich versuche eine Nutzanwendung (im Sinne des Zweckmäßigkeitsprinzips) aus dem primitiven Beispiel zu ziehen:
Bildung/Intelligenz im Sinne von Clausewitz läge also vor, wenn B statt Brandbomben eine Neutronenbombe verwenden würde. Das viele Papiergeld bliebe also erhalten und könnte verwertet werden. das Haus ebenfalls.
 
  • Heiligt der Kriegszweck alle Kriegsmittel und alle Kriegshandlungen? Ist der Krieg also immer ein »totaler«?
So interpretiere ich das nicht.
  • Wenn die Verrechtlichung absurd ist: Ist dann das gesamte »humanitäre Völkerrecht« (Haager Konventionen, Genfer Konventionen usw.) absurd?
Desgleichen. Aus Clausewitz' Sicht ist der Krieg zunächst einmal eine historische Tatsache, die sich ein Monarch oder Staat nutzbar machen kann.
Du zitierst im Folgenden:
»Finden wir also, daß gebildete Völker den Gefangenen nicht den Tod geben, Stadt und Land nicht zerstören, so ist es, weil sich die Intelligenz in ihre Kriegführung mehr mischt und ihnen wirksamere Mittel zur Anwendung der Gewalt gelehrt hat als diese rohen Äußerungen des Instinkts.«
  • Sind Bildung/Intelligenz hier als »Bremsen« gedacht oder kommt hier eine reine Zweckmäßigkeitsüberlegung ins Spiel?
Ich kann daraus nicht entnehmen, dass Clausewitz rechtliche Grundsätze oder eine humanere Kriegsführung (durchaus kein Oxymoron) für "absurd" hält; im Gegenteil, schon aus der Wortwahl ("rohe Äußerungen des Instinkts")—aber auch aus seinem intellektuellen Anspruch (Lehrbuchcharakter)—scheint mir hervorzugehen, dass er ihnen zumindest nicht ablehnend gegenübersteht.

Meine Interpretation ist, dass Clausewitz es einfach nicht für seine Aufgabe hielt, sich mit dieser Frage überhaupt nachhaltig auseinanderzusetzen. Er betrachtete den Krieg aus der Froschperspektive des Soldaten, nicht aus der Vogelperspektive des Kriegsherrn—d.h. des Souveräns, der seinen Entschluss, einen Krieg vom Zaun zu brechen, nach damaligem Verständnis (nur) vor Gott rechtfertigen musste.

"Absurd" ist eine Verrechtlichung des Krieges aus dieser Mikroperspektive auf dieselbe Weise, wie es von der Warte der Chirurgie gesehen absurd wäre, ein Geschwür nicht zu entfernen, sondern weiter wuchern zu lassen. Erst aus der Makroperspektive können sich Argumente gegen den Eingriff ergeben, seien sie medizinisch (bspw. wenn er dem geschwächten Patienten mehr schaden als nutzen würde), seien sie ethisch (der Patient lehnt die Operation ab). In dieser Analogie ist 'Vom Kriege' als anatomisches Lehrbuch zu verstehen, nicht als ganzheitliches Curriculum für künftige Ärzte.

Aus dem Kontext der Zeit würde ich annehmen, dass ethische Fragen für Clausewitz eher in einen Fürstenspiegel gehörten.
 
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Das ist konsensfähig. »Clausewitz denkt noch in den Kategorien des Westfälischen Systems« [1], das den souveränen Fürsten das Recht bestätigt, Kriege zu führen.

Dazu fällt mir noch ein: Ziel des Krieges, dieses »letzten Mittels zur Erreichung des politischen Zwecks«, ist »das Wehrlosmachen des Gegners« [2]. Dazu kann es notwendig sein, feindliche Soldaten zu töten, aber das Töten ist nicht das Hauptziel des Krieges. Etwa anders akzentuierte neulich jemand mit der Frage: «Was können wir Europäer konkret tun, um Ihnen [der Ukraine] zu helfen, mehr Russen zu töten, ähm, mehr russische Soldaten natürlich?«

[1] Andreas Herberg-Rothe: Das Rätsel Clausewitz. München 2001, S. 241
[2] Vom Kriege (Ausgabe 1905), S. 41
 
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