Das Germanenbild im Wandel der Zeit

Dieses Thema im Forum "Völkerwanderung und Germanen" wurde erstellt von Märchenwesen, 2. Dezember 2008.

  1. Märchenwesen

    Märchenwesen Neues Mitglied

    Bis ins späte Mittelalter hatten die Germanen, soweit ich weiß, keine besondere Bedeutung gespielt und fanden höchstens als Mythos in Sagengeschichten ihre Erwähnung. Erst zum Ausgang des Mittelalters gelangte die Existenz dieser Volksgruppe wieder in das gesellschaftliche Bewusstsein und das allgemeine Bild hat sich, im Gegensatz zu dem zB der Römer oder Hellenen, welche sehr konstant blieben, im Verlauf der Geschichte mehrfach gewandelt und viele Klischees haben sich bis heute gehalten.

    Die ersten Germanendarstellungen zwischen Mittelalter und Neuzeit zeigen die Germanen dabei meist als wildes, kulturloses Barbarenvolk; in ihrer Darstellung den keulenschwingenden Steinzeitmenschen nicht unähnlich - so wurden sie auf Gemälden einerseits wild und nackt dargestellt, andererseits allerdings bereits mit Eisenwaffen und festen schornsteintragenden Häusern.

    Die zur gleichen Zeit aufkommende Archäologie war einem realitätsnahen Bild dabei nur gering fördernd. Gefundene Urnen und Häuserreste beflügelten eher die Phantasie der Leute. So schrieb Sebastian Münster 1544 in seiner "Kosmographie", die Urnen seien in der Erde gewachsen; später vermutete ihre Herstellung durch Zwerge oder brachte sie sogar mit dem antiken Griechenland in Verbindung. Erst mit Anbruch des neuen Zeitalters um 1800 wurde eine weitgehend seriöse Forschung betrieben.

    Die Germanen wurden im Zuge des aufkommenden Nationalismus als Ursprung der Deutschen wahrgenommen und gelangten damit als antikes Volk nicht nur zu einer größeren Popularität, sondern auch häufig zum Leitbild der Deutschen, wobei sie dementsprechend auch anders dargestellt wurden, teilweise mit antisemitischen Bezügen. Dass man das Germanische für die deutsche Kultur mehr und mehr für wichtig erachtete, zeigen uns die vielen germanenbezogenen Werke, die in dieser Zeit erschienen. Man begann sich als germanisch zu identifizieren, was sehr gut zu der damaligen Volksdefinition passte, die Völker nach Sprachen einteilte.
    Im Kaiserreich wurden diese Aspekte dann verstärkt. Die meisten Bilder die wir von Germanen und deren Mythologie kennen, stammen aus dem 19ten Jahrhundert. Dabei war, entsprechend der reichsdeutschen Nostalgie, nicht selten eine gewisse Verkitschung mit am Werk, die die noch vor 100 bis 200 Jahren als wilde Barbaren dargestellten Germanen plötzlich in goldenen Rüstungen und federgeschmückten Helmen erschienen ließ. Erste Ariosophiekulte oder Rückgriffen auf den germanischen Götterglauben (in dem Fall GGG), wurzeln ebenso in diese Zeit.

    Mit dem Dritten Reich wurden die Germanen dann bedeutend als "arisches Volk" und zum Leitbild der ariosophischen Rassenideologie. Jetzt wurden die Germanen weitgehend auf genetische Idealvölker reduziert und personifizierten die vermeintlichen herrenmenschlichen Eigenschaften und Tugenden des deutschen Volkes - der Germane war nun der reinrassige Deutsche, der den anderen Völkern an Kraft und Geist überlegen war. Allerdings gab es im NS einige, die dieser Germanentümelei ablehnend gegenüberstanden.

    Und heute?

    Obwohl wir heute in der Nachkriegszeit durch relativ klare und nicht mehr ideologisch bedingte Wissenschaftsergebnisse einheitliche und realitätsnahe Vorstellungen der Germanen haben (bahnbrechend wirkte in diesem Zusammenhang die 1999 gefundene Himmelsscheibe von Nebra, die germanische Völker als kulturell weit entwickelt erscheien ließ), ist heute, sofern überhaupt noch interessant, wieder das Bild von den wilden, schlemmenden und raufenden Germanen weit verbreitet und die alten Klischees herrschen, wie weiter oben erwähnt ebenso noch vor.
     
  2. DerGeist

    DerGeist Neues Mitglied

    Die Scheibe von Nebra hat mit den sog. Germanen rein gar nichts zu tun, sie datiert in die Bronzezeit!


    Das liegt wohl vor allem an der schlechten schulischen Ausbildung.
    Über die Vor - und Frühgeschichte der BRD wird selbst bis in die Oberstufe so gut wie gar nichts gelehrt.
    Hier wäre der Ansatz auch den angehenden Geschichtslehrer(innen) mehr über die Vor -und Frühgeschichte zu lehren. Aus eigenen Erfahrungen weis ich das ich während der 14 Semester Studium der Vor- und Frühgeschichte niemals einen Lehramststudenten in unseren Veranstaltungen gesehen habe.
     
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  3. Themistokles

    Themistokles Aktives Mitglied

    Wer bringt denn die Himmelsscheibe mit Germanen in Verbindung?
    Vorgeschichte der BRD ist alles vor 1949, oder? Bis wann reicht dann die Frühgeschichte?

    PS: manchmal haben Lehrämtler auch eigene Veranstaltungen.
    PPS: meine Uni sieht für Geschichtslehrämtler auch keine Frühgeschichte vor.
     
    Zuletzt bearbeitet: 2. Dezember 2008
  4. Maelonn

    Maelonn Gesperrt

    Das liegt meiner Ansicht nach daran, dass es kein eigenes Schriftgut über die Germanen gibt. Alles, was wir über sie wissen, haben Römer niedergeschrieben. Und sie haben nicht den Wunsch gehabt, unleugbare Wahrheiten zu fixieren, sondern sie wollten "den Feind" beschreiben. Sie waren nicht neutral, sondern "Partei". Erst als römische Literatur über die Germanen aufgefunden wurde (im Mittelalter), haben "wir" erfahren, dass es Germanen überhaupt gab.

    In der "Neuzeit" (19. Jahrhundert) gewann das aus römischen Quellen stammende Germanenbild dann besondere Bedeutung, weil es das einzige integrierende Element unserer Gesellschaft war. Deutschland ist erst im Jahr 1871 zu einer "Nation" geworden. Zu dem Zeitpunkt hatte z.B. Frankreich schon Jahrhunderte der "Nation-Erfahrung" hinter sich. Die Menschen, die ihre eigene Existenz in eine Kontinuität stellen wollten, mussten damals (19. Jahrhundert) auf die Germanen zurückgreifen. Eine andere Wurzel gab es nicht.

    Dass die Nazis den Germanen-Kult eingeführt haben, ist ein Verhängnis der deutschen Geschichte. Adolf und seine Genossen haben versucht, uns weißzumachen, dass es eine "germanische Nation" oder ein "germaisches Volk" gegeben habe, das nie esixtiert hat. Die Leute damals haben sich nicht als "Germanen" betrachtet, sondern immer nur als Sugambrer, Brukterer, Cherusker oder sonstwas. Die haben untereinander genau so oft Krieg geführt wie gegen Rom. Eine "völkische" (was für ein Scheiß-Wort!) oder nationale Identität hat es nie gegeben.

    Bis zu dem Zeitpunkt, da es eigene "germanische" Schriftquellen gibt. Und noch ein bischen später. Leider haben fränkische Herrscher aus religiösen Gründen eine Menge Schriftgut verbrennen lassen, weil es nicht christlich war. Bücherverbrennung ist uralt. Leider.

    MfG
     
  5. Märchenwesen

    Märchenwesen Neues Mitglied

    Hui, das ging wie immer fix - vielen Dank für die bisherigen Antworten :yes:
    Wudnerbar, gerade hinsichtlich der Scheibe gab es von meiner Seite aus noch einiges zu klären! Nur - wer hat in der Bronzezeit dort gesiedelt, wo die Scheibe gefunden wurde? Gab es dort bereits germanische Indoeuropäer oder lässt sich die Scheibe überhaupt kulturell einordnen?


    Ich stimme dir hier 100%-ig zu, aber das ist offtopic. Wir haben das hier mal vom entsprechenden Standpunkt aus aufgerollt, wenn es dich interessiert (wir können auch gern hier ein Thema dazu aufmachen, sofern es noch keins gibt :))


    @Maelonn: Vielen Dank für deine ausführenden Ergänzungen! Nur eine Sache:
    Ich dachte immer das wäre in dem Zusammenhang nur eine Neuzeit-Story - hast du Quellenangaben oder Hinweise darauf, dass dieser Käse schon im Dritten Reich verzapft wurde?
     
  6. Tekker

    Tekker Gast

    Die Nachfahren der jungsteinzeitlichen Bevölkerung, würde ich mal sagen. Von "Germanen" kannst du erst nach der (ersten) Lautverschiebung sprechen, also ab ca. 100 v.Chr. ;)

    Zu den jungsteinzeitlichen und bronzezeitlichen Kulturen müßt ich jetzt erst gucken, "Schnurkeramiker" fällt mir da z.B. ein. :)
     
  7. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Durch die Entdeckung der Himmelscheibe von Nebra wurde zumindest das populäre Germanenbild mit ganz neuen Facetten geschmückt.
    Entscheidenen Beitrag hierzu leistete wohl der Spiegel mit seiner Titelstory Sternenkult der Urgermanen.
    Auch wenn das wissenschaftlich falsch ist, das Germanenbild hat es doch verändert. ;)

    @Märchenwesen In deiner Zusammenfassung fehlt der entscheidende Punkt: Die Wiederentdeckung der Germania des Tacitus in der Hersfelder Klosterbibliothek
    Das Germanenbild der frühen Neuzeit baut in erster Linie auf der wiederentdeckten Germania auf. Ja, selbst abstruseste Germanenverklärung läst sich bis auf Tacitus zurückführen.=)

    Derartiges ist nicht belegt! Die Wahrheit ist, dass Karl der Große erstmals germanischen Sagen aufschreiben, ließ. Sein Sohn, Ludwig der Fromme, mochte aber keine "heidnischen Lieder", unklar ist ob sie germanisch oder römisch waren. Eine Bücherverbrennung "germanischer" Schiftquellen hat historisch keine Grundlage.
     
    Zuletzt bearbeitet: 2. Dezember 2008
  8. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Der Satz ist leider unverständlich.
     
  9. Märchenwesen

    Märchenwesen Neues Mitglied

    Richtig - genau das hatte ich in Erinnerung! Jetzt weiß ich auch wieder den Zusammenhang!
    Was ja ungefähr in die Zeit des ausgehenden Mittelalters datiert. Entscheidend wäre hier noch die Frage, ob es wesentliche Unterschiede im Germanenbild vor und nach dem Ereiginis gab. Ich schätze weiterhin, dass davor einfach keines existierte.
     
  10. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Klar existierte im Mittelalter ein Germanenbild bzw. eine Vielzahl davon. Die Etymologien von Isidor, eines der meist rezipierten Werke des Mittelalters schreiben in ihrem neunten Buch über die Germanen ("[FONT=Palatino Linotype, Times]Germanicae gentes dictae, quod sint inmania corpora inmanesque nationes saevissimis duratae frigoribus; qui mores ex ipso caeli rigore traxerunt, ferocis animi et semper indomiti, raptu venatuque viventes. [/FONT]"), das Strategikon des Pseudo-Mauritius beschreibt germanische Kriegsstrategien, Widukind zitiert aus dem De Bello Judaico des Josephus und ersetzt Germanen durch Sachsen, Petrarca gibt der von ihm als barbarisch empfundenen gotischen Kunst ihren Namen. Der Großteil der mittelalterlichen Dichtung ist in die Völkerwanderungszeit verlegt, sowohl das Nibelungenlied, als auch die Wolfram-Dichtung.
     
  11. Maelonn

    Maelonn Gesperrt

    Hallo, Maglor!

    Vielleicht täuscht mich mein Schulwissen (ist ja auch schon eine Weile her ;)), aber ich dachte, genau diese Sammlung von Niederschriften der bis dahin nur mündlich überlieferten Sagen und Erzählungen hätte Karls Sohn Ludwig abgefackelt. Diese Sammlung scheint das einzige gewesen zu sein, was es bis dahin an "Selbstbeschreibung" der Germanen gegeben hat.

    Auch später sind Bücher unliebsamer Glaubensgemeinschaften (Arianer, Juden) gern verbrannt worden. Die Christliche Kirche hat sich in ihrer Anfangszeit mit einigem Elan und Erfolg bemüht, alte Traditionen zu vernichten oder christlich "umzudeuten". Nimm als Beispiel nur die christlichen Feiertage, die zum Teil bis heute deutliche Züge heidnischer Feste und Riten tragen (ob Ostereier oder Weihnachten um die Wintersonnenwende). Auf jeden Fall hat die christliche Kirche eine Menge von Informationen beseitigt, die uns Aufschluss über vorchristliche Traditionen geben könnten.

    Natürlich kann man streiten, ob man zu dem Zeitpunkt, da hierzulande erstmals Bücher geschrieben wurden, noch von Germanen die Rede sein kann. Das erste mir bekannte Werk, das keine römische Fremdbeschreibung ist, waren die zehn Bände fränkischer Geschichte von Gregor von Tours (lesen konnte ich davon bislang leider nur ein paar Auszüge). Und Gregor war bereits sehr christianisiert. Außerdem entstammte er einer alten gallo-römischen Familie und sah sich in deren Traditionen. Und überdies war zu dem Zeitpunkt schon der Anspruch der ehemals germanischen Franken erkennbar, das römische Reich unter eigener Regie fortführen zu wollen. Also wird man schon bei Gregor ein "Germanenbild" nur noch gefiltert erkennen können.

    Kennt jemand überhaupt irgendwelche Texte, die man als "germanische Selbstbeschreibung" betrachten kann? Eigentlich ist es doch ungewöhnlich, dass so viele Germanen in Rom aufgewachsen sind und sozialisiert wurden und keiner davon Schreiben gelernt und Schriftquellen hinterlassen haben soll. Zumindes in den Grenzregionen des römischen Reiches (z.B. Main-Linie) sollte man doch eigentlich solche Schriftquellen erwarten können.

    MfG
     
  12. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Zur Bibliothek Karls des Großen:
    Allein schon der Gedanke, dass Ludwig der Fromme die literarische Sammlung seines Vater in Brand gesteckt haben soll, ist grotesk.
    Das ganze ist eine konstruierte Rückschau, geprägt von antikirchlichen und germanophilen Gedanken. Also genau unser Thema! ;)
    Tatsächlich gibt es nur die Information, dass Ludwig der Fromme derartige Lieder nicht besonders. Und natürlich die Tatsache, dass eine derartige Liedersammlung aus karolingischer Zeit, wie übrigens wohl die meiste je Literatur, nicht bis heute erhalten hat.
    Interessant ist noch folgendes: Einhard schreibt in seiner Vita Caroli Magni (Kap. 29): Item barbara et antiquissima carmina...
    Dort steht ersteinmal nichts von heidnischen (pagana), sondern von barbarischen und alten Liedern. Barbar ist bei Einhard wie auch in älteren fränkischen Schriften das Gegenteil von Romane und fasst Franken, Thüringer, Sachsen... egal ob nun Christen oder Heiden. Ich würde es fast mit deutsch übersetzen.

    Zur Schriftkultur der Germanen:
    Bis jetzt ist keine schriftliche Literatur der Germanen bekannt, die unabhängig von Christentum und Klosterkultur besteht. Alle überlieferten althochdeutschen Schriften, selbst die Merseburger Zaubersprüche, gehen auf fleißige Pfaffen zurück.
    Das nahe liegenste ist, dass die Germanen vorher keine Bücher schrieben oder auch nur lasen, sondern allein mündlich überlieferten. So sieht es ja auch Tacitus.

    Zu Ostern und Weihnachten:
    Auch dies sind neuzeitliche Mythen. Die germanische Religion war gar nicht wichtig genug, um den christlichen Kalender zu beeinflussen. Wahrscheinlicher ist das sich die Datierung des christliches Weihnachtsfestes sich an der römischen Staatsreligion orientierte. Der kaiserzeitliche Sonnengott Sol Invictus, eine Synthese aus persischen und römischen Vorstellungen, hatte nämlich am 25. Dezember Geburtstag. Als die Franken missioniert wurden, war der 25.12. schon lange amtlich.
    Für die Nordgermanen gibt es hingegen ein gegenläufiges Beispiel. So soll der norwegische König Haakon der Gute seinen Jultrunk auf den Weihnachtstag verlegt haben. Daraus folgt: Das volkstümliche Fest wurden dem christlichen Kalender angepasst nicht, umgekehrt.
    Was Ostern betrifft, ergibt sich die Datierung aus Bibel und dem jüdischen Kalender. Wahr ist allerdings, dass Ostern genau wie Weihnachten ein "germanisches" Wort ist genau wie Gott, Heiland....

    Der Sinn dahinter:
    All diese verbreiteten Irrtümer bilden zusammen die germanophile bis völkisch Idee, es hätten eine Art germanische Hochkultur oder wenigstens eine Hochreligion gegeben. So entstand ein Germanenbild basierend auf Halbwahrheiten und fingierten Quellen. Der neuste Streich ist eben die Behauptung, die Himmelsscheibe von Nebra sei germanisch.
    Der Spiegel ist also das Ostara-Heftchen der Gegenwart.:rofl::autsch:
     
    Zuletzt bearbeitet: 4. Dezember 2008
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  13. Maelonn

    Maelonn Gesperrt

    Wenn Du das sagst, wird es schon stimmen. Ich habe trotzdem in der Schule gelernt, dass Ludwig der Fromme den Beinamen "der Fromme" auch deshalb gehabt hat, weil er heidnische Überlieferungen beseitigt hat.

    Also so eine Art fränkischer Selbsthass?

    Das sehe ich jetzt allerdings ganz anders. Gab es überhaupt einen autonomen "christlichen Kalender"? Und selbst wenn: Die Missionierung war eine Aktion, die mit großer Selbstaufopferung und viel Gewalt betrieben worden ist. Dass die christlichen Missionare die germanische Religion "nicht wichtig" genommen hätten, ist historisch wohl kaum belegbar. Und dass heidnische Feste "christlich belegt" worden sind, habe ich bislang immer als allgemein anerkannte Tatsache gesehen. Aber man kann ja irrren.

    Ein Glück, dass ich nicht annehmen muss, Du würdest mir "germanophile bis völkische" Ideen unterstellen. Sonst müsste ich nämlich richtig sauer reagieren.

    Habe ich bei Dir irgendwelche religiösen Gefühle verletzt? Wenn ja: Tut mit leid. Das war nicht meine Absicht.

    MfG
     
  14. Sascha

    Sascha Neues Mitglied

    http://www.widukind-museum-enger.de/

    Zum Thema. Das oben gelinkte Museum hat eine komplette Etage zum Thema.
    Es ist recht klein und zu dem Namen Widukind ist eigentlich wenig stichhaltiges bekannt.
    Aber dafür umso mehr über seine Rezeptionsgeschichte, dies wird vor allem dort gezeigt.
    Es lohnt sich also!!!

    Bitte hier keine Diskussion über Böse Heiden und gute Christen oder auch g.H, b. C.
    Das langweilt, es dürft e wohl bekannt sein, das sich beide beeinflussten und beide Religionen nicht mehr in ihrer Ursprünglichkeit existieren…


    Vielleicht zu pagana, erst die Zweitbedeutung ist Heide, ansonsten Landmann, Bauer, also eher der Kulturell rückständige im Vergleich zum Städter oder hier Romanen, so ganz grob jedenfalls.
     
  15. Märchenwesen

    Märchenwesen Neues Mitglied

    Eine Sache noch:

    Die Festlichkeiten sind ohne Zweifel aus dem paganen Brauchtum übernommen.
    Weihnachten zB ist nicht das Datum der Wintersonnenwende; sondern des Thronbestiegs Kaiser Konstantins, der das Christentum zur Staatsreligion gemacht hat.
    Das Datum von Ostern ist nicht das des germanischen Ostarafest (welches ebenfalls ein umstrittener Mythos ist, aber dazu an anderer Stelle mehr), sondern die tatsächliche Kreuzigung an Karfreitag, da es sich dabei (ich denke) um den Freitag nach dem jüdischen Passahfest handelt, also das einzige genau bestimmte Datum in der Bibel.
     
  16. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Und was haben der jüdische Kalender und die Thronbesteigung Konstantins nun mit paganem Brauchtum zu schaffen?

    *Falsche Präposition ;)
     
  17. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Germanenbild in karolingischer Zeit
    Barbaren als lateinische Selbstbezeichnung der "deutschen Stämme"
    Nein, das Wort "Barbar" hatte für die damaligen Franken bzw ihre lateinische Schriftkultur scheinbar jegliche negative Bedeutung verloren. Schon in der Lex Salica der Merowinger ist von "Franken und anderen Barbaren" die Rede, also Barbaren zusammenfassend für Franken, Thüringer, Alamannen...
    Interessant ist auch, dass Einhard die Awaren einfach Hunnen nennt. Bei ihnen wäre ja der Barbarennahme im der heute und in der antike bekannten Bedeutung sicher zutreffender.
    Richtig kurios wird es aber erst wenn Hrabanus Maurus die einfallenden Wikinger Markomannen nennt. Das Frankenreich sah ich lieber in der Nachfolge der Römer und rühmt sich seiner trojanischer Vorfahren. Die Nachfolge der aus der Antike bekannten Markomannen wurde daher lieber den Wikingern als den tatsächlichen Nachfahren zugewiesen.
     
  18. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Hier vielleicht noch ein paar Kuriositäten über das sich wandelnde Arminius- bzw Hermannsbild in der Neuzeit. Tatsächlich macht er nämlich eine gewaltige Entwicklung durch.
    Nach der Wiederentdeckung von Tacitus Annalen und Germania erreichte diese Werke bald die aufstrebenden protestantischen Kreise. Ulrich von Hutten war auch der erste der die Schlacht im Teuteburger Wald für den Beginn der deutschen Geschichte. Bald schon erhielt er den deutschen Namen Hermann. Luther über Arminius: "Wenn ich poet wer, so wolt ich den celebrieren. Ich hab in von hertzen lieb."
    Bald schon wird die Hermanns-Schlacht auf die Tagespolitik bezogen. Kurios wirkt heute dieser Holzschnitt von Ambrosius Holbein aus dem Jahr 1517.
    [​IMG]
    Bildnachweis
    Römer wie Germanen tragen Waffen und Kleidung der frühen Neuzeit. Interessant sind vor allem die Fahnen der Römer: Einmal SPQR, darunter der Doppeladler der Habsburger Kaiser.
    Arminius eint hier also keineswegs die deutsche Nation sondern bekämpf die Macht des Kaisers und des Heiligen Römischen Reiches.
    Erst im 19. Jahrhundert wird Hermanns Kampf gegen Rom auf den Konflikt der Deutschen und Franzosen übertragen. Vor Napoleon erhob der Hermann sein Schwert noch nicht gen Frankreich sondern gegen Papst und Kaiser. Die protestantische, antipäpstliche Hermannsrezeption bleibt aber trotzdem erhalten. Hier etwa stehen Luther und Hermann anlässlich der Eröffnung des Hermanns-Denkmals von Detmold gemeinsam "gegen Rom".
    Nach 1871 wird die Schlacht im Teuteburger Wald mit der Reichsgründung in Verbindung gesetzt. Kaiser Wilhelm I. und Hermann verschmelzen miteinander. Hermann trägt nun die kaiserliche Bartmode und Kaiser Wilhelm trägt auf Holzschnitten gelegentlich einen Flügelhelm.
    So wurde Hermann Verhältnis zu Kaiser und Reich in 400 Jahren auf den Kopf gestellt!:D
     
    Zuletzt bearbeitet: 7. Dezember 2008
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  19. Skald

    Skald Neues Mitglied

    Werter Maglor,

    Das hab ich ja jetzt erst entdeckt. Also ist der Germane doch nur ein barbarischer Analphabet, dem nichts besseres als die Romanisierung passieren konnte?;) Das ist dann ja fast schon wieder germanophob...um mal das andere Extrem zu bedienen.

    Du siehst, auf was ich hinaus will. Im Grunde ist das doch alles aus unserer Perspektive aus betrachtet und zeitgeistlich eingefärbt. Egal wie man es dreht und wendet.

    Das geschieht ja allein schon aus dem pschologischen Reflex heraus, denn der völkische Wahn bedingt hat, alles "germanische" mit Samthandschuhen anzufassen und solange zurechtzurelativieren, bis selbst das bis dato typisch "germanische" irgendwann "mediterran-beeinflusst", "romanisch-geprägt" oder "orientalisch-inspiriert" ist. Hauptsache, der Deutsche identifiziert sich nicht nochmals mit den "edlen Wilden", hehe. Jedenfalls fällt mir diese Haarspalterei nirgends so arg auf, wie bei germanischen Themen. Klar...die Römer haben überall geklaut, ihre ganze Formensprache und Ästhetik ist 1 zu 1 von den Sirtaki-tanzenden Griechen kopiert. Aber diese Tatsache wird nie so überstrapaziert wie die ständige Negierung germanischer "Kulturleistungen". Oder kommt mir das nur so vor?

    Gedanken zum Abend,

    Skald der germanophile (nicht völkische) Skalde
     
  20. fingalo

    fingalo Aktives Mitglied

    Die Verwendung der Germanen zur Volks-Identifikation ist weder ein deutsches, noch ein Nazi-Phänomen. In Skandinavien, vor allem in Schweden, wurden zunächst die Wikinger als die stolzen, unkultivierten aber rechtschaffenen Vorfahren entdeckt. Das war bereits am Ende des 17. Jh. Bei den Dänen dieser Zeit ist das gleiche zu beobachten. Da man keine eigenen schriftlichen Quellen hatte, vereinnahmte man die von Isländern teils in Island, teils in Norwegen verfasste Saga-Literatur. Die Deutschen zogen bald gleich. Herder, Klopstock und die Grimm-Brüder hielten diese Literatur für "gemeingermanisch". Bald wurde ganz Skandinavien als kulturell eigentlich "deutsch" vereinnahmt, was heftige Reaktionen bei den schwedischen Wissenschaftlern hervorrief. Auch England beteiligte sich, insbesondere Walter Scott und Thomas Percy. Wilhelm der Letzte war ebenfalls bereits vom allgemeinen positiven Germanenbild infiziert. Die Nazis (weniger Adolf als vielmehr Himmler mit seiner Thule-Gesellschaft) bauten also auf bereits intensiv vorbereiteten Boden.

    Der romantische Gedanke des "Volksgeistes" führte einerseits zur Vorstellung "ein Volk in seinen Grenzen", also der Nation, bereitete aber auch den Boden für die ethnischen Säuberungen als Konsequenz dieser Vorstellungen.
     

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