Das pharaonische Königtum und seine theologischen Hintergründe

Dieses Thema im Forum "Das Alte Ägypten" wurde erstellt von Chan, 17. September 2014.

  1. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    Ich eröffne hiermit einen Diskussionsthread über das pharaonische Königtum und seine theologischen Hintergründe. Der folgende, als Diskussionsbasis gedachte Text befasst sich hauptsächlich mit der Identitäts-Beziehung zwischen dem Pharao und dem Falkengott Horus. Ein parallel bestehende Beziehung (festgeschrieben in der Königstitulatur) ist die Sohnschaft des Pharao zum Sonnengott Re. Aus Gründen des Umfangs poste ich zunächst nur den Horus-Teil und füge den Re-Teil in ein oder zwei Tagen als Ergänzung in den Thread ein.

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    Der Pharao fungiert als Vermittler zwischen dem Götter- und dem Menschenreich, welches in Herrschaftsbereich und Fremdländerbereich zerfällt.

    Der Herrschaftsbereich steht unter dem Gesetz der "ma´at", der kosmischen Gerechtigkeit und Ordnung, die aufrechtzuerhalten zu den wesentlichen Aufgaben des Pharao gehört. In den Fremdländern manifestiert sich das Chaos, das vom Herrschaftsbereich fernzuhalten dem Pharao in seiner Funktion als Kriegsherr obliegt.

    Den Göttern gegenüber hat der Pharao die Pflicht des Errichtens gottgeweihter Bauwerke (Tempel) und der gewissenhaften Ausübung kultischer Praktiken. Die Bewältigung der drei Aufgabengebiete (Götter-, Herrschafts-, Fremdbereich) fundiert das Wohl und Fortbestehen der menschlichen Gemeinschaft innerhalb des Herrschaftsbereichs, da dieser andernfalls dem Chaos anheimfällt.

    Nur ein Gott kann mit Göttern kommunizieren. In seiner Funktion als Bauherr und oberster Kultherr agiert der Pharao also unter seinem göttlichen Aspekt. In der Frühzeit bis zur 4. Dynastie gilt er ausschließlich als irdische Inkarnation des Himmelsgottes Horus, dann aber, beginnend mit Pharao Djedefre, wird diese sakrale ´Identität´ (Pharao = Horus) durch eine sakrale ´Relation´ ergänzt in Form einer Gottessohnschaft: Der Pharao, der den Kult von Heliopolis um den Sonnengott Re zur Staatsreligion befördert, nennt sich nun auch ´Sohn des Re´.

    Beide Vorstellungen, die bis zum Ende des ägyptischen Königstum parallel fortbestehen und in der 5teiligen Königstitulatur festgelegt sind, scheinen sich zu widersprechen, da Horus in der Mythologie niemals als Sohn des Re erscheint, sondern immer als Sohn des Osiris. Dahinter stecken natürlich politpragmatische Gründe, nämlich die Notwendigkeit, den zu Beginn von Ägyptens geschichtlicher Zeit unangefochten dominierenden Königsgott Horus mit dem Lokalgott von Heliopolis zusammenzubringen, das sich zum geistigen Zentrum des vereinigten Reiches entwickelt hatte. Das dafür im Alten Orient gängige Verfahren ist die genealogische Integration des auswärtigen Gottes in den lokalen Götterkreis, im Falle von Horus also dessen Festschreibung als Sohn des Heliopolis-Hauptgottes Re - obwohl Horus zu diesem Zeitpunkt bereits Sohn des Osiris ist. Da die Ägypter noch nicht das strenge logische Denken der späteren Griechen kennen, haben sie kein Problem damit, dem König parallel bestehende, aber einander widersprechende Eigenschaften zuzuschreiben.

    1) Der Pharao als Horus:

    Als erster ägyptischer Gott erlangt der Falkengott Hor (= der Hohe, Ferne) eine überregionale Bedeutung. Welche Rolle er und sein Widersacher Seth im Kontext der vorgeschichtlichen Reichseinigungskämpfe spielen, ist in der Ägyptologie strittig; die wichtigsten Erklärungsansätze stammen von Kurt Sethe und Hermann Kees. Sethe hält Horus für den Hauptgott eines Delta-Reichs, das den mit dem Hauptgott Seth verbundenen Süden im Zuge der Reichseinigung unterworfen habe. Horus´ Verbindung mit dem unterägyptischen Gott Osiris sei, der Reichseinigung vorausgehend, dem Zusammenschluss zweier rivalisierender Delta-Reiche (mit den Zentren Behdet und Busiris) zu verdanken. Kees wiederum vermutet, dass beide, Horus und Seth, ursprünglich die Hauptgötter zweier rivalisierender Delta-Staaten waren, deren Streit mit der Einigung auf das Primat des Horus beigelegt wurde.

    Wie dem auch sei: Horus´ Sohnschaft zum Hauptgott von Busiris, dem Stier- und Fruchtbarkeitsgott Osiris (Namensbedeutung ungeklärt), ist eine nachträgliche Konstruktion der Priesterschaft von Busiris. Im Bemühen, an der Macht des Horus teilzuhaben, gliedern ihn die Priester in ihren von Osiris und Isis dominierten Lokalkult ein. Ähnlich wie später in Heliopolis muss Horus in verwandtschaftliche Beziehung zu mindestens einem Lokalgott treten. Die Priester lösen das Problem, indem sie Horus als Sohn von Osiris und Isis interpretieren, der nach dem gewaltsamen Tod Osiris´, mythologisch der erste die geschichtliche Welt regierende Gott, dessen herrschaftliche Nachfolge antritt. Horus gewinnt dadurch neue Aspekte (Kind der Isis, Rächer seines ermordeten Vaters), die seine Beliebtheit im Volk und damit seine ideologische Verwertbarkeit durch das Königtum noch erheblich steigern.

    Der genealogische Kontext kommt später in der ´Schöpfungslehre von Heliopolis´, dem ältesten ägyptischen Weltentstehungsmythos (entstanden ab 5. Dynastie), am klarsten zum Ausdruck. Der dem Urwasser entsteigende Ur- und Sonnengott Atum bringt den Luftgott Schu und die Feuergöttin Tefnut hervor (Luft und Feuer als Emanationen der Sonne = Atum). Das Aufsteigen des Sonnengottes aus dem Urwasser ist als Analogie des mythologisch als Weltentstehung gedeuteten Sonnenaufgangs zu sehen. Im Mythos heißt es über Atum:

    Du hast deine Arme um sie (= Schu und Tefnut) gelegt als die Arme des Ka
    damit dein Ka in ihnen sei.


    Dieses Bild verdeutlicht das ägyptische Denken über das Verhältnis eines Vaters zu (vor allem) seinem Sohn. Der "Ka" (hieroglyphisch zwei vorgestreckte Arme) ist - neben dem Ba - ein elementarer Bestandteil der Seele und geht, quasi als Klon, beim Zeugungsakt vom Vater auf den Sohn über. Von besonderer Bedeutung ist diese Vorstellung für die Königsideologie, weil so die dynastische Kontinuität des Königtums auch wesensmäßig, durch das Weiterreichen eines identischen ´Ka´ durch die Generationenreihe hindurch, gesichert ist.

    Die dritte Göttergeneration, also die Kinder von Luftgott Schu und Feuergöttin Tefnut, sind der Erdgott Geb und die Himmelsgöttin Nut. Man sieht, wie die Herrschaftskompetenz sich stufenweise vom Sonnengott über den Luftgott zum Erdgott (Geb) hinab ausdifferenziert. Geb ist der erste Gott, der über die Erde herrscht.

    Der Nachfolger des Geb auf dem Thron ist sein Sohn Osiris, der zusammen mit seinem Bruder Seth und seinen Schwestern Isis und Nephtys die nächste Generation bildet. Im Mutterleib von Nut entstehen aber nicht nur vier Geschwister (jeweils Zwillingspaare: Osiris/Isis und Seth/Nephtys), sondern auch Horus. Dieser wird nämlich, was nur Götter können, von Osiris und Isis bereits im Leib von deren Mutter, Nut, gezeugt. Nut gebiert also fünf Kinder, Osiris, Isis, Seth, Nephtys sowie ihr von Isis geborenes Enkelkind Horus.

    Im wichtigsten Osiris-Mythos, dem Kampf zwischen Osiris und Seth, sind die Zeugungsmodalitäten des Horus nicht minder bizarr. Der Mythos ist allgemein bekannt, ich nenne nur das Wesentliche. Seth ermordet seinen Bruder Horus, um dessen Thron zu erlangen, und verteilt den zerstückelten Leib über ganz Ägypten; der liebenden Schwestergattin Isis gelingt es, die Leichenteile zu sammeln und temporär wiederzubeleben, um mit Osiris den Horus zu erzeugen. Osiris stirbt dann wieder und wird Herrscher über die Unterwelt. Horus verklagt Seth vor dem Gericht der Neunheit, erwirkt Seths Bestrafung und erhält den Königsthron zugesprochen. Den Vorsitz des Gerichts führt der Urgott Atum, der durch das Urteil seine urgöttliche Herrschaftskompetenz auf den Horus überträgt und ihn somit als Königsgott legitimiert.

    Dieser Mythos hat grundlegende politische Implikationen für das Amt und die Herrschaftsfunktion des Königs, denn er legitimiert diesen zum einen als Avatar des Horus, zum andern aber auch, via Kompetenztransfer von Atum auf Horus, als indirektes Organ des Urgottes Atum. Konkret legitimiert er nicht nur das dynastische Prinzip als Erbfolge von Herrscher und Herrschersohn, sondern auch die traditionelle Gewaltherrschaft des Königtums, die faktisch zwar der ökonomischen Unterdrückung des Volkes durch eine Elite dient, mythologisch aber als notwendige Maßnahme gegen die Gefahr des Chaos (verkörpert durch Seth) verklärt wird. Ohne König - das ist die Botschaft - würde alles in Chaos versinken. Diese priesterliche Ideologie soll - bewusst oder unbewusst - die Möglichkeit einer alternativen, konsensorientierten Gesellschaftsform mit flacher Hierarchie verschleiern, wie es sie in vorgeschichtlichen Zeiten (bis etwa 5000 vuZ) auch in Ägypten sicher gab.
     
    Zuletzt bearbeitet: 17. September 2014

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